Mittwoch, 9. September 2015

Die ungebrochene Macht der Mafia

Italien leidet nicht nur im Süden unter der Mafia. Sie breitet sich seit Jahrzehnten über die Landesgrenzen hinweg aus, so dass die Clans der kalabresischen Ndrangheta mittlerweile auch deutschen Staatsanwälten zu schaffen machen.





In Italien stehen mehr als 200 Gemeinden wegen Unterwanderung durch das organisierte Verbrechen teils seit Jahren unter Zwangsverwaltung. Rom entging dieser Maßnahme vor kurzem nur ganz knapp. Und das, obwohl einer der Clans seine Macht durch ein als Hollywood-Spektakel inszeniertes Begräbnis inklusive Blütenregen aus dem Hubschrauber inszeniert hatte. Nur der Stadtteil Ostia wurde unter besondere Aufsicht gestellt.

Den römischen Bürgermeister Ignazio Marino überraschte das so wenig, dass er nicht einmal seinen Karibik-Urlaub unterbrach.

Spektakuläre Morde verübt die Mafia nicht mehr, heute schüchtert sie ein. Das reicht in den meisten Fällen aus. Doch hat der Einfluss der alles anderen als ehrenwerten Gesellschaft, für Italien gravierende und langfristige Folgen. Der Mangel an Rechtssicherheit schreckt vor allem im unterentwickelten Süden Investoren ab. Die wirtschaftliche Entwicklung kommt kaum voran. Zum Sparen verurteilte Gemeinden sind vielfach nicht mehr in der Lage, die ohnehin lückenhafte Infrastruktur Instand zuhalten, geschweige denn, sie auszubauen. Junge Menschen bleiben so ohne Perspektive. Sie wandern aus - oder finden vielerorts einzig bei der Mafia Einkommensquellen.

Als Antwort auf den Teufelskreis aus Unterentwicklung und Kriminalität kennt Italien traditionell nur die Forderung nach staatlichen Investitionen. Doch gerade sie wecken neue Begehrlichkeiten der Clans. Dass es zur Überwindung der Lähmung nicht nur staatlicher Hilfen, sondern auch des Engagements der Bürger bedarf, ist nur wenigen Italienern bewusst. Obwohl der italienische Nationalstaat nicht jünger als der deutsche ist und ebenfalls eine faschistische Diktatur erlebte, entwickelte sich in Italien kaum Bürgersinn. Das Vertrauen in politische Parteien ist aufgrund der Korruptions- und Mafiaskandale der vergangenen Jahrzehnte nur gering. Dass die Bürger ihre Interessen selbst vertreten könnten und für ihre Volksvertreter verantwortlich sind, können sich die wenigsten vorstellen.

Wer dennoch versucht, für rechtsstaatliche Verhältnisse zu sorgen, bekommt es rasch mit der gut verwurzelten Macht der Mafia-Organisationen zu tun. Mehr als 130 Lokalpolitiker wurden in den vergangenen 40 Jahren ermordet. Heute ist in vielen Fällen kein blutiges Verbrechen mehr nötig, um aufstrebende Politiker daran zu erinnern, wer am längeren Hebel sitzt. Meist reichen per Post geschickte Patronenkugeln oder ein ausgebrannter Privatwagen als Botschaft aus.

Rom steht nun eine neue Herausforderung bevor. Die Hauptstadt soll sich für Pilgerströme rüsten, die im Rahmen des Heiligen Jahres erwartet werden, das im Dezember beginnt. Mit Millionen Euro aus der Staatskasse soll die Hauptstadt ertüchtigt werden. Darüber, dass die Summen nicht in privaten Kassen verschwinden, sondern tatsächlich für den Ausbau der Infrastruktur genutzt werden, soll Roms Präfekt wachen. Franco Gabrielli hat bereits ein anderes Großprojekt gemeistert. Er sorgte im Auftrag der römischen Regierung dafür, dass das verunglückte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia gehoben und sicher nach Genua gebracht wurde. Die Herausforderungen durch die mafiösen Strukturen Roms dürften die durch den Kreuzfahrtriesen jedoch bei weitem übertreffen.


Patronenkugeln reichen zur Einschüchterung aus.
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