Mittwoch, 21. August 2013

Italiens Mafia parkt in Deutschland ihre Killer

Die beiden Profikiller feuerten aus nächster Nähe auf drei Mafiosi und zwei unbeteiligte Gäste in der Kaffeebar. Zuletzt jagten sie dem erschossenen Mafioso Angelo Mirabella noch die letzten Kugeln aus ihren Magazinen in den Kopf. Ein Signal: Jeder im sizilianischen Vittoria sollte wissen, wer das eigentliche Ziel der Schüsse war. Fünf Minuten später meldete der 29jährige Carmelo Billizzi von Handy zu Handy: „Tutto a posto“ – alles in Ordnung.


 Carmelo Billizzi


Die Polizei in Caltanissetta hörte das kurze Gespräch mit und stellte fest: Das zweite Handy besaß eine deutsche Rufnummer, der Teilnehmer war Italiener und hatte das Gespräch im Großraum Mainz entgegengenommen. Der Rest war Routine. Der Besitzer des deutschen Handys war schnell ermittelt und festgenommen: Alessandro Emmanuello.



Alessandro Emmanuello


Ein großer Fang. Der 31jährige ist nach Einschätzung von Alexander Zelger, Verbindungsbeamter der italienischen Polizei beim Bundeskriminalamt, die „Nummer eins der Cosa Nostra“ in der Provinz Caltanissetta.
 


Caltanisetta


Die Festnahme stellt ein Lehrbeispiel für die immer effektiver werdende Zusammenarbeit von deutschen und italienischen Behörden dar. In Rom sitzen zwei BKA-Verbindungsbeamte bei der deutschen Botschaft, und der Südtiroler Zelger arbeitet seit eineinhalb Jahren beim BKA. „Der Informationsaustausch läuft beispielhaft“, weiß Leo Schuster, Erster Direktor im BKA. „Die Mafia ist längst kein italienisches Problem mehr. Die Mafiosi zieht es in den Norden, darauf müssen wir uns einstellen.“

Das BKA kennt folgende Strukturen: die klassische Mafia (Camorra und Cosa Nostra), die Ndrangheta, die Sacra Corona Unita und die Stidde. Alle Gruppen nutzen Deutschland als Aktionsraum, betreiben Heroinhandel, Schutzgelderpressung und Wirtschaftskriminalität. „Die Stidde, die sogenannten jungen Wilden“, erklärt BKA-Direktor Schuster, „sind einfache Gangster, die sich aus den traditionellen Clans gelöst haben.“

Neben ihren kriminellen Handlungen nutzen alle Gruppierungen Deutschland verstärkt als Ruheraum für ihre Killer, besonders seit die italienischen Sicherheitsbehörden ihre Aktivitäten gegen die „Familien“ nach der Ermordung von Richter Giovanni Falcone im Sommer 1992 verstärkt haben.

Auch Alessandro Emmanuello, der nach der Verhaftung von Obermafioso „Toto“ Riina zum brutalen Mafiaboß aufstieg, zog es ins ruhigere Deutschland. Immerhin wurde er seit sechs Jahren wegen mehrfachen Mordes gesucht. Zwei Jahre lang lebte er mit einer Deutschen in Mainz, hatte nach den Ermittlungen von dort aus das Blutbad in der Kaffeebar von Vittoria angeordnet. Vorausgegangen war ein Machtkampf zwischen den Familien Mirabella und Piscopo. Mit letzterer ist Emmanuello verschwägert. Die Fahnder glauben, dass Schwager Giovanni Piscopo mit Emmanuello den Mordauftrag in Vittoria erteilt hat. Der 32jährige wurde nur wenige Tage nach Emmanuello an der deutsch-niederländischen Grenze verhaftet.






Italienische Exilgangster stehen stets ihrer Organisation zur Verfügung. „Was ein Boss im Heimatdorf befiehlt, können Auswanderer nicht ignorieren“, sagt ein kalabrischer Ermittler. Wie zum Beispiel Giorgio Basile. Der 38jährige, der im Ruhrgebiet aufwuchs, gehört zur Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, und tötete für seinen Clanchef.

Aus Angst vor den italienischen Häschern war er nach der Ausweisung (FOCUS 7/99) zurück nach Deutschland geflüchtet und in Kempten verhaftet worden. Fünf Morde und die Beteiligung an weiteren 30 Morden hat er bereits gestanden. Durch seine Aussagen konnte die Polizei den deutschen Stützpunkt des Carelli-Clans in Nürnberg sprengen. Sechs Mafiosi kamen in Haft.

Neben Cosa Nostra und Ndrangheta ist auch die neapolitanische Camorra in Deutschland aktiv. Sabatino Ciccarelli lebte über zehn Jahre unauffällig als Betreiber mehrerer Modeboutiquen in Baden-Baden. Er wurde als führendes Mitglied, als Capo dei Capi, verhaftet und wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu vier Jahren Haft verurteilt. Der zuständige Staatsanwalt erhielt Morddrohungen und steht jetzt unter Personenschutz.

Einige Mafiosi in Deutschland versuchen sich inzwischen von ihren Heimatclans abzukapseln, wie die Festnahme von Capo Vincenzo Spartaro und neun Mafiosi im Vogelsberg zeigt.


Vincenzo Spartaro

Der Chef der „Europa“-Pizzeria in Alsfeld und seine Freunde aus Ciro in Kalabrien gehörten zur Ndrangheta. Sie lebten vom Drogen- und Waffenhandel sowie von der Schutzgelderpressung. Wer nicht zahlte, bekam eine Bombe vors Geschäft gelegt. So kassierten sie von Ladenbesitzern bis zu 50.000 Euro. Davon floss kein Euro nach Italien. Verbindungsmann Zelger: „Die Verbrecher handelten selbständig. Das ist ein großer Schritt zur Bildung einer schlagkräftigen kriminellen Struktur in Deutschland.“



DAS BLUTBAD VON VITTORIA

In Vittoria war ein Machtkampf zwischen den Cosa-Nostra-Familien Mirabella und Piscopo ausgebrochen. Mit letzterer war Emmanuello verschwägert. Als herrschender Pate hatte er den Anschlag angeordnet.


TATORT KAFFEEBAR der örtlichen Tankstelle

DIE KILLER KAMEN ZUM ESPRESSO – Der aufsteigende Mafioso Angelo Mirabella und zwei Familienmitglieder hielten sich in einer Bar auf, als ihre Mörder den Raum betraten. Die Killer töteten ihre Opfer mit Kopfschüssen, dazu noch zwei Gäste. Sie waren lästige Augenzeugen

VERHAFTET – Alessandro Piscopo soll einer der Hintermänner des fünffachen Mordes sein

VERHAFTET – Enzo Mangione gehörte das Handy, von dem aus Alessandro Emmanuello informiert wurde



DIE AUFTRAGGEBER


DER PATE – Alessandro Emmanuello, 31, wegen Mordes gesucht, hatte sich nach Mainz abgesetzt und lebte dort mit seiner Freundin

DER SCHWAGER – Giovanni Piscopo, 32, wurde von der italienischen Polizei wegen mehrerer Gewaltdelikte gesucht

Die Mafiosi Emmanuello und sein Schwager Giovanni Piscopo importierten Heroin von den Niederlanden nach Sizilien.




DER BOUTIQUENBESITZER

Sabatino Ciccarelli betrieb in Baden-Baden mehrere Nobelboutiquen.

Der Capo dei Capi Ciccarelli, genannt „Tino“, soll ein Camorra-Chef sein und zwei – nie ausgeführte – Morde in Auftrag gegeben haben.

Der 59jährige wurde nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.



DER SERIENMÖRDER

Als Zweijähriger zog Giorgio Basile mit seiner Mutter nach Mülheim an der Ruhr. Der brutale Killer gestand fünf Morde, darunter den an seinem besten Freund. Außerdem war Basile an 30 weiteren Morden beteiligt.


Giorgio Basile