Sonntag, 8. April 2018

Der Pate aus Stuttgart gefasst


Über 25 Jahre lang war es dem Pizzeria-Wirt aus Stuttgart gelungen, durch die Maschen von italienischen und deutschen Fahndern, Ermittlungen und Justizprozessen zu schlüpfen. Mario L. soll Handlanger und Statthalter einer mächtigen Mafia-Familie aus Kalabrien, des Farao-Marincola-Clans, sein und für sie, völlig unbehindert, illegale Geschäfte in Deutschland geführt haben.



War ihm das gelungen, weil er Vermögen besaß und Freundschaften in Politik und Wirtschaft pflegte? Schon in den 90er-Jahren speisten baden-württembergische Politiker in der Pizzeria von „Mariuzzo“, darunter der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag und heutige EU-Kommissar, Günther Oettinger. Am Dienstag führte die Polizei außer in Baden-Württemberg auch Razzien in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen durch.

Politische Macht ist für die Mafia in Italien alles. Noch während Mario L. abgeführt wurde, legten italienische Carabinieri nicht nur zwölf Komplizen Handschellen an – auch sie mutmaßliche Angehörige und Handlanger der mächtigen ’Ndrangheta-Familie –, sondern auch Lokalpolitikern in Kalabrien. Unter ihnen ist der Präsident der Provinz Crotone. Gegen 158 weitere Verdächtige wurden Haftbefehle in ganz Italien vollstreckt. Ziel der „Operation Stige“ der italienischen Antimafia-Staatsanwaltschaft und der Carabinieri war ein Schlag gegen das Wirtschaftssystem der Farao-Marincola-Familie. Sie ist tonangebend in der kalabrischen Mafia, ein „Clan der Serie A“, wie es der ermittelnde Staatsanwalt Nicola Gratteri nannte.
(siehe auch Mafia-Clans – hier im Blog)

Die Vorwürfe lauten Erpressung, Korruption, Geldwäsche und illegale Geschäfte. Aktiv ist der Clan im Lebensmittel- und Weinhandel, in der Müllentsorgung und in Beerdigungsunternehmen – Sektoren, die zu den einträglichsten Wirtschaftszweigen der Region Kalabrien gehören. 50 Millionen Euro Vermögenswerte wurden bei der Razzia beschlagnahmt. In Deutschland ging es vor allem um Wein: Lokale Wirte und Händler wurden gezwungen, Produkte zu kaufen, die der Farao-Marincola-Clan nach Deutschland exportierte.

„Tochterorganisationen“ in Stuttgart, Frankfurt, München und Wiesbaden organisierten das Geschäft, nach den Erkenntnissen der Ermittler mit denselben hierarchischen Strukturen und kriminellen Methoden des Mutter-Clans. Auch Mario L. soll für den Farao-Marincola-Clan jahrelang diese Geschäfte gelenkt haben. Dabei war er der deutschen Öffentlichkeit längst bekannt. In den 90er-Jahren brüstete L. sich gern damit, dass er mit dem damaligen CDU-Fraktionschef und späteren Ministerpräsident Oettinger befreundet sei. Mario L. hatte der Landes-CDU damals Spenden in Höhe von mehreren Tausend Mark zukommen lassen, in seinem Lokal richtete er „kalabrische Abende“ für die Fraktion aus.

Man konnte Oettinger häufig in L.s Restaurant antreffen. Der damalige Justizminister Baden-Württembergs, Thomas Schäuble (CDU), warnte Oettinger 1992 unter vier Augen, dass sein Name im Zusammenhang mit abgehörten Telefonaten aus der Pizzeria mehrfach aufgetaucht sei. Auch Innenminister Frieder Birzele (SPD) unterrichtete Oettinger im Oktober desselben Jahres, dass Mario L. im Verdacht stehe, mit einer Mafia-Organisation zusammenzuarbeiten.


Prozess aus Mangel an Beweisen eingestellt

In einem Vermerk der Staatsanwaltschaft Stuttgart von 1994 stand L. als mutmaßliches Clanmitglied unter dem „dringenden Verdacht, Organisator von Rauschgift- und Waffentransporten im Großraum Stuttgart“ zu sein und mehrere Millionen Mark in schweizerische und italienische Immobilien und Wertpapiere investiert zu haben.

Ein Untersuchungsausschuss prüfte, ob Oettinger sich des Geheimnisbruchs schuldig gemacht und die Ermittlungen behindert habe. Doch der Verdacht gegen Oettinger lief ins Leere. Die italienische Justiz eröffnete in den 90er-Jahren einen Prozess gegen Mario L., aber 1999 wurde der mangels Beweisen freigesprochen.
Die „Operation Stige“ (italienisch für Styx, den Unterweltfluss der griechischen Mythologie) ist ein wichtiger Meilenstein im Kampf der italienischen Ermittler gegen die Expansion der ’Ndrangheta aus Kalabrien, die heute weltweit operiert und zu den gefährlichsten und mächtigsten kriminellen Organisationen der Welt aufgestiegen ist. Sie macht einen Jahresumsatz von schätzungsweise 150 Milliarden Euro – mit Drogen- und Waffenhandel sowie Geldwäsche, aber auch mit Investitionen in legale Unternehmen. Mit ihrer finanziellen Kraft kauft sie sich in die Politik ein.

Ermittler warnt vor langem Arm der Mafia

„Operation Stige“ ist dafür exemplarisch. Staatsanwalt Gratteri, der das kriminelle Potenzial der ‘Ndrangheta wahrscheinlich besser kennt als irgendein anderer, ist ständig in Europa, den USA und Kanada unterwegs. Um zu ermitteln und um seine Arbeit mit anderen Fahndern zu koordinieren. Er rät seit vielen Jahren, die Gefahr auch in Deutschland nicht zu unterschätzen. Am Dienstag warnte Gratteri vor allem vor der Infiltration der Politik durch Mafia-Familien.

„Wir wissen, dass die Kriminellen die Politiker heute nicht mehr erpressen müssen, um Einfluss in der Politik zu gewinnen“, sagte er am Dienstag auf einer Pressekonferenz über die aktuellen Razzien. „Die Politiker wenden sich an die Clans, um bei Wahlen deren Unterstützung und Stimmenpakete der Wähler zu erhalten. Sie gestatten der Mafia mitzuregieren, ihre Leute direkt auf politische Posten und in die öffentliche Verwaltung zu setzen“, so Gratteri.

Er weiß, dass gerade die `Ndrangheta – im Gegensatz zur sizilianischen Cosa Nostra und der neapolitanischen Camorra – international Respekt und Ansehen bei kriminellen Organisationen, Drogen- und Waffenhändlern genießt, weil sie streng hierarchisch organisiert ist und es kaum Überläufer und Kronzeugen gibt. Ihre Hauptquartiere liegen nach wie vor in kalabrischen Dörfern, hoch in den Bergen und von der Außenwelt abgeschnitten, häufig komplett von den Clans regiert.
So lag die Zentrale des Strangio-Clans im kleinen San Luca, in dem kleinen Ort Ciro das Hauptquartier der mit ihr alliierten Farao-Marincola-Familie. Gratteri weiß, wie das Leben in diesen Dörfern funktioniert: Er stammt aus dem kleinen Bergdorf Gerace in dieser Gegend.



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