Sonntag, 8. September 2013

"Nur der Markt für Drogen blüht"

Ohne konsequente Bekämpfung der Mafia gibt es keinen wirtschaftlichen Fortschritt in Italien. Das sagt in einem ausführlichen Gespräch mit Claudio M. Mancini der oberste Mafia-Jäger, Staatsanwalt Franco Roberti.


Franco Roberti, Procuratore



MANCINI:
Signore Roberti, im jüngsten Bericht des italienischen Innenministeriums über Polizeiaktivitäten für öffentliche Sicherheit werden wichtige Fortschritte bei der Verfolgung der Spitzen der Mafia erwähnt. Sinkt die Macht der Clans?

 
FRANCO ROBERTI:
Ich glaube, ja. Andererseits haben die kriminellen Vereinigungen als Reaktion auf ihre effektivere Bekämpfung die eigenen Vorgehensweisen geändert. In Italien haben wir zum Beispiel eine starke Gesetzgebung gegen illegale Vermögen. In den letzten Jahren haben wir viele große Vermögen beschlagnahmt. Aber was tut die Mafia in solchen Fällen? Sie umgeht das Land, in dem eine starke Gesetzgebung existiert und verschiebt ihre Vermögen in andere Länder.

 

MANCINI:
Welches sind die Hauptgeschäftsfelder der Mafia-Clans? Haben sie sich in den letzten Jahren verändert?

 
ROBERTI:
Das Hauptfeld der Mafia-Clans sind seit jeher Erpressungen und Aufträge der öffentlichen Hand. Derzeit gestalten sich Erpressungen von Unternehmern wegen der Wirtschaftskrise schwierig. Die Unternehmer haben kein Geld, infolgedessen ist der Markt der Erpressungen und der öffentlichen Aufträge geschrumpft. Viele Mafia-Organisationen, die den Drogenhandel fast aufgegeben hatten, sind wieder zu diesen Aktivitäten zurückgekehrt. So sind wir mit einem wachsenden Drogenhandel und infolgedessen sinkenden Preisen konfrontiert. Der einzig blühende Markt ist derzeit der der Drogen!

 
MANCINI:
Ist die Gesetzgebung zur effektiven Bekämpfung der Mafia ausreichend oder besteht Verbesserungsbedarf?

 
ROBERTI:
Alles ist verbesserungsfähig. Es ist aber vor allem eine Frage der Organisation und der Prioritäten. Die Bekämpfung des organisierten Verbrechens muss in Italien zu einer Priorität werden. Wenn es ein Hauptanliegen ist, gibt es keine Grenzen für Ausgaben. Dann muss man mehr Mittel einsetzen, mehr für die Polizeikräfte ausgeben, um dafür zu sorgen, dass die Justizmaschinerie funktioniert. Dieses Land hat sich bislang noch nie dafür entschieden, die Justiz funktionieren zu lassen. Wenn man die Justiz als Last ansieht, die es zu tragen gilt, gibt man immer weniger dafür aus. Ohne funktionierende Justiz wird es keine echte Wirtschaftsentwicklung geben. Die Firmen, die sich in Zeiten der Krise von der Mafia finanzieren lassen, machen den anderen Unternehmen, die kein Mafia-Geld erhalten und keinen Zugang zu Bankkrediten haben, unlautere Konkurrenz. Diese Unternehmen gehen ein und lassen die Arbeitslosigkeit steigen. Wer geht nie pleite? Das Mafia-Unternehmen. Der Kampf gegen die Mafia ist die Voraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt.

 
MANCINI:
Bei der internationalen Verfolgung von Mafia-Clans kam es oft zu Spannungen zwischen deutschen und italienischen Ermittlern. Sind die Schwierigkeiten überwunden?

 
ROBERTI:
Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens hat sich seit dem Massaker von Duisburg entscheidend verbessert. Bis dahin gab es seitens der deutschen Behörden kaum Bereitschaft, die Präsenz der Mafia auf ihrem Territorium anzuerkennen. Mittlerweile gibt es erhebliche Fortschritte, denn Duisburg hat die Gegenwart vor allem der besonders aggressiven, reichen und gefährlichen kalabresischen Mafia in Deutschland erwiesen. Heute gibt es ein Abkommen zwischen meiner Behörde, der nationalen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft, und dem Bundeskriminalamt, das die Identifizierung mafiöser Familien in Deutschland mit den jeweiligen Geschäftsbereichen ermöglicht. Seither haben die Ermittlungen in mehreren Teilen Deutschlands Ergebnisse gezeitigt, vor allem was die Ndrangheta angeht. Bis vor wenigen Jahren war es praktisch unmöglich, von Italien aus in Deutschland Abhörmaßnahmen durchzuführen. Damals waren die deutschen Behörden sehr rigide, das hat sich geändert.


MANCINI:
Kann man angesichts der internationalen Vernetzung und neuen technologischen Möglichkeiten für kriminelle Aktivitäten noch zwischen Mafia und anderen Formen von organisiertem Verbrechen unterscheiden?

 
ROBERTI:
Die Grenzen sind fließend. Der letzte Europol-Bericht nennt 2600 Mafia-Organisationen auf dem Territorium der EU. Darin heißt es auch, dass die italienischen Organisationen nach wie vor die stärksten sind. Die traditionellen italienischen Mafia-Clans haben offenbar Schule gemacht. Sie sind für Verbrecherbanden aus anderen Ländern ein Modell. Viele Organisationen handeln in Europa wie die Mafia, auch wenn sie sich aus anderen Ethnien rekrutieren.

 
Info Staatsanwalt Franco Roberti (61) wurde im Juli vom Obersten Richterrat zum Chef der italienischen Anti-Mafia-Behörde gewählt.

Freitag, 6. September 2013

Gericht sieht „Pakt“ zwischen Berlusconi und Mafia

Fast zwanzig Jahre lang soll Silvio Berlusconi den Schutz der sizilianischen Mafia genossen haben. Das geht aus der Begründung eines Urteils gegen einen Vertrauten Berlusconis hervor. Das Gericht sprach deshalb von einem „Pakt“. In diesem Zusammenhang dürfte Berlusconi eine weitere Haftstrafe erwarten.
 
 
Das Berufungsgericht in Palermo schreibt in einer Urteilsbegründung von einem „Pakt“
 zwischen Silvio Berlusconi und der sizilianischen Mafia


Gegen Bezahlung großer Bargeldsummen soll der frühere italienische Regierungschef Silvio Berlusconi zwischen 1974 und 1992 unter dem Schutz der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia gestanden haben. Das geht aus der Begründung eines Urteils gegen einen Vertrauten Berlusconis hervor, aus der italienische Medien am Donnerstag zitierten. Nach Angaben des Berufungsgerichts in Palermo fungierte der frühere Senator Marcello dell´Utri „als Vermittler eines Paktes zwischen Silvio Berlusconi und der Mafia“.

Dell´Utri, der wegen seiner Verbindungen zur Mafia im März zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, stellte den Angaben zufolge den Kontakt zwischen dem damals aufsteigenden Geschäftsmann Berlusconi und den Mafiabossen her.

 
Berlusconi war als Zeuge aufgetreten
 
In dem Berufungsprozess war Berlusconi im September 2012 als Zeuge aufgetreten. Dabei ging es um die Frage, ob er durch die Mafia erpresst wurde und ihrem Mittelsmann Dell´Utri 40 Millionen Euro überwies. Der Politiker wies dies zurück und sagte, er habe mit den Zahlungen an den Senator lediglich einem „Freund helfen“ wollen. Dell´Utri hatte mehr als 30 Jahre lang die Werbesparte Publitalia von Berlusconis Unternehmensgruppe Fininvest geführt und war einer der Mitbegründer von Berlusconis Partei Forza Italia.

Berlusconis Parteifreund Luca D´Alessandro warf dem Gericht Hetze gegen den früheren Ministerpräsidenten vor. Die Justiz suche die Schuld Berlusconis „auch in Prozessen, in denen er gar nicht angeklagt ist“. Der ehemalige Ministerpräsident wurde Anfang August letztinstanzlich wegen Steuerbetrugs zu einer auf ein Jahr reduzierten Haftstrafe verurteilt. Wegen seines hohen Alters muss er diese Strafe nicht im Gefängnis verbüßen. Der Senat entscheidet in Kürze über einen Ausschluss Berlusconis aus dem Oberhaus.

Donnerstag, 5. September 2013

"Deutschland ist die zweite Heimat der 'Ndrangheta"

Ihr Vater wurde von der Mafia hingerichtet, seitdem kämpft Sonia Alfano gegen das organisierte Verbrechen. Im Interview warnt die Vorsitzende der EU-Anti-Mafia-Kommission vor der kalabrischen 'Ndrangheta in Deutschland, die sich unbehelligt in der Gesellschaft eingenistet habe.

Das Büro der EU-Abgeordneten Sonia Alfano liegt in einem der besseren Wohnviertel von Palermo. Vom Balkon aus schaut man auf den mächtigen Monte Pellegrino, dessen zackiges Profil sich scharf im Sonnenlicht abzeichnet. Durch die Straßenschlucht rauschen Autos, im Schnellimbiss um die Ecke tragen schlaksige Jungs die neuesten Motorradhelme am Arm spazieren. Die Männer, die ihnen frittierte Reisbällchen servieren, haben Bäuche so groß wie Halloween-Kürbisse.


EU-Parlamentarierin Alfano: "Italien hat die miesesten Politiker der Welt"

Doch dies ist nur eine Seite der Stadt. Auf der anderen wühlen krätzekranke Katzen in Müllbergen, brennen Randalierer Schulen nieder, zerfallen historische Gebäude zu Staub, während nie fertig gestellte Neubauten wie faule Zähne die Straßen säumen.

"Palermo ist eine sterbende Stadt", sagt Sonia Alfano. Seit sie denken kann, kämpft die 41-jährige Sizilianerin gegen die Mafia. Als Auftragsmörder der Cosa Nostra ihren Vater Giuseppe im Januar 1993 mit drei gezielten Schüssen niederstreckten, begann für sie eine neue Zeitrechnung.

Alfano, ein politisch weit rechts stehender Journalist, hatte sich mit seinen Recherchen über korrupte Unternehmer und flüchtige Mafiosi zahllose Feinde gemacht. Ein Auftraggeber des Mordes, Giuseppe Gullotti, wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt, von den wahren Hintermännern fehlt jedoch weiter jede Spur.



Sonia Alfano zeigte Versäumnisse der Ermittler in dem Mordfall auf und bewirkte eine Neuaufnahme des Verfahrens, das noch immer nicht abgeschlossen ist. Im Jahr 2008 gründete sie mit 40 weiteren Betroffenen einen Nationalen Verband von Familien, die Opfer der Mafia wurden. Für das Mitte-Links-Bündnis Italia dei Valori wurde Alfano ins EU-Parlament gewählt. Seit April 2012 ist sie Präsidentin der ersten europäischen Anti-Mafia-Kommission.



FRAGE: Sie haben den Cosa-Nostra-Boss Bernardo Provenzano im Gefängnis besucht und sich damit ordentlich Ärger eingehandelt. Warum?

Alfano: Es gab eine riesige Aufregung! Gewisse Politiker waren der Meinung, ich habe ein Verbrechen begangen, weil ich gleich mehrere inhaftierte Bosse getroffen habe, um sie dazu zu bewegen, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Einige haben sogar gefordert, ich müsste dafür bestraft werden - dabei sind solche Besuche erlaubt und ganz klar gesetzlich geregelt. Offenbar gibt es Leute, die Angst davor haben, was Provenzano so alles erzählen könnte.

FRAGE: Der "Boss der Bosse" soll nach dem blutigen Mafia-Terror Anfang der Neunziger aus machttechnischen Gründen mit dem italienischen Staat verhandelt haben, ein Verdacht, der bis heute Gerichte und die Öffentlichkeit beschäftigt. Provenzano ist inzwischen alt, krank und suizidgefährdet. Wird er je aussagen?

Alfano: Er ist sicherlich gealtert, aber längst nicht so tatterig, wie einige es darstellen. Ob er aussagen wird, kann ich nicht voraussehen. Aber ich wünsche mir um der Wahrheit willen, dass er letztlich die Gesetze des Staates akzeptieren und mit der Justiz zusammenarbeiten wird.

FRAGE: Seit April sind Sie Vorsitzende der europäischen Anti-Mafia-Kommission. Obwohl die Mafia längst weltweit operiert, gibt es noch immer riesige Probleme bei den grenzüberschreitenden Ermittlungen. Dürfen wir von der neuen Kommission Wunder erwarten?

Alfano: Es ist schon ein Wunder, dass die Kommission überhaupt gegründet wurde. Noch vor einem Jahr hat keiner von uns daran geglaubt. Ich bin froh, dass die Erwartungen hoch sind. Das bedeutet, dass ein Bewusstsein entstanden ist für die immensen Schäden, die Korruption und Organisierte Kriminalität in Europa anrichten. Kein einziger Mitgliedstaat ist dagegen immun.

FRAGE: In Deutschland hat man diese Erkenntnis aber lange verdrängt.

Alfano: Man glaubte, das Problem sei erst mit den Mafia-Morden von Duisburg im Jahr 2007 aufgekommen. Dabei waren 'Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra schon lange vorher in Deutschland aktiv. Die Behörden haben nach dem Blutbad in der Pizzeria aber weiter so getan, als wäre nichts geschehen. Nachlässigkeit und Verharmlosung haben dazu geführt, dass die Mafia sich unbehelligt in der Gesellschaft einnisten konnte.

FRAGE: Wovor müssen sich die Deutschen fürchten?

Alfano: Vor ihrer eigenen Unwissenheit. Deutschland ist die zweite Heimat der kalabrischen 'Ndrangeta, der reichsten kriminellen Organisation der Welt. Sie transportiert Drogen über deutsches Territorium, hat die Wirtschaft unterwandert, ist gesellschaftlich akzeptiert. Bei den kolumbianischen und mexikanischen Drogenkartellen gilt sie als glaubwürdig, zuverlässig und finanzstark. Man zahlt Cash und macht keine Scherze, weiß, wie man mit Politikern und Würdenträgern umzugehen hat.

FRAGE: Deutschland gilt als Eldorado der Geldwäscher, vor allem aus Italien fließt das Geld in Strömen. Wie kann die europäische Anti-Mafia-Kommission dem begegnen?

Alfano: Die größte Herausforderung ist die Vereinheitlichung der Justizsysteme der EU-Länder. Wir müssen Gesetze einführen, die für alle bindend sind, aber Rücksicht nehmen auf die Unterschiede und die Komplexität der verschiedenen Rechtssysteme.

FRAGE: Reichen die nationalen Gesetze nicht aus?

Alfano: Ein Beispiel: Italienische Ermittler informieren deutsche Kollegen über ein kalabrisches Dorf, das kollektiv nach Deutschland übergesiedelt ist - ganz klar mit dem Ziel, illegale Geschäfte zu betreiben und Geld zu waschen. Auf ihre Warnungen hin antworten die deutschen Polizisten, dass ihnen die Hände gebunden sind, solange die mutmaßlichen 'Ndranghetisti brav ihre Steuern zahlen und ansonsten unauffällig bleiben.

FRAGE: Das liegt an der unterschiedlichen Rechtslage. Deutschland kennt den Straftatbestand der Mafia-Zugehörigkeit nicht.

Alfano: Das ist ein Manko, das inzwischen auch führende Strafverfolger in Deutschland beklagen. In Italien muss jeder, der als Mafiamitglied enttarnt wird, beweisen, dass er sein Vermögen legal erworben hat. Kann er das nicht, wird sein Hab und Gut konfisziert.

FRAGE: In Deutschland ist es umgekehrt. Hier müssen die Ermittler nachweisen, aus welcher Straftat das Mafia-Geld stammt.

Alfano: Ja, das erschwert die Strafverfolgung immens. Das italienische Strafgesetzbuch regelt außerdem, dass der eingezogene Mafia-Besitz nur anerkannten sozialen Organisationen überschrieben werden darf - ein wichtiger Punkt, denn würde der Staat das Vermögen wieder veräußern, könnten die Mafiosi es einfach zurückkaufen.

FRAGE: Um Mafiazugehörigkeit nachweisen zu können, nutzen italienische Fahnder Abhörtechniken, die bei uns aus Datenschutzgründen nur in Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Glauben Sie, dass es ihnen gelingen wird, in so delikaten Fragen einen Konsens zu finden?

Alfano: Hindernisse wird es immer geben. Aber wenn der politische Wille vorhanden ist, werden wir uns durchsetzen.

FRAGE: Trotz der flexiblen Gesetzgebung ist es Italien nicht gelungen, die Mafia auszurotten, im Gegenteil. Zwar hört man immer wieder von spektakulären Festnahmen. Die Verstrickung von Politik und organisiertem Verbrechen scheint aber immer enger zu werden.

Alfano: Das stimmt. Wir haben zwar die besten Anti-Mafia-Gesetze der Welt, die besten Ermittler und Staatsanwälte. Die treffen aber leider auf die miesesten und verantwortungslosesten Politiker der ganzen Erde.

FRAGE: Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi ist in Mailand wegen Steuerbetrugs zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Ist das ein Meilenstein im Kampf gegen Italiens korrupte politische Klasse?

Alfano: Wohl kaum. Niemand braucht ein solches Urteil, um zu erkennen, wie selbstbezogen und nur auf Basis persönlicher Interessen italienische Politiker ein Gemeinwesen führen - von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen.

FRAGE: Sie selbst stammen aus Sizilien, wo gerade eine neue Regionalregierung gewählt wurde. Der ehemalige Regionalpräsident Raffaele Lombardo war wegen mutmaßlicher Mafiakontakte und Stimmenkaufs zurückgetreten. Was erwarten Sie von der neuen Regierung, von Rosario Crocetta, der als Polemiker unter den Anti-Mafia-Kämpfern gilt?

Alfano: Crocetta muss sich immensen Herausforderungen stellen, denn Sizilien zu regieren ist extrem schwierig. Er muss die Mafia aus Verwaltungsposten und öffentlichen Ämtern drängen. Das gelingt nur mit klaren Signalen und konkreten Maßnahmen. Aber ich kenne Crocetta gut, er kämpft schon so lange gegen die Mafia, wurde immer wieder mit dem Tode bedroht und ist heute mein Stellvertreter in der Europäischen Anti-Mafia-Kommission. Ich weiß, dass er sehr entschlossen gegen die Organisierte Kriminalität vorgehen wird.

FRAGE: Auf dem Korruptionsindex von Transparency International rangiert Italien auf Platz 69 von 180, nur wenige Plätze vor China und Kolumbien. Gerade wurde in Rom ein neues Gesetz verabschiedet, das die Korruption im Land eindämmen soll. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Alfano: Das ist kein Gesetzentwurf, das ist ein Scherz! Da wird viel Rauch in die Luft geblasen um zu verschleiern, dass es gewissen Politikern nur darum geht, ihre Immunität zu bewahren und sich Straffreiheit zu sichern. Inhaltlich ist das eine Farce, der Entwurf ändert nichts an der bestehenden Situation.

FRAGE Ihr Vater Giuseppe Alfano wurde 1993 von der Mafia hingerichtet. Wie sind Sie damit umgegangen?

Alfano: Ich war 21, als mein Vater ermordet wurde. Zu Beginn schien mir die Tat einfach nur absurd - wieso ausgerechnet er? Dann folgten der Schmerz, ein erster Moment der Ruhe, dann die Angst. Irgendwann wurde mir bewusst, wie schmählich uns der Staat im Stich gelassen hat. Dann kam die Wut.

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Dienstag, 3. September 2013

Mafia - Spur bis Ravensburg

Die Mafia hat ihren Wirkungskreis längst nach Deutschland ausgedehnt. Bei der Bekämpfung jedoch gibt es Mängel, beklagen italienische Ermittler.

Italienische Mafia-Familien sind in Deutschland nicht erst seit der Bluttat von Duisburg aktiv. Der sechsfache Mord von 2007, als unter den Augen der Öffentlichkeit ein Bandenkrieg der kalabresischen Ndrangheta ausgetragen wurde, weckte in Deutschland jedoch endgültig das Bewusstsein für die Gegenwart italienischer Clans.

Gemeinsam mit italienischen Staatsanwälten machten deutsche Ermittler sich in der Zwischenzeit ein genaues Bild der Familien und ihrer jeweiligen Geschäftsbereiche. Bereits Ende der achtziger Jahre verlegte die neapolitanische Camorra-Familie Licciardi einen Teil ihrer Aktivitäten nach Deutschland. Nach dem Fall der Berliner Mauer breiteten sich kalabresische Ndrangheta-Clans aggressiv auch in Ostdeutschland aus, etwa in Chemnitz.


Giuseppe Licciardi - Mafaia-Boss und Clan-Chef der Familie Licciardi


Vergeblich hatten italienische Ermittler bis 2007 auf Abhörmaßnahmen gegen Mafia-Clans in Deutschland gedrungen. Mittlerweile wurden Familien auch in Stuttgart, Singen, Ravensburg, Solingen und Frankfurt/Main nachgewiesen.

Die Zusammenarbeit zwischen italienischen Ermittlern und Bundeskriminalamt führte zwar ein klares Bild der Verzweigung vor allem kalabresischer Familien in Deutschland zutage. Mehrere in Deutschland ansässige Mafiosi wurden mittlerweile verurteilt. Doch eine Eindämmung der Mafia-Kriminalität gelang dadurch aus italienischer Sicht offenbar noch nicht.

Deutsche Zurückhaltung bei der Zusammenarbeit mit der italienischen Justiz hat im Kampf gegen die Clans nach Einschätzung der Ermittler in Italien zwanzig Jahre gekostet. In Deutschland wird aufgrund der Vergangenheit wesentlich zurückhaltender mit Abhörmaßnahmen umgegangen. Diese sind im Aufspüren der Clans jedoch das wirksamste Mittel, sagen die italienischen Mafia-Jäger.

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Samstag, 31. August 2013

Anklage gegen 13 Mafia-Mitglieder in Bellinzona

Vor eineinhalb Jahren scheiterte die Bundesanwaltschaft mit einer Anklage vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Jetzt kommt Versuch Nummer zwei.

13 mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta sollen seit 1994 vor allem im Rauschgift- und Waffenschmuggel tätig gewesen sein. Ihr Tätigkeitsgebiet war vor allem die auf der Achse Zürich-Tessin-Italien. Die Bundesanwaltschaft (BA) hat beim Bundesstrafgericht in Bellinzona erneut Anklage gegen die Angeschuldigten erhoben. Eine erste Anklage in dieser Sache hatten die Richter vor eineinhalb Jahren wegen Verfahrensfehlern zurückgeschickt.



Eugenio Ferrazzo, Sohn des prominenten
 'Ndrangheta-Bosses Felice Ferrazzo, wurde verhaftet.
 

Nach der Rückweisung habe die BA zahlreiche Personenbefragungen sowie Schlusseinvernahmen der Beschuldigten durchgeführt. Das Resultat der vorgenommenen Beweisergänzungen habe die ursprünglich erhobenen Vorwürfe bestätigt.


Verbindungen nach Italien

Den 13 Beschuldigten lastet die BA Beteiligung beziehungsweise Unterstützung einer kriminellen Organisation, qualifizierte Geldwäscherei, Betäubungsmitteldelikte, Verstöße gegen das Kriegsmaterialgesetz und weiterer Delikte an.


Felice Ferrazzo - Boss des Clans

Unter den Beschuldigten befindet sich auch der mutmaßliche Chef des 'Ndrangheta-Ablegers. Der in der Schweiz eingebürgerte Mann stammt aus dem italienischen Mesoraca, wo der 'Ndrangheta-Clan Ferrazzo seine Hochburg hat. Der Mann ist in der Schweiz einschlägig vorbestraft.


Schlupfwinkel des Ferrazzo-Clans


zur Entwicklung

Die Carabinieri haben in Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden in der Lombardei eine kriminelle Vereinigung zerschlagen, die aus der Schweiz Waffen und Drogen nach Italien schmuggelte. Der Schmugglerring konnte auf die Hilfe eines Schweizer Ehepaares zählen.
Die Organisation hatte nach Angaben der italienischen Polizei Verbindungen zu einem Clan der 'Ndrangheta, der Mafia in der süditalienischen Region Kalabrien.

Über die italienisch-schweizerischen Grenzübergänge in Brogeda und Gaggiolo seien offenbar seit 2009 beträchtliche Mengen von in der Schweiz legal erworbenen Waffen und Munition nach Italien geschmuggelt worden, sagte der Staatsanwalt der norditalienischen Stadt Varese, Maurizio Grigo, am Donnerstag.



beschlagnahmte Waffen und Sprengstoffe

Die 'Ndrangheta, die inzwischen auch im Tessin und in Zürich stark verwurzelt ist, habe für die Schmuggelaktionen ein «älteres» Schweizer Ehepaar eingesetzt. Über dessen Identität machten die Behörden keine Angaben. Im Auto des Paares seien mehrere Waffen sowie 200 Gramm Haschisch kolumbianischen Ursprungs sichergestellt worden.


Bevorstehender Krieg zwischen den Clans?

Insgesamt wurden gegen acht Personen Strafverfahren eingeleitet. Vier Personen befinden sich in Haft, die restlichen vier unter Hausarrest. Darunter befindet sich der 34-jährige Eugenio Ferrazzo, Sohn des prominenten 'Ndrangheta-Bosses Felice Ferrazzo, der seit 2011 in Haft ist.
Die Ermittlungen wurden in Zusammenarbeit von Carabinieri und der Schweizer Polizei geführt und nahmen nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Varese zwei Jahre in Anspruch.

Die Menge der geschmuggelten Waffen lässt bei der italienischen Polizei Befürchtungen über einen bevorstehenden Krieg zwischen den Clans aufkommen. Der inhaftierte Boss Felice Ferrazzo führt seit Jahren eine Fehde gegen einen rivalisierenden Clan, der unter der Leitung eines abtrünnigen Familienmitglieds steht.

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Freitag, 30. August 2013

Ex-Berlusconi-Getreuer festgenommen

Amedeo Matacena hat Absprachen mit dem in Kalabrien operierenden 'Ndrangheta-Clan getroffen. Seit fast drei Monaten ist er auf der Flucht. Nun wird der ehemalige Parteigänger des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Berlusconi in den Vereinigten Arabischen Emiraten gefasst. Die Flucht endet in Dubai.


Amedeo Matacena

  
Nach monatelanger Flucht ist ein ehemaliger Abgeordneter der inzwischen aufgelösten Partei Forza Italia des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen worden. Polizisten hätten den für seine Verbindungen zur Mafia berüchtigten Unternehmer Amedeo Matacena auf dem Flughafen von Dubai gefasst, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Demnach stieg er aus einem gerade erst von den Seychellen eingetroffenen Flugzeug.

Matacena war im Jahr 2010 wegen Absprachen mit dem kalabrischen 'Ndrangheta-Clan zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Nach der Bestätigung der Strafe im Juni tauchte er jedoch unter.

Der aus einer erfolgreichen Reederfamilie stammende Geschäftsmann war 1994 und 2001 für die Forza Italia ins Parlament eingezogen. Die von Berlusconi geführte Partei wurde später aufgelöst und unter dem Namen Volk der Freiheit (PdL) neu gegründet.

Der skandalumwitterte ehemalige Regierungschef war am 1. August seinerseits wegen Steuerbetrugs bei seinem Medienkonzern Mediaset erstmals rechtskräftig verurteilt worden.

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Donnerstag, 29. August 2013

Proteste nach Interview mit Tochter von Mafia-Boss Riina

Aussagen von Lucia Riina, Tochter der langjährigen Nummer eins der sizilianischen Cosa Nostra, Salvatore Riina, im Schweizer Fernsehen haben für Entrüstung in Italien gesorgt.





In ihrem ersten TV-Interview, aufgenommen in Genf, betonte die 32-Jährige, sie würde niemals ihren Familiennamen ändern.

„Für mich ist es eine Ehre, meinen Namen zu tragen. Er entspricht meiner Identität. Jedes Kind, das die eigenen Eltern liebt, würde niemals seinen Namen ändern“, sagte die Sizilianerin.
Lucia Riina betonte, sie bedauere, dass ihr Vater viele Menschen ermordet habe. Man müsse jedoch in die Zukunft blicken.

Sie versicherte, von ihrem Vater katholisch erzogen worden zu sein. „Zu Hause beteten wir immer für die Menschen, die wir lieben.“ Als schlimmsten Moment ihres Lebens bezeichnete sie den Tag der Verhaftung ihres Vaters. Ihre Mutter habe im Fernsehen davon erfahren.

„Meine Mutter war in unserem Leben besonders wichtig. Sie hat uns unter anderem Lesen und Schreiben gelehrt, weil wir nicht in die Schule gehen konnten“, erzählte Lucia Riina.
Mit der Reise nach Genf habe sie erstmals Italien verlassen. Sie würde gern in der Schweiz leben und arbeiten, sagte Lucia Riina.

Ihre Worte lösten empörte Reaktionen in Italien aus. Die Präsidentin eines Angehörigenverbandes von Mafia-Opfern, Giovanna Maggiani Chelli, wies darauf hin, dass Riina hunderte Unschuldige getötet habe.

Sie kritisierte das Schweizer Fernsehen. „Man soll Kindern von Kriminellen kein Sprachrohr geben.“
Toto Riina soll die in den 1990er-Jahren verübten Morde an den Antimafia-Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in Auftrag gegeben haben. Zudem wird Riina für Bombenanschläge in Rom, Florenz und Mailand im Jahr 1993 verantwortlich gemacht. Insgesamt sollen 150 Morde auf sein Konto gehen. Der heute 82-Jährige wurde deshalb 20-fach zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach zwei Jahrzehnten auf der Flucht wurde er 1993 in Palermo gefasst.

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Dienstag, 27. August 2013

Neapel – die Stadt der Camorra

Ein Bericht von Petra Reski

Sie handeln mit Frauen und Zement, mit Kokain, Waffen und Müll; sie stehlen, erpressen, morden: 100 Camorra-Clans haben Neapel als Geisel genommen. Der GEO-Autorin Petra Reski ist es gelungen, eine Zentralfigur aus einer der mächtigsten Familien zu treffen, einen Mann mit weichem Herzen und Panzerglas in den Fenstern. Er gab ihr Einblick in das »sistema« – jenes System aus Gewalt, Korruption und Angst, in dem die Stadt am Vesuv, ein Symbol der italienischen Krankheit, heute stärker gefangen ist als je zuvor.




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“Ich erzähle dir das alles, weil ich dich wie eine Schwester betrachte”, sagt Carmine. Er sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem vergoldeten Rokokostühlchen, ein zierlicher Mann auf einem zierlichen Stuhl.

Carmine hat sehr kleine Füße, überhaupt ist er ungewöhnlich feingliedrig, seine Taille ist so schmal wie die einer Frau. Sein Hemd ist bis zum Bauchnabel aufgeknöpft und gibt den Blick auf eine fast haarlose Brust und eine schwere weißgoldene Kette frei, an der ein herzförmiges Medaillon mit zwei in Gold gravierten Porträts hängt.

Gerade hat Carmine erzählt, wie ihn seine erste Frau ins Gefängnis brachte.

Er habe ihr den Lauf seiner Pistole in den Mund gesteckt, erzählte seine Frau den Carabinieri. Kurz darauf nahmen sie Carmine fest. Neun Monate lang war er hinter Gittern, wegen Mordversuchs.
Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, wollte er seine Frau umbringen.

Wie kamen wir eigentlich darauf?

Ach ja, es ging um Liebe. Um die geht es oft in seinen Liedern:

Mal wird die Liebe nicht erwidert, mal dauert sie nur einen Wimpernschlag lang, mal ist sie aussichtslos. Herzsprengend ist sie immer. In “Ich leide noch” vertraut sich ein verlassener Mann einem Freund an. “Ruf mich an” erzählt von heimlicher Liebe.

24 Lieder hat Carmine komponiert, nachts, wenn er nicht schlafen konnte, weil die Eingebung in ihn fuhr, weil er sehnsüchtig war oder nervös.

“Du weißt, wer ich bin. Du kennst meinen Namen”, sagt der zarte Mann sanft. Carmine Sarno ist Musikproduzent, einerseits. Und Mitglied eines der mächtigsten Camorra-Clans Neapels, andererseits. Jeder in der Stadt weiß, was sein Name bedeutet – die Sarnos beherrschen die gesamte östliche Peripherie bis weit in das Umland.

Und Ponticelli ist ihre Festung.

Dort betreibt Carmine die Agentur “La Bella Napoli” – wobei das schöne Neapel hier eher wie ein Vorhof zur Hölle aussieht. Mit in der Sonne gärenden Müllsäcken, Solarien, die “Fuego” heißen, Feuer, und der “Bar Coppola”, in der junge, nervöse Männer schon morgens Wassergläser voll Whisky Sour trinken. Um dann eine Strophe eines Liebesliedes zu singen.

Wenn sie Carmine erblicken, dann lächeln sie so breit, dass man ihr vom Kokain zerfressenes Zahnfleisch sieht.

Carmine vertritt 150 Sänger, die besten Neapels sind darunter. In seiner Agentur ist eine Wand mit den Postern der Stars tapeziert. Es sind Männer, denen Tätowierungen aus den Hemdkragen kriechen; Männer mit strichfein geschnittenen Koteletten.

Männer, die sich “Alessio” nennen oder “Nello Amato” und bei deren Anblick die Mädchen so hysterisch anfangen zu weinen, als habe sich gerade vor ihren Augen das Blut des heiligen San Gennaro verflüssigt.

“E carcerate” heißt einer der Hits aus Carmines Werkstatt: “Die Häftlinge” ist eine Märtyrer-Hymne über jene Männer, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen dürfen.

Carmine Sarno ist ein Mann mit weichem Herzen. Und mit Panzerglas vor den Fensterscheiben. Er wohnt einen Steinwurf von der Agentur entfernt in einem jener unverputzten Plattenbauten auf Stelzen, aus denen ganz Ponticelli zu bestehen scheint.

Das Panzerglas sei notwendig gewesen, weil finstere Typen von Zeit zu Zeit die Gegend unsicher machten. Was eine elegante Umschreibung ist für jenen Camorra- Krieg, der zwischen dem Clan der Sarno und jenem der Panico herrscht und der sich mal in einer Autobombe entlädt und mal in einem Kopfschuss.

Der Krieg der Clans tötete auch Carmines Neffen – dessen Antlitz in Gold graviert nun auf seiner Brust ruht. Der Junge war von einer Autobombe in die Luft gesprengt worden; sie galt eigentlich dessen Vater.
“Nur die Hände sind übrig geblieben”, sagt Carmine.

Anders als die sizilianische Mafia ist die Camorra horizontal organisiert; es gibt keine Hierarchie und kaum Regeln, viele wollen Boss sein, das geht nicht ohne Mord. Jeden dritten Tag wird in Neapel ein Mensch getötet.

Obwohl seit 1994 mit Antonio Bassolino ein “Hoffnungsträger” die Wiedergeburt Neapels beschwört, erst als Bürgermeister, dann als Regionalpräsident, gibt es nach wie vor jährlich rund 100 Morde, Analphabetismus unter Jugendlichen und Müllberge, die bis in den ersten Stock reichen.

Und dazu muss die Stadt auch noch politisch-korrekte Lippenbekenntnisse aushalten: “Die Moral war immer mein Leitstern”, verkündete Antonio Bassolino, als die Staatsanwaltschaft Anfang 2008 gegen ihn Anklage wegen Betrugs und Amtsmissbrauchs erhob.

Früher wurde der Regionalpräsident wie ein Heiliger verehrt – er stand als Krippenfigur in der Via San Gregorio.

Heute hängen lebensgroße Puppen mit der Aufschrift “Bassolino” an den Bäumen der Innenstadt. Der Linksdemokrat hat sich vor allem mit seiner Vetternwirtschaft verhasst gemacht. Sein Netzwerk kontrolliert in der Stadt jeden öffentlichen Auftrag. Und die Neapolitaner mussten feststellen, dass die Camorra in den 14 Jahren der Bassolino- Regierung bestens gediehen ist: so gut, dass sie heute als Neapels System bezeichnet wird: “il sistema”.

Nicht zufällig ist der neue Name der Camorra kein Dialekt-Ausdruck, sondern sprachlich neutral, ganz so, als sei “das System” das Natürlichste der Welt, eine Gesellschaftsordnung, ein Gegenstaat, eine Alternative.

Das Wort “sistemare” bezeichnet nicht nur “in Ordnung kommen, sich einrichten”, sondern auch, “jemandem eine Arbeit besorgen, eine Position verschaffen”.

In der neapolitanischen Bronx bedeutet dies, dass Kinder im Monat 1500 Euro damit verdienen, im Auftrag der Camorra einen Drogenumschlagplatz zu bewachen.

Anfang 2007 verhaftete die Polizei in Ponticelli 71 Clanmitglieder der Sarnos und der Panicos, denen neun Morde, zwei Mordversuche, drei Körperverletzungen und ein vereiteltes Attentat zur Last gelegt werden, überdies Raub, Wucher, Drogen- und Waffenhandel.

Kalaschnikows, Schnellfeuergewehre, Pistolen und Sprengstoff wurden in jenen Bussen nach Neapel geschmuggelt, mit denen polnische Haushaltshilfen anreisten. Außerdem beschlagnahmten die Ermittler 20 Unternehmen, dazu millionenteure Immobilien, Autos, Jachten.

Und in Ponticelli sieht man ausgebrannte Autowracks, selbst gemauerte Hausaltäre und das Graffito “Mein Atem gehört dir”. Denn hier rührt sich kein Lufthauch ohne die Zustimmung der Sarnos. Wachposten melden jede verdächtige Bewegung – die eines verdeckten Ermittlers, eines abtrünnigen Clan- Mitglieds oder eines Motorradfahrers mit Helm; in Neapel tragen nur die Killer Helme.

Die Sarnos, sieben Brüder und fünf Schwestern, herrschen seit Anfang der 1980er Jahre in Ponticelli. Drei der Brüder sind im Gefängnis – insgesamt sind 16 Mitglieder der Familie in Haft. Der älteste Bruder Ciro gehörte bereits im Alter von 30 Jahren zu den gefährlichsten Camorristi Neapels und sitzt mit Unterbrechungen seit fast 18 Jahren – weshalb ihm Carmine das Lied “Ciro, Ciro” widmete, in dem er das Los seines Bruders beklagt.

Ciro wird “o` sindaco” genannt, der Bürgermeister, weil er sich 1980 zum Gebieter über das Volk der “terremotati” erklärte: jener vom Erdbeben Vertriebenen, die Ponticellis Ruinen besetzten.

Bauunternehmer hatten Subventionen kassiert und dann Betonskelette hinterlassen, “o` sindaco” hatte die Behausungen zugeteilt. Und für Strom, Wasser, Gasanschlüsse gesorgt.
So verschaffte er sich die Ergebenheit derer, die nichts zu verlieren hatten. Als Ciro Sarno 1990 wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet wurde, brach eine Revolte aus: Von den Balkonen hagelte es Bratpfannen, Blumentöpfe und Geschirr auf die Polizeibeamten.

Carmine spricht ungern über solch traurige Dinge. Lieber spricht er über seine Lieder. Die stets von wahren Geschichten aus Ponticelli inspiriert sind: wie “Mit Jesus vereint” über den kleinen Francesco Paolillo; er starb beim Spiel in einer nicht gesicherten Bauruine. Zu seinem Gedenken hat Carmine einen Videoclip produziert und einen kleinen Altar mauern lassen, unweit der Stelle, an der Francesco in den Tod stürzte.

Bei dem Gedanken daran schweigt Carmine, und man spürt in seinem Büro nichts anderes als Pietät und den eisigen Wind der Klimaanlage. Deren Luftzug weht über eine verkümmerte Yucca, das Bild von Padre Pio, der über einem Keyboard wacht, und einen Kabarettisten.

Mit demütigem Blick entrollt er ein Plakat und versucht Carmine für sein Programm zu begeistern, das garantiert jugendfrei sei, einfache Texte, keine Schimpfworte. Er tritt zusammen mit seiner Tochter auf, die neuneinhalb Jahre alt ist, ein Naturtalent, der Auftritt sei ausbaufähig und geeignet für Kommunionfeiern und Hochzeiten, für Taufen und Firmungen. Dann erzählt er einen Witz aus seinem Programm.

Carmine lacht nicht, sondern blickt aus dem Fenster. Und erwidert den Gruß des Briefträgers. Ein Sarno vergeudet sich nicht. Weder in Worten noch in Gesten.

“Wir sind das letzte Nest des Widerstandes”, sagt Rechtsanwalt Gerardo Marotta. Wer zu seinem “Italienischen Institut für philosophische Studien” gelangen will, muss sich in der Via Monte di Dio den Weg vorbei an meterhohen Abfallhaufen bahnen, weil die Müllabfuhr wieder einmal streikt.

Im Januar 2008 rückte die Armee an, um in Neapel platzende Abfallsäcke einzusammeln, aber noch im März verrotteten schätzungsweise 5000 Tonnen Unrat in den Straßen der Stadt.

Neun Sonderkommissare wurden verschlissen, der Advokat kennt das schon, dieses “Müll-Ballett”, seit 14 Jahren geht das so, seit die Camorra entdeckte, dass der Müll ihr mehr Geld einbringt als der Kokainhandel.

Die Camorra betreibt über ihre Firmen nicht nur die Müllabfuhr der Stadt, sondern verdient vor allem am Giftmüll Europas, den sie konkurrenzlos preiswert beseitigt, indem sie ihn einfach irgendwo in Kampanien verscharrt.

Neapel hat die höchsten Müllgebühren Italiens, seit Jahrzehnten macht die Camorra hohe Profite mit der Müllabfuhr und mit den Mülldeponien, legalen und illegalen, mit denen sie das Hinterland verseucht hat, mit Müll, der illegal verbrannt wird und der das Grundwasser und die Luft mit Dioxin belastet, mit Müllsäcken, die aus den Straßengräben wie Furunkel wuchern und die nachts, nachdem sie angezündet wurden, wie Signalfeuer des Untergangs lodern.

In der Region Kampanien gibt es keine einzige funktionierende Abfallverbrennungsanlage.
Und der Notstand wird regelmäßig immer dann ausgerufen, wenn die Kippen überlaufen – und regelmäßig tun alle Politiker so, als entdeckten sie erst dann, womit die Camorra ihr Geld verdient.

“Sieben neapolitanische Universitäten sind nicht imstande, das Problem zu lösen”, sagt der Advokat müde. Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino brachte sich ins Gespräch, als sie ein Rauchverbot in öffentlichen Parks durchsetzte.

Marotta macht mit seiner mageren Hand eine Geste, als wollte er eine Fliege verscheuchen. Er sitzt vor ochsenblutroten Marmorkapitellen, ein leichenblasser Geist mit Hornbrille und schwarzen Augen. Ungeachtet der Hitze hat er einen Wollschal um sich geschlungen, ganz so, als würde dieser Schal ihn davor bewahren, sich zu verflüchtigen.

Der Palazzo Serra di Cassano ist ein Juwel des neapolitanischen Barock, er beeindruckt mit Fresken und Marmorsäulen und mit einer Freitreppe aus schwarzem Gestein, die sich hinter dem Hauptportal emporschwingt. Dieses Portal wird seit 1799 geschlossen gehalten, seit dem Scheitern der neapolitanischen Republik.

Das Tor werde erst dann wieder geöffnet, wenn man in Neapel die Luft der Freiheit atme, hatte der Duca di Cassano entschieden: Sein Sohn war auf Geheiß von Bourbonen-König Ferdinand IV. hingerichtet worden – wie alle Revolutionäre jener aristokratischen Elite, welche, inspiriert von der französischen Revolution, die neapolitanische Republik ausgerufen hatten.

Und wir halten das Portal geschlossen, weil es bis heute keine Freiheit in Neapel gibt”, sagt Gerardo Marotta.

“Keine unternehmerische Freiheit, keine politische Freiheit, nichts. Es gibt hier nur die Freiheit der Camorra.” Vor mehr als 30 Jahren hat Marotta unter Einsatz seines gesamten Besitzes das Institut mitbegründet, um das intelektuelle Erbe der Stadt zu retten. Eine Festung der Aufklärung in einem Meer von Müll. Gelehrte aus ganz Europa halten hier Vorträge, Nobelpreisträger und Philosophen, Jacques Derrida und Hans- Georg Gadamer waren da. Hier spricht man über die Schöpfung und die Evolution, über die Idee der Gleichheit und den süditalienischen Humanismus.

Sonntag, 25. August 2013

Camorra-Boss machte Urlaub: In der Strandbar festgenommen

In einer Strandbar ist den italienischen Mafia-Jägern am Sonntag ein seit langem europaweit gesuchter Camorra-Boss ins Netz gegangen.




Polizei-Sondereinheiten verhafteten den 34 Jahre alten Michele Di Nardo in der Nähe von Salerno direkt am Meer, wo er gerade Urlaub machte.

Er war mit mehreren Haftbefehlen wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Mafia-Organisation und Erpressung gesucht worden, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.


Michele Di Nardo  - gefürchteter Camorra-Boss


Di Nardo galt als der Kopf des im Rauchgiftgeschäft tätigen Mallardo-Clans, nachdem die frühere Clan-Führung hinter Gitter gebracht worden war. Im Zuge dieser Verhaftungswelle hatten die Ermittler etwa 900 Immobilien, rund 200 Bankkonten sowie mehrere Luxusautos beschlagnahmt, versiegelt oder gesperrt: Ermittler haben in Italien Mafia-Güter im Wert von 600 Millionen Euro sichergestellt. Sieben Mafiosi wurden festgenommen.

Unternehmen des kampanischen Mallardo-Clans hatten sich in Rom unter anderem auf Bauspekulation, illegalen Großhandel mit Getränken und Medikamenten sowie auf den Betrieb von Wettbüros spezialisiert. Dabei seien enorme Summen investiert worden, hieß es. Nicht zuletzt floss schmutziges Geld in das Rösten und den Vertrieb von Kaffee. Bars in Latium und Kampanien mussten den Kaffee dann abnehmen.

Solche Erfolge gegen die Mafia nach langen Ermittlungen gelingen immer wieder einmal. Vor allem die illegalen Geschäfte der Milliarden umsetzenden kalabrischen 'Ndrangheta machten wiederholt Schlagzeilen. Früheren Berichten zufolge hat sich die Mafia stark in Rom eingenistet - mit dem Ziel, Geld zu waschen, etwa in Restaurants und Betrieben rund um die legendäre Via Veneto.

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Freitag, 23. August 2013

Drogenschmuggler der Mafia geschnappt

Ein Schiff der 'Ndrangheta, beladen mit  6 Tonnen Kokain, wurde vor der kalabresischen Küste aufgebracht.




Verhaftungen erfolgten in ganz Europa. Von den Drahtziehern und den Bossen jedoch keine Spur.

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Donnerstag, 22. August 2013

Gericht bestätigt Mord-Strafe im «Blutrache»-Mord

Ein Süditaliener, der 1997 aus Blutrache das Mitglied einer verfeindeten Familie erschossen hat, muss wegen Mordes definitiv für 18 Jahre ins Gefängnis. Das Bundesgericht hat das Urteil des Aargauer Obergerichts bestätigt.          




Der damals 19-jährige Sizilianer war im Juni 1997 in die Schweiz gereist, um für den Tod seines Onkels nach den Regeln des Mafia-Clans Blutrache zu üben. Zusammen mit seinem Cousin spürten sie in Oberfrick ein Mitglied der verfeindeten Familie auf.

 
Das Opfer wurde mit 17 Pistolenschüssen getötet und sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschossen, wie es dem zu rächenden Onkel ergangen war. Das Bezirksgericht Laufenburg verurteilte den Täter 2010 wegen Mordes zu 18 Jahren Zuchthaus. Das Aargauer Obergericht bestätigte den Entscheid im vergangenen Juli.

Das Bundesgericht hat die dagegen erhobene Beschwerde des Mannes nun abgewiesen. Er hatte im Wesentlichen argumentiert, dass die ihn belastenden Aussagen seines Vaters, eines Onkels und eines Cousin als Beweis nicht verwertbar seien. Die drei Verwandten des Täters waren zwecks ihrer Einvernahme verhaftet worden.

Dabei wurden sie nicht darüber aufgeklärt, dass sie die Unterstützung ihres Heimatkonsulats beanspruchen könnten. Laut Bundesgericht besteht die entsprechende Informationspflicht aber nicht zum Schutz des Verurteilten. Ein Beweisverwertungsverbot lasse sich aus der unterbliebenen Belehrung nicht ableiten.

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Mittwoch, 21. August 2013

Mafia schafft 400.000 Tonnen Giftmüll beiseite

Die Umweltschutzorganisation "Legambiente" in Italien gibt in ihrem Jahresbericht 2012 an, dass auf dem Weg zur offiziellen Entsorgung 350.000 bis 400.000 Tonnen giftigen Industriemülls beiseite geschafft worden sind. Demnach gewinnt die Mafia immer mehr Einfluss bei der Entsorgungsindustrie. Besonders in den südlichen Gebieten um Kampanien, Apulien, Kalabrien und Sizilien sind zunehmende Aktivitäten zu beobachten.

Für die italienische Mafia ist das Geschäft mit der illegalen Entsorgung kein Neues. Laut Angaben der italienischen Umweltschutzorganisation Legambiente aus dem Jahr 2010 verschwinden in Italien jährlich mehr als 25 Mio. Tonnen Abfall - rund ein Viertel des Gesamtvolumens. Damit erwirtschafte das organisierte Verbrechen rund 1,5 Mrd. Euro pro Jahr. Neben Drogenhandel und Prostitution gilt das schmutzige Geschäft mit dem Müll mittlerweile als das dritte zentrale Standbein der Mafia.

Dieses brisante Thema war nach meinem Buch LA NERA Antrieb, mich intensiv mit der illegalen Müllbeseitigung der Mafia zu beschäftigen. Ein Jahr Recherche liegt nun hinter mir und mein neuer Roman Il BASTARDO basiert weitgehend auf diesen Erkenntnissen.

Den Beweis für diese exorbitanten Schweinereien bringen abgehörte Telefonate unter Mafia-Bossen. Die illegalen Organisationen übernehmen die Beseitigung von giftigen oder krebserregenden Abfällen. Die Aufträge werden von den Firmen erteilt. Auch aus Deutschland werden zunehmend Giftmülltransporte organisiert, deren Verbleib völlig unklar ist.

Längst ist bekannt, dass große Entsorgungsschiffe mit hochtoxischen Substanzen im Mittelmeer und auch vor den Küsten Afrikas schlicht versenkt wurden. Vor Kalabrien liegen Wracks mit giftigem und radioaktivem Müll auf dem Meeresgrund. Staatsanwälte wurden zum Schweigen gebracht, Journalisten ermordet. Ein Kronzeuge behauptet, Politiker hätten die Mafiaorganisation 'Ndrangheta beauftragt, die brisante Fracht illegal zu entsorgen. Wer lügt in dieser unfassbaren Geschichte?

Still ist es im Hafen von Cetraro. Keine Fischer sind zu sehen, nur wenige Boote schaukeln im Wasser am Kai. Um einen Poller hat sich eine Gruppe von Männern versammelt, einer hält eine Angel ins Wasser, andere lachen oder schauen ihm zu. Mit Fremden werden sie nicht reden, hatte die Sprecherin des Fischervereins angekündigt.



Cetraro


Die Männer wollen von der Geschichte nichts mehr hören, sie habe ihnen sehr geschadet. Erst wurde das Fischfangverbot verhängt, dann dieses rätselhafte Wrack entdeckt, und nun traut sich niemand mehr, Fisch aus Cetraro zu kaufen. Dieses Dorf nahe Cosenza an der kalabrischen Westküste hat in Italien traurige Bekanntheit erlangt, weil in seinen Gewässern mit 
Cäsium kontaminierte Fische gefangen wurden. Dort liegt das Wrack, in dem 120 Container voll radioaktiver Schlacken liegen sollen – glaubt man dem 
Ex-Mafia-Mitglied und Kronzeugen Francesco Fonti. 

Bis 1994 war Fonti ein Mann der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Er wurde von der Polizei verhaftet, wechselte die Seiten, erklärte sich bereit, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Was er damals über die Struktur und die Geschäfte der 'Ndrangheta aussagte, erwies sich als zutreffend und aufschlussreich, Fonti galt seither als zuverlässiger Zeuge. Nur das Geständnis, das er 2005 ablegte, konnte bislang nicht verifiziert werden. Darin beschreibt er, wie der illegale Handel mit Giftmüll Anfang der 80er-Jahre begonnen haben soll: Italienische Politiker hätten seinerzeit zur 'Ndrangheta Kontakt aufgenommen, um giftigen und radioaktiven Müll illegal zu entsorgen.


 Francesco Fonti
 
 
Als Abladeplätze seien zunächst der Aspromonte – ein unwegsames, von der 'Ndrangheta kontrolliertes Bergmassiv im Süden Kalabriens –, die süditalienische Region Basilikata, das Mittelmeer vor den italienischen Küsten, Somalia und die Gewässer anderer afrikanischen Staaten vorgesehen gewesen. Für die Vermittlung des Geschäfts und die notwendige Rückendeckung hätten Geheimdienstagenten gesorgt, so Fonti. Manche Leiter der staatlichen Energiebehörde ENEA hätten sich 
sogar direkt an die 'Ndrangheta gewandt, um 600 Container giftigen und radio-aktiven Mülls -loszuwerden, der aus Italien, der Schweiz, Frankreich, Deutschland und den USA stammte.

Fonti will diese Aufgabe sogar selbst erledigt haben: 1992 habe er giftbeladene Schiffe im Mittelmeer versenkt, ein weiteres voll Schlämmen vor 
Maratea in Basilikata, eines mit verschiedenen toxischen Substanzen vor dem kalabrischen Ort Melito di Porto Salvo und dann eben die „Cunsky“, jenes Schiff, das vor Cetraro liegt und von dem er behauptet, dass es 120 Container der gefährlichen Fracht enthalte. Eine 'Ndrangheta-Familie soll ihm dabei geholfen haben, die „Cunsky“ mit Dynamit zu sprengen. Inzwischen spricht Francesco Fonti nicht mehr, weil er um sein Leben fürchtet. Einflussreiche Leute hatten ihm signalisiert, alles würde schlimmer, wenn er weiterrede. Im September vergangenen Jahres gab er ein letztes Fernsehinterview. Man kann es sich auf Youtube ansehen.
 
 
 
 


Im September bestätigten die italienischen Behörden tatsächlich den Fund eines -Frachters vor Cetraro, 120 Meter lang, 20 Meter breit, circa elf Meilen vom Ufer entfernt, in einer Tiefe von 472 Metern. Im Bug des Schiffes klaffte ein Riss, durch den der Tiefseeroboter eines Forschungsschiffs einige Container sichten konnte. Weitere zerplatzte Container, so berichtete der Pilot des Roboters, lagen auch in der Nähe des Schiffes auf dem Meeresgrund verstreut.


 

Staatsanwalt Bruno Giordano hat keinen Zweifel, dass es sich um die von 
Fonti genannte „Cunsky“ handelt: „Für mich war es klar: Fonti handelte als 'Ndrangheta-Mitglied, er handelte mit der Hilfe einer lokalen 'Ndrangheta-
Familie, beide Parteien erzielten damit einen bestimmten Gewinn. Nach dem Gesetz ist das ein mafiöser Akt.“ Bruno Giordano ist der einzige Staatsanwalt 
in der Kleinstadt Paola, ein hochgewachsener Mann mit dem Habitus des Intellektuellen. „Es stimmt, ich habe jenes Schiff vor Cetraro entdeckt, aber ich will mich nicht in die Angelegenheit einmischen“, sagt er. Da es um ein Mafia-Verbrechen ging, musste Giordano die Ermittlungen zur „Cunsky“ an die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Catanzaro, der kalabrischen Hauptstadt, weiter-leiten. Nun möchte er seine „institutionellen Grenzen nicht übertreten“. Doch der nun zuständige Staatsanwalt Giuseppe Borrelli hält den Fall für abgeschlossen: Erstens sei Fonti ein Schwindler, sagt er. Zweitens sei mittlerweile bewiesen, dass es sich beim gefundenen Wrack nicht um die „Cunsky“ handele.
 
 
Staatsanwalt Giuseppe Borrelli, zu feige, den Fall weiter zu verfolgen 

 
Fakt ist: Ende Oktober beorderte die italienische Regierung das Forschungsschiff „Mare Oceano“ nach Cetraro. Dorfbewohner beobachteten, wie das Schiff drei Tage lang um einen Punkt kreiste, der circa 20 Meilen von der Küste entfernt liegt. Dort ist das Meer bis zu 3000 Meter tief – perfekt, um ein Schiff mit illegaler Fracht verschwinden zu lassen. Dann aber sei die „Mare Oceano“ Richtung Küste zurückgefahren, bis ungefähr zu der Stelle, an der man die „Cunsky“ vermutete. Nach zwei Tagen behauptete dann die Besatzung, das verdächtige Wrack sei ein Schiff namens „Cagliari“ – was sie dann wiederum zurücknahm, da bekannt wurde, dass die „Cagliari“ an einer ganz anderen Stelle untergegangen war.
 
Vier Tage später hieß es, das Wrack sei die „Catania“, ein Passagierschiff aus dem Ersten Weltkrieg. Das wiederum ließ die italienische Umweltministerin Stefania Prestigiacomo verbreiten, allerdings einen halben Tag bevor der Unterwasser-Roboter der „Mare Oceano“ ins Wasser getaucht war. In Cetraro glaubte ihr das kaum jemand. „Denn selbst wenn es die ‚Catania‘ war“, meint Andrea Paiser, Meereszoologe und Berater der Gemeinde Cetraro im Fall „Cunsky“, „warum hat man nicht weiter nach der ‚Cunsky‘ gesucht? Mindestens ein Dutzend Wracks liegen vor Cetraro auf dem Meeresgrund. Unter den vielen harmlosen befinden sich mehrere Gefährliches.“



 


Nach einer Auflistung der Marine von Reggio 
Calabria liegen in kalabrischen Gewässern 40 Wracks auf dem Meeresgrund. Bei neun Schiffen sind weder Herkunft noch Name bekannt. Es wäre ein Leichtes, sie mit ozeanografischer Technik zu untersuchen. Die Staatsanwaltschaft lässt dagegen lieber eine neue Liste erstellen. „Nach Wracks im Meer Ausschau zu halten und all den Wracks, die man findet, einen Namen zuzuordnen, ist fast unmöglich“, erklärt Borrelli. Würde tatsächlich ein Schiff mit radioaktivem Müll im Mittelmeer gefunden, müsste man nämlich eine alte Geschichte neu aufrollen: Im März 1994 erstattete die Umweltorganisation „Legambiente“ beim Polizeipräsidium von Reggio Calabria Anzeige. Sie hatte von dem Handel mit Giftmüll erfahren, der aus Norditalien, Deutschland und anderen nordeuropäischen Ländern stammte und nach Kalabrien gebracht worden war. Dieser Müll soll zunächst in Höhlen des Aspromonte versteckt und später im Mittelmeer versenkt worden sein. Francesco Neri, Staatsanwalt in Reggio 
Calabria, leitete damals die Ermittlungen.
 

Francesco Neri - ein weiterer Staatsanwalt mit Maulkorb


Aus „institutionellen Gründen“ dürfe er heute leider keine Auskünfte über diese alte Geschichte geben, sagt er am Telefon. Ein ähnliches Schweigegebot ist allen Mitgliedern seines damaligen Ermittlungsteams auferlegt worden – jedenfalls jenen, die noch am Leben sind. Der Marinekapitän Natale 
De Grazia etwa starb während der Ermittlungen am 13. Dezember 1995. Auf dem Weg von Reggio Calabria nach La Spezia, wo er einige Zeugen vernehmen und Schiffsregister sichten wollte, brach er auf dem Rücksitz des Autos zusammen, mit dem er und zwei Kollegen Richtung Norden fuhren. Kurz zuvor hatten sie zu Abend gegessen. De Grazia war der einzige, der einen Limoncello trank. Herzstillstand, ergab die Autopsie, doch keine Spur eines Infarkts. Der wahre Grund für den Tod De Grazias ist bis heute ungeklärt.
 
 
 
Natale 
De Grazia

 
Im März 1994 wurden die Journalistin Ilaria Alpi 
und der Kameramann Miran Hrovatin in Mogadischu ermordet. Sie hatten zu illegalen Geschäften mit Waffen und Giftmüll zwischen Italien und Somalia recherchiert und Hinweise erhalten, dass dem italienischen Geheimdienst eine wesentliche Rolle bei der Sache zukam. Während die Journalisten einen somalischen Informanten interviewten, wurden sie von elf Maschinengewehrsalven nieder-gemäht. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss in Italien befasste sich mit dem Tod der Berichterstatter – geklärt wurde er nie.

Neri und sein Team verfolgten die Spuren von 
70 auf geheimnisvolle Weise verschwundenen Schiffen. Die Recherchen führten zu einem dubiosen Geschäftsmann, dem 
Ingenieur Giorgio Comerio. Im Besitz seiner Gesellschaft Oceanic Disposal 
Management (ODM) befanden sich die Pläne eines Projekts zur – abenteuerlichen – Entsorgung radioaktiver Abfälle: Comerio wollte sie in Unterwasser-Raketen einschließen und diese in den Meeresgrund schießen. Nach Aussagen eines Zeugen wurde das Projekt zwar nie verwirklicht.


Giorgio Comerio - dubioser Geschäftsmann und Müll-Entsorger


Weitere Ermittlungen aber ergaben, dass Comerio mit diversen Staaten über andere Formen der Entsorgung von Atommüll verhandelte – und dass er Schiffe an- und verkaufte. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Ingenieur seinen ursprünglichen Plan ad acta legte und den Atommüll durch Versenken von Frachtern entsorgte. Als Staatsanwalt Neri Comerios Villa in Garlasco bei Pavia durchsuchen ließ, wurde 
dieser Verdacht durch mehrere Funde erhärtet, unter anderem durch einen Kalendereintrag vom 21. September 1987, in dem es heißt: „Lost the ship!“ An jenem Tag war weltweit nur ein einziges Schiff untergegangen: die „Rigel“.


Chemikalienfrachter Riegel - sie wurde versenkt


Ausgerechnet dieses Schiff war vor Capo Spartivento bei Reggio Calabria 25 Meilen von der Küste entfernt auf kuriose Weise „verschwunden“. In einem Prozess wurde Versicherungsbetrug festgestellt – das Schiff war absichtlich versenkt worden. Bekannt wurde auch, dass die „Rigel“ eine andere Fracht transportierte als jene, die deklariert worden war: 1.700 Tonnen Marmorpulver und 60 Container mit Zementblöcken. Beides Materialien, die geeignet sind, ein Schiff schnell zu versenken – aber auch, um Radioaktivität abzuschirmen.

Später geriet eine weiteres Schiff ins Visier der Ermittler um Neri, die „Jolly Rosso“. In den 80er-Jahren war dies eines der Schiffe, das die italienische Regierung auch in den Libanon schickte, um toxische Abfälle nach Italien zurückzuholen. Eine Zeitlang hatten Drittweltstaaten Atom- und Giftmüll europäischer Staaten aufgenommen, verlangten dann aber später deren Rücktransport. 
Am  14.  Dezember  1990 tauchte die „Jolly Rosso“ im Tyrrhenischen Meer vor Amantea an der kalabrischen Küste auf, hieß nun allerdings nur noch „Rosso“ und wurde an einen Strand von Amantea getrieben.
 
 
 
 Chemiefrachter Jolly Rosso

 
„Wie eine Szene aus einem Fellini-Film wirkte das“, sagt der Lokalreporter Francesco Cirillo, der zu der Stelle eilte. Ein riesiges rotes Schiff lag da am Strand. Dann habe die Gesellschaft Ignazio Messina, der das Schiff gehörte, die holländische Firma Smit Tak beauftragt, die auf die Bergung von Schiffswracks spezialisiert ist. Niemand erfuhr, was für Arbeiten sie dort verrichteten. Anschließend wurde das Schiff abgewrackt. Indessen kursierten in Amantea Gerüchte, nach der Strandung seien Lastwagen gesichtet worden, die nachts vom Schiff zum Tal des Flusses Oliva fuhren. Da man um die „Rosso“ Firmen gesehen hatte, die der 'Ndrangheta nahestanden, wagte niemand, vor Staatsanwälten auszusagen. Die Ermittlungen wurden bald darauf eingestellt. Als Francesco Neri auf einen Hinweis stieß, dass eine 'Ndrangheta-Familie aus 
Africo an der ionischen Küste Kalabriens mit radioaktivem Müll handelte, musste er den Fall im Juni 1997 an die Antimafia-Staatsanwaltschaft von 
Reggio Calabria übergeben. Am 14. November 2000 wurden die Ermittlungen über die „Schiffe der Gifte“ endgültig eingestellt.

Heute bedeckt die typische Mittelmeer-Vegetation die Berghänge an den Seiten des Oliva-Tals – Gestrüpp, Pinien, Dornensträucher, verdorrtes Gras. Von der einen zur anderen Seite des Tals erstreckt sich ein Steindamm. „Dort unten, beim Damm“, sagt Teresa Bruno, und zeigt mit dem Finger auf das Flussufer. Sie steht auf der Landstraße über der Böschungsmauer des Flusses, der Wind lässt ihr schwarzes Haar wallen, dicke Wolken ziehen vom Westen auf. Die 29-Jährige ist wütend darüber, was in Kalabrien geschieht. „Freunde von mir sind im Alter von 30 Jahren an Krebs gestorben“, sagt sie. „Wovor soll ich Angst haben? Was macht es für einen Unterschied, ob ich erschossen werde oder bald an Krebs sterbe?“ Also hat sie geredet, offen, vor allen.
 
Sie erzählt, wie sie als Kind oft am Flussufer spielte. Ihre Großmutter hatte dort ein Grundstück gepachtet, um Gemüse anzubauen. Eines Tages sah Teresa blaue Behälter im Kiesbett des Flusses. „Ich weiß nicht, ob sie gerade dorthin gebracht oder durch einen Erdrutsch freigelegt wurden. Jedenfalls verschwanden sie danach von heute auf morgen.“ Nach Teresa haben auch andere Zeugen Staatsanwalt Giordano berichtet, blaue Fässer am Fluss Oliva gesehen zu haben. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Im Flusstal wurden Schwermetalle und Cäsium-137 gefunden, ein radioaktives Isotop, das bei Kernspaltungen entsteht. Links von der Straße, die zum Tal führt, gibt es einen künstlichen Hügel, der einen extrem hohen Grad an Radioaktivität aufweist – eine Folge des Cäsiums im Boden.

„Es gibt Cäsium, das durch Niederschläge auf die Erde rieselt“, erklärt Giordano. Dies sei bedingt durch den Reaktorunfall Tschernobyl oder Folge der früheren Atombombentests. Dieses Cäsium liegt aber maximal bis 20 Zentimeter tief im Boden. 
„Da wir aber das Cäsium bei uns in vier Metern Tiefe gefunden haben, sind unsere wissenschaftlichen Berater zu dem Schluss gekommen, dass es aus kontaminiertem Boden stammen muss, der von seinem ursprünglichen Herkunftsort ins Oliva-Tal gebracht wurde.“ Die verunreinigte Gegend im Flusstal des -Oliva wiederum liegt nicht weit von der Stelle, an der 1990 die „Jolly Rosso“ gestrandet ist. Folgt man dem Flusslauf bis zum Meer, kommt man direkt zum Strand. Dort liegt ein verrosteter Baggergreifer neben dem Rinnsal, das ins Meer mündet. Ob der kontaminierte Boden mit dem Schiff nach Kalabrien gebracht wurde?

Staatsanwalt Giordano schweigt, obwohl das Oliva-Tal wie auch der Strand von Amantea und das Hafenstädchen Cetraro in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Seitdem er die Ermittlungen über das vor Cetraro entdeckte Wrack an die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Catanzaro abgeben musste, darf er über die Schiffe weder ermitteln noch über sie sprechen. Das Verfahren zu der „Jolly Rosso“ sei längst beendet, sagt er. Warum aber wurden alle Ermittlungen über die „Schiffe der Gifte“ eingestellt? Warum hat man sie jedem Staatsanwalt, der sie weiterführen wollte, gleich 
wieder entzogen?

„Ich darf auf solche Fragen nicht antworten“, sagt er. Soll man also selber seine Schlüsse daraus ziehen? „Ja, das dürfen Sie.“
 
 

Mafiakiller verrät sich bei Facebook

Ein Mafioso kann festgenommen werden, weil er sich auf Facebook mitteilen will. Doch ansonsten erschwert das Internet die Verbrechensbekämpfung eher – vor allem Skype, ein Dienst zum Telefonieren per Internet, ist ein Problem. Das jedenfalls ist die offizielle Verlautbarung deutscher Kriminalbeamter. Doch ganz so stimmt diese These nicht, denn eigene Recherchen belegen, dass hier noch Einiges im Argen liegt.





Mafiosi hatten es früher leichter: Man verwischte seine Spuren, die anderen schwiegen, und nichts kam raus. Nun sorgten erst DNA-Analysen dafür, dass Killer auch noch Jahre später gefasst werden können– und nun verleitet das Internet die Kriminellen dazu, sich selbst ein Bein zu stellen.

Nach meinen Recherchen konnte ich innerhalb von 9 Monaten mehr als ein Dutzend gefährliche Mafia-Mitglieder identifizieren, die sich mit beispielloser Dummheit und Naivität qua Foto und Aufenthaltsorte selbst verrieten. Es ist hinreichend bekannt, dass viele Camorristi und Mafiosi selbstherrliche Profilneurotiker sind. Und jene kranke Persönlichkeiten drehen sich selbst den Strick, weil sie mit ihrer Macht, ihrem Erfolg und mit ihrer Selbstherrlichkeit im Facebook kokettieren.

In Kalabrien hat nun ein Mafiakiller für seine Verhaftung gesorgt, nachdem er im sozialen Netzwerk Facebook sein Profil aktualisiert hatte. Im vergangenen November war er bei einer groß angelegten Verhaftungsaktion noch erfolgreich untergetaucht.

Er nannte sich Scarface, nach dem Titel eines legendären Mafiafilms. Und spätestens als er sich fliehend auf dem Dach eines Hauses im Örtchen Isola Capo Rizzuto in Kalabrien wiederfand, dürfte Pasquale Manfredi gemerkt haben, dass er einen Fehler gemacht hatte. Denn um sein Facebookprofil zu aktualisieren, hatte er einen Internet-USB-Stick verwendet – die Polizei konnte ihn so spielend orten und das Sondereinsatzkommando zugreifen.





Pasquale Manfredi


Die Polizei beschreibt Pasquale Manfredi als kalt und grausam. In seinem Unterschlupf wurde ein Laufband gefunden, man hielt sich in Form bis zum nächsten Mord. Zwei hat man Pasquale Manfredi, lokaler Boss des Nicoscia-Clans, schon nachgewiesen, jeweils an rivalisierenden Clan-Chefs: Einen ermordete er an Weihnachten 2005, einen anderen mit Hilfe eines Raketenwerfers. Dafür hatte Scarface in Norditalien eine Spezialausbildung für die Handhabung von Kriegswaffen gemacht. So kam er auch auf der Liste der 100 meistgesuchten Verbrecher Italiens.



Hat die Mafia auch Macht über Google?

Die organisierte Kriminalität und das Internet, auch die neapolitanische Camorra macht sich da anscheinend ihre Gedanken. So ist es beim Online-Stadtplan von Google nicht möglich, bei der Straßenansicht in einige Straßen des von der Mafia dominierten Viertels Scampia einzubiegen. Google gab sich gegenüber dem Corriere am Mittwoch recht kleinlaut: "Das müssen wir überprüfen". Für die Zeitung besteht aber kein Zweifel: Die Camorra will niemanden, der im eigenen Rückzugsraum herumfotografiert.



Italiens Mafia parkt in Deutschland ihre Killer

Die beiden Profikiller feuerten aus nächster Nähe auf drei Mafiosi und zwei unbeteiligte Gäste in der Kaffeebar. Zuletzt jagten sie dem erschossenen Mafioso Angelo Mirabella noch die letzten Kugeln aus ihren Magazinen in den Kopf. Ein Signal: Jeder im sizilianischen Vittoria sollte wissen, wer das eigentliche Ziel der Schüsse war. Fünf Minuten später meldete der 29jährige Carmelo Billizzi von Handy zu Handy: „Tutto a posto“ – alles in Ordnung.


 Carmelo Billizzi


Die Polizei in Caltanissetta hörte das kurze Gespräch mit und stellte fest: Das zweite Handy besaß eine deutsche Rufnummer, der Teilnehmer war Italiener und hatte das Gespräch im Großraum Mainz entgegengenommen. Der Rest war Routine. Der Besitzer des deutschen Handys war schnell ermittelt und festgenommen: Alessandro Emmanuello.



Alessandro Emmanuello


Ein großer Fang. Der 31jährige ist nach Einschätzung von Alexander Zelger, Verbindungsbeamter der italienischen Polizei beim Bundeskriminalamt, die „Nummer eins der Cosa Nostra“ in der Provinz Caltanissetta.
 


Caltanisetta


Die Festnahme stellt ein Lehrbeispiel für die immer effektiver werdende Zusammenarbeit von deutschen und italienischen Behörden dar. In Rom sitzen zwei BKA-Verbindungsbeamte bei der deutschen Botschaft, und der Südtiroler Zelger arbeitet seit eineinhalb Jahren beim BKA. „Der Informationsaustausch läuft beispielhaft“, weiß Leo Schuster, Erster Direktor im BKA. „Die Mafia ist längst kein italienisches Problem mehr. Die Mafiosi zieht es in den Norden, darauf müssen wir uns einstellen.“

Das BKA kennt folgende Strukturen: die klassische Mafia (Camorra und Cosa Nostra), die Ndrangheta, die Sacra Corona Unita und die Stidde. Alle Gruppen nutzen Deutschland als Aktionsraum, betreiben Heroinhandel, Schutzgelderpressung und Wirtschaftskriminalität. „Die Stidde, die sogenannten jungen Wilden“, erklärt BKA-Direktor Schuster, „sind einfache Gangster, die sich aus den traditionellen Clans gelöst haben.“

Neben ihren kriminellen Handlungen nutzen alle Gruppierungen Deutschland verstärkt als Ruheraum für ihre Killer, besonders seit die italienischen Sicherheitsbehörden ihre Aktivitäten gegen die „Familien“ nach der Ermordung von Richter Giovanni Falcone im Sommer 1992 verstärkt haben.

Auch Alessandro Emmanuello, der nach der Verhaftung von Obermafioso „Toto“ Riina zum brutalen Mafiaboß aufstieg, zog es ins ruhigere Deutschland. Immerhin wurde er seit sechs Jahren wegen mehrfachen Mordes gesucht. Zwei Jahre lang lebte er mit einer Deutschen in Mainz, hatte nach den Ermittlungen von dort aus das Blutbad in der Kaffeebar von Vittoria angeordnet. Vorausgegangen war ein Machtkampf zwischen den Familien Mirabella und Piscopo. Mit letzterer ist Emmanuello verschwägert. Die Fahnder glauben, dass Schwager Giovanni Piscopo mit Emmanuello den Mordauftrag in Vittoria erteilt hat. Der 32jährige wurde nur wenige Tage nach Emmanuello an der deutsch-niederländischen Grenze verhaftet.






Italienische Exilgangster stehen stets ihrer Organisation zur Verfügung. „Was ein Boss im Heimatdorf befiehlt, können Auswanderer nicht ignorieren“, sagt ein kalabrischer Ermittler. Wie zum Beispiel Giorgio Basile. Der 38jährige, der im Ruhrgebiet aufwuchs, gehört zur Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, und tötete für seinen Clanchef.

Aus Angst vor den italienischen Häschern war er nach der Ausweisung (FOCUS 7/99) zurück nach Deutschland geflüchtet und in Kempten verhaftet worden. Fünf Morde und die Beteiligung an weiteren 30 Morden hat er bereits gestanden. Durch seine Aussagen konnte die Polizei den deutschen Stützpunkt des Carelli-Clans in Nürnberg sprengen. Sechs Mafiosi kamen in Haft.

Neben Cosa Nostra und Ndrangheta ist auch die neapolitanische Camorra in Deutschland aktiv. Sabatino Ciccarelli lebte über zehn Jahre unauffällig als Betreiber mehrerer Modeboutiquen in Baden-Baden. Er wurde als führendes Mitglied, als Capo dei Capi, verhaftet und wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu vier Jahren Haft verurteilt. Der zuständige Staatsanwalt erhielt Morddrohungen und steht jetzt unter Personenschutz.

Einige Mafiosi in Deutschland versuchen sich inzwischen von ihren Heimatclans abzukapseln, wie die Festnahme von Capo Vincenzo Spartaro und neun Mafiosi im Vogelsberg zeigt.


Vincenzo Spartaro

Der Chef der „Europa“-Pizzeria in Alsfeld und seine Freunde aus Ciro in Kalabrien gehörten zur Ndrangheta. Sie lebten vom Drogen- und Waffenhandel sowie von der Schutzgelderpressung. Wer nicht zahlte, bekam eine Bombe vors Geschäft gelegt. So kassierten sie von Ladenbesitzern bis zu 50.000 Euro. Davon floss kein Euro nach Italien. Verbindungsmann Zelger: „Die Verbrecher handelten selbständig. Das ist ein großer Schritt zur Bildung einer schlagkräftigen kriminellen Struktur in Deutschland.“



DAS BLUTBAD VON VITTORIA

In Vittoria war ein Machtkampf zwischen den Cosa-Nostra-Familien Mirabella und Piscopo ausgebrochen. Mit letzterer war Emmanuello verschwägert. Als herrschender Pate hatte er den Anschlag angeordnet.


TATORT KAFFEEBAR der örtlichen Tankstelle

DIE KILLER KAMEN ZUM ESPRESSO – Der aufsteigende Mafioso Angelo Mirabella und zwei Familienmitglieder hielten sich in einer Bar auf, als ihre Mörder den Raum betraten. Die Killer töteten ihre Opfer mit Kopfschüssen, dazu noch zwei Gäste. Sie waren lästige Augenzeugen

VERHAFTET – Alessandro Piscopo soll einer der Hintermänner des fünffachen Mordes sein

VERHAFTET – Enzo Mangione gehörte das Handy, von dem aus Alessandro Emmanuello informiert wurde



DIE AUFTRAGGEBER


DER PATE – Alessandro Emmanuello, 31, wegen Mordes gesucht, hatte sich nach Mainz abgesetzt und lebte dort mit seiner Freundin

DER SCHWAGER – Giovanni Piscopo, 32, wurde von der italienischen Polizei wegen mehrerer Gewaltdelikte gesucht

Die Mafiosi Emmanuello und sein Schwager Giovanni Piscopo importierten Heroin von den Niederlanden nach Sizilien.




DER BOUTIQUENBESITZER

Sabatino Ciccarelli betrieb in Baden-Baden mehrere Nobelboutiquen.

Der Capo dei Capi Ciccarelli, genannt „Tino“, soll ein Camorra-Chef sein und zwei – nie ausgeführte – Morde in Auftrag gegeben haben.

Der 59jährige wurde nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.



DER SERIENMÖRDER

Als Zweijähriger zog Giorgio Basile mit seiner Mutter nach Mülheim an der Ruhr. Der brutale Killer gestand fünf Morde, darunter den an seinem besten Freund. Außerdem war Basile an 30 weiteren Morden beteiligt.


Giorgio Basile