Die Mafia weitet in Deutschland ihren Einfluss auf Wirtschaft und
Politik aus. Das geht nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung aus einem geheimen Bericht des Bundeskriminalamtes
hervor. Vor allem in Stuttgart sind die Clans bestens verdrahtet.
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| Bosse der 'Ndrangheta in Stuttgart |
Brennt der heilige Bartholomäus im hintersten Winkel Kalabriens, geht
ein neues Licht auf im organisierten Verbrechen. Die Alten in der
'ndrangheta legen Wert auf Tradition. Neuen Mitgliedern ritzen sie ein
Kreuz auf den Daumen. Danach verbrennt der Clanchef ein Heiligenbildchen
und streut die Asche auf den wunden Daumen, der wiederum von allen
Anwesenden mit dem Schwur geküsst wird, die geheime Gesellschaft niemals
zu verraten.
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| einer der seltenen Aufzeichnungen über das Aufmahme- Ritual der 'ndrangheta |
Was nach einem folkloristischen Ritual anachronistischer Figuren
aussieht, ist Teil der Erfolgsgeschichte eines hochmodernen Syndikats,
das seine Arme in Deutschland wie eine Krake durch immer neue Türen
schiebt. Das geht aus einem als geheim eingestuften Bericht („VS - nur
für den internen Dienstgebrauch“) des Bundeskriminalamts hervor, der
dieser Zeitung vorliegt. In der 236 Seiten umfassenden Analyse warnt das
BKA vor der 'ndrangheta in Deutschland, die ihren Einfluss in
Wirtschaft und Politik ausgedehnt habe. Die Rede ist von einem
deutlichen „Qualitätssprung“.
Killer der Mafia halten sich gern in Deutschland auf
Zu den Stärken der Organisation gehört die innere
Solidarität ihrer Clans, in denen Ämter und Ränge ebenso streng
festgelegt sind wie die Aufteilung der Gewinne und des Einkommens.
Insgesamt soll es in der Region Kalabrien mehr als 230 Familienverbünde
mit rund 8.000 Mitgliedern geben, die weitreichende Kontakte zu in
Deutschland lebenden Italienern pflegen. So fließen erkleckliche Gewinne
aus kriminellen Geschäften von Deutschland nach Italien in die Kassen
von Clans, die laut dem BKA-Bericht einen bestimmten Prozentsatz davon
an das Mutterhaus in San Luca abgeben.
Das BKA berichtet in dem internen Papier von 41 international und 46
national gesuchten 'ndrangheta-Leuten, die in der Zeit zwischen 1997 und
2011 in der Bundesrepublik aufgespürt worden seien. „Dabei stellte sich
heraus, dass sich Führungspersönlichkeiten einzelner Clans und auch
Killer der Mafia in Deutschland aufhalten“, heißt es in dem
Geheimdossier. Spätestens das Attentat von Duisburg, bei dem am 15.
August 2007 zu vorgerückter Stunde sechs Italiener aus Kalabrien in der
Innenstadt vor der Pizzeria Da Bruno mit Kopfschüssen hingerichtet
worden sind, macht nach Ansicht des BKA deutlich, „über welches
Machtpotential die 'ndrangheta in Deutschland verfügt“.
Stuttgart ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Mafia
Dabei war dieses Massaker eher untypisch für die
Organisation, die ansonsten eher im Stillen wirkt und lieber durch
Vordertüren geht statt durch Hinterausgänge. Als besonders gutes
Pflaster erweist sich dabei offenbar die Gegend um das prosperierende
Stuttgart. Dort werde die Mafia gefährlich unterschätzt. Stuttgart ist seit Jahrzehnten
eine Hochburg der Mafia in Deutschland, speziell zweier Clans der
kalabrischen 'ndrangheta, die auch die umliegenden Orte wie Waiblingen,
Ludwigsburg, Esslingen und Fellbach als ihr ur-eigenes Terrain
betrachten. Die Mafia kam im Gefolge der italienischen
Gastarbeiter und ist inzwischen bis in höchste Gesellschaftsspitzen
vorgedrungen. Heute macht sie in Stuttgart ihre Geschäfte in der
Bauindustrie, im Immobilienhandel, in der Gastronomie.
Italienische Ermittler bestätigen diesen Befund.
„Im süddeutschen Raum ist die Region Stuttgart in fester Hand
kalabrischer Gruppierungen von Cirò, insbesondere des Clans von Farao“,
sagt Roberto Scarpinato, leitender Oberstaatsanwalt der Abteilung
Mafia-Bekämpfung in Palermo. Im vertraulichen BKA-Bericht sind für ganz
Deutschland mehr als 750 mutmaßliche Gewährsmänner aufgelistet, die im
Verdacht stehen, für die 'ndrangheta zu arbeiten. Auffällig viele von
ihnen wohnen in der Region Stuttgart.
Oettinger in pikantem Untersuchungsausschuss im Landtag
Einer der im Bericht genannten Namen ist den
Beamten zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität bestens bekannt.
Es handelt sich um einen italienischen Promi-Wirt aus
Stuttgart-Weilimdorf, der 1993 in die Schlagzeilen geriet, weil man ihn
der Geldwäsche im großen Stil bezichtigte. Der Fall bekam dadurch
besondere Brisanz, dass der Wirt häufiger einen Gast hatte, den er gern
als „mein Minister“ bezeichnet hat. Gemeint ist der damalige
CDU-Fraktionschef im Landtag und heutige EU-Kommissar Günther Oettinger,
der gern und oft seinen Feierabend im Weilimdorfer Restaurant
ausklingen ließ. Da Fahnder das Telefon des Lokals über Monate abhörten,
wurde auf diese Weise so manches auf Tonbändern konserviert, was der
italophile Christliche Demokrat zu vorgerückter Stunde über politische
Freunde und Feinde zu erzählen wusste. Die Sache mündete in einen für
Oettinger pikanten Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen
Landtag.
Günther Oettinger
Schon damals wurde im Auftrag des
baden-württembergischen Justizministeriums ein Geheimdossier zur lokalen
Mafiaszene angefertigt. Darin beschrieben die Ermittler, wie Jugoslawen
und Italiener um die Vorherrschaft in der Stuttgarter Zockerszene
streiten. Ein Jugoslawe kam dabei ums Leben. Die Polizei konnte drei
Täter ermitteln, die später zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt
wurden. Auffällig war für die Beamten, dass alle Täter und sonstigen
Verdächtigen aus Cirò stammten, jenem 5000 Einwohner zählenden Städtchen
aus dem kalabrischen Hinterland.
„Stamm-Kunde Oettinger sagt Ade“
Trotz dieser Erkenntnisse blieb die kriminelle
Parallelwelt weitgehend unbehelligt. Zwar wurde der überwachte
Pizzabäcker später wegen Steuerhinterziehung zu 21 Monaten
Freiheitsstrafe auf Bewährung und Rückzahlung der Steuerschuld von 1,3
Millionen Mark verurteilt und aufgrund einer internationalen
Ausschreibung italienischer Behörden wegen Mitgliedschaft „in einer
kriminellen Vereinigung nach Art der Mafia“ in Deutschland festgenommen.
In seiner Heimat kam der ausgelieferte Wirt jedoch bald wieder frei,
was er gebührend im Weilimdorfer Ristorante feierte. Seine
landsmannschaftliche Karriere hat dies eher beflügelt. Das BKA geht in
seiner Analyse davon aus, dass der Gastwirt durch seinen Freispruch
intern aufgestiegen sei. Er soll eine „gehobene Stellung innerhalb des
Clans Greco und auch des Clans Farao“ haben und für die „finanziellen
Aspekte“ verantwortlich sein.
Gleich hinter ihm ist in der BKA-Verschlusssache
ein mutmaßlicher Vertrauter aufgeführt, der ebenfalls als Gastronom in
Stuttgart angesiedelt ist. Es handelt sich dabei um einen bisher
kriminalpolizeilich unbescholtenen Mann, der in jüngster Zeit zweimal in
Erscheinung trat. Am 30. Dezember 2009 zeigte ihn die „Bild“-Zeitung
groß auf einem Foto neben dem damaligen Ministerpräsidenten Oettinger,
der vor seinem Wechsel als EU-Kommissar nach Brüssel stand. „Stamm-Kunde
Oettinger sagt Ade“, titelte das Blatt in dicken Lettern und zitierte
den Wirt namentlich mit den Worten: „Schade, ein Freund geht.“
Das Wort „Mafia“ wurde nicht ein einziges Mal verwendet
In der vergangenen Woche hat den „Freund“ des
damaligen Ministerpräsidenten ein weiteres Mal das Licht der
Öffentlichkeit gestreift, und zwar in einer heiklen Angelegenheit. Sein
Name tauchte bei einer Verhandlung im Stuttgarter Landgericht auf. Dort
befasst sich die Justiz zurzeit mit dem versuchten Mord an dem
Stuttgarter Herrenausstatter Felix W. Der Modemacher mit exquisiten
Geschäften in Stuttgart, Zürich und München, der auch als
Projektentwickler von Immobilien auftritt, war im November 2009 von
Maskierten überfallen und mit zwei Schüssen niedergestreckt worden. Der
Mann überlebte diesen Anschlag nur mit Glück. Vier Italiener müssen sich
dafür jetzt vor dem Landgericht verantworten.
Wie sich bei den umfangreichen Ermittlungen der
Stuttgarter Kriminalpolizei herausstellte, waren zwei der
Tatverdächtigen ausgerechnet bei jenem italienischen Gastronomen
beschäftigt, der sich öffentlichkeitswirksam als „Freund“ des
Ministerpräsidenten bezeichnet hat. Die beiden Italiener arbeiteten für
den Capo am Umbau eines Restaurants. Die polizeiliche Vernehmung des
Gastwirts wurde vor Gericht in Abwesenheit des Wirts zwar kurz erörtert,
allerdings ohne auf mögliche Hintergründe einzugehen. Das Wort „Mafia“
tauchte bei dieser Gelegenheit kein einziges Mal auf. Dabei hatte die
Stuttgarter Kriminalpolizei, die den mutmaßlichen Tätern vor allem durch
überwachte Handys auf die Spur kam, genau darauf abgezielt.
Gut organisierten Machenschaften italienischer Clans werden mindestens fahrlässig unterschätzt
„Die Gesamtumstände deuten darauf hin, dass im
Hintergrund mafiöse Strukturen für die Tat mitverantwortlich waren“,
heißt es im Ermittlungsbericht. Zwei der vier Beschuldigten könnten
„Pentolante“ sein - tatkräftige Männer, die im Auftrag anreisen, ein
Problem zu lösen. Weil sich die vier Angeklagten bei den Vernehmungen
bemühten, ihre Komplizen nicht zu belasten, geht die Polizei laut dem
Ermittlungsbericht davon aus, „dass sie sich an das Gesetz des
Schweigens halten“.
Ein interessanter Lesestoff, könnte man meinen.
Doch über die Mafia redet keiner bei der öffentlichen Aufarbeitung des
Mordversuchs vor den Schranken der Justiz. Für Petra Reski, die gerade
ein neues Buch mit dem Titel „Von Kamen nach Corleone - Die Mafia in
Deutschland“ veröffentlicht hat, passt das ins Bild. Die Journalistin
beklagt, dass die gut organisierten Machenschaften italienischer Clans
in Deutschland totgeschwiegen oder mindestens fahrlässig unterschätzt
werden. Ein ganzes Kapitel ihres neuen Buchs hat sie Stuttgart gewidmet.
Wie selbstverständlich sich die kalabrischen Mafiosi dort bewegen, lege
nicht zuletzt die Wahlfälschungsaffäre um den römischen Senator Nicola
di Girolamo nahe, der zwischenzeitlich als mutmaßlicher Protagonist
eines gigantischen Geldwäscheskandals der 'ndrangheta in Italien
festgenommen worden ist.
An die Organisation kamen die deutschen Fahnder nicht heran
Besonders gute Drähte hatte der Senator nach
Stuttgart. Der politisch unbekannte Di Girolamo, der meist in Brüssel
residierte, hatte im Jahr 2008 bei der Parlamentswahl als
Auslandsitaliener kandidiert und auf Anhieb mehr als 25 000 Stimmen
eingefahren. Die meisten waren nach Ansicht römischer Fahnder von der
'ndrangheta gekauft - besonders viele davon in der Region Stuttgart. Die
Sammelstelle für die gefälschten italienischen Wählerstimmen befand
sich nach Erkenntnissen der italienischen Staatsanwälte in einem Inter-
Mailand-Fanclub bei Stuttgart.
Die 'ndrangheta treibt ihre Wurzeln in Deutschland
aus, ohne dabei entschieden gestört zu werden. „Bezogen auf das
Investitionsverhalten und die Geldflüsse der Clans werden die Hinweise
immer deutlicher, dass in Deutschland Investitionen in großer Höhe
vorgenommen werden, hauptsächlich im Gastronomie- und Hotelgewerbe“,
heißt es im BKA-Bericht. Gemessen an der Dimension bleibt die Polizei
diesem Treiben in der 'ndrangheta-Hochburg Stuttgart gegenüber auffällig
gelassen. Bislang gelang es den deutschen Fahndern meist nur, einzelnen
Mafiosi konkrete Delikte nachzuweisen. An die Organisation dahinter
kamen sie nicht heran.
„Sei still. Kein Wort über Große, und Mächtige!“
Für Manfred Klumpp, Landesvorsitzender des Bundes
deutscher Kriminalbeamter, ist das kaum verwunderlich. „Statt Mafia
heißt das große polizeiliche Thema derzeit in Baden-Württemberg
Stuttgart 21“, sagt er gallig und ergänzt: „In Sachen Mafia verfügt die
baden-württembergische Polizei bisher nur über stumpfe Schwerter!“
Anders als in Italien sei die Zugehörigkeit zur Mafia in Deutschland
kein Delikt. „Wer uns den Zugriff auf Telefon- und
Internet-Verbindungsdaten verbietet, wie jüngst das
Bundesverfassungsgericht, erstickt erfolgreiche Mafia-Ermittlungen schon
im Keim. Auch bei Geldwäscheverdacht sind wir machtlos, solange es
nicht wie in Italien die sogenannte Beweislastumkehr gibt“, sagt Klumpp.
„Man muss sich schon die Frage stellen, ob diese stumpfen Schwerter
vielleicht nicht doch auch politisch gewollt sind, wenn dazu noch immer
mehr Personal bei der Polizei abgebaut wird.“
Stumpfe Schwerter? Politisch gewollt? Während sich
die Mafia kommod in Deutschland einrichtet, schneiden deutsche Fahnder
in Italien aufschlussreiche Telefongespräche mit - und schweigen. Bei
den Ermittlungen zum Mordversuch an Felix W. hörten Beamte ein Gespräch
zwischen der Ehefrau eines soeben in Brescia festgenommenen
Tatverdächtigen und dem Bruder eines zuvor in Deutschland verhafteten
Italieners ab. Dabei wurde die Dame eindringlich ermahnt: „Sei still.
Kein Wort um jenen Großen, Mächtigen!“ Wer dieser Mann ist, bleibt wohl
im Dunkeln wie das Geschäft der 'ndrangheta in Deutschland.