In Sizilien beherrscht die Mafia das Land - den Touristen bleibt
dies verborgen. Nur allmählich setzen sich mutige Kaufleute zur Wehr.
Es gibt Enttäuschungen im Leben, die sitzen tief. Antonino Lo Bello zum
Beispiel hatte jahrelang immer beim selben Bäcker eingekauft. Der
Ingenieur brauchte nur um die Ecke ins Noce-Viertel zu gehen, um die
schönsten mit Ricotta gefüllten Cannoli, duftende Mandelkekse, köstliche
Brioches und natürlich das typisch sizilianische Brot mit Sesam zu
finden.
Der Appetit ist ihm gehörig vergangen, als nach einer Polizeirazzia
Unterlagen gefunden wurden, aus denen hervorging, dass seine Bäckerei
nicht nur Pizzo (Schutzgeld) an die Cosa Nostra bezahlt hatte, so wie es
in Palermo nach Aussagen der Justizbehörden rund 85 Prozent aller
Geschäfte und Handelsbetriebe tun. Lo Bellos Bäckerei entrichtete das
Pizzo in Naturalien, also in Form von Torten und Süßspeisen für die
Feste der tonangebenden Mafiafamilie des Stadtteils.
Antonino Lo Bello, ein sozial engagierter Mann, hat daraufhin
sofort den Bäcker gewechselt. Er fühlte sich getäuscht, "aber die Mafia
kann man leider nicht sehen", sagt er. Ja, die Männer der Cosa Nostra
tragen keine Uniformen, ihre Autos haben keine besonderen Kennzeichen
und auf den Firmensitzen, die sie kontrollieren, wehen auch keine
Fahnen.
Außerdem hat die Mafia nach den blutigen Anschlägen Anfang der
neunziger Jahre, als Polizisten, Staatsanwälte und Untersuchungsrichter
ermordet wurden und Bomben sogar in Rom, Florenz und Mailand
explodierten, ihre Strategie geändert: Sie ist untergetaucht und macht
ihre Geschäfte nun so geräuschlos wie möglich. Aber wenn man sich Mühe
mache, sagt Lo Bello, dann könne man die Cosa Nostra an ihren
Spuren erkennen.
Und weil der Ingenieur am Wasseramt der Stadt angestellt ist, erzählt
er als Erstes von einem Palazzo an der Baida Micciulla nicht weit
entfernt von den Katakomben der Kapuziner. Unter diesem Palazzo stößt
man auf eine "Camera dello Scirocco" aus dem 16. Jahrhundert. Viele
palermitanische Adelspaläste hatten diese segensreiche Einrichtung eines
tiefgelegenen Raumes, durch den ein Wasserlauf geleitet wurde.
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| Quanate von Palermo |
Mit einer geschickt regulierten Zirkulation der über dem Wasser
abgekühlten Luft konnten dieser Raum sowie benachbarte Zimmer im Sommer
wohltemperiert gehalten werden, während draußen der 40 Grad heiße
Schirokko die Stadt zum Kochen brachte. Das Wasser floss dann in den
"Qanat", das tausendjährige unterirdische Kanalsystem, das noch aus der
arabischen Zeit von Palermo stammt.
Flucht im Kanal
Was das alles mit der Cosa Nostra zu tun hat? Nun, dieser
Palazzo, so erzählt Antonino Lo Bello, war viele Jahre lang im Besitz
eines Mafiabosses.
Als man den Mann in den neunziger Jahren festnehmen und
verurteilen konnte, entdeckten die Ermittler, dass er in die Camera
dello Scirocco und die teilweise trockengelegten Qanatkanäle Licht
gelegt und diese als unterirdische Gänge zu einem Fluchtsystem ausgebaut
hatte. Nach der Enteignung haben heute die Scouts, die Pfadfinder
Palermos, ihren Sitz in diesem Palazzo.
Und wenn ein Besucher den arabischen Qanat besichtige, so der
Ingenieur, lerne er nicht nur ein den meisten unbekanntes unterirdisches
Palermo kennen, sondern erfährt auch, wie sich die Cosa Nostra immer
wieder in den Nischen und Winkeln dieser Stadt einrichte.
Kann man die Mafia anderswo sehen?
Wenn man mit Deutschen spricht, die in Palermo leben, heißt es, man
wisse zwar um die Mafia, lese auch hier und da in den Zeitungen etwas
über sie, aber man sei noch nie in Berührung mit ihr gekommen, sie
spiele im Alltag der Stadt keine spürbare Rolle.
Es lässt sich in Palermo, einer der schönsten Städte Südeuropas,
wunderbar leben, ohne dass man von der organisierten Kriminalität
gestört wird. Cosa Nostra, das ist eine andere Welt, eine andere Stadt.
Ist sie das wirklich? Natürlich kann man der Baustelle nicht
ansehen, ob auf ihr mafiöse Unternehmen tätig sind. Wenn man in die Via
Libertà, die lange und elegante Ausfallstraße von der Piazza Politeama
Richtung Westen einbiegt, blickt man in die Vitrinen von
Luxusgeschäften, passiert eine Bankfiliale nach der anderen, liest auf
blankgeputzten Messingschildern die Namen von Rechtsanwälten und Ärzten
und sieht hoch zu gepflegten Fassaden, die eher nach Mailand gehören als
nach Palermo.
Dabei zählt die Stadt offiziell zu den ärmsten Orten Italiens. In
Palermo kann man bei einem Spaziergang neben der Luxusstraße die
heruntergekommene Gasse finden, das elegante Wohnhaus neben der
Abrissbude, die gepflegte Parkanlage neben dem verdreckten Platz. Es
wäre jedoch anmaßend, in jedem reichen Winkel der Stadt immer gleich
ihre verbrecherische Seite zu vermuten.
Aber man fragt sich schon, warum es in einer statistisch armen Stadt so viele Bankfilialen gibt.
Die Anti-Mafia-Bewegung hat andere Versammlungsorte. Zum Beispiel das
Haus in der Via Notarbartolo im Westteil der Stadt, in dem der
Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und seine Frau Francesca Morvillo
gewohnt hatten. Beide waren bei einem Attentat ums Leben gekommen, als
am 23. Mai 1992 ein ganzes Autobahnstück zwischen dem Flughafen Punta
Raisi und Palermo in die Luft gesprengt worden war.
Vor dem Haus in der Via Notarbartolo steht ein krummer Ficus, der
sich lichtsuchend vom Gebäude wegdrängt. Der Stamm ist übersät mit
Botschaften, Zetteln, Fotos, die an die beiden ermordeten
Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino erinnern.
Jedes Jahr im Mai versammeln sich hier Demonstranten, um zu zeigen, dass
sich eine Mehrheit der Palermitaner nicht mehr vom organisierten
Verbrechen einschüchtern lassen möchte.
Mitten in der Altstadt kommt man indes in eine hübsch
hergerichtete Gasse mit dem träumerischen Namen "Straße des Schnees auf
dem Lorbeer" (Via della Neve all'Alloro). Bei der Hausnummer eins hat
der Kulturmanager Michele Anselmi ein Café eingerichtet, in dem er
kleine Ausstellungen, Literaturlesungen und Podiumsdiskussionen
veranstaltet.
Auf den Spuren des Leoparden
Anselmi organisiert auch Touren durch Sizilien auf den Spuren von
Giuseppe Tomasi di Lampedusa und seinem Weltbestseller "Il Gattopardo"
("Der Leopard"). Der Palazzo, in dem der Schriftsteller gelebt hat,
liegt gleich um die Ecke.
Mit einem Glas Prosecco stößt Michele Anselmi darauf an, dass ihn
die Cosa Nostra bislang mit Schutzgeldzahlungen in Frieden gelassen
hat, wie übrigens auffallend viele sozial und politisch engagierte
Einrichtungen auch. Und er präsentiert ein kleines Heft der Bewegung
Addiopizzo (wörtlich: Schutzgeld ade), in dem seine Organisation, der
"Parco letterario Tomasi di Lampedusa", ebenso verzeichnet ist, wie
Hotels, Restaurants und Handwerksbetriebe aller Art. Rund 200
Unternehmen, die mutig öffentlich erklären, kein Schutzgeld zu bezahlen.
Auch Antonella Sgrillos Restaurant "Il mirto e la rosa" ist in
diesem Verzeichnis zu finden. Antonella erzählt von Leuten aus ihrem
Viertel, die nicht zur Polizei gingen, wenn ihnen etwas gestohlen wird,
sondern zum Mafia-Boss, der es ihnen gegen Entgelt manchmal
wiederbeschaffen könne.
Was Antonella enttäuscht, ist die Tatsache, dass es nur wenige
Restaurants und Pizzerien auf der Liste von Addiopizzo gibt. Auch heute
noch wagten es nur wenige, sich als Gegner der Mafia zu bekennen, sagt
sie: "Die Leute haben Angst." Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Anfang
August war der Lagerschuppen eines Eisenwarengeschäfts in Flammen
aufgegangen, dessen Eigentümer, Rudolfo Guajana, sich zu Addiopizzo
bekennt. Aber Guajana lässt sich nicht einschüchtern: "Ich zahle
weiterhin keinen Pizzo!"
Auch Libera Dolci kennt keine Angst, obgleich sie sich bislang
nicht der Addiopizzo-Bewegung angeschlossen hat. Das typisch
sizilianische Misstrauen in organisierte, laut auftretende Gruppen
reicht auch weit in Anti-Mafiakreise, wo viele es vorziehen, für sich zu
bleiben. Die Tochter des als "Gandhi von Sizilien" verehrten
Menschenrechtlers Danilo Dolci hat zusammen mit ihrem Mann gleich hinter
dem normannischen Sommerschloss der Zisa einen kleinen Bed &
Breakfast eröffnet.
Sie schützt sich vor der Mafia, indem sie in den Gassen gleich
hinter der Piazza della Zisa soziale Hilfestellungen gibt und die
Nachbarn in ihren baglio, ihren Hof, einlädt. Gemeinschaft, wenn sie
überschaubar sei, mache stark. Und so habe auch noch niemand bei ihr den
Pizzo eingefordert.
Das italienische Wort Pizzo bezeichnet sowohl kunstvoll gewebten
Stoff, als auch Schutzgeldzahlungen. Addiopizzo begann vor drei Jahren
mit einer Plakataktion, bei der neben einem Slip aus violettem
Spitzenstoff zu lesen war: "Ein Volk, das den Pizzo bezahlt, ist ein
Volk ohne Würde." Und klein über dem Slip stand: "Das ist der einzige
Pizzo, den wir wollen."
Neben den 200 Ladenbesitzern, die öffentlich erklären, kein
Schutzgeld zu zahlen, haben sich fast 10 000 Palermitaner
eingeschrieben, die als kritische Konsumenten nur in Pizzo-freien
Geschäften einkaufen wollen. Je mehr man die AntiMafia sehe, desto
schwächer werde die Mafia. Denn auch die Touristen sollten wissen, wenn
sie in einer Pizzeria essen, die Schutzgeld bezahlen muss, finanzieren
sie indirekt die Cosa Nostra mit.
Für den Schriftsteller Roberto Alajmo, der ein Buch über Palermo
geschrieben hat ("Palermo sehen und sterben") ist die Mafia vor allem
ein Geruch - besser ein Gestank: "Es ist, als ob man in sein
ungelüftetes Landhaus kommt und den Gestank von Verwesung wahrnimmt. Du
weißt nicht genau wo, aber der Gestank sagt dir, dass irgendwo eine tote
Maus liegt. Das ist für mich Mafia: der Gestank einer versteckten toten
Maus."