Sie sind wieder da
Die US-Regierung rüstet sich gegen die Camorra, denn
sie bedroht das Land wie lange nicht mehr. Italien sollte sich dem
Kampf anschließen.
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| Little Italy in New York City |
Es ist eine Revolution. Zum ersten Mal bezeichnet die amerikanische Regierung die Camorra
als »eine der vier gefährlichsten Verbrecherorganisationen für die
wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten« – neben dem
mexikanischen Los-Zetas-Kartell, der russischen Mafia-Bruderschaft und
der japanischen Yakuza. Die Camorra ist damit nicht mehr nur ein fernes
kriminelles Problem, das man der Ethik wegen bekämpfen sollte. Nein, die
neapolitan mafia, wie man sie in Übersee nennt, ist nun eines der größten Wirtschaftsprobleme der Vereinigten Staaten von Amerika.
Alles begann mit einer Mitteilung von Präsident Obama
aus Anlass einer Pressekonferenz in Washington. Beigefügt war ihr eine
detaillierte Beschreibung des Phänomens: Die kriminellen Netzwerke, so
stand dort, sind im Begriff, ihre Operationen über die nationalen
Grenzen hinweg auszuweiten, ihre Tätigkeitsbereiche zu diversifizieren
und insgesamt komplexer und raffinierter zu werden. »Sie vereinigen sich
mit korrupten Regierungselementen und nutzen deren Macht und Einfluss,
um ihre kriminellen Machenschaften voranzutreiben.« Die US-Regierung
betont, dass die Camorra sich umso tiefer ins Wirtschaftssystem eines
Staates einnisten und ihn damit umso mehr gefährden kann, je enger sie
sich mit der Regierung verbündet hat.
Schon im Januar dieses Jahres zeigte sich, was Washington über die italienischen Mafia-Vereinigungen denkt. WikiLeaks veröffentlichte damals die Depeschen des ehemaligen amerikanischen Konsuls von Neapel,
J. Patrick Truhn, die dieser im Juni 2008 an seine Regierung gesandt
hatte. Truhn berichtete darin von Lebensmitteln, die importiert und dann
als italienische Produkte verkauft würden: moldawische Äpfel, mit
Pestiziden vergiftet, marokkanisches Salz, von Kolibakterien durchsetzt.
Außerdem berichtete er, dass zwei Drittel der regionalen Brotfabriken
von Mafia-Clans kontrolliert würden und dass das Brot mit toxischen
Zusätzen versehen sei. Dass der Mozzarella in Caserta zuweilen aus
bolivianischem Milchpulver hergestellt werde und dass in Kampanien
illegale Abfälle aus ganz Italien vergraben würden.
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| Lebensmittel-Razzia in Caserta |
Mit Blick auf
Kalabrien sprach der Konsul von einem Gebiet, das sich ganz »in der Hand
von Erpressern und Drogenhändlern« befinde, mit einer Bevölkerung, »der
jeglicher Optimismus abgeht und die ihre lokalen Politiker für unfähig
und korrupt hält«. Viele amerikanische Unternehmer weigerten sich, in
Süditalien zu investieren, aus Angst vor der Mafia, schrieb der Konsul.
Und er schloss mit den Worten: »Die von der organisierten Kriminalität
verursachten Kosten belasten letztendlich fast jeden italienischen
Bürger, sei es auf direktem oder indirektem Weg. Wir müssen die
neue italienische Regierung davon zu überzeugen suchen, dass das
organisierte Verbrechen für die amerikanische Regierung ein ernstes
Problem darstellt und dass die absurd hohen Kosten dieses Verbrechens
ein ausreichendes Argument dafür sind, sofort zu handeln.« Der Bericht
des Konsuls ging an den zuständigen Staatssekretär, an die CIA, ans FBI,
an die DEA und an 18 weitere amerikanische Regierungsstellen.
Auf die Enthüllung der Depesche reagierten die italienischen
Politiker mit der Versicherung, es werde bereits alles Notwendige getan,
um die Mafia zu bekämpfen, im Übrigen seien die Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten hervorragend. Damit kamen sie durch, weil es sich
damals »nur« um Berichte handelte, die von WikiLeaks veröffentlicht
worden waren. Das geht jetzt nicht mehr. Diesmal handelt es sich um eine
offizielle Stellungnahme der amerikanischen Regierung. Vor Kurzem hat
sie einen Aktionsplan mit dem Titel
Strategy to Combat Transnational Organized Crime
entworfen. Er wurde, mitsamt dem Geleitwort Barack Obamas, in
einer Pressekonferenz im Weißen Haus vorgestellt, an der unter anderem
Justizminister Eric Holder, Heimatschutzministerin Janet Napolitano
sowie Sicherheitsberater John Brennan teilnahmen.
Der Neuaufstieg der neapolitanischen Mafia ist im Fernsehen zu besichtigen
Dieses Dokument und vor allem die Einsicht, dass die Camorra eine
durchstrukturierte verbrecherische Organisation ist, die eingedämmt
werden muss, sind alles andere als Selbstverständlichkeiten. Für die
Amerikaner spielte die
neapolitan mafia in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zur sizilianischen Cosa Nostra und zur kalabresischen ’Ndrangheta
eine marginale Rolle. Das könnte daran liegen, dass die
italo-amerikanische Mafia in einer tiefen Krise steckt. Der Rico Act
(Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act) – ein
Anti-Mafia-Gesetz, das im Falle eines Verbrechens Klageerhebung gegen
sämtliche Mitglieder einer kriminellen Vereinigung vorsieht, auch wenn
nur einer oder einige von ihnen aktiv an der Tat beteiligt waren – hat
ihr buchstäblich das Rückgrat gebrochen.
In den sechziger und siebziger Jahren wurden die italo-amerikanischen
Vereinigungen wie große Schwestern der italienischen Gruppierungen
betrachtet; in New York beherrschte die Mafia große Teile des Baugewerbes und der Müllentsorgung.
Diese Macht verlor sie jedoch nach und nach, da die neuen
Mafiosi-Generationen nicht mehr über die Erfahrung und das diplomatische
Geschick ihrer Väter verfügten. Deshalb begann der Mafia-Boss Carmine
»Lilo« Galante um die Mitte der siebziger Jahre, neue Mitglieder direkt
in Sizilien
zu rekrutieren: in der Hoffnung, sie seien verlässlicher, skrupelloser
und weniger den Bequemlichkeiten und Extravaganzen der Neuen Welt
verfallen. Wenn nun eine der New Yorker »Familien« irgendeine delikate
Operation zu Ende bringen muss, lässt sie zu diesem Zweck
»Vertrauenspersonal« aus Italien kommen.
Carmine Galante - erschossen in seinem Lieblingsrestaurant 1979
Was übrig blieb von der alten italo-amerikanischen Mafia, ist eine Art
Unterwelt, die aber mehr ästhetischen als realen Charakter hat. In den USA
nennt man sie »Guidos«: durchtrainierte, braun gebrannte Jungs mit
protzigen goldenen Ringen und Ketten und gegeltem Haar, die ihre
Gesichter beim Essen dicht über die Teller hängen und einen Slang reden,
der sich nach italienischer Verballhornung anhört. Eine Mafia zum
Vorzeigen: Es gibt sogar eine Reality-Show namens
Mob Wives,
die das Alltagsleben von vier italo-amerikanischen Mafiosi-Frauen
darstellt, deren Männer allesamt wegen Mafia-Verbrechen einsitzen.
Der Clan der Bonanno
In New York aber verwalten noch immer die fünf großen Mafia-Familien –
die Gambino, Colombo, Bonanno, Lucchese und Genovese – das Know-how der
Organisierten Kriminalität, auch wenn heute so gut wie keiner mehr
diese Namen trägt.
Gambino bei seiner Verhaftung in New York
Währenddessen hat es die Camorra geschafft, abseits
des Rampenlichts Wurzeln zu schlagen. Beginnend mit dem berühmtesten
Gangster aller Zeiten, mit Alfonso Capone, genannt Al, gebürtig aus der
Provinz Neapel, der davon träumte, dereinst in seine Heimat
zurückzukehren und sie »samt und sonders aufzukaufen«, bis hin zu den
vielen in den vergangenen Jahren aufgedeckten Geschäften fand stets ein
reger Austausch zwischen der Camorra und den Vereinigten Staaten statt.
Thomas Gioeli - Clanchef der Colombo-Familie
So wurden Warenfälscherringe aufgedeckt, die von der Camorra
kontrolliert werden: gefälschte Bosch-Schlagbohrer und Canon-Kameras,
Lederbekleidung, aus dem Orient importiert oder in der Provinz Neapel
hergestellt, die dann in den Läden zusammen mit den Originalen zum
Verkauf angeboten werden.
Joseph Bonanno
In einem Erlass aus dem Jahr 2005 wiesen die Untersuchungsrichter der
neapolitanischen DDA (Direzione Distrettuale Antimafia) nach, dass das
Monopol für den Fälschermarkt in Europa,
Amerika und Australien jahrelang in den Händen eines kriminellen
Netzwerks lag, das unter anderem aus neapolitanischen Unternehmern
bestand, die Geschäftsbeziehungen mit Camorra-Familien unterhielten. In
der Folge wurden nicht nur Angehörigen der Mafia-Clans Handschellen
angelegt, sondern auch Inhabern von großen neapolitanischen
Bekleidungsunternehmen.
Paolo Ottaviano, der als Boss des
Mazzarella-Clans gilt und 2008 verhaftet wurde, hatte im Auftrag des
Clans den Handel mit gefälschter Ware kontrolliert. Laut Aussage einiger
Mafia-Kronzeugen reiste er ständig zwischen Italien und den USA hin und
her, um die Geschäfte des Clans abzuwickeln.
Paolo Mazzarella
Aus einer Ermittlung der
DIA (Direzione Investigativa Antimafia) von Neapel und Padua
vom April 2011 geht hervor, dass ein in Padua ansässiger Hersteller von
Müllverbrennungsanlagen es zum Marktführer in vielen Teilen der Welt
gebracht hat, unter anderem auch in New York, mit Firmensitz nahe der
Wall Street, und zwar dank beträchtlicher Geldsummen, die ihm von
Cipriano Chianese zugeflossen sind, dem Boss des Canalesi-Clans, auch
bekannt als König des Mülls.
Cipriano Chianese - König der Müllmafia
Dass die
neapolitan mafia dabei war, wieder
Terrain zu gewinnen, bemerkte die Filmindustrie noch vor der Polizei.
Die Sopranos, berühmteste TV-Mafia-Familie, stammen dem Drehbuch zufolge
aus Avellino, und obwohl sie inzwischen in jeder Hinsicht Amerikaner
sind, unterhalten ihre Angehörigen stets noch Verbindungen zum
»Mutterhaus«. In einer berühmten Folge begeben sich die Protagonisten
von ihrem Wohnort New Jersey aus auf eine Geschäftsreise nach Neapel, um
dort einen Handelsvertrag für gestohlene Autos abzuschließen. Und
ebenfalls in Neapel macht Tony Soprano sich auf die Suche nach
zuverlässigen Auftragskillern – ganz so, wie es in den siebziger Jahren
Carmine »Lilo« Galante getan hatte.
All dem stehen die Millionen Italoamerikaner entgegen, die in den
Staaten leben und darunter zu leiden haben, dass man sie für Mafiosi
hält. Es ist ein Vorurteil, das auch deshalb Schaden anrichtet, weil es
sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Deutschland den intakten
italienischen Gemeinschaften zu verdanken ist, dass die Mafia sich nicht
weiter ausbreitete. Italiener haben der ganzen Welt vorgemacht, wie man
die Mafia bekämpft: Es gilt, die Erinnerung an jene zu pflegen und
hochzuhalten, die sich den Mafia-Vereinigungen widersetzt haben, und den
Einsatz und Opfermut zu würdigen, den jene Unternehmer aufbringen
mussten, die »sauber« blieben.
Schluss mit den Ausflüchten, Italien muss das Alarmsignal hören!
So versteckt die Einladung der US-Regierung zur Mitarbeit, so
unverhüllt ist die Kritik an der italienischen Regierung. Sie kommt
jedoch nicht unerwartet. Unser Land steht seit geraumer Zeit unter
Beobachtung, jetzt wird abgerechnet. In den Vereinigten Staaten spricht
man von der Camorra als einer Gefahr für die Demokratie, während man sie
in Italien merkwürdigerweise für besiegt erklärt. Und die bloße
Erwähnung der offensichtlichsten aller Wahrheiten, nämlich der Tatsache,
dass die meisten Mafia-Geschäfte im Norden des Landes stattfinden, hat
eine Welle von Ärger und Wut bei den regierenden Parteien ausgelöst, die
gerne leugnen würden, dass die Mafia sich auch in jenen Regionen
eingebürgert hat, aus denen sie ihre Wählerstimmen beziehen.
Denen, die meinen, über das Organisierte Verbrechen zu reden bedeute,
Italien zu diffamieren, antworte ich, dass unser Land die ältesten
Anti-Mafia-Organe der Welt besitzt und dass wir die Einladung der
amerikanischen Regierung mit Begeisterung aufnehmen sollten; denn wir
könnten zu einem wertvollen Verbündeten im Kampf gegen die kriminellen
Organisationen werden.
Das Vorgehen der Amerikaner taugt als Schlag gegen die versteinerte
Gleichgültigkeit der italienischen Öffentlichkeit, die es zuließ, dass
Nicola Consentino ungestraft für das wichtige Amt des
Vize-Wirtschaftsministers nominiert wurde, obwohl er derzeit wegen
Beihilfe zu diversen Mafia-Verbrechen unter Anklage steht.
Nicola Consentino
In Neapel
wurden Ermittlungen eingeleitet, von denen auch Mitglieder der Regierung
und der Mehrheitsparteien betroffen sind, darunter sogar der
Regionalpräsident von Neapel, Luigi Cesaro. Ebenfalls in Neapel
überprüft die Staatsanwaltschaft einen Bericht, in dem ein Zusammenhang
hergestellt wird zwischen Camorra, Unternehmen und korrupten Mitgliedern
der Ordnungskräfte.
Wenn die italienische Regierung fortfährt mit ihren
Bagatellisierungen und billigen Ausflüchten oder wenn sie, schlimmer
noch, das aus Amerika kommende Alarmsignal ignoriert, liefert sie einen
weiteren Beweis ihrer Schwäche und Unzuverlässigkeit, und zwar in einem
extrem kritischen Moment.