Donnerstag, 1. August 2013

Mafiakiller leben gerne in Deutschland

Die Mafia – meist bleibt sie unsichtbar wie die Rückseite des Mondes. Es sei denn, sie will ihre Macht demonstrieren, Menschen in Angst versetzen. In Deutschland leben bis zu 30 Profi-Killer der Mafia unter falscher Identität. Sie arbeiten in italienischen Restaurants als Pizzabäcker oder Aushilfskellner. Quellen: vertrauliche Berichte aus dem Amt für Verfassungsschutz.

Die Mafiosi sind längst überall. Die Ursino in Hannover, die Morabito in Köln, die Mazzaferro in Stuttgart, die Muto in Nürnberg. Am stärksten konnten sich die Clans aus der kalabresischen Mafia-Hochburg San Luca verbreiten: die Nirta, Strangio, Pelle, Romeo und Co haben in Berlin und in München, in Leipzig und in Düsseldorf, in Dresden und in Tübingen Fuß gefasst.



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Und natürlich im Ruhrgebiet, zum Beispiel in Duisburg, wo im August 2007 sechs Angehörige des Clans Pelle-Vottari von Killern der verfeindeten Familie Nirta-Strangio vor der Pizzeria "Da Bruno" erschossen wurden. Das warf ein Schlaglicht auf einen kleinen Ausschnitt der Mafia-Szene in Deutschland und wurde doch bald wieder vergessen - zumal im vergangenen Jahr Giovanni Strangio, der Kopf hinter dem Mordanschlag von Duisburg, in Amsterdam festgenommen werden konnte. Mafia in Deutschland - nur ein schlechter Traum?


Profikiller Giorgio Basile (seit 2005 im Zeugenschutzprogramm)


Dort weiß man offenbar Einiges über die Geschäfte der Mafia – getan wurde bislang dagegen nur wenig. In 41 Aktenordnern findet sich unter anderem eine Liste der 20 Top-Mafiosi. Ihre Namen, die Organisationen, denen sie angehören, was sie tun und wo sie sich aufhalten. Auch Auswertungsberichte von Informanten aus der Szene schlummern dort seit Jahren ungenutzt in den Regalen.

Gestern kündigte die Behörde plötzlich an, die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Donnerwetter! Weshalb die Eile?

Für die Killer der Mafia ist Deutschland Freundesland. Dem Bundeskriminalamt (BKA) ist das ebenfalls bekannt. Im aktuellsten Mafia-Report des BKA ist Folgendes zu lesen: „Seit dem Jahr 2000 wurden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 40 italienische Staatsangehörige festgenommen, die einer italienischen kriminellen Mafia-Organisation angehörten . . . und zu den meistgesuchten Mafiosi Italiens zählten.“

Erfahrungsgemäß gehen den Ermittlern nur wenige Mafiosi ins Netz – die Dunkelziffer dürfte deshalb wesentlich höher sein.


Drei Beispiele:

Im September 2003 wurde bei Rosenheim Giuseppe R. (39) festgenommen. Er galt als Führungsmitglied des Camorra-Clans der Casalesi aus der Region Neapel. Er wurde als Auftraggeber mehrerer Morde in Italien ermittelt und dorthin ausgeliefert.

Im September 2005 nahm die Polizei im Saarland Josef F. (36) fest. Er war in Italien 2001 in Abwesenheit wegen siebenfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden . Außerdem war er an der Entführung und dem Mord an einem 12-jährigen Sohn eines Kronzeugen beteiligt. Der Profi-Killer tauchte 1999 kurz vor seiner geplanten Festnahme in Italien in Deutschland unter.

Im April 1998 schnappt die Polizei auf dem Bahnhof von Kempten Giorgio Basile (47). Der Profi-Killer hatte im Auftrag der Mafia 30 Menschen ermordet. Seine Aussagen als Kronzeuge brachten später 50 Mafiosi in den Knast.

Basile – sein Spitzname „Engelsgesicht“ – sagte als Zeuge in einem Drogenprozess aus. Er wurde von einem unbekannten Ort in Italien per Videoübertragung in das Düsseldorfer Oberlandesgericht zugeschaltet.

Aus Angst vor der Mafia sagte er nur mit dem Rücken zur Kamera aus. In einem Chat hatte er schon 2005 erklärt: „Es gibt viele versteckte Killer in Deutschland. Man kann in eine Pizzeria gehen und der Pizzabäcker ist in Wirklichkeit ein Killer, der sich versteckt und nur auf einen Anruf wartet.“

Warum tauchen die Killer der Mafia am liebsten in Deutschland unter? Experte Vincenzo Militello (49), Professor für Kriminologie an der Uni Palermo: „Die Killer finden bei Landsleuten in Deutschland ein sicheres soziales Netz und entziehen sich den Verfolgern daheim.“

Und das wird sich vermutlich so schnell nicht ändern. Bernd Carstensen (54) von Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK): „Der Kampf gegen den Terror bindet Kapazitäten, die dann im Kampf gegen die organisierte Kriminalität fehlen.“