Samstag, 21. September 2013

Neapel und die Camorra: Macht, die zum Himmel stinkt

Die Camorra dirigiert nach wie vor den Süden Italiens - etwa über Müll und Mozzarella. Die Neapolitaner können den Mafia-Aktivitäten sogar Positives abgewinnen und orten ein europäisches Problem.




Neapel eilt ein nicht gerader schmeichelhafter Ruf voraus: In der italienischen Millionenstadt soll es stinken. Nicht nach Pizza oder Pasta, sondern nach Müll. Seit Jahren kämpft die Metropole am Vesuv mit Bergen von nicht entsorgten Abfällen. Der Kampf scheint jedoch gewonnen: Von Müll merkt man heute in der Innenstadt kaum noch etwas. Bis vor wenigen Monaten war dies anders: "Es gab Zeiten, da konnten wir in bestimmten Vierteln nicht einmal das Fenster öffnen", erzählt Giuliana Gugliotti. Die 28-Jährige arbeitet als Freie Journalistin in Neapel. "Das Problem ist deswegen aber noch lange nicht gelöst. In bestimmten ländlichen Gegenden um Neapel gibt es immer noch illegale Müllhalden, gesteuert einzig und allein von der Camorra."  


Abfälle werden in Zwentendorf entsorgt

Die Camorra ist die neapolitanische Form der Mafia. Die Organisation hat Neapel und sein Umland nach wie vor fest im Griff. Und das auch dank des Mülls. Gugliotti: "Es ist eigentlich ganz einfach: Die Stadt konnte die Abfälle irgendwann nicht mehr entsorgen. Und wenn, dann zu einem hohen Preis. Da sprang eben die Camorra in die Bresche." Die Camorra hat die Abfälle auf eigene Faust beseitigt - freilich gegen Bezahlung. Nach dem Wie fragt man besser nicht. Inzwischen findet übrigens auch die Stadt selbst neue Wege, um das Müllproblem nicht wieder akut werden zu lassen: Vor Kurzem wurde bekannt, dass 90.000 Tonnen in der Verwertungsanlage Zwentendorf entsorgt werden.


Immer mehr Frauen an der Spitze der Mafia

Der Müll-Handel ist dennoch ein Paradebeispiel für den Wandel der Mafia. Den Mafioso im Zeichen Marlon Brandos mit grauem Haar und gedämpfter Stimme gibt es kaum noch. Der Präsident des lokalen Berufungsgerichts, Antonio Bonajuto, berichtet etwa, dass oft Frauen an der Spitze der Camorra stehen. Sie würden die Organisation kontrollieren, während ihre Männer festgenommen werden oder sich auf der Flucht befinden.

Dazu passen die kuriosen Polizeimeldungen um jüngste Verhaftungen ranghoher Camorra-Mitglieder. Ein Mafia-Boss wurde aus dem Lagerraum einer Bar nur mit einem Pyjama bekleidet abgeführt. Ein anderer Camorra-Chef wurde vor wenigen Tagen im Strandurlaub überwältigt. Der Verhaftete ist erst 35 Jahre alt.

Doch noch stärker als das Rollenbild der Camorra-Bosse hat sich deren Betätigungsfeld geändert. Neben den Müll-Geschäften gehören etwa der Lebensmittelhandel zu den Betätigungsfeldern. Sogar von einer "Agrar-" oder "Agro-Mafia" ist die Rede. 


Die Camorra hilft, wo der Staat versagt

Die Einheimischen sehen in dieser Entwicklung sogar Positives. Nicht nur beim Müll-Problem greife die Camorra den Neapolitanern da unter die Arme, wo öffentliche Einrichtungen versagen. Eine junge Neapolitanerin, die lieber anonym bleiben möchte, erzählt: "Meinem Onkel wurde von einer Bande der Laden ausgeräumt. Die Polizei konnte nicht helfen, also hat er sich an die Camorra gewandt. Nach drei Tagen war das Diebesgut wieder da."

Corrado Palazzo sieht das Mafia-Problem anders. Der 78-Jährige hat jahrzehntelang in Neapel als Carabiniere gearbeitet. "Die Camorra ist ein massives Problem, das darf man nicht schönreden. Doch ein Großteil der Kriminalität ist auf Zuwanderung zurückzuführen. Immer mehr Kriminelle kommen aus Ostländern." Dieses Problem müsse auf EU-Ebene bekämpft werden, "um den an sich guten Austausch zwischen den Ländern besser zu steuern".  


"Um Neapel zu verstehen, braucht es Jahre"

Für die lokale Polizei sei die Situation indes nicht einfach: "Man braucht viel Fingerspitzengefühl. Das können Auswärtige oft nur schwer verstehen. Um ein Gespür für die neapolitanische Seele zu kriegen, braucht man Jahre."