Dienstag, 24. September 2013

nessun dorma - keiner schlafe!

Jugendliche aus Kalabrien betreiben einen Radiosender gegen die ‘Ndrangheta

Eine Gruppe Jugendlicher aus Reggio Calabria hat ein Webradio gegründet, das allein den Problemen der organisierten Kriminalität gewidmet ist. Wie die berühmte Arie aus Tourandot heißt der Sender »Nessun Dorma«.
 
»Nessun Dorma!« (Keiner schlafe!) ist ein Imperativ und allen Freunden des Belcanto als Arie aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini bekannt. Aber jetzt ist »Nessun Dorma« auch ein Radiosender: Der erste internationale Sender gegen die ‘Ndrangheta, die mächtige Verbrecherorganisation aus Kalabrien.
 
Einen schöneren Namen hätten sich die jungen Frauen und Männer, die in Reggio Calabria den ersten Sender gegen die ‘Ndrangheta auf die Beine stellen, kaum wählen können, denn er sagt viel über das Projekt aus. »Keiner schlafe!« ist eine Aufforderung, die sich ganz klar an alle Bürger richtet. Es heißt so viel wie: »Vor dem Phänomen der organisierten Kriminalität darf niemand die Augen verschließen, weil man sich sonst mitschuldig macht.« Und wenn man bedenkt, dass die letzte Zeile der Arie »All’alba vincerò«, lautet, was »Im Morgengrauen werde ich siegen« heißt, dann sieht man darin auch das Stückchen Hoffnung, das man gerade in Kalabrien so dringend braucht.
 
Vor etwa 20 Jahren war die ‘Ndrangheta, die kriminelle Organisation, die ihren »Stammsitz« an der italienischen Stiefelspitze hat, eigentlich nur Insidern und Experten bekannt. Die internationale Aufmerksamkeit fokussierte sich auf »Cosa Nostra«, also die sizilianische Mafia. Mit der Zeit ist aber klar geworden, dass die ‘Ndrangheta genau so mächtig und womöglich noch schwerer zu bekämpfen ist.
 
Das hat natürlich viele Gründe, liegt aber unter anderem auch daran, dass anders als bei »Cosa Nostra« die verschiedenen Clans (sie heißen ‘Ndrine) immer aus Blutsverwandten bestehen: Kronzeugen gibt es bei Prozessen gegen die ‘Ndrangheta nie und nie plaudert jemand die internen Strukturen aus. Diese Verbrecherorganisation kontrolliert inzwischen einen Großteil des internationalen Drogenhandels und hat sich auf alle Kontinente ausgebreitet, was auch in Deutschland spätestens seit dem Massaker 2007 in Duisburg bekannt ist. Nach jüngsten Schätzungen hat die ‘Ndrangheta einen Jahresumsatz von über 50 Milliarden Euro und über 50 000 »Beschäftigte«.
 
Rechnet man alle mafiosen Gruppen zusammen, erzielen sie in ihrer Gesamtheit laut letzten Schätzungen 200 Milliarden pro Jahr. Das übertrifft den EU-Staatshaushalt um über 40%,
 
In Kalabrien selbst kontrolliert sie praktisch jeden Stein in jedem noch so entlegenen Dorf und der Hafen von Gioia Tauro gilt als einer der wichtigsten Drogenumschlagplätze der Welt. Die Atmosphäre in der süditalienischen Region ist drückend und selbst Polizei und Justiz haben hier einen schweren Stand. Ein ziviler Widerstand, wie es ihn in Sizilien seit Jahren gibt, ist in Kalabrien fast unbekannt.
 
 
Gioia Tauro
 
Umso mutiger ist das Projekt mit dem Internetradio »Nessun Dorma«. Es wird auch von der EU finanziert und wurde von der »Beobachtungsstation zum Phänomen ›‘Ndrangheta‹« ins Leben gerufen. Aber die Hauptpersonen sind die Jugendlichen, die jetzt in einem Schnellkurs darauf vorbereitet werden, den Sender technisch und redaktionell selbstständig zu leiten. Ab November werden sie Reportagen, Berichte, Analysen und Nachrichten bringen, die sich mit allen Facetten der ‘Ndrangheta befassen, mit den internationalen Geldflüssen ebenso wie mit der kulturellen Hegemonie, die die Organisation auf weite Teile der Region ausübt, mit den Verbindungen zu anderen Banden wie Cosa Nostra ebenso wie mit den Ermittlungserfolgen und Prozessen. Aber natürlich gibt es auch viel Musik und auch für diesen Teil kommen die jungen Redakteure alle aus der Region.
 
Solidarität und Unterstützung bekommt »Nessun Dorma« aus dem benachbarten Sizilien und den verschiedenen Sendern, die dort seit Jahren gegen die Mafia kämpfen. Aber auch Oberstaatsanwalt Federico Cafiero de Raho wollte unbedingt dabei sein, als das Projekt letzte Woche der Presse vorgestellt wurde und sagte: »Es ist an der Zeit, dass jemand erzählt, wie Kalabrien wirklich ist. Und Italien muss endlich lernen, dass diese Region kein Fremdkörper, sondern Teil des Landes ist!«
 
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