Mittwoch, 5. August 2015

Armut - von der Mafia geliebt und gehasst


"Der Süden stirbt", so Savianos "Schmerzensschrei". Premier Renzi habe "die Pflicht", sich endlich um den "Mezzogiorno" zu kümmern. Bislang habe er nichts getan.




Der Adressat, derzeit mit Familie auf Japan-Besuch, war empört, verbat sich "das Geheule über den Süden" und mahnte, "wer es gut meint mit Italien, höre auf, darauf zu schießen". Nun streitet das Land, wer recht hat.

Dabei stehen die Fakten eindeutig auf Seiten Savianos. Italiens Süden, das zeigt zum Beispiel die Statistik über das Wirtschaftswachstum, fällt ökonomisch immer weiter zurück. Demnach wuchsen die Volkswirtschaften in der Eurozone zwischen 2000 und 2013 um 37 Prozent. Italien schaffte gerade einmal 20 Prozent.


Illegale Müllhalde auf den Straßen von San Giorgio a Cremano bei Neapel: Italiens Süden ist befallen von einem Krebsgeschwür aus korrupter Bürokratie, korrupten Politikern und der Mafia, die mit der Politik und der Bürokratie gut im Geschäft ist und nicht selten selbst in den Ämtern und Parlamenten sitzt.


Tatsächlich aber lag das Wachstum im wirtschaftsstarken Norden von "Bella Italia" deutlich darüber, die Südhälfte brachte es dagegen in 13 Jahren nur auf magere 13 Prozent. Das ist nur etwa die Hälfte des Wachstums im Krisenstaat Griechenland. Dort waren es im selben Zeitraum immerhin 24 Prozent. 



Jede dritte Familie in Süditalien gilt als arm

Die Folge der wirtschaftlichen Misere ist in Italien südlich von Rom vielerorts zu sehen, vor allem in Sizilien. Verlassene Fabriken, brüchige Brücken, marode Straßen, Abbruch statt Aufbruch. Jede dritte Familie in der Südhälfte des italienischen Stiefels gilt als arm, im Norden ist es jede zehnte.

Und der Trend ist ungebrochen:

§  Auch 2014 fiel die Wirtschaftsleistung pro Einwohner im Süden des Landes. Sie liegt jetzt nur noch bei 64 Prozent des italienischen Durchschnitts, auf ähnliche Niedrigwerte sind die Einkommen und die Konsumausgaben der süditalienischen Familien gefallen.
§  Die Beschäftigung sackte auf den tiefsten Stand seit 1977, weiter zurück reicht die Statistik nicht.
§  Die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe nahm auch im vergangenen Jahr weiter ab, um 2,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Durchschnitt Europas nahm sie um 1,6 Prozent zu, in Deutschland sogar um 2,1 Prozent.
§  In der Industrie sieht es noch schlimmer aus, aber von der ist ohnehin nicht mehr viel zu sehen.
Wer kann, wandert aus, klagt Saviano in seinem Brandbrief. Vor allem die gut ausgebildeten Jungen ziehen in Scharen weg. Erinnerungen werden geweckt an die Zeiten, in denen Millionen von Süditalienern nach Amerika auswanderten.



"Nichts mehr zu melken"

Oder daran, wie später VW in Wolfsburg oder die Ford-Werke in Köln Tausende aus Kampanien, Kalabrien und Sizilien anlockten. "Alle, wirklich alle wollen weg", schreibt Saviano. Selbst die Mafia ziehe es in Italiens Norden oder ins Ausland, weil es in ihren Stammlanden "nichts mehr zu melken" gebe. Und viele Italiener, im Parlament und in den Kaffeestuben, sagen: "Ja, so ist es. Eine Schande!"


Essensausgabe in der norditalienischen Metropole Mailand: Italiens Norden gilt im Vergleich zum Süden zwar als wirtschaftsstark, doch die Krise hat Millionen Menschen im ganzen Land in die Armut gestürzt, auch dort.


"Alles übertrieben", halten die Sprecher und Anhänger der Renzi-Regierung dagegen. Zwar gebe es im Süden durchaus Probleme, aber man sei ja dabei, Italien zu reformieren, und das werde auch dem Süden helfen. Schon im Herbst, kündigte Federica Guidi, Ministerin für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, jetzt überraschend an, werde man ein gigantisches Investitionsprogramm für den "Mezzogiorno" vorlegen, mit mindestens 80 Milliarden Euro. Von einem "Marshallplan für den Süden" spricht nun auch ihr Ministerkollege Graziano Delrio, zuständig für den Ausbau der Infrastruktur.

Camorra-Boss Luigi Cimmino in Neapels Stadtteil Vomero: Der 54-Jährige wurde am 20. Juli verhaftet. Die Organisation profitiert von der Armut in der süditalienischen Stadt. Und von der Korruption.


Doch an fehlendem Geld krankt der lahme Süden gar nicht. Er ist vielmehr befallen von einem Krebsgeschwür aus korrupter Bürokratie, korrupten Politikern und der Mafia, die mit der Politik und der Bürokratie gut im Geschäft ist und nicht selten selbst in den Ämtern und Parlamenten sitzt. Das Elend des Südens ist der Staat, der nicht funktioniert. Bildung, Gesundheitswesen, Verkehr, alles liegt im Argen. Nur Geld gibt es bis zum Abwinken.






Der gewaltige Batzen Geld wurde verballert

So lagen aus EU-Fonds und dem römischen Staatshaushalt für die Jahre 2007 bis 2013 insgesamt 91 Milliarden Euro für die Region bereit. 49,4 Milliarden, also mehr als die Hälfte, wurden gar nicht abgerufen. Man wusste offenbar einfach nicht, was tun damit.
Der Rest, 41,7 Milliarden Euro immerhin, wurde weitgehend verplempert. Statt damit endlich die Eisenbahn- und Autobahnstrecken europäischem Niveau anzupassen oder beispielsweise eine funktionierende digitale Infrastruktur aufzubauen, wurde der gewaltige Batzen Geld in fast einer Million Miniprojekte verballert. Jeder Bürgermeister, jeder Landrat, so scheint es, hatte einen Wunsch frei.


Hafenstadt Brindisi: An fehlendem Geld krankt der lahme Süden gar nicht. Das Elend des Südens ist der Staat, der nicht funktioniert. "Alle, wirklich alle wollen weg", gibt der Journalist Roberto Saviano zu bedenken.


So wurden etwa knapp sechs Millionen für eine Segelregatta vor Neapel spendiert, zehn Millionen regnete es auf ein Theaterfestival in Kampanien, in Apulien wurde für sechs Millionen eine CD mit regionaler Musik bestückt und immer so weiter.
Für die Periode 2014 bis 2020 liegt noch viel mehr Geld für den armen Süden bereit, 84 Milliarden Euro aus EU-Töpfen und 54 Milliarden aus römischen Quellen. Macht zusammen 138 Milliarden Euro.

Ein bisschen davon wurde sogar schon ausgegeben. Etwa für die Strafe, die der italienische Staat nach Brüssel wegen illegaler Subventionen an die - meist norditalienischen - Milchbauern zahlen musste. Oder für ein Drei-Milliarden-Steuer-Geschenk für das Jahr 2015 an überwiegend norditalienische Empfänger.

Doch ein großer Batzen ist erst einmal blockiert. Und das kam so: Zuständig für die Süd-Milliarden aus den nationalen Fonds war bis zum 2. April Graziano Delrio, Staatssekretär in Matteo Renzis Staatskanzlei. Dann wurde er Infrastrukturminister, natürlich ohne Zuständigkeit für die Geldberge. Die blieben in der Staatskanzlei.


Zwar ist die Kriminalität weiter auf dem Vormarsch auf Sizilien, etwa in Catania: "Die Stadt wird immer weniger lebenswert und weniger sicher", gibt die Polizeigewerkschaft zu bedenken. Selbst die Mafia zieht inzwischen in Italiens Norden oder ins Ausland, weil es in ihrem Stammland "nichts mehr zu melken" gebe.


Doch dem Delrio-Nachfolger, dem neuen Staatssekretär, wurde die Zuständigkeit bislang nicht übertragen. Dafür fehlte vermutlich die Zeit, denn ein paar Minuten dauert der formale Akt schon. Die Folge: Seit vier Monaten werden Anträge auf die Finanzierung mehr oder weniger sinnvoller Projekte zwar ordentlich gestapelt - aber nicht bearbeitet.
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Dienstag, 4. August 2015

Dem größten Paten auf den Fersen

Von Constanze Reuscher

Ermittler verhaften Mafia-Boten. Für den größten Boss aller Zeiten und Chef der Cosa-Nostra Matteo Messina Denaro wird es eng. Die Staatsanwältin Teresa Principato wird keine Ruhe geben, bis sie den Boss der Bosse gefasst hat.




"Wenn es uns gelingt, den Ring der Pizzini-Boten von Messina Denaro zu sprengen, dann sind wir ganz nah an ihm dran", sagte Giuseppe Linares vor zwei Jahren. Damals zog er einen kleinen, eng beschriebenen Zettel unter seinem Laptop hervor und hielt ihn hoch wie einen Skalp. Das war 2013, und Giuseppe Linares war Vizechef der Polizei in der westsizilianischen Hafenstadt Trapani und hatte gerade seine jüngsten Fahndungserfolge der Presse präsentiert.

Der Zettel, den er präsentierte, war ein "Pizzino", so nennt man die Botschaften der Mafiabosse. Dieser Pizzino stammte aus der Feder von Matteo Messina Denaro, dem letzten großen Paten der sizilianischen Cosa Nostra, einer der meist gesuchten Verbrecher der Welt.


Monatelanges Warten

Jetzt ist es sizilianischen Ermittlern offenbar gelungen, mithilfe hochmoderner Technologie einige der Pizzini-Boten zu verhaften. Am Sonntag wurden elf mächtige mutmaßliche Mafiosi in der Gegend von Trapani festgenommen: In einem Landgut hatten die Ermittler alle möglichen Fallen ausgelegt, zum Beispiel unterirdische Mikrofone, Überwachungskameras in Baumwipfeln. Monatelang warteten sie. Zuerst ging ihnen der bekannte Mafiaboss Vito Gondola in die Falle. Sie konnten ihn beobachten, wie er Pizzini unter Steinen versteckte, die von anderen abgeholt wurden. Am Telefon gab er Hinweise an die Adressaten in Codeform wie "die Schafe können geschoren werden" oder "der Ricotta ist fertig".

23 seiner 53 Lebensjahre verbringt Matteo Messina Denaro schon in einem Versteck. 1993 tauchte er in der Toskana unter. Matteo Messina Denaro ist Sohn des Mafiapaten Francesco aus Westsizilien, der der Chef des mächtigen Mafiaclans von Castelvetrano war. Matteo Messina Denaro soll mehrere Morde begangen und Hilfe bei der Vorbereitung von Mafiaattentaten in Rom und Florenz in den 90er Jahren geleistet haben. In Abwesenheit wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Damals genoss der junge Matteo Messina Denaro großen Respekt bei Toto Riina, der in jenen Jahren die Cosa Nostra regierte. Nur wenige Monate vor seinem Verschwinden waren die beiden Mafiaermittler, die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, samt ihren Eskorten mit Bomben in die Luft gejagt worden. Den Befehl zu den Attentaten hatte Toto Riina gegeben – per Pizzino aus seinem Versteck. Matteo Denaro hatte das System der Pizzini nach dem Abtauchen perfektioniert: Er befahl, dass seine Briefchen nach der Zustellung vernichtet werden und eine Antwort nach 15 Tagen bei ihm eingegangen sein musste.

Die kleinen Zettel, die mit einer mikroskopisch kleinen Schrift beschrieben waren, wurden auf ein winziges Format zusammengefaltet, gepresst und mit Klebeband gesichert. Sie waren am Ende "kleiner als eine halbe Zigarette", so Ermittler Giuseppe Linares. Mit ihnen informiert Matteo Messina Denaro seine Leute über Strategien, Bündnisse, Handelspartner für illegale Geschäfte, teilt Kommandos und auch Mordbefehle aus. Internet und Handys hinterlassen Spuren – Superbosse von seinem Kaliber benutzen elektronische Kommunikationsgeräte daher normalerweise nicht.


Mafia Staatsanwältin Teresa Principato ist eine der
 wichtigsten Figuren im Roman
LA NERA




Vordergründig ist die Verhaftung der elf Postboten ein großer Erfolg der sizilianischen Fahnder. Die Schnur am Hals von Matteo Messina Denaro zieht sich enger. Selbst Regierungschef Matteo Renzi lobte die Ermittler und wünschte ihnen via Twitter, dass sie nun "noch einmal durchstarten bei der Jagd auf den Superboss". Was den Paten im Sattel hält, ist seine wirtschaftliche Macht. In Westsizilien, wo Rezession und Arbeitslosigkeit grassieren, ist die Mafia oft der einzige Arbeit- und Kreditgeber. Mit den Erträgen aus illegalen Geschäften wie dem Drogenhandel kontrolliert Matteo Messina Denaro die lokale Wirtschaft, sagt Ermittler Linares. Von Überläufern weiß Linares, wie die einfachen Menschen der Region ihre Paten sehen: "Alles Gute geht von ihm aus", er wird verehrt.


Aufenthaltsort noch unbekannt

Auf welche Summen sich dessen Reichtümer belaufen dürften, zeigte sich 2010. Seinerzeit waren in der Gegend von Trapani Besitztümer des mutmaßlichen Cosa-Nostra-Unternehmers Vito Nicastri beschlagnahmt worden. Ihr Wert: 1,5 Milliarden Euro. Nicastri wurden Verbindungen zu Matteo Denaro nachgewiesen. "Wir haben die lebenden Verzweigungen, die dem Boss die Kommunikation mit der Außenwelt erlaubten, abgeschnitten", sagte Staatsanwältin Teresa Principato. Doch sie weiß auch, dass Matteo Messina Denaro noch immer viel, wahrscheinlich zu viel, Bewegungsfreiheit besitzt. Sein tatsächlicher Aufenthaltsort sei nicht bekannt, gestand sie ein.

Die Verhaftung des Paten Riina Anfang der 90er-Jahre zeigte, wie frei solche Bosse sich bewegen können: Riina hatte in einer Villa in einem bürgerlichen Viertel am Stadtrand von Palermo residiert. Experten bezweifeln daher, dass die Verhaftung der elf Boten den letzten Paten in Gefahr bringt.
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Montag, 3. August 2015

Italiens Polizei entziffert Code der Mafia


In Zeiten modernster Kommunikationsmöglichkeiten blieben sie bei ihrer alten Zettelwirtschaft und bedienten sich eines Codes auf der Basis der Sprache von Schäfern: Nach jahrelangen Ermittlungen will die italienische Polizei nun den Schaf-Code geknackt haben.




Am Montag hat die Polizei elf Verdächtige aus dem Umfeld des seit zwei Jahrzehnten flüchtigen mutmasslichen Paten der sizilianischen Mafia, Matteo Messina Denaro, gefasst. Nach Angaben der Ermittler ist unter ihnen der ehemalige Mafiaboss Vito Gondola. Er soll das konspirative Kommunikationsnetz unterhalten haben. Wie Gondola sind zwei weitere Verhaftete über 70 Jahre alt.
 Mit Zetteln, die unter einem Stein versteckt wurden, soll ein mächtiger Mafiaboss sein kriminelles Netzwerk dirigiert haben. Jetzt meldet die Polizei auf Sizilien einen Durchbruch in den Ermittlungen.


Uralte Methode

Der seit 1993 flüchtige 53-jährige Pate der Cosa Nostra bediente sich nach Angaben der Ermittler der uralten Mafiamethode der «Pizzini» - verschlüsselte Botschaften auf einem kleinen Stück Papier -, um seinen Schergen Anweisungen zu geben. Die Zettel wurden mehrfach gefaltet und mit Klebestreifen umwickelt unter einem grossen Stein auf dem Gelände von Gondolas Bauernhof unweit der sizilianischen Hafenstadt versteckt.

Gondolas Aufgabe war es, die Adressaten der «Pizzini» zu informieren. Am Telefon sagte der 77-Jährige dafür: «Ich habe Dir Ricotta beiseitegelegt, kannst Du ihn später abholen», oder «die Schafe müssen geschoren werden» oder «das Futter für die Schafe ist fertig».


Seit 2011 Kommen und Gehen auf Hof verfolgt

Die Ermittler verfolgten seit 2011 mit verborgenen Kameras und Mikrofonen das Kommen und Gehen auf dem Bauernhof. Und entdeckten dabei, dass Denaro an Einfluss verliert: In einem Telefonat berichtet Gondola einem anderen Mafioso, der 53-Jährige verliere die Kontrolle über die jüngste Generation der Cosa Nostra - diese verschwänden einfach, «ohne Bescheid zu geben».


Einer der verhafteten Handlanger - der 73-jährige Mafiaboss Vito Gondola



Ein ganzer Friedhof voller Opfer

Der 1993 untergetauchte Mafia-Killer Denaro gilt als Nachfolger der lebenslang einsitzenden historischen «Paten» Toto Riina und Bernardo Provenzano. Die letzten bekannten Fotos von ihm stammen aus den frühen 90er Jahren. Auf dem Höhepunkt seiner Mafia-Karriere hatte er den Ruf eines Frauenhelden und Protzes, der seine rund 900 Gangmitglieder fest im Griff hatte.

Laut Berichten soll er einmal damit angegeben haben, mit seinen Opfern einen ganzen Friedhof füllen zu können.


Roman LA NERA - erschienen bei Droemer Knaur


Schafbauer Gondola soll Berichten der italienischen Medien zufolge früher einmal Riinas rechte Hand gewesen sein. In den 70er Jahren gehörte er demnach einer Gang an, die auf Entführungen spezialisiert war. Er liebt laut den Ermittlern seine Schafe, trotz seines Alters steht er jeden Morgen um 4 Uhr auf, um sich um sie zu kümmern.
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Razzia gegen Mafia-Superboss auf Sizilien

Bei einer großangelegten Aktion gegen die Mafia hat die sizilianische Polizei heute in Palermo elf Personen festgenommen, darunter einige Vertrauensmänner der seit Jahren gesuchten „Nummer eins“ Matteo Messina Denaro. Den Mitgliedern des Clans um Messina Denaro werden unter anderem Erpressungen, Überfälle und Entführungen vorgeworfen, teilte die Polizei mit.






Dem seit 19 Jahren gesuchten Messina Denaro werden mindestens 50 Morde zur Last gelegt. Den ersten soll er mit 18 Jahren begangen haben. Der Mafia-Boss liebt Luxusautos, Golduhren und Markenkleidung. Mit 14 Jahren soll er begonnen haben, mit Pistolen zu schießen. Messina Denaro hatte die Organisation der Cosa Nostra nach der Festnahme des Paten Bernardo Provenzano im Jahr 2006 in die Hand genommen.


so soll er angeblich heute aussehen...


Derzeit sind auf den richtigen Tipp, der zur Festnahme von Denaro führt, 1,5 Millionen Euro Belohnung ausgesetzt....

Sonntag, 2. August 2015

Mafia Casino in Malta aufgeflogen

Italiens Polizei hat einem Angebot von Online Sportwetten den Kampf angesagt. Der Sitz des Netzwerks wurde in Malta festgestellt. Die Ermittler haben hierbei Verbindungen zur „Ndrangheta“ und zur sizilianischen Mafia festgestellt. Die Ermittlungen haben begonnen.


Mario Gennaro






Dieser Name dürfte den wenigsten bekannt sein, die Polizei vermutet hinter ihm den Drahtzieher des Netzwerks, welches illegale Glücksspiele und Online-Wetten anbietet. Bei einem Erstschlag wurden nun sechs Mitarbeiter der Betuniq auf Malta festgenommen und sie verbleiben 10 Tage in Haft, bevor es dann für sie nach Italien weitergeht. Bei der Betuniq handelt es sich um ein Unternehmen mit 1.500 Spielhallen und Wettbüros im italienischen Hoheitsgebiet. Dahinter steckt natürlich eine erhebliche Geldeinnahmequelle.

Die Lizenzen der Uniq Group Limited (Betuniq) wurde sofort außer Kraft gesetzt, jede weitere Aktion ist damit illegal. Auch die Betsolution4U Limited hängt hier scheinbar mit drin. Seit 2011 hatten sie sich einen beachtlichen Betrieb mit Glücksspiel aufgebaut. Die Gaming Authority Malta (MGA) wird den italienischen Behörden helfen die eigentlichen Hintermänner auszumachen. Wie immer geht es um Geldwäsche und Kriminalität im ganz großen Stil. Die MAG hat auch schon andere Regulierungsbehörden in der EU informiert, damit sie aufmerksam das Geschehen verfolgen können.






41 Verhaftungen und 2 Mrd. Euro

In Catalano sprach Richter Caterina den Haftbefehl für 41 Personen aus und es wurden Vermögenswerte von gut 2 Milliarden Euro beschlagnahmt. Gennaro sei einer dieser „neuen Menschen“ in Sachen Mafia. Er besorgte sich die Lizenzen für die Wettangebote und erweckte den Anschein eines legalen Unternehmens. Außerdem hat er Pokerturniere für seine Zwecke genutzt und zwar um in Malta Gelder reinzuwaschen.





Bei den Ermittlungen wurde festgestellt, dass der Mafioso gerne nach Malta reiste und sich dort bei Pokerturnieren vergnügte. Mit den Sportwetten ließ sich ebenfalls Geldwäsche betreiben, plus Steuerhinterziehung. Auch die GVM Holdings ist wohl als Treuhandgesellschaft darin verstrickt.
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Samstag, 1. August 2015

Treffpunkt Mafia in Rom

In Rom waren Stadtverwaltung und Organisiertes Verbrechen auf das engste miteinander verwoben. Der gegenwärtige Bürgermeister kämpft gegen das kriminelle Netzwerk und macht sich damit nicht nur Freunde


Bürgermeister Ignazio Marino


Die Forderungen nach seinem Rücktritt sind für den Moment verstummt. Ignazio Marino, seit Juni 2013 Bürgermeister Roms, kann sich nun wieder ganz auf das Regieren konzentrieren. Keine leichte Aufgabe in einer Stadt, in der weite Teile der Verwaltung der Komplizenschaft mit dem organisierten Verbrechen beschuldigt werden. Das Ganze hat einen Namen: Mafia Capitale.

Nach einem 940 Seiten starken Bericht, den der Präfekt von Rom Anfang Juli an den italienischen Innenminister schickte, sitzt Marino nun wieder fester im Sattel. Gegen ihn laufen keine Ermittlungen, und es gibt keine Indizien, die auf eine direkte Verwicklung Marinos in die illegalen Geschäfte zwischen Mafia und römischer Stadtverwaltung hindeuten.

Allerdings hat der Bericht bereits zum Rücktritt namhafter Beamter geführt (unter ihnen Liborio Iudicello, Generalsekretär der Stadtverwaltung), und der Präfekt fordert die Auflösung des Bezirksrates von Ostia (dem römischen Touristikhafen), wo eine systematische Verflechtung von Mafia und Verwaltung zu existieren scheint. Wie weit das manchmal gehen konnte, zeigt das Beispiel des früheren technischen Leiters der Bezirksverwaltung von Ostia, der sich heute in Haft befindet: Er soll sich – laut Bericht der italienischen Nachrichtenagentur ANSA – den Behindertenausweis eines örtlichen Mafiabosses ausgeborgt haben, um damit gesperrte Straßenflächen zu befahren.


Der König der Könige

Korruption und Verbrechen hat es in der »Ewigen Stadt« – wie wohl in den meisten Metropolen dieser Welt – immer gegeben. Dass Rom aber von einer Mafia beherrscht werde, also einer hierarchisch gegliederten, von wenigen Bossen geführten Verbrecherorganisation mit weitgehender Kontrolle des Territoriums und engen Beziehungen zu Politik und Wirtschaft, diese Behauptung hat als erster der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Investigativjournalist Lirio Abbate in einem Artikel aufgestellt, der unter dem Titel »I quattro re di Roma« (Die vier Könige Roms) im Dezember 2012 in der WochenzeitschriftL’Espresso veröffentlicht wurde.




Die vier »Könige« – mächtige Bosse skrupelloser Verbrecherclans – hätten die Stadt, so Abbate, unter sich aufgeteilt, steuerten das Drogengeschäft, trieben Schutzgelder ein, gewährten Kredite zu Wucherzinsen, investierten in die legale Wirtschaft und favorisierten befreundete Unternehmen bei der öffentlichen Auftragsvergabe. Anfang 2012, schrieb Abbate, hätten die vier Könige einen Pakt geschlossen, demzufolge es in Rom zu keinen Mafiamorden mehr kommen dürfe (im Jahr 2011 hatte es noch elf solcher Verbrechen gegeben).

Die diversen Geschäfte, die in dieser Zeit hervorragend liefen, sollten nicht durch polizeiliche Ermittlungen gestört werden. 2012 kam nämlich ein neuer Generalstaatsanwalt nach Rom, Giuseppe Pignatone, der in der Vergangenheit beachtliche Erfolge im Kampf gegen die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische ’Ndrangheta erzielt hatte. Pignatone ließ sich vom scheinbaren Frieden in Rom nicht beirren und begann systematisch gegen die »Mafia Capitale« (die Mafia in der Hauptstadt) zu ermitteln. Im Dezember 2014 ließ er 37 Personen festnehmen.

Unter den Verhafteten war auch Massimo Carminati, der »König der Könige«. Geboren 1958 in Mailand, kam er in den frühen siebziger Jahren mit seiner Familie nach Rom. Mit 14 ging er nach eigenen Worten mit der Pistole zur Schule.³ Mit 17, als Schüler des Gymnasiums Federigo Tozzi im römischen Bezirk Monteverde, lernte er die Kameraden kennen, die zwei Jahre später zu den Mitbegründern der Nuclei Armati Rivoluzionari gehörten. Die neofaschistische Terrororganisation war unter anderem verantwortlich für den Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im Jahr 1980. Damals wurden 85 Menschen getötet und 200 verletzt. Es war das schwerste Attentat der »bleiernen Jahre« in Italien.


Massimo Carminati (2015), der »König der Könige«


Zu Carminatis Biographie gehört auch ein kurzer Aufenthalt im Libanon, wo er im Bürgerkrieg auf seiten der Falangisten kämpfte. Während des Massakers in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, das im September 1982 von falangistischen Milizen verübt wurde, war Carminati nach eigenen Angaben bereits wieder in Italien. Was ihm aber viel Respekt innerhalb und außerhalb des römischen Verbrechermilieus einbrachte, war seine Nähe zur berühmt-berüchtigten »Banda della Magliana«, einer in Rom und Umgebung aktiven Gangsterclique, deren Name mit vielen – zum Teil unaufgeklärten – Kriminalfällen der siebziger und achtziger Jahre in Verbindung gebracht wird.

Darunter die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli, bei der Carminati des Mordes beschuldigt und der damalige Regierungschef Giulio Andreotti als Drahtzieher zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde – beide wurden in letzter Instanz freigesprochen. Zudem der Mord am italienischen Bankier Roberto Calvi, vom bis heute ungeklärten Verschwinden der fünfzehnjährigen Emanuela Orlandi aus dem Vatikan bis zur bewussten Irreführung der Ermittler nach dem Massaker von Bologna. 1981, bei einem Fluchtversuch nach seiner ersten Verhaftung, traf ihn ein Schuss aus der Pistole eines Polizisten. Er verlor sein linkes Auge. Seither wird er in Rom »Er cecato« genannt, der Geblendete.

Als Ignazio Marino 2013 in einer Stichwahl gegen den amtierenden Bürgermeister, den Postfaschisten und Berlusconi-Gefolgsmann Gianni Alemanno antrat, stand »Er cecato« auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ob die Ermittlungen gegen Alemanno, der der Beteiligung an einer Mafiaorganisation beschuldigt wird, früher oder später zu dessen Verurteilung führen werden, ist ungewiss. Fest steht jedenfalls, dass »einige Leute, die dem ehemaligen Bürgermeister nahestanden, Vollmitglieder der Mafiaorganisation waren und bei einigen schweren Korruptionsfällen die Hauptrolle spielten«, wie Generalstaatsanwalt Pignatone im Dezember 2014 in einer Pressekonferenz erklärte.

Fest steht, dass Carminati während der Regierungszeit Alemannos – von Mai 2008 bis Juni 2013 – sein kriminelles Imperium in vollem Umfang ausbauen konnte. »Er findet und rekrutiert Unternehmer, unterhält Beziehungen zu Mitgliedern anderer krimineller Organisationen, zu Vertretern aus Politik, Institutionen und Finanz, zu Angehörigen der Ordnungskräfte und der Geheimdienste«, war im Bericht der Ermittler zu lesen. Fest steht auch, dass sich die Beziehungen zwischen Mafia und Stadtverwaltung nach dem Amtsantritt von Marino grundlegend änderten, wie Pignatone erklärte. Auch wenn Carminatis Leute vor den Wahlen der Überzeugung waren, sie könnten einem eventuellen Erfolg Marinos gelassen entgegenblicken, denn »sie hätten in beiden politischen Lagern Freunde, also Personen, die zu ihrer Verfügung standen«.


»Mit den Flüchtlingen lässt sich mehr Geld machen als mit dem Drogenhandel.« Die »Genossenschaft 29. Juni«, Teil des Mafianetzwerks in Rom, verwaltete das Auffanglager im sizilianischen Mineo, das größte Europas (Aufnahme vom April 2015)


Zu Carminatis Leuten gehörte auch ein Mann, dessen Name in den Berichten über Mafia Capitale meist in einem Atemzug mit ihm genannt wird: Salvatore Buzzi. Wenn auf den Gehaltslisten der Mafiaorganisation auch Namen von Mitgliedern des Partito Democratico (PD) standen, dann war es meist Buzzi, der die entsprechenden Kontakte geknüpft hatte. Als Gründer und Präsident eines Netzwerkes von Kooperativen verfügte er über gute Beziehungen zu vielen »linken« Politikern der Hauptstadt. Den Ermittlungen zufolge hatten die beiden – Buzzi und Carminati – einige Jahre lang fast unbeschränkten Einfluss auf die Entscheidungen der Stadtverwaltung.

Salvatore Buzzi, geboren 1955 in Rom, in jungen Jahren als Bankangestellter tätig, ermordete im Alter von 25 Jahren einen Komplizen, mit dem er Scheckbetrügereien organisiert hatte. Für den Mord – Buzzi hatte sein Opfer mit 34 Messerstichen getötet – wurde er zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis erwies er sich als Musterhäftling. Er schloss sein Literaturstudium mit Auszeichnung ab und begann, Jura zu studieren, er arbeitete in der Bibliothek der Haftanstalt und organisierte gemeinsam mit anderen Gefangenen Aufführungen der Antigone von Sophokles (bei der Premiere war auch der italienische Justizminister im Publikum). Er bereitete Kongresse über alternativen Strafvollzug vor. Eine solche Tagung fand am 29. Juni 1984 statt, auch hier waren namhafte Politiker eingeladen, unter ihnen der Rechtsbeauftragte der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) und spätere Präsident der Abgeordnetenkammer Luciano Violante.

Salvatore Buzzi

Auf dem Kongress illustrierte Buzzi seine Idee, mit einigen Mithäftlingen eine Kooperative zu gründen, die für die Stadtverwaltung Arbeiten – vor allem in der Pflege der städtischen Grünanlagen – übernehmen sollte. Der Vorschlag, der es den beteiligten Häftlingen erlaubte, einige Stunden am Tag außerhalb der Gefängnismauern zu verbringen, fand allgemeine Zustimmung, und ein Jahr später wurde die »Cooperativa 29 Giugno« gegründet. Im Lauf der Jahre entwickelte sich diese Genossenschaft prächtig, Buzzi wurde auf Bewährung freigelassen und 1994 schließlich vom italienischen Staatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro begnadigt.






Buzzis Organisation ist Teil des italienischen Kooperativen-Systems, dessen Ursprünge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, als in Mailand – im Jahr 1886 – die »Federazione delle Società Cooperative Italiane« gegründet wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur Spaltung in eine sozialistische (Legacoop) und eine katholische Vereinigung (Confcooperative). In der Zeit des Faschismus wurde die Lega aufgelöst und viele Genossenschaften mussten ihre Tätigkeit einstellen. Im Jahr 1946 wurde das Kooperativwesen in der italienischen Verfassung verankert: »Die Republik anerkennt die soziale Funktion der Kooperativen zur gegenseitigen Hilfe und ohne den Zweck privater Spekulation. Das Gesetz fördert deren Wachstum mit geeigneten Mitteln und garantiert – mit den entsprechenden Kontrollen – ihr Wesen und ihre Ziele«..
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