Sonntag, 8. September 2013

Abkehr der Mafia vom Mord-Image

Unter starkem Druck der Verfolger wechselt Italiens Mafia die Strategie. Spektakuläre Anschläge auf Richter und Staatsanwälte sind verpönt. Untereinander jedoch kämpfen die Clans weiter mit allen Mitteln.






Vor 21 Jahren tötete die sizilianische Mafia in Palermo die Richter Giovanni Falcone (53) und Paolo Borsellino (52) mit spektakulären Attentaten. Für das Attentat auf Falcone und seine Frau wurde die Autobahn bei Palermo am 23. Mai 1992 in die Luft gesprengt.

Paolo Borsellino, Falcones Freund und Amtsnachfolger, wurde knapp zwei Monate später Opfer einer Autobombe, die vor dem Wohnhaus seiner Mutter in Palermo gezündet wurde. Die Explosion des unscheinbaren Fiat 127 riss fünf Mitglieder seiner Eskorte mit in den Tod, darunter die erste Frau, die in Italien Mafia-Ermittler beschützen sollte. Der italienische Staat reagierte auf die demonstrativen Hinrichtungen der beiden Mafia-Jäger mit einem verschärften Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Seither passten sich die Clans allerdings den veränderten Bedingungen an. Die Zahl der Morde und spektakulären Attentate auf Richter und Staatsanwälte ist drastisch zurückgegangen. Offensichtlich gilt inzwischen die Devise, möglichst wenig die Aufmerksamkeit der Ermittlungsbehörden zu wecken, um ungestört einem immer breiteren Spektrum krimineller Aktivitäten nachgehen zu können.

Weniger Blutvergießen und eine breite internationale Vernetzung garantieren weiterhin hohe Profite durch Schutzgelderpressung, Drogenhandel, aber auch mit Betrug im Rahmen öffentlicher Großaufträge, bei denen auch EU-Mittel in dunkle Kanäle geleitet werden.

Auch Internetbetrug und illegale Börsengeschäfte zählen mittlerweile zum neuen Mafia-Spektrum. Gewinne aus den gesetzwidrigen Aktivitäten werden vermehrt in legale Wirtschaftszweige investiert und so reingewaschen. Roberto Scarpinato, Oberstaatsanwalt aus Palermo, nennt die neuen Mafiabosse "Generation der Weißkragen".

Während die unterschiedlichen Mafia-Clans sich mittlerweile mit ihren inszenierten Machtdemonstrationen aus den Augen der Öffentlichkeit zurückzogen, breiteten sie sich gleichzeitig vom unterentwickelten Süden Italiens zunächst in den industrialisierten Norden und mittlerweile über Deutschland und die Schweiz bis in die USA, nach Kanada, Südamerika und Australien aus und vernetzen sich weltweit mit illegalen Organisationen.

Trotz aller Fortschritte bei der Bekämpfung der Clans stellte das Innenministerium in seinem letzten Bericht an das Parlament über Polizeiaktivitäten 2011 fest: "Das organisierte Verbrechen mafiösen Typs stellt im nationalen Verbrecherszenario weiterhin eine erhebliche Bedrohung dar."
Denn die Clans üben noch immer auf äußerst wirksame und durchaus gewalttätige Weise die Kontrolle über die eigenen Territorien aus. Gleichzeitig pflegen sie gute Verbindungen in Bereiche der legalen Wirtschaft sowie zur Politik insbesondere in lokalen und regionalen Verwaltungen. Schleichend passt sich die Mafia dem Bericht zufolge der Zivilgesellschaft und der Welt der Unternehmer an.

Untereinander bekämpfen sich die Clans bei Konflikten um die Vormacht in einzelnen kriminellen Geschäftsbereichen und Territorien wie eh und je auch mit blutigen Mitteln. Auch veranstaltet die mächtige kalabresische Ndrangheta weiter traditionelle Treffen zur Ernennung neuer Anführer etwa an Marienheiligtümern.

Das Geld aus Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, Schutzgelderpressung und dem lukrativen Geschäft mit der Verklappung von Giftmüll investieren die Mafia-Familien jedoch nicht nur in Spielsalons in Italien und italienischen Restaurants etwa in Deutschland. In der hoch industrialisierten Lombardei unterwanderten sie nach einem Bericht der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission bereits vor Jahren erfolgreich Unternehmen und öffentliche Verwaltungen.

Im Unterschied zum scheinbar gut funktionierenden Norden schöpfen die Clans im Süden vor allem bei öffentlichen Aufträgen einen so großen Teil der Mittel ab, dass Infrastrukturprojekte auch nach mehreren Jahrzehnten unvollendet bleiben. Ob beim Kauf und Transport von Baumaterialien oder durch lukrative Stellen für Vertraute verdienen die Clans seit dreißig Jahren an der unvollendeten Autobahn, die durch Süditalien bis nach Reggio Calabria führen soll, ebenso wie an der Verbindung zwischen Palermo und Messina auf Sizilien.

Während in den Zeitungen über Anti-Mafia-Razzien mit jeweils dutzenden Verhaftungen weniger regelmäßig berichtet wird, sorgen mittlerweile andererseits Absetzungen ganzer Stadträte auch in Mittelitalien für Schlagzeilen. Denn neben dem internationalen Drogenhandel ist die Kontrolle öffentlicher Aufträge eines der traditionell lukrativsten Geschäfte. Und der Fluss öffentlicher Gelder lässt sich am leichtesten steuern, wenn Stadträte mit eigenen Leuten besetzt sind.

Doch italienische Clans sind nicht die einzigen Mafia-Organisationen, die in Italien trotz Wirtschaftskrise weiterhin florieren. Den Bereich der Geldwäsche haben den Ermittlern zufolge russische Banden erobert. Die Bereiche Drogen- und Menschenhandel dominieren nigerianische Gruppen, die als besonders aggressiv gelten. Die europäische Polizeibehörde Europol zählte in ihrem jüngsten Bericht vom vergangenen Juni 2600 Mafia-Organisationen auf dem EU-Territorium.

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