Dienstag, 20. August 2013

Letzte Ausfahrt vor der Mafia-Karriere

(siehe auch Bericht zuvor)

Nachforschungen des Jugendgerichts förderten ein desaströses Umfeld bei Jugendlichen in Kalabrien zutage: der Vater ermordet, die Brüder wegen Mordes und Mafiadelikten im Gefängnis, der Jugendliche umgab sich in seiner Freizeit mit Vorbestraften und schwänzte die Schule. In den Akten notierten die Richter, dass die Mutter und die übrige Verwandtschaft "keine Garantien für die Erziehung des Jugendlichen" bieten könnten, da es sich bei der Familie, um einen der einflussreichsten Mafia-Clans der Gegend handelte.

Obwohl sich der Jugendliche selbst nicht direkt strafbar gemacht hatte, verfügten die Jugendrichter seine Unterbringung in einer sozialen Einrichtung außerhalb Kalabriens und stellten ihm einen Betreuer zur Seite. Einmal im Monat kann er seine Familie besuchen. Diese Maßnahme sei "die einzige Möglichkeit, den 16-Jährigen vor einem vorgezeichneten Schicksal zu bewahren" und ihm eine "ernsthafte kulturelle Alternative" zu bieten. So formulierten die Richter in ihrem Urteil.

"Ich bin mir bewusst, dass es sich um einen schweren Eingriff handelt", sagte Di Bella. Er sehe aber keine andere Möglichkeit. Die Mafia-Familien wehren sich gegen das radikale Experiment. In einem Fall bestätigte die Berufungsinstanz die Entscheidung der Jugendrichter, die Nachkommen einer 'Ndrangheta-Familie außerhalb Kalabriens in Obhut zu geben. Maria Concetta Cacciola war Mitglied eines Clans und hatte sich zur Zusammenarbeit mit der Justiz entschieden. Die Großeltern drohten der Mutter, ihren drei Kindern Schaden zuzufügen. Cacciola, die laut Gericht Opfer einer mafiösen "Subkultur" geworden sei, beging Selbstmord.


Maria Concetta Cacciola

Die Blutsbande in der kalabrischen Mafia sind berüchtigt. Es kommt vor, dass junge Frauen gegen ihren Willen verheiratet werden, um die Macht von 'Ndrangheta-Familien auszuweiten. Neue Mitglieder müssen sich einem Initiationsritus unterziehen. Sie lassen sich in den Finger stechen, das Blut tropft auf ein Bild des Erzengels Michael. Dann schwören sie: "Ich verspreche der Organisation, treu zu sein. Wenn ich nicht treu bin, soll ich verbrennen wie dieses Bild." In diesem Zusammenhang wirkt das Programm des Jugendgerichts in Reggio Calabria ambitioniert. Di Bella hofft trotzdem, dass die Jugendlichen, wenn sie als 18-Jährige frei über ihre Zukunft entscheiden können, den richtigen Weg einschlagen.

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