Freitag, 24. Juli 2015

Rockerboss Hanebuth soll aus der Haft entlassen werden

Fast genau zwei Jahre nach seiner Verhaftung auf Mallorca soll Rockerboss Frank Hanebuth gegen eine Kaution von 60.000 Euro auf freien Fuß kommen und könne das Gefängnis in der Nähe von Cádiz auf dem spanischen Festland verlassen. Darüber informieren die Rechtsanwälte Götz von Fromberg und Gonzalo Boye Tuset in einer Pressemitteilung.




Auch der mitinhaftierte Hauptverdächtige Khalil Youssafi werde zu den gleichen Konditionen von der Untersuchungshaft verschont. Beide müssen jedoch in Spanien bleiben und sich bis zum Prozessbeginn den Behörden zur Verfügung halten.



Das habe das Oberste Spanische Gericht auf die Beschwerde der Verteidigung hin entschieden, so die Anwälte. Die Mitteilung kommt überraschend, weil die Justiz erst im Juni die Untersuchungshaft für Hanebuth und Youssafi verlängert hatte.


Gegenüber MM erklärte Rechtsanwalt von Fromberg am Freitag, dass bis zur Freilassung Hanebuths noch ein paar Tage vergehen würden. Zunächst müsse die Kaution gezahlt werden und auf dem Konto der Justizkasse eingegangen sein.
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Donnerstag, 23. Juli 2015

Freispruch nach Duisburger Mafiamorden

Schütze der Duisburger Mafia-Morde in Italien freigesprochen

In der Nacht zum 15. August 2007 wurden an der Pizzeria Da Bruno in Duisburg-Neudorf sechs Menschen mit Kopfschüssen getötet.

Rom/Duisburg. Acht Jahre nach den Mafia-Morden in Duisburg spricht ein italienisches Berufungsgericht Sebastiano Nirta in zweiter Instanz vom Mordvorwurf frei.

Acht Jahre nach den Mafiamorden von Duisburg hat ein italienisches Berufungsgericht einen der Verdächtigten in zweiter Instanz vom Mordvorwurf freigesprochen. Jedoch bestätigte das Berufungsgericht in Reggio Calabria für Sebastiano Nirta die Verurteilung zu zwölf Jahren Haft wegen Zugehörigkeit zur Mafia, wie das Gericht am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Nirta war in erster Instanz vor zwei Jahren im kalabrischen Locri noch wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden .

Sein Mitangeklagter Giuseppe Nirta war schon damals von Duisburger Morden freigesprochen worden. Aber auch er wurde wegen der Zugehörigkeit zur Mafia zu zwölf Jahren Haft verurteilt, und auch dieses Urteil bestätigte jetzt das Berufungsgericht. Eine Urteilsbegründung liegt in Italien meist erst Monate später vor.

Im August 2007 waren in Duisburg sechs Italiener vor einem Restaurant auf offener Straße erschossen worden. Auslöser soll eine Fehde zwischen zwei Mafia-Clans der 'Ndrangheta gewesen sein. Der Haupttäter Giovanni Strangio, der auch der kalabrischen 'Ndrangheta angehörte, wurde 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt. Er galt als Drahtzieher der Morde, die zu den schlimmsten Mafia-Taten in Deutschland zählen. 

Der Tatort: Das Duisburger Restaurant "Da Bruno"

Schlag gegen Mafia: Milliardengeschäft mit Online-Wetten

Der Polizei in Italien ist ein Schlag gegen die Mafia und das illegale Online-Wettgeschäft gelungen.



Güter im Wert von etwa zwei Milliarden Euro seien sichergestellt worden, teilten die Behörden in Reggio Calabria am Mittwoch nach Angaben italienischer Nachrichtenagenturen mit.


Mehr als 40 Menschen, die mit der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta unter der Decke stecken sollen, sollten festgenommen werden. Dutzende Gesellschaften im In- und Ausland sowie etwa 1500 Wettbüros und mehr als 80 Online-Wettseiten wurden gesperrt.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Nach Mafia-Skandalen bröckelt Gemeinderat von Rom


Vize-Bürgermeister Luigi Nieri reichte am Dienstagabend seinen Rücktritt ein, weitere drei Mitglieder der Stadtregierung haben in der vergangenen Woche das Handtuch geworfen. Roms Bürgermeister Ignazio Marino kämpft weiter verbissen um seinen Sessel.



Obwohl der Druck auf ihn für einen Rücktritt wächst, will Marino im Amt bleiben. Nach dem Rücktritt seiner „rechten Hand“ Nieri muss er jedoch den Gemeindeausschuss erneuern, der die Ewige Stadt regiert.


Zwar laufen keine Korruptionsermittlungen gegen Nieri, er wird jedoch verdächtigt, Beziehungen zum skandalumwitterten Unternehmer Salvatore Buzzi unterhalten zu haben, der als Drahtzieher in der Affäre „Mafia Capitale“ gilt. Er trete zurück, um das Ansehen des Bürgermeisters nicht zu belasten, begründete Nieri seinen Schritt.

Im römischen Inferno

Erst war da der Briefumschlag mit zwei Patronen, adressiert an den Bürgermeister. Eine Woche später fand Ignazio Marino eine tote Taube vor seiner Wohnung in der Nähe des Pantheons. Das Tier war von einer Kugel durchlöchert, die Patronenhülse lag daneben. Der Bürgermeister von Rom war gewarnt.



Die Morddrohungen könnten jedoch auch bedeuten, dass Marino zuletzt einiges richtig gemacht hat in Rom, dieser von Verbrechen und Illegalität geprägten Stadt.

Die Einschüchterungsversuche gegen Ignazio Marino liegen erst wenige Tage zurück. Die Debatte darum, ob der 60-Jährige aus Genua der richtige Mann für die Lösung der enormen Probleme der italienischen Hauptstadt ist, geht weiter. Bis vor kurzem, als sei nichts geschehen, fuhr Marino auf seinem weißen Elektrofahrrad durch die Stadt. Nach der ersten Morddrohung Ende Juni musste der Bürgermeister aus den Reihen des linksbürgerlichen Partito Democratico (PD) dann auf eine gepanzerte und von zwei Carabinieri bewachte Limousine umsteigen. Seither ist es mit der Unbeschwertheit vorbei.

"Ich hätte nicht gedacht, dass die Aufgabe des Bürgermeisters so schwierig und anstrengend ist. Hätte ich das alles vor zwei Jahren schon gewusst, wäre ich jetzt vielleicht nicht hier", sagte Marino anlässlich einer Solidaritätskundgebung seiner Anhänger auf dem Kapitol. Hier hat Roms Bürgermeister seinen Amtssitz und blickt von seinem Arbeitszimmer auf die Wiege der westlichen Zivilisation: Das Forum Romanum, den Titus-Bogen und das Kolosseum.

Die römische Gegenwart hingegen zeugt vom Verfall. Marino kann die Missstände schon sehen, wenn er den fein herausgeputzten Senatorenpalast verlässt und den Kapitolshügel auf der anderen Seite in Richtung Piazza Venezia herunter geht. Zu erleben ist ein Verkehrschaos ohnegleichen, verschreckte Touristen, die bei der Überquerung der Zebrastreifen um ihr Leben fürchten. Ein paar Straßen weiter trifft man auf von Müll, Urin und Kot verschmutzte Bürgersteige. Mit bloßem Auge nicht sichtbar sind die in weiten Teilen korrupte Stadtverwaltung sowie die Unterwanderung der Institutionen durch die römische Mafia.

Nachdem Marino 2013 den ehemaligen Neofaschisten Gianni Alemanno als Bürgermeister abgelöst hatte, versprach er einen "kulturellen Wandel". Stattdessen wurde vieles in Rom nur noch schlimmer. Im Dezember 2014 hoben Staatsanwälte ein kriminelles Netzwerk aus, in dem sich parteiübergreifend linke wie rechte Kräfte auf Kosten der Stadtkasse bereicherten und öffentliche Aufträge abschöpften. Über 80 Verdächtige der "Mafia Capitale" wurden verhaftet und warten auf ihren Prozess.

Nun muss sich der Bürgermeister anhören, er sei zu wenig durchsetzungsfähig in einem bürokratischen und rechtsstaatlichen Inferno wie der Stadt Rom, in der Bürgersinn ein Fremdwort ist. Marino ist ein international anerkannter Chirurg, Spezialist für Lebertransplantationen, der in Großbritannien und den USA reüssiert hat und sich erst in der zweiten Hälfte seines Lebens der Politik zuwendete. Aber kann er auch eine komatöse Großstadt wie Rom mit allen ihren Problemen wiederbeleben?

Die prägendste Maßnahme seiner Amtszeit ist die Verkehrsberuhigung der stark befahrenen Via dei Fori Imperiali zwischen den Kaiserforen und dem Kolosseum. Viele Römer sehen darin nur eine zusätzliche Schikane in ihren täglichen Qualen im römischen Verkehr.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Rundreise auf den Spuren der Mafia durch Sizilien

Eine Tour durch Sizilien führt zwangsläufig an Orte, die fest in der Hand der Mafia sind. Neben Spuren der „ehrenwerten Gesellschaft“ gibt es aber durchaus auch sehenswerte Stätten des Widerstands.

Schon nach zwei Nächten war sein Kopf weg. Verschwunden. Zerstört. Nichts sollte von Bürgermeister Bernardino Verro bleiben. Die Mafia von Corleone wollte mit dem Marmorbild auch das Gedächtnis der Bürger an einen der ersten und mutigsten Kämpfer gegen sie, die Cosa Nostra, auslöschen.




Erst 1985, ganze 70 Jahre nachdem Verro an seiner Haustür erschossen worden war, wagten es die Bürger von Corleone, diesem berühmtesten Mafia-Dorf Siziliens, Verros sichtbar zu gedenken. Eine Tafel erinnert seither an den Mann – und eine neue Büste im Stadtpark. Verro ist damit fast ein privilegierter Toter, für Hunderte andere gibt es keinen Stein. Viele haben nicht mal ein Grab. Sie verschwanden, wurden zerstückelt, in Säure aufgelöst.


Nach Corleone, 50 Kilometer südlich von Palermo, führen verschlungene Straßen. Der Ort ist zwar nur einer der Schauplätze dieses großen sizilianischen Dramas, aber Corleone ist der Inbegriff der Mafia. Hier war sie schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktiv, von hier kamen die brutalsten Bosse.





Totò Riina und Bernardo Provenzano beispielsweise hatten Hunderte Morde zu verantworten. Der berühmteste Mafioso trägt sogar den Namen der Stadt: Don Vito Corleone, der von Marlon Brando gespielte Mafiaboss in "Der Pate". Sein Bild ist in Siziliens Souvenirshops auf Flaschen und T-Shirts allgegenwärtig. Mafia ist eben auch Kitsch.





Eine gute Vorbereitung ist wichtig


Sizilien auf den Spuren der Mafia zu bereisen erfordert Zeit, fünf bis sieben Tage sollte man sich nehmen. Sonst überlagert der Mythos von der "ehrenwerten Gesellschaft" die brutale Wirklichkeit der Verbrecherorganisation allzu leicht.


Und gute Vorbereitung ist wichtig. Den "Paten" sollte man mindestens gesehen haben, schon weil es erklärtermaßen der Lieblingsfilm vieler Mafiosi ist. Fortgeschrittene arbeiten sich durch die 576 Seiten von John Dickies "Cosa Nostra – Die Geschichte der Mafia". Dann weiß man, dass die Methoden der Organisation alles andere als ehrenwert sind.


Ob es eine Mafia gibt oder viele, darüber besteht kein Konsens. Ziemlich sicher ist, dass in der Regel nur ein Boss existiert, der Konkurrenten und deren Familien brutal verfolgt. Wer die Omertà – die Schweigepflicht gegenüber Staat und Gesellschaft – bricht, muss sterben. Verdiente die Mafia früher ihr Geld in der Landwirtschaft, indem sie von den Bauern Schutzgelder erpresste, organisierte sie im 20. Jahrhundert vor allem Immobilienspekulation und Drogenhandel.



Schutzgeld für die Dreharbeiten verlangt

Welchen Charakter die Mafia-Rundreise hat, hängt davon ab, ob Catania oder Palermo als Ausgangspunkt gewählt wird. Palermo steht für die Mafia-Realität, Catania und Umgebung für die filmische Verarbeitung. Ein Start in dieser Ecke ist in jedem Fall beruhigender. Wobei es zunächst nach Savoca im Osten der Insel geht.


Anfang der 70er-Jahre hatte die Crew von Regisseur Francis Ford Coppola einen Drehort für den "Paten" gesucht. Es sollte Corleone sein. Doch das Original war längst kein Dorf mehr, auch soll die Mafia für die Dreharbeiten Schutzgeld verlangt haben – "pizzo", das noch heute angeblich 80 Prozent der Geschäfte in Palermo entrichten.


So landete Coppolas Team in Savoca. Ein Baron hatte dazu geraten, weil das Dorf ziemlich genau den Beschreibungen des alten Corleone in der Romanvorlage entsprach. Und so wird heute das Bild eines typischen Mafia-Ortes von Savoca geprägt, obwohl die echte Mafia hier, wie im ganzen Osten Siziliens, keine große Rolle spielt.


Coppola war das egal. Er war angetan von Savoca, vielleicht auch, weil in der Nähe das mondäne Taormina liegt, das mit der Ruine des griechischen Theaters, über dem sich am Horizont der Ätna erhebt, die klassische Sizilien-Kulisse bildet.




Wohnen im Haus des Mafia-Jägers Montalbano


Aber auch Savoca, das sich über mehrere Hügel erstreckt, bietet typische Ansichten. Der Blick schweift von der Kirche San Nicolò hinab aufs Meer; im Film heiratet Al Pacino alias Michael Corleone in dem Gotteshaus. Am Ortseingang empfängt die "Bar Vitelli", umbenannt von der Filmcrew. Aus touristischen Gründen ist der Name geblieben.


Zum Filmset wurde auch der Süden Siziliens. Drei Stunden Autofahrt entlang der Küste sind es von Savoca in die Provinz Ragusa. Dort lebt in einem türkisfarbenen Haus am Meer im fiktiven Ort Vigata der fiktive Kriminalbeamte und Mafia-Jäger Salvo Montalbano, erfunden vom Autor Andrea Camilleri. Punta Secca heißt das Dorf in der Realität, das auf seinen Ortsschildern souverän mit Montalbanos Domizil wirbt.





Die Romane und die TV-Serie um Commissario Montalbano haben der Gegend einen Boom beschert. Vor allem das Wohnhaus des Polizisten ist ein beliebtes Pilgerziel. Dass das Haus eigentlich ein Hostel ist und kein Privatdomizil, ist eingefleischten Montalbano-Fans ganz recht, sie mieten sich hier gern ein und sind ihrem Helden damit noch näher.



Die "Plünderung Palermos"


Die "echte" Mafia findet man hingegen im Norden, in Palermo. Anders als der Inselsüden blieb Siziliens Hauptstadt bisher von schlimmen Erdbeben verschont, hier stehen noch immer die mosaikgeschmückten Kirchen der Normannen, die Sizilien im elften Jahrhundert beherrschten.


Während die Stadtführer lange vor allem dieses historische Palermo im Programm hatten, gibt es mittlerweile Spezialisten für die Mafia-Geschichte der Stadt. Sie führen ihre Gäste nicht nur zur "Antica Focacceria S. Francesco", weil es hier die besten Fladenbrote der Stadt gibt, sondern weil der Wirt sich als einer der Ersten in Palermo weigerte, Schutzgeld zu zahlen.


Mittlerweile sind viele gefolgt, fast 1000 Namen stehen auf der Liste, die sich im Internet unter addiopizzo.org einsehen lässt. Risikolos ist der Protest indes nicht. Der Erste, der Anfang der 80er-Jahre "no" sagte, wurde von der Mafia umgebracht.


In Palermo konnten und können die Mafiosi untertauchen und das große Geld machen. Ein Resultat dieser Geschäftemacherei war der Niedergang der Altstadt. Korrupte Bürgermeister verschacherten im Zusammenspiel mit der Mafia Baugrund im Zentrum und am Rande der Altstadt.


Die massive Grundstücksspekulation trieb viele Bürger in die neuen Vororte, ihre verlassenen Häuser im Zentrum verfielen zusehends. Von der "Plünderung Palermos" sprechen die Einheimischen bis heute. Ein dunkles Kapitel, das erst 1992 endete.



Staatsanwälte brauchen gepanzerte Wagen


Um die Hintergründe zu verstehen, begibt man sich am besten in einen solchen Vorort, und zwar an die Via Notarbartolo 1. Dort steht ein über den Bürgersteig auskragender Gummibaum. Seine Rinde ist kaum zu sehen. Dafür schlingen sich vergilbte Italienflaggen um den Stamm, er ist dekoriert mit Anti-Mafia-Plakaten und Fotos.


Es ist der Falcone-Baum. Er ist zu einem Symbol des Widerstands geworden, seit der Richter Giovanni Falcone, der dahinter wohnte, hier 1992 mit Ehefrau und Leibwächtern von der Mafia in die Luft gesprengt wurde. Wenige Wochen später traf es seinen Mitstreiter Paolo Borsellino. Die Fotos Falcones zeigen einen Mann mit wucherndem Schnurrbart, der herzhaft zu lachen verstand.


Falcone war es gelungen, das Vertrauen des Mafia-Abtrünnigen Tommaso Buscetta zu gewinnen, der zum Kronzeugen wurde. Seine Aussage, die ab 1986 in einem eigens gebauten Bunker zum größten Mafia-Prozess der Geschichte führte, brachte damals Hunderte Mafiosi ins Gefängnis. Falcones Erfolge versetzten der Mafia den bisher härtesten Schlag, entmachteten sie aber nicht. Sizilianische Staatsanwälte brauchen auch weiterhin gepanzerte Wagen und Leibwächter.



Tommaso Buscetta



An Falcones Geburtshaus erinnert nur noch eine Tafel auf einer riesigen Altstadt-Brache, die Resultat eines nie vollendeten und mafiös anmutenden Plans für eine Durchgangsstraße ist. Dagegen steht das Haus der Apothekerfamilie Borsellino im Stadtteil Kalsa noch. Neben dem Eingang prangt ein Schild. Es besagt sinngemäß, dass man 1993 ausgehend von diesem Haus damit begann, die Altstadt zu retten. Der gewaltsame Tod der beiden Helden der Justiz begründete also die Wiedergeburt des alten Palermos.



Macht die Mafia nicht Angst?


Tatsächlich ist es auf Sizilien inzwischen einfacher geworden, mit der Mafia zu leben. Das offenbart sich gerade dort, wo sie herkommt: in Corleone. Die Stadt mit ihren rund 11.000 Einwohnern liegt in einer hinreißenden Landschaft: eine Mischung aus Toskana und Moseltal.


Besonders lohnt sich hier ein Besuch im Weinbaubetrieb Vini del Sud von Maurizio Miccichè. Wer den Chef selbst antrifft, kann sich von ihm erzählen lassen, dass er es nur einem Vertrauensbruch eines Mafioso verdankt, als Kind nicht von der Cosa Nostra entführt worden zu sein.


Bei der anschließenden Weinverkostung wird Miccichè auch seinen San Luca Chardonnay ausschenken. Auf den ist er besonders stolz. Zu Recht, der San Luca ist ein charaktervoller Wein, der gar nicht nach seichtem Chardonnay schmeckt. Wer dem Winzer das sagt, macht ihm ein großes Kompliment.



Maurizio Miccichè - rechts


Die Leute in Corleone sind, wie Miccichè, sehr entspannt. Amüsiert reagieren sie, wenn man sie nach der Angst fragt, die sie hier doch täglich spüren müssten. Doch nicht einmal die jungen Leute der Organisation "Das andere Corleone" können oder wollen Geschichten von Bedrohung erzählen, obwohl sie eine mafiakritische Website betreiben und Stadtführungen mit Mafia-Bezug anbieten.


Es gehört inzwischen wohl zur Strategie der Mafia, solchen Widerstand zuzulassen. Selbst in Corleone gibt es seit diesem Jahr zwei Bäume am Marktbrunnen, die nach Falcone und Borsellino benannt sind. Erinnerung an die Gegner – damit kann die Mafia heute offensichtlich leben.



Rache ist süß


Ein Haus in Corleone symbolisiert die neuen Zeiten auf besondere Weise. Dort, wo sich Corleone an das umgebende Hochplateau schmiegt, an der Via Aldisio Salvatore, thront ein wuchtiges Gebäude, rosafarben, mit verschnörkelten Balkonen, von denen man einen schönen Blick ins Tal hat.





In der Regel steht Polizei davor. Das hat jedoch nichts mit seinem Erbauer, Mafia-Boss Totò Riina, zu tun. Vor aller Augen ließ der den Protzbau in den Jahren vor seiner Festnahme 1993 für sich und seine Familie errichten. Eingezogen ist er dort freilich nie. Sein Palazzo gehört heute dem Staat. Und der hat dort die "Guardia di Finanza" untergebracht, die Mafia-Jäger der Finanzpolizei. Rache ist eben süß.



Dienstag, 14. Juli 2015

Was ist aus der US-Mafia geworden?

Die italienisch-amerikanische Mafia ist tief in unserer Kultur verankert. Hollywood-Filme, Bücher, Reality-Shows, Videospiele —, scheinbar kriegen wir einfach nicht genug vom „Mob". Von Lucky Luciano bis zum Paten, von John Gotti bis zu den Sopranos, Geschichte und Fiktion haben sich miteinander verwoben und den US-Amerikanern sowie Hobby-Kriminologen aus aller Welt ein vielschichtiges Hobby geschenkt.

GoodFellas — Drei Jahrzehnte in der Mafia, einer der größten amerikanischen Mafia-Filme, feiert diesen Herbst seinen 25. Geburtstag — und taucht immer wieder in echten Schlagzeilen auf.




Natürlich ist die Mafia nicht das, was sie mal war: Eine Machtstruktur, die Politiker auf Landesebene beeinflussen und Überfälle an großen Verkehrsknotenpunkten durchführen konnte. Doch das FBI sieht weiterhin La Cosa Nostra—die weitverzweigte Organisation, die ursprünglich von sizilianischen Einwanderern gesteuert wurde und von der man in den USA am häufigsten hört — als „die größte Bedrohung der amerikanischen Gesellschaft seitens des organisierten Verbrechens". Das FBI schätzt, dass diverse Gruppen der Italo-Mafia in den gesamten USA mehr als 3.000 Mitglieder haben, mit den größten Präsenzen in New York, im Süden von New Jersey und in Philadelphia.


Ein aktueller Fall aus New Jersey demonstriert das Durchhaltevermögen der Mafia. Der Generalstaatsanwalt John J. Hoffmann hat verkündet, seine Ermittlungen gegen die Lucchese-Familie habe „gezeigt, dass das traditionelle organisierte Verbrechen weiterhin eine zerstörerische Präsenz in den USA darstellt und durch verbrecherische Unternehmungen weiterhin riesige Gewinne verzeichnet."



Generalstaatsanwalt John J. Hoffmann


VICE hat einige ehemalige Mafiosi wie John Alite und Louis Ferrante, Ex-Fußsoldaten der Gambino-Familie sowie La-Cosa-Nostra-Experten Christian Cipollini und Scott Burnstein kontaktiert, um sie zu fragen, wie es nach all diesen Jahren ihrer Einschätzung nach um die Mafia steht.



VICE: Wie ist es momentan um die Mafia in den USA bestellt?

John Alite: Sie kehrt momentan zurück zu der alten Devise, im Untergrund zu bleiben, keine Aufmerksamkeit zu erregen und sich aufzubauen. Geld machen und den Kopf unten halten.

Scott Burnstein: Die Mafia in den USA lebt noch. Allerdings geht es ihr nicht so gut wie früher einmal. Ernsthafte Mafia-Aktivitäten existieren noch, aber ihre Aktivitäten laufen nicht mehr so „geschmiert" wie früher auf den höchsten politischen Ebenen und in der Infrastruktur des Landes wie in den goldenen Jahren der Mafia in den 1950ern, 60ern und 70ern. Traditionelle Mafia-Brutstätten wie New York, Chicago, Detroit, Boston, Providence, Philadelphia und New Jersey laufen und funktionieren noch ziemlich beständig (manche sind in den letzten Jahren durch rechtliche Interventionen behindert worden), während andere Städte mit einer langen Mafia-Geschichte, wie Cleveland, Milwaukee, Kansas City, St. Louis, Los Angeles, Pittsburgh, Buffalo, New Orleans und Tampa Bay, heute entweder komplett verlassen sind oder sich rasant darauf zu bewegen.


Das Mafia-Erbe wird nicht an die nächste Generation weitergegeben wie früher einmal und viele Mafia-Mitglieder sehen davon ab, ihre Söhne ins „Familienunternehmen" zu bringen—ganz anders als in der Blütezeit der Mafia.


Wie schaffen es gerade Mafiosi, so lange unterzutauchen?


Ein Land auf der Flucht vor seiner korrupten Vergangenheit


Ein Mafioso packt aus


Was hat den Niedergang der Mafia verursacht?


Louis Ferrante: Die Welt hat sich verändert. Früher mal hatten italienische Einwanderer in den USA wenige Möglichkeiten, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Familien zu ernähren. Heute haben italienischstämmige Einwohner dieselben Möglichkeiten wie alle anderen.


Louis Ferrante


Christian Cipollini: Die Zeiten ändern sich, wie Ebbe und Flut. Die Mafia in den Vereinigten Staaten war definitiv eine ausgesprochen langlebige Organisation, die über ein Jahrhundert lang Erfolg hatte, sich anpasste und überlebte. Der Niedergang musste einfach kommen, wenn wir uns die Geschichte und die epischen Geschichten so ziemlich jedes Imperiums ansehen. Die US-Mafia hatte sich in vielen Dingen stark auf die Unterstützung von Politikern, Zugang zu Schmuggelware und Rackets verlassen. Im Laufe der Zeit gab es immer weniger Leute, die sich bestechen ließen, jüngere und gewieftere Organisationen schlugen sich ganz ausgezeichnet im Drogenhandel und viele Rackets, die die Mafia dominierte, existieren heute ganz einfach nicht mehr. Dann gab es da natürlich den Todesstoß in Form des RICO Act [Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act] und die Tatsache, dass Loyalität heute nur noch ein Wort ist und kein Treueeid.


Ein Mafioso, der sich zwischen jahrzehntelanger Haft und Verrat entscheiden muss, sieht sich schon gar keinem Dilemma mehr gegenüber—heutzutage heißt es „talk and walk", singen für die Freiheit.


Gibt es eine Möglichkeit, wie die Mafia etwas von ihrem alten Glanz zurückerobern kann?

John Alite: Die Macht ist immer noch da, was das Potential angeht, in den verschiedenen Branchen Geld zu verdienen, doch es gibt nicht mehr so viel Angst vor Mafiosi, weil sie aufgrund all der modernen Technologie widerwilliger sind, so gewalttätig zu werden, wie sie es früher einmal waren.

Scott Burnstein: Nein, sie werden nie wieder den Status erlangen, den sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts hatten. Die modernen Gesetzeshüter und das Rechtssystem der USA haben zu viele Schutzmaßnahmen eingerichtet. Außerdem schwindet seit Jahrzehnten der Vorrat an „Nachwuchstalenten". Sie werden niemals völlig verschwinden, doch sie werden sich auch nicht zu ihrem früheren Status aufschwingen.


Das FBI schreibt sich wahrscheinlich einiges vom Erfolg zu, aufgrund ihres Vorgehens gegen die Mafia mit RICO-Fällen. Wie seht ihr das?

Louis Ferrante: Teilweise, ja. Sie haben viele Leute dazu gebracht, sich zu fragen: „Ist es das wert?" Es gibt keinen Zweig des Staats, der eine genaue Vorstellung hat, wie es funktioniert, und der daher in der Lage wäre, die Mafia aufzuhalten. Außerdem: Glücksspiel ist legal. Alkohol ist legal. Und so ziemlich jeder kann sich einen Kredit bei der Bank holen. Normale Leute brauchen die Mafia nicht länger. Und ohne Nachfrage ist die Organisation überflüssig.

Christian Cipollini: Ich denke, dass der RICO Act dem organisierten Verbrechen insgesamt einen schweren Schlag versetzt hat, als er endlich vernünftig und häufig genug eingesetzt wurde. Manchen ist vielleicht nicht einmal klar, dass RICO zwar 1970 vom US-Kongress verabschiedet wurde aber erst in den 1980ern häufig und effektiv eingesetzt wurde. Doch die Regierung ist hier auch nicht das Alpha und Omega—es waren viele individuelle Faktoren im Spiel. Ja, die RICO-Anwendungen waren verheerend für die Mafia, aber dasselbe gilt für den internen Mangel an Vertrauen, den Mangel an Organisation in der Hierarchie, die Auflösung einst lukrativer Rackets, als Informanten arbeitende Insider und das Aufkommen anderer, anpassungsfähigerer Verbrechensorganisationen.


NOISEY: Reptar ist wie die Mafia


Wird es jemals wieder Mafia-Dons wie John Gotti oder Lucky Luciano geben?

John Alite: Meiner ehrlichen Meinung nach war John Gotti, Sr. das Schlimmste, das dem Mob jemals passiert ist. Die Öffentlichkeit versteht nicht, wie viel Schaden er mit seiner arroganten Art verursacht hat. Die Mobster verstehen es aber! Vor allem jetzt, rückblickend. Aber Typen wie Lucky waren großartig, die hatten das Potential, viel Geld zu verdienen. Er verstand damals auch etwas von der Politik. Man muss mit der Zeit gehen, und das hat Gotti nie getan. Sein Untergang und der der Mafia kam daher, dass er sein Ego über die Sache gestellt hat. Diese Sache sollte eigentlich größer sein als ein einzelner Mann oder sein Ego.

Scott Burnstein: Ja, es gibt heute einen solchen Don. Sein Name ist „Skinny Joey" Merlino und er ist der Boss der Mafia von Philadelphia. Meiner Meinung nach ist er eine Verbrecher-Ikone, die man in einem Atemzug mit den dynamischsten, schneidigsten und ambitioniertesten Mafia-Anführern aller Zeiten nennen kann.


Warum ist eurer Meinung nach die Popkultur so voll von Mafia-Storys?

Louis Ferrante: Ich habe mich definitiv nie so frei gefühlt wie während meiner gesetzlosen Jahre. Ich denke, in uns allen gibt es einen Teil, der sich wünscht, tun zu können, was auch immer wir wollen. Stell dir vor, jemand nervt dich heute in der Arbeit und du kannst ihm den Griff deiner Pistole über den Kopf ziehen. Viele Leute malen sich gerne solche Sachen aus.

Christian Cipollini: Die romantische Vorstellung vom Verbrecherdasein wird uns als Kultur immer in ihren Bann ziehen. Stellvertretend durch die Geschichten von Leuten zu leben, die ihre eigenen Regeln machen—das ist einfach faszinierend und eignet sich perfekt für die Popkultur, ob die Geschichte fiktional ist oder echt. Es scheint einfach endlose Sehnsucht und Neugier zu geben, herauszufinden, wie das Leben in der Unterwelt wäre. Die Kehrseite des Alltags, auf der man dem Chef sagen kann, wohin er sich seine Aufgaben stecken kann, nie vom Gerichtsvollzieher genervt wird, sondern einfach immer fein essen gehen, sich perfekt kleiden, Geld zählen und ab und zu ohne negative Folgen in ein paar Ärsche treten kann—das wirkt einfach sehr anziehend, wenn man einen schlechten Tag hat oder einfach im Kopf aus dem Alltag ausbrechen will.


Geschichten über die Mafia oder ihre Bosse, oder über andere Gesetzlose, bedienen dieses psychologische Verlangen, aber die romantische Vorstellung ist genau das: eine Vorstellung. Leute, die sich auskennen, wissen genau, dass es in der Unterwelt nur sehr wenige Happy Ends gibt, und dass die düstere Realität noch viel mehr beinhaltet, wie Gefängnis, Tod, Paranoia und Sucht.


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Raffaela Ottaviano befreit sich von der Camorra

Von Julius Müller-Meiningen
Jahrzehntelang war die italienische Kleinstadt Ercolano am Fuß des Vesuvs in den Händen der Camorra. Dann zeigte eine Boutiquenbetreiberin ihre Erpresser an und leitete eine Zeitenwende ein. Der Weg könnte ein Modell für ganz Italien sein.




«Genau hier ist es passiert», sagt Raffaella Ottaviano und zeigt mit dem Finger auf die Glastür. Sie steht in ihrer Boutique, in der es aussieht wie in einer Wäscherei, die Kleider hängen in durchsichtigen Plastiktüten an den Ständern. In dieser Tür also standen plötzlich die zwei Gangster. Einer der beiden kräftigen Kerle blieb als Wache auf dem Trottoir. Der andere trat auf die heute 74 Jahre alte Inhaberin zu. Er sagte: «Signora, Onkel Giannino will Sie sprechen.» Raffaella Ottaviano, eine wache Frau, verstand sofort.



Zwei Clans der Camorra, der neapolitanischen Mafia, kämpften damals in Ercolano um die Vorherrschaft. Links der Hauptstraße, die vom Vesuv hinunter zu den Ausgrabungen der antiken Stadt Herculaneum führt, hatten die Ascione das Sagen. Rechts bestimmte der Birra-Clan. Raffaella Ottavianos Geschäft liegt auf der linken Seite dieser Demarkationslinie namens Corso 4 Novembre. Also fiel ihr Laden in die Zuständigkeit der Ascione.

70 Tote hatte der Krieg der Clans innerhalb weniger Jahre gefordert, es gab Zeiten, da verging kein Abend ohne Leiche. Onkel Giannino, das war der Spitzname für den Boss der Ascione. Gesenkten Kopfes, wie eine hörige Untertanin sollte Ottaviano die erpresserische Macht der Herrscher akzeptieren und sich die Höhe des Pizzo, des Schutzgelds, diktieren lassen.

Raffaella Ottaviano aber sagt: «Ich dachte gar nicht daran zu zahlen.» Sie streicht sich ihr weißes Haar zurecht. Wer denn dieser Onkel Giannino sei, wollte sie von den Mafiosi wissen. Der Mann in ihrem Laden reagierte irritiert. Er stelle hier die Fragen, nicht sie. «Ich zitterte vor Angst, aber ließ es mir nicht anmerken», erzählt die Ladeninhaberin. Nie zuvor war sie erpresst worden.


das heutige Ercolano


Nein, sie habe nicht die Absicht zu bezahlen, sprach die Ladeninhaberin mit fester Stimme. «Signora, Sie wissen, was Ihnen blüht?», konnte der erstaunte Camorrista noch sagen, als es aus Raffaella Ottaviano fuhr wie ein Donner: «Raus jetzt, raus aus meinem Laden!» Die Geschäftsfrau setzte die Mafia vor die Tür. «Wir kommen wieder», drohten die Gangster.

Das war im Jahr 2004. Der Rauswurf war der Beginn eines langsamen, leisen, aber unaufhaltbaren Umsturzes in Ercolano. Ottavianos Widerstand markierte den Anfang vom Ende der Camorra in diesem kleinen Städtchen wenige Kilometer südlich von Neapel.«Modello Ercolano» taufte der neapolitanische Staatsanwalt Rosario Cantelmo später dieses Konglomerat.

Das Zusammenspiel von Carabinieri, Stadtverwaltung und Justiz sowie mutigen Bürgern und Erpressungsopfern, die sich organisierten, habe das Verbrechen besiegt, sagt Cantelmo. Ercolano, meinen viele, könnte ein Modell für den gesamten italienischen Süden sein, der in weiten Teilen noch immer von der Mafia beherrscht wird.


Handkuss vom Kommandanten

«Ich habe die Mauer des Schweigens zum Einsturz gebracht», sagt Ottaviano ohne falsche Bescheidenheit. Sie nestelt an ihrer roten Bluse. Dort prangt seit etwa einem Jahr die Anstecknadel mit dem italienischen Verdienstorden, verliehen vom Staatspräsidenten.

Die Camorra sei eine Krake, sagt Ottaviano. Wenn sie einen einmal erfasst habe, lasse sie nie wieder los. Deshalb wollte sie nicht zahlen, ganz einfach. Wie viel Geld der Ascione-Clan genau von ihr wollte, wisse sie nicht. «Aber wenn du dich ihnen beugst, musst du irgendwann den Laden zu machen.» Sie hatte Angst, das schon. Aber nach einer Besprechung mit der Familie zeigte Ottaviano ihre Erpresser an.

Ascione-Clan-Boss Pietro Papale


Schutzgelderpressung war damals weit verbreitet in Ercolano. An Weihnachten, Ostern und Mariä Himmelfahrt trieben die Clans ihre Quoten ein. «Für die Inhaftieren», sagten sie. Auf diese Weise demonstrierte die Camorra vor allem ihre Macht über die Menschen. Niemand zog die kriminelle Vorherrschaft in Zweifel. So kam es, dass einige Mitbürger lieber Abstand nahmen von Ottaviano. «Sei vorsichtig, hol mich lieber nicht mehr ab», riet ihr etwa eine Freundin.

Ottaviano wollte weiter frei sein, die Eskorte, die ihr die Carabinieri angeboten hatten, lehnte sie ab. Aber es gab auch diejenigen, die sagten: «Raffaellina, es ist eine Ehre, neben dir auf der Straße zu laufen.»

«Meine Anzeige war die erste seit Jahrhunderten», sagt Ottaviano. Der damalige Carabinieri-Kommandant David Ellero, ein vermeintlich kühler Venezianer, ahnte offenbar, dass er Zeuge einer Zeitenwende geworden war. Nachdem sie auf der Wache Anzeige erstattet hatte, küsste er der Geschäftsfrau die Hand.


Das Ende der Duldsamkeit

Dieses Gefühl, dass die Befreiung von der jahrzehntelangen Unterdrückung möglich war, steckte immer mehr Bürger in Ercolano an. Das Leben war unerträglich geworden. Die Gangster fuhren mit Motorrädern durch die engen Gassen des Orts, schwer bewaffnet mit Pistolen oder Kalaschnikows. Nach Sonnenuntergang waren die Straßen wie leergefegt, die Killerkommandos der rivalisierenden Clans begannen ihr brutales Werk, sie zündeten sogar Bomben.

in ihrer Pizzeria ging die Mafia-Bombe hoch


Als auch noch die Wirtschaftskrise dazukam, nahm es mit der Duldsamkeit ein Ende. «Wir sind 55'000 Einwohner», beschreibt Giuseppe Scognamiglio das damals langsam wachsende Bewusstsein. «Wie viele Camorristi gibt es in Ercolano? 400, 500, vielleicht Tausend. Wir sind 55'000! Müssen wir uns das wirklich weiter gefallen lassen?»

Nein, antworteten an einem Samstagabend im November 2009 etwa 1500 Menschen und marschierten durch die Straßen Ercolanos. Junge Aktivisten um Scognamiglio und das Team von Radio Siani hatten den Marsch gegen die Camorra organisiert. Benannt nach dem Journalisten Giancarlo Siani, der 1985 im Alter von 26 Jahren in Neapel von der Camorra ermordet worden war, hatten die Jugendlichen einen Internet-Sender gegründet, dessen Redaktion am Corso Resina 62 ihren Sitz hat.




Hier wohnte der Clanchef Giovanni Birra, hier nahm der Marsch seinen Anfang. In der konfiszierten Wohnung des Bosses, zwischen Türen aus Mahagoni-Holz und exklusiven Sanitäranlagen, kämpft bis heute ein Team von bis zu 40 jungen Erwachsenen für den Wandel in der Kleinstadt.


Giavanni Birra

Das Modell Ercolano nahm Formen an. 2005 war Nino Daniele Bürgermeister der Stadt geworden. Er marschierte nicht nur bei der Demonstration mit, unter seiner Ägide annullierte die Stadt Auftragsvergaben an Firmen aus dem Umfeld der Camorra. Die Gemeinde konstituierte sich als Zivilklägerin bei allen Prozessen wegen Schutzgeld-Forderung und erließ Geschäftsinhabern die Steuern, die ihre Erpresser anzeigten. Auch scheinbar banale Maßnahmen wie die Verbreiterung der Trottoirs wurden ergriffen. Handtaschenräuber auf dem Motorrad haben es seither schwerer bei ihren Raubzügen.

Raffaella Ottaviano hatte den Anfang gemacht. Jetzt folgten in einer Kettenreaktion immer mehr Anzeigen. Der Metzger zeigte seine Erpresser an, die Bäckerin, die Tabakverkäuferin, der Konditor, der Restaurantinhaber, der Automechaniker, der Juwelier, der Fischverkäufer, der Optiker und der Tankstellenpächter. Innerhalb von zwei Monaten war die Antischutzgeld-Vereinigung mit ihrer Präsidentin Raffaella Ottaviano auf 42 Mitglieder angewachsen. Heute sind es über 80 Geschäftsleute.
Prozess folgte auf Prozess.

Um mildere Haftstrafen zu erzielen, begannen die Mafiosi mit der Justiz zu kollaborieren. Erst packten sie über die Pizzo-Erpressungen aus, dann über die Morde. Heute sitzt die gesamte Führungsriege der Camorra-Clans von Ercolano hinter Gitter, etwa 250 Männer und ein paar Frauen. Erpressungen, so sind sich alle Beteiligten sicher, gibt es so gut wie nicht mehr in Ercolano. Das, was von der Camorra übrig blieb, entspreche gewöhnlicher Kleinkriminalität.


Wachsam bleiben

 

«Ercolano ist wieder aufgeblüht», sagt Sofia Ciriello. Vor dem Laden der 38-Jährigen zündeten die Bosse im November 2009 eine Bombe, nachdem sich die Bäckermeisterin geweigert hatte, einen Pizzo von 500 Euro monatlich zu zahlen. Verletzt wurde niemand. Aber man versteht, dass das lebendige Gewühl auf den Bürgersteigen von Ercolano nach Jahren der Gewalt nicht selbstverständlich ist. «Heute überlegen es sich die Camorristi zweimal, bevor sie meinen Laden betreten», sagt Ciriello. 


Mario Cutolo

Auch Matteo Cutolo, der eine Konditorei am Corso 4 Novembre führt, zeigte seine Erpresser an. Nach ein paar Anläufen, Geldforderungen von beiden Clans und drei Einschusslöchern im Rollladen seines Geschäfts rang er sich schließlich dazu durch. Zusammen mit der Antischutzgeld-Vereinigung erzählt Cutolo seine Geschichte auch in den Schulen von Ercolano. «Das Wichtigste ist, wachsam zu bleiben», sagt der 40-Jährige. Einige Bosse sind zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. «Aber viele andere kommen irgendwann wieder raus.»
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