Dienstag, 9. Februar 2016

In Neapel wüten die «Baby-Camorristi

Im kriminellen Untergrund Neapels gärt es: Weil die meisten alten Camorra-Bosse im Gefängnis sitzen, strebt eine neue, unberechenbare Generation von Jung-Mafiosi an die Macht.




Dreimal innerhalb von nur 24 Stunden sind in Neapel am vergangenen Donnerstag und Freitag tödliche Schüsse gefallen. Die Morde ereigneten sich in Außenquartieren und in einem Vorort der Hafenstadt und hatten gemäß den Ermittlern keinen Zusammenhang miteinander – außer dass es sich vermutlich um Abrechnungen unter jungen Camorra-Mitgliedern handelte.

Insgesamt haben sich im Großraum Neapel seit Anfang Jahr laut Polizeiangaben bereits zehn Tötungsdelikte mit vermutlich mafiösem Hintergrund ereignet. Die blutige Serie hat die Behörden aufgeschreckt: Innenminister Angelino Alfano hat am Wochenende den Einsatz des Militärs sowie die Senkung des Strafmündigkeitsalters auf 16 Jahre gefordert; die Medien schreiben bereits von einem neuen "Bandenkrieg".


Camorra-Generation im Knast

Rein statistisch gesehen ist der Ausdruck "Bandenkrieg" kaum gerechtfertigt: Bereits im vergangenen Herbst, als es zu einer ähnlichen Häufung von Tötungsdelikten gekommen war, hatten die Medien aufgeregt über den "Terror der Baby-Killer" berichtet – und Ende Jahr stellte sich heraus, dass die Mordrate in Neapel noch nie so tief gelegen war wie 2015.

Über 700 Camorra-Bosse und Auftragskiller sitzen im Gefängnis, knapp 300 davon in Hochsicherheitsabteilungen. "In Neapel haben wir im Kampf gegen die Camorra außerordentliche Resultate erreicht – eine ganze Generation von Clan-Chefs sitzt hinter Gitter", betonte Alfano am Wochenende. Die Zahl der Mafia-Morde ist in den letzten zwanzig Jahren um 75 Prozent zurückgegangen.

Die Erfolgsgeschichte hat aber eine Schattenseite. "Die Verhaftung der alten Riege hat ein Machtvakuum hinterlassen, das nun von neuen Banden gefüllt wird", betont Neapels Generalstaatsanwalt Luigi Riello.

Bei den Anführern dieser Banden handle es sich oft um junge Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren, mitunter seien sie sogar noch minderjährig. "Die neue Generation versucht nun, die Kontrolle in ihren Quartieren zu übernehmen und kämpft um ihre Anteile im Drogenhandel", sagt der Chefankläger. Das Gefährliche sei, dass sie dabei oft mit großer Brutalität vorgingen, da ihnen letztlich eine klare Strategie fehle und weil sie sich über "das Verhältnis zwischen Kosten und Ertrag ihrer kriminellen Aktionen nicht im Klaren sind".


Rumballern zum Spaß

Beunruhigend ist nach den Informationen der Anti-Mafia-Behörde auch die große Menge an Schusswaffen, über welche die "Baby-Camorristi" verfügen – und mit welcher Rücksichtslosigkeit mit diesen umgegangen werde. Vor allem in Problemvierteln wie Forcella oder der Sanità ist es in den letzten Monaten vorgekommen, dass Jugendbanden auf frisierten Mopeds durch die Straßen fahren und dabei – vollgepumpt mit Drogen - mit Pistolen und Kalaschnikows ums sich ballern, gelegentlich auch auf Mannshöhe.

In der Regel passiert bei diesen gefährlichen Machtdemonstrationen außer Sachschaden nicht viel – im vergangenen Spätsommer ist aber auf einer Piazza im Sanità-Quartier ein 17-Jähriger von einer Kugel tödlich getroffen worden. Er hatte nichts mit den Clans zu tun gehabt – er war ganz einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.


Wurzel des Übels ist das soziale Elend

Ob dem Problem der Jugendbanden mit der Entsendung von Militär oder mit der Senkung des Strafmündigkeitsalters beizukommen wäre, wird von Experten bezweifelt. In Neapel sind bereits tausend Soldaten im Einsatz – sie haben die zehn Morde seit Anfang Jahr auch nicht verhindern können.

Das Problem ist ein soziales: In den von der Camorra beherrschten, verwahrlosten Quartieren fehlt es an Schulen, an Jugendeinrichtungen, an Sportanlagen – und vor allem an Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent – und die Camorra ist für viele junge Männer der einzige Arbeitgeber, der einen Job zu vergeben hat: Wer für die Clans auf der Straße Drogen verkauft, verdient pro Woche 500 Euro. Das sind mehr als die 1700 Euro, die in Neapel ein Polizist monatlich verdient, der bei der Bekämpfung der Camorra täglich sein Leben riskiert.

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