Freitag, 21. August 2015

Mafiaboss erhält pompöse Beerdigung

Die Traumbeerdigung für den „Mafia-Boss – König von Rom“ war kein Drehtermin für einen neuen Mafia-Film, auch wenn sich die Szenen unweit der Cinecittà-Studios an der Via Tuscolana im Südosten Roms ereigneten. Da zogen am Donnerstag sechs schwarze irische Rösser eine pompöse Kutsche von 1910 mit dem Sarg von Vittorio Casamonica zur Kirche San Giovanni Bosco. Dem Katafalk folgte ein Rolls Royce, und drei Pickups einer deutschen Edelmarke brachten hinterdrein die Kränze. Als Männer mit ihren Schnauzbärten und tätowierten Armen den Sarg vorbei an den schluchzenden Menschen in die Kirche trugen, stimmte eine Zigeunerkapelle mit kräftigen Posaunen das Titellied vom „Paten“ des Filmregisseurs Francis Ford Coppola von 1972 an. Drinnen meinte der Pastor „Jesus wird unseren Bruder mit offenen Armen empfangen“, und wieder draußen ließ ein Hubschrauber rote Rosen auf den Sarg regnen.



Er sei ein „feiner Mann“ gewesen, dieser Casamonica, schluchzte eine alte Frau und trocknete mit einem weißen Spitzentuch ihre Wangen von den Tränen. Die römische Justiz sieht das allerdings anders. Für sie ist der 65 Jahre alte Boss, der jetzt einem Geschwür erlag, der Anführer einer aus den Abruzzen stammenden und seit den siebziger Jahren in Rom sesshaft gewordenen Roma-Familie. Die Polizei verfolgte diese zentrale Figur im Krimi um die städtische „Mafia Capitale“. 




Mitglieder aus seinem Clan stehen derzeit genauso vor Gericht wie Vertreter einer weitverzweigten Familie aus Ostia am Mittelmeer und zwei weitere Clans. Sie schmierten Lokalpolitiker und Verwaltungsbeamte im großen Stil, um dafür städtische und staatliche Bauaufträge einzuheimsen. In der Regel ging es dabei um den Bau von Einrichtungen für Migranten und Infrastrukturmaßnahmen für die Stadt Rom. Seit einem dreiviertel Jahr läuft nun schon der Prozess, niemand hätte es für möglich gehalten, dass sich diese Mafiosi noch so mutig auf die Straße wagen würden.




Die Polizei sorgte für freies Geleit


Doch am Donnerstag zeigte sich zumindest ein Teil davon, und weil der Straßenverkehr vor San Bosco plötzlich zusammenzubrechen drohte, regelte auch noch die Polizei den freien Zugang zur Kirche. An ihrer Fassade hingen zwei große Plakate: Auf dem einen wurde der Tote mit einem Gemmenkreuz um den Hals über der Darstellung des Kolosseums und des Petersdoms als „König von Rom“ gepriesen; auf dem anderen hieß es „Du hast Rom erobert – nun wirst du das Paradies erobern.“ 




In der Tat beherrschte der Tote, der in den Armen seiner Familie friedlich starb, seit den siebziger Jahren einen Gutteil der verbrecherischen Szene in der Hauptstadt, hatte offenbar Kontakte zur neofaschistischen Magliana-Bande in Rom in den siebziger und achtziger Jahren und bis zuletzt zur kalabrischen ’ndrangheta. Neben Betrügereien und Bestechungen werden seinem Clan Menschen- und Rauschgifthandel zur Last gelegt. Dabei brachte es der Boss zu unermesslichen Reichtum, besaß er doch mindestens 23 Villen, in denen die Bäder goldene Armaturen haben sollen. Eine Trabrennbahn war auch sein eigen.





Weit reichten seine Kontakte in die „gute Gesellschaft“ der Politik und Verwaltung hinein, und gleichwohl soll niemand bei Kirche, Polizei, Präfektur oder Stadt vorab etwas von dieser pompösen Trauerfeier erfahren haben? Ist es möglich, dass niemand versuchte, diese Zurschaustellung des Verbrechens zu verhindern? Wer genehmigte den Flug eines Helikopters, aus dem die roten Blütenblätter auf den Katafalk fielen? Wie konnte der Gemeindepriester seine Kirche für so einen Klamauk öffnen? Der Pastor meinte nur kleinlaut, er habe aus kanonischem Recht heraus die als bescheiden ausgegebene Feier nicht verhindern können. Tatsächlich aber hat die Kirche Don Bosco auch schon einmal eine Trauerfeier abgelehnt. Damals ging es um Piergiorgio Welby. Der hatte sich nach langen Jahren vor Gericht 2006 erkämpfen können, dass die Ärzte sein nur noch künstlich erhaltenes Leben beendeten. Seinen Hinterbliebenen aber wurde die Trauerfeier in Don Bosco verweigert.




Ein anderer Verbrecherboss aber, Enrico De Pedis, erhielt nach seiner Ermordung im Februar 1990 auch in dieser Kirche seine Trauerfeier. So entsteht der Eindruck, als habe sich zwischen 1990 und 2015 in Bezug auf die Mafia in Rom kaum etwas geändert. Am Freitag schimpften daraufhin die Zeitungen gegen die anhaltende „omertà“ in Rom. Noch gebe es offenbar genügend Mafiosi auf freiem Fuß, die sich gegen seitig zum Schweigen verpflichtet und daher so eine Trauerfeier wie die für Casamonica möglich gemacht hätten. 





Auf Postern vor der Kirche war zu lesen: "Vittorio Casamonica - König von Rom" oder "Du hast Rom erobert, nun eroberst du das Paradies."

Da Bürgermeister Ignazio Marino derzeit in den Ferien ist, sagte Vizebürgermeister Marco Causi, niemand könne nun noch das organisierte Verbrechen in Rom kleinreden: „Diese Mafia besteht weiter“. Bei dieser Trauerveranstaltung handle es sich nicht um Folklore sondern um einen Angriff auf alle anständigen Bürger der Capitale. Der amtierende Chef des sozialdemokratischen Partito Democratrico (PD) in Rom Matteo Orfini sagte: „Das darf nie wieder geschehen. Rom darf nicht zum Set für solche Filme werden.“ Innenminister Angelo Alfano und einige Parteien fordern eine parlamentarische Untersuchungskommission.

Donnerstag, 20. August 2015

Die Mafia sagt Mille Grazie

von Thomas Steinfeld - Venedig

Ein Professor hat ausgerechnet, wie viel das organisierte Verbrechen den Staat Italien kostet. Es sind erschreckende Zahlen.


Professor Paolo Pinotti von der Universität Bocconi


In einem Interview, das der italienische Jurist Giovanni Falcone im Jahr 1991 gab, wenige Monate, bevor er bei einem Attentat der Mafia starb, sagte er, dass mehr als ein Fünftel der Einkünfte des organisierten Verbrechens in Italien aus öffentlichen Investitionen abgeschöpft werde.

Die Zahl war vermutlich eine Schätzung. Jüngste Forschungen eines Mailänder Professors für Wirtschaftswissenschaften zeigen indessen, dass sie nahe an den tatsächlichen Verhältnissen gelegen haben muss: Im Durchschnitt etwa 16 Prozent der Wirtschaftsleistung in den südlichen Regionen Italiens, hat Paolo Pinotti von der Universität Bocconi ausgerechnet, fließen dem organisierten Verbrechen zu, zu gewissen Zeiten werden es bis zu zwanzig Prozent.

Zum ersten Mal, schrieb Paolo Pinotti schon in einem Aufsatz 2012, würden in seinen Studien die tatsächlichen Kosten des organisierten Verbrechens in Italien berechnet. Die jüngsten Ergebnisse seiner Forschungen werden in der aktuellen Ausgabe des britischen Economic Journal veröffentlicht, deren Schwerpunkt den mafiösen Strukturen in Italien gewidmet ist.


Wie Wachstumsregionen schrumpfen

Paolo Pinotti konzentriert sich in seiner Arbeit auf Apulien und Basilikata. Bis in die Siebziger, schreibt er, seien diese Regionen vom organisierten Verbrechen nahezu unberührt gewesen. Ihre Wachstumsraten seien die höchsten der Nation gewesen.
Mit der Ankunft der Mafia und anderer Gruppen in den Siebzigern habe sich das radikal geändert: Die Wirtschaft stagnierte oder schrumpfte sogar (Pinotti benutzt den Verbrauch an Elektrizität als Indikator), privates Kapital wurde durch öffentliches Kapital ersetzt, die Mordrate vervierfachte sich, und die Korruption setzte sich in der Politik durch.




Eingedrungen in diese Regionen sei das organisierte Verbrechen aus mehreren Gründen: durch die geografische Nähe zu seiner Heimat in Sizilien, Kalabrien und in Kampanien, durch die Verlagerung der Schmuggelrouten für Tabak nach Osten, wobei nach 1990 die osteuropäischen Länder eine große Rolle spielen (der Tabak wurde dann zum Wegbereiter härterer Drogen), und das Erdbeben 1980, das vor allem das Grenzgebiet zwischen Kampanien und Apulien traf.


Aus dem Gefängnis heraus die Umgebung kriminalisiert

Aus einem großen Teil der umgerechnet 25 Milliarden Euro, die damals für den Wiederaufbau bereitgestellt wurden, sei tatsächlich eine Investition in das organisierte Verbrechen geworden.

Die Frage, was dagegen zu tun sei, muss ein Wirtschaftswissenschaftler nicht beantworten. Die Arbeiten Pinottis legen indessen den Schluss nahe, dass zwischen einer durch das organisierte Verbrechen herbeigeführten Verarmung einer Region und einem durch die Armut wachsenden organisierten Verbrechen ein unmittelbarer Zusammenhang besteht, der nur schwierig aufzubrechen ist.

Leichter dürfte es sein, einen Fehler zu korrigieren, der laut dieser Studien ebenfalls das Wachstum der Mafia auf der adriatischen Seite Süditaliens befördert habe: Über viele Jahre hinweg habe der Staat inhaftierte Mafiosi in Gefängnissen weitab ihrer jeweiligen Heimat untergebracht. Dieses Verfahren habe dann zu einer deutlichen Kriminalisierung in der Nachbarschaft dieser Gefängnisse geführt.

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Montag, 17. August 2015

Die Mafia kehrt Sizilien den Rücken

Reicher Norden, armer Süden: Das Wirtschaftswachstum im Süden Italiens ist noch geringer als in Griechenland.



Italien ist ein tief gespaltenes Land. Eine Studie zeigt, dass die Lage im Süden noch schlimmer ist als gedacht. Sogar Euro-Krisenstaat Griechenland steht beim Wachstum besser da.

Geringes Wirtschaftswachstum, hohe Arbeitslosigkeit, kaum Infrastruktur und überall Korruption: Italiens Süden kämpft mit einer Reihe Problemen. Und auch der Graben zwischen Nord und Süd wird immer größer, wie eine Studie des Wirtschaftsinstitutes Svimez vor einigen Wochen enthüllte. Demnach ist das Wachstum im sogenannten Mezzogiorno - dem Süden Italiens - sogar noch geringer als in Griechenland. Seitdem geht ein Aufschrei durch das Land, Politiker und Bürger diskutieren, wie man den Regionen wieder auf die Beine helfen kann.



"Der Süden stirbt", so lautete der dramatische Apell des Autors Roberto Saviano. "Alle fliehen, sogar die Mafia", klagte der 35-Jährige in einem offenen Brief an Regierungschef Matteo Renzi und forderte: "Sie haben die Pflicht einzugreifen." Renzi konterte, der Süden solle aufhören, sich selbst zu bemitleiden. "Schluss mit dem Gejammer: Krempeln wir die Ärmel hoch", forderte er.

Dennoch hat die Politik offenbar verstanden, dass sie handeln muss. "Nachdem es 20 Jahre lang keine Strategie für den Mezzogiorno gab, muss man sagen, dass die Frage Süditaliens keine süditalienische Frage ist, sondern eine des gesamten Landes", sagte Verkehrsminister Graziano Delrio. Und auch die Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, versprach einen "Marschall-Plan" und 80 Mrd. Euro für die Infrastruktur in den südlichen Regionen.



Denn die von Svimez veröffentlichten Zahlen schockierten viele Italiener: Demnach liegen die südlichen Regionen weit hinter dem Rest des Landes zurück. Nur um etwa 13 Prozent legte die Wirtschaft im Süden Italiens im Zeitraum von 2000 bis 2014 zu, das ist knapp halb so viel wie in Griechenland.


Extremes Wirtschaftsgefälle

Auch die wirtschaftlichen Ungleichheiten innerhalb Italiens nehmen zu, sie liegen der Studie zufolge auf dem höchsten Level seit 2000. Während das Pro-Kopf-Einkommen im Süden auf unter 17.000 Euro im Jahr gefallen ist, sind es in Südtirol 37.000 Euro. Arbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem, unter den jungen Menschen sind etwa 60 Prozent ohne Job. "Wer gut ausgebildet ist, wandert aus", warnte der Schriftsteller Claudio Mancini. "Viele junge Leute haben Probleme, Arbeit zu finden. Sie helfen als Handwerker oder Kellner aus, aber haben keine festen Jobs", berichtete der 33-jährige Luigi, der in Kalabrien lebt. "Man kann sich keine Zukunft aufbauen, viele überleben nur mit der Unterstützung ihrer Großeltern."

Die Forscher von Svimez warnen vor einem "demografischen Tsunami mit unvorhersehbaren Folgen". "Es gibt weniger Geburten, weil es zum Luxus geworden ist, ein Kind zu haben. Zwei zu haben, gilt schon als Wahnsinn", sagte Mancini. "Wer geboren wird, wächst mit der Idee auf, um zu flüchten." Dabei sind viele junge Menschen gut ausgebildet. "Es gibt viele gute Universitäten im Süden", sagte der bekannte Mafia-Autor der Deutschen Presse-Agentur. "Viele junge Leute studieren, werden dann nicht gebraucht und verlassen die Region."



Die Probleme sind an jeder Ecke zu sehen: Marode Straßen, verlassene Fabriken, heruntergekommene Häuser. Industrie gibt es kaum, die Menschen leben vor allem vom Tourismus und von der Landwirtschaft. Doch das Potenzial wird oft nicht genutzt, auch die wenigen Firmen haben es schwer, zahlen wegen mangelnder Infrastruktur drauf. Hilfsgelder wurden in der Vergangenheit oft gar nicht abgerufen. "Wir müssen die Ressourcen besser nutzen", forderte Finanzminister Pier Carlo Padoan.



Doch dem Süden mangelt es nicht an Geld, die Probleme liegen nach Ansicht von Experten vielmehr in der Politik. "Die politische Klasse ist seit 40 Jahren dort. Viele haben ein primäres Interesse daran, ihre eigene Position zu sichern, anstatt die Weiterentwicklung der Region voranzutreiben", kritisierte Spingola. Mario Caligiuri, der an der Universität Kalabrien zu den Problemen Süditaliens forscht, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ein großes Problem ist, dass es die Vertreter des Südens nicht schaffen, die Interessen der Regionen im Parlament zu vertreten. Das ist sehr einfach, aber auch sehr wahr."

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Sonntag, 16. August 2015

Dem Mezzogiorno droht der langsame Tod

14.08.2015 | 16:45 |  von Karl Gaulhofer  (Die Presse)

Es führt kein Weg in den Süden. Zumindest keiner, der Reisende schnell und sicher ans Ziel bringt. Seit einem halben Jahrhundert wird an der Autostrada A3 gebaut und repariert – länger als an jedem anderen Straßenprojekt in Europa. Wen es an des Stiefels Spitze zieht, der passiert ab Neapel zahllose unbeleuchtete Tunnel und rostige Straßenschilder. Selbst auf manchen neuen Abschnitten darf man nur langsam fahren. Der Zement ist dort zu verdünnt, um stabil zu sein. Neue Brücken mussten wieder abgerissen werden. Was die Fahrer trotz vieler Baustellen kaum sehen, sind Arbeiter – obwohl an die Tausend beschäftigt sind.





Verborgen bleiben auch die in Pfeilern einbetonierten Leichen und die in Flammen aufgehenden Baumaschinen. Jeder Kilometer geht an einen anderen Auftragnehmer, hinter allen steht die Mafia. Gut organisiert ist hier nur die Kriminalität: Die Clans der kalabresischen 'Ndrangheta teilen sich die Pfründe auf. Fertig soll die „Autostrada della Mafia“ nun 2018 sein – zum Zehnfachen der geplanten Kosten, auch der Mittel aus Brüssel.

Keine Brücke nach Europa. Beifahrer blicken beklommen auf Bauruinen in einsamer Landschaft. Man passiert den Hafen von Gianni Tauro, Europas Landeplatz für Kokain aus Lateinamerika. Die Straße endet in der trostlosen Provinzstadt Reggio Calabria. Dort löste die Regierung vor drei Jahren den korrupten Stadtrat auf und stellte die Verwaltung unter Kuratel. Immerhin: Die berühmten Bronzen von Riace, der touristische Trumpf der Region, sind wieder zu sehen. Lang hatte man sie unter eine Treppe verstaut, weil sich die Renovierung des Museums um vier Jahre verzögerte. Mit der seit Jahrzehnten versprochenen Brücke nach Sizilien aber dürfte es nie etwas werden. Keiner traut sich über das Projekt, auch aus Furcht vor Mafia und korrupten Beamten. So bleibt die größte Insel des Mittelmeers ohne Anschluss an den Kontinent. Die Straße in den Süden erweist sich als Sackgasse.




Reicher Norden, armer Süden: Seit jeher gilt der Mezzogiorno als Italiens Sorgenkind. Zu den Ritualen des ungelösten Problems gehören auch die Klagelieder der Svimez. Die Jahresberichte dieses privaten Instituts, das Vorschläge zur Entwicklung Süditaliens macht, sind für Regionalpolitiker stets ein willkommener Anlass, mehr Gelder aus Rom zu fordern. Aber heuer haben die Forscher und Mahner einen weit stärkeren Nerv getroffen.

Dem Süden drohe eine „industrielle Wüste“, ein „demografischer Tsunami“ und eine „dauerhafte Unterentwicklung“: Diese knackigen Formeln haben der italienischen Politik ihr heißes Sommerthema beschert. Vor allem, als Mafiaexperte und Bestsellerautor Roberto Saviano seinen Befund nachgeschoben hat: „Der Süden liegt im Sterben. Alle wollen fort, sogar die Mafia“ – weil sie das große Geld im Norden machen muss, plündere sie ihre Heimat nur mehr routinemäßig aus. In einem offenen Brief gab der Neapolitaner seinem „Lieben Ministerpräsidenten“ die Schuld an der Misere. Erst recht kochte die Polemica hoch, als Matteo Renzi unwirsch reagierte: Die Süditaliener sollten „aufhören zu jammern“ und „besser die Ärmel hochkrempeln“.

Abseits vom politischen Theatersommer sprechen die Zahlen für sich. Am wenigsten freilich jene, die rasch in aller Munde war: dass sogar Griechenlands Wirtschaft von 2000 bis 2013 doppelt so schnell gewachsen ist wie die der acht Regionen in Italiens Süden. Das hellenische Pseudowachstum auf Pump sollte besser nicht als Maßstab dienen. Zurecht aber verstört der Kern der Analyse: Die Schere zwischen Nord und Süd geht noch weiter auf. Nach sieben Jahren Rezession ist die Investitionsbereitschaft so niedrig, dass dem Mezzogiorno eine Abwärtsspirale droht. Die produktive Basis bricht weg: Während Italiens Norden das EU-Ziel von 20 Prozent Industrieanteil an der Wertschöpfung übererfüllt, ist die Quote im Süden von 14 auf elf Prozent zurückgefallen.




Vor allem aber: Es gehen die Bambini aus. Lang hob der Landesteil den nationalen Schnitt einer stark sinkenden Geburtenrate. Nun haben sich die Verhältnisse, auf verheerend niedrigem Niveau, umgedreht: In Nord und Mitte stieg die Zahl der Kinder pro Frau zwischen 2000 und 2013 von 1,18 auf 1,43, im Süden fiel sie von 1,35 auf 1,31.

Wer es dennoch schafft, auf die Welt zu kommen, denkt schon bald ans Fortziehen. Gerade die gut Ausgebildeten flüchten nach Mailand, Turin, Bologna – oder ins Ausland. Das Land leert sich: Bis 2065 wird der Anteil der Meridionali an der Gesamtbevölkerung von 34 auf 27 Prozent sinken.


Segen und Fluch der Cassa

Gleich nach Renzis ruppiger Reaktion ruderte seine Regierung zurück. Die zuständige Ministerin versprach 80 Mrd. Euro als Investitionsprogramm, wohl wie üblich durch noch mehr Schulden finanziert. Dabei zeigt die Erfahrung: Mit massiven Mitteln aus Rom ist dem Sorgenkind nicht zu helfen. In der Nachkriegszeit pumpte die Cassa del Mezzogiorno, eine Art italienischer Marshallplan, eine halbe Billion Euro in den armen Süden. Straßen und Kraftwerke bereiteten den Boden. Stahlwerke, Raffinieren und Autofabriken folgten. Zum Teil führte sie der Staat, zum Teil lockte er mit Subventionen private Konzerne an. Anfangs verringerte sich so das Wohlstandsgefälle.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Man hoffte auf eine Eigendynamik: Im Umfeld der herbeigezwungenen Leitbetriebe sollte unternehmerische Initiative erblühen. Aber es blieb bei „Kathedralen in der Wüste“. Die gleiche bittere Erfahrung machte Brüssel, das 1971 die Förderung übernommen hatte. Als mit Spanien und Portugal ärmere Länder der EU beitraten, versiegten diese Mittel. Die meisten „Kathedralen“ sind heute Industrieruinen – und ein Menetekel für Europa. Zumal Brüssel mit seinen Investitionsfonds gerade auch arme Gegenden in Europas Süden auf die Beine helfen will: Griechenland, Sizilien, Andalusien und den Alentejo.

Italiens Mächtigen aber fiel zu ihrem Mezzogiorno nichts mehr ein, schon um der separatistischen Lega Nord keine Munition zu liefern. Seit aber bei den Regionalwahlen im Vorjahr auch Kampanien und Apulien an Renzis Partito Democratico gegangen sind und damit der ganze untere Stiefel in linker Hand ist, steigt der Druck auf den Premier im eigenen Lager.

Ein echtes Rezept gegen die Misere hat freilich keiner. Kampf der Korruption, weniger Bürokratie, eine effizientere Verwaltung und weniger Steuern für neue Firmen: All das könnte helfen. Aber wenn die Trägheit alles lähmt? Woher kommt sie? Warum driften zwei Teile einer Nation mit gleicher Sprache, gleichen Medien und gemeinsamer Öffentlichkeit ökonomisch so auseinander? Die Ursachen liegen in der Geschichte. In den Stadtstaaten Norditaliens und der Toskana entwickelte sich seit dem Mittelalter ein Bürgersinn, der Samen unserer Zivilgesellschaft. In einem solchen Milieu gilt der Staat als gemeinsames Projekt, an dem jeder teilhaben kann und teilnehmen soll. Auf dem Land dominierte die Halbpacht, die allen Bauern die Hälfte ihres Ertrags beließ. Das förderte unternehmerisches Denken und Handeln.


Die Obrigkeit

Im Königreich Sizilien aber wechselten sich immer nur despotische Fremdherrscher ab, von den Staufern bis zu den Bourbonen. Die Adeligen hockten antriebslos auf riesigen Latifundien, die sie extensiv bewirtschaften ließen. Ihre Knechte hatten keinerlei Anreiz zur selbstständigen Initiative. In einem solchen Umfeld ist der Staat nicht mehr als eine verhasste Obrigkeit. Man überlebt, indem man ihn überlistet. Die einen untergraben ihn, als Banditen und Schmuggler. Die anderen nisten sich parasitär im öffentlichen Raum ein, um Familie und Freunde zu versorgen. So kommen Klientelwirtschaft und Korruption zur Blüte.

Trotz vieler schöner Gegenbeispiele, vom ideenreichen Biobauern bis zur Bürgerinitiative gegen die Mafia: Im Grunde ist diese Kluft in den Köpfen bis heute nicht überwunden. Sie hat das Wahlrecht überlebt, das „Telegiornale“ und den Siegeszug des Internets. Zuweilen scheint es, als würden nur Steuern und Budget alle Italiener als Staatsbürger verbinden – was Konflikte schürt. Nicht nur wegen des Finanzausgleichs. Sondern auch, weil selbst besser gestellte Süditaliener im Schnitt nur wenig fiskalisch beitragen – auch die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, ist in Italien eine Frage des Breitengrads. Irgendetwas muss den Italienern und dem vereinten Europa einfallen, um diese Kluft zu überwinden. Auch wenn er eine ewige Baustelle ist: Am Süden führt kein Weg vorbei.

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Freitag, 14. August 2015

Einer der meist gesuchten Mafiabosse im Urlaub geschnappt

Giuseppe Amendola ist einer der gefährlichsten Männer Italiens. Nun hat die italienische Polizei den Gesuchten erwischt: Am Strand eines kleine Badeortes klickten die Handschellen.



Der italienischen Polizei ist ein großer Fang gelungen: Die «Carabinieri» haben einen gefährlichen Boss der Camorra beim Sonnenbaden an einem Strand festgenommen. Peppe 'o Guaglione (Peppe der Junge), wie Giuseppe Amendola genannt wird, wurde seit 2012 von der Polizei gesucht und steht auf der Liste der hundert gefährlichsten Verbrecher Italiens.

Der Chef des Clans der Contini-Licciardi habe ein Ferienappartment in dem kleinen Badeort Torvaianica südlich von Rom gemietet, um dort einige Tage mit seiner Familie zu verbringen, berichten italienische Medien. Demnach war der Mafioso nicht bewaffnet zum Zeitpunkt seiner Festnahme und leistete keinen Widerstand.

Ihm werden Erpressung, Geldwäsche und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.
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Donnerstag, 6. August 2015

Camorra-Prozess in Stuttgart

Enrico M. ist 20 Jahre auf der Flucht gewesen. Das damals mutmaßliche Camorra-Mitglied soll 1994 und 1995 in der Region Stuttgart an Schutzgelderpressungen bei Landsleuten beteiligt gewesen sein.


Von Oliver im Masche 
Angst und Schrecken hat die Familie M. aus Italien Anfang der 1990er Jahre und deren vermeintliches Lebensmittelexportgeschäft in Feuerbach bei vielen Landsleuten in der Region ausgelöst. Denn Familie M. war ein Camorra-Clan und forderte mit brachialen Methoden bei hiesigen Eiscafébesitzern, Pizzeriabetreibern und Reifenhändlern Schutzgelder. Allein der Name der Familie aus einem Dorf bei Neapel löste bei den Betroffenen, die vor allem im Kreis Ludwigsburg lebten, Schweißausbrüche aus: Das Clanoberhaupt galt als Killer. Ein Familienmitglied soll einen Bürgermeister bei einem Fußballspiel in einem Stadion erschossen haben.


Vater und Bruder haben ihre Strafen bereits abgesessen

Der Vater und einer seiner drei Söhne sind bereits im Jahr 1997 am Landgericht wegen der brutalen Erpressungen in der Region, bei denen 75 000 Euro erbeutet wurden, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Der Vater Francesco M. musste für drei Jahre und sechs Monate hinter Gitter, sein Sohn Aniello gar für zwölf Jahre.

Ebenfalls wegen räuberischer Erpressung und versuchten Menschenraubs muss sich am Landgericht nun ein weiterer Sohn des Clanchefs verantworten. Enrico M. (43), der sich nach all den vielen Jahren der Polizei gestellt hat, soll laut der Staatsanwaltschaft an einigen Taten beteiligt gewesen sein, die noch nicht verjährt sind. So habe die Familie mit Komplizen im Jahr 1994 von einem Reifenhändler aus Bietigheim-Bissingen fast 30 000 Euro bekommen. Zuvor sollen Todesdrohungen gefallen sein.

Man werde den Mann umbringen und dessen Leichnam in einer Badewanne mit Säure auflösen. Bei einem weiteren Opfer aus dem Hohenlohekreis soll die Familie versucht haben, Schutzgeld in Form von kostenlosen Waren an deren Lebensmittelgeschäft zu erzwingen. Dabei habe man den Mann einmal sogar mit einem quer auf der Straße abgestellten Auto auf einer abgelegenen Landstraße abgepasst. Man wolle „etwas besprechen“ und der Geschäftsmann solle dafür „mit den Wald kommen“. Doch das Opfer konnte entkommen. Aus nicht geklärtem Grund ließ die Familie M. schließlich von dem Mann ab.


Schüsse in ein Eiscafé

Dagegen zündete der Clan den Mercedes eines Reifenhändlers aus Asperg an: 75 000 Euro habe die Familie M. von dem Mann haben wollen. Als man merkte, dass bei ihm nichts zu holen war, ließ man ihn in Ruhe. Auch bei drei Eiscafébesitzern in Weinsberg, Asperg und Markgrönningen machten die Männer keine Beute – obwohl sie im Fall Markgröningen sogar sechs Mal in das mit Gästen gefüllte Lokal schossen. Verletzt wurde dabei aber niemand.

Der Angeklagte streitet ab, an den Eiscafé-Taten beteiligt gewesen zu sein. Laut seinem Verteidiger habe er davon nichts gewusst. Enrico M. hatte sich nach seiner Einreise nach Deutschland an den Anwalt gewandt. Man ging zur Polizei, um „die Sache aufzuklären“, so der Verteidiger. Nun sitzt sein Mandant in U-Haft. Offenbar lebte er all die Jahre in Italien. Dort soll er in seinem Heimatort in der Gastronomie gearbeitet haben. Warum der Mann nicht früher gefasst wurde, ist nicht bekannt.
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Mittwoch, 5. August 2015

Viele Priester unterstützten die Mafia

Ein sizilianischer Bischof kritisiert, dass vor allem in kleinen Dörfern Pfarrer Mitglieder der Cosa Nostra unterstützten und Straftaten decken.




Ein sizilianischer Bischof hat die Nähe mancher Priester zur Mafia kritisiert. Vor allem in kleinen Dörfern der Insel komme es vor, dass Pfarrer Mitglieder der Cosa Nostra unterstützten oder deren Straftaten zumindest durch ihr Schweigen deckten, sagte der Bischof von Mazara del Vallo, Domenico Mogavero, der italienischen Tageszeitung "La Stampa" am Dienstag laut Kathpress.


Bischof von Mazara del Vallo, Domenico Mogavero


"Es gibt Priester, die tun so, als wüssten und sähen sie nichts, und rühmen Männer, denen sie Eigenschaften zuschreiben, die stark von den Ergebnissen der Strafermittlungen abweichen." Mit diesem Verhalten beschmutzten diese Kirchenmänner das Opfer jener Priester, die von der Mafia wegen ihres Widerstands ermordet wurden.


"Auch in der Kirche gibt es Verschwiegenheit und Einverständnis mit den Mafiosi", beklagte der Bischof. Nach seinen Worten durchzieht die Mafia auf Sizilien weiterhin große Teile der Gesellschaft und stellt eine große Gefahr für sie dar. Die Kriminellen nutzten dabei einen "teuflischen Mechanismus", bei dem sie nach außen als ehrbare Familienmenschen aufträten.
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