Sonntag, 6. September 2015

Wer redet - stirbt! Journalisten leben gefährlich


Paolo Borrometi musste aus seiner sizilianischen Heimat nach Rom fliehen, weil er Morddrohungen von der Mafia erhielt. Er ist nur der jüngste von vielen Fällen im Kampf der Presse gegen Cosa Nostra.



"Pass auf!" Das war der erste Warnschuss, den die Mafiosi in dicken Lettern auf den Van des sizilianischen Journalisten Paolo Borrometi, 32, geschmiert hatten. Später prangte an einer Mauer in seiner Heimatstadt Scicli der Schriftzug: "Borrometi, du bist tot!"

Tage danach fielen zwei Vermummte beim Hundespaziergang auf dem Land über ihn her, schlugen ihn zusammen und brachen ihm die Schulter. Sie raunten, bevor sie im Gestrüpp verschwanden: "Kapiert? Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!"

Der junge Chronist hat das nicht getan. Borrometi, eigentlich Korrespondent einer großen Presseagentur, hatte ein Geflecht aus Mafiabusiness und Politik in seiner Stadt aufgedeckt. In seiner Freizeit schrieb er in seinem persönlichen Blog Enthüllungsstorys über die Mafia in seiner Heimat.


Enthüllungen im Internet

Er schrieb von einem lokalen Mafiaboss, der sich über korrupte Politiker in die Gemeindeverwaltung eingekauft hatte. Über eine Familie der 'Ndrangheta, der mächtigen Mafiaorganisation aus Kalabrien, die in der Gegend um Scicli Drogen absetzte.

Einige stehen nun vor Gericht, der Bürgermeister musste gehen, die Gemeindeverwaltung ist wegen Mafiainfiltration aufgelöst. Jemand legte Feuer an seiner Haustür. Paolo Borrometi musste nach Rom fliehen.

"Wir Journalisten können nicht die Justiz ersetzen, aber wir können schneller sein als viele Ermittler, die oft von der Bürokratie ausgebremst werden", sagt er jetzt der "Welt". "Wir können vieles sofort sagen und schreiben und damit die gefährliche Schweigepflicht erst einmal durchbrechen." Es sei sogar Chronistenpflicht, weil "sonst die Mafiabosse die Macht behalten und sich für unantastbar halten".

So wie Gianbattista Ventura, Bruder eines dank Borrometi inhaftierten Clanchefs, gegen den wegen Mafiaverbrechen ermittelt wird. Die Gegend, die Borrometis Heimat ist, galt bis vor wenigen Jahren als relativ "mafiafrei", und Fans von Andrea Camilleris "Kommissar Montalbano" kennen die verschlafenen Barockstädte als Kulisse der TV-Filme. Ventura schrieb dem Journalisten arrogant per E-Mail: "Ich reiß dir den Kopf ab!" Die Ermittler konnten bisher nicht mal seine Facebook-Seite schließen.


Einige Bosse stehen nun vor Gericht

Borrometi ist nicht der erste Journalist, der um sein Leben fürchten muss. 2006 erregte der Fall von Roberto Saviano, Autor des Bestsellers "Gomorrha", weltweit Aufsehen. Saviano beschrieb realistisch die Macht der Camorra-Clans aus der Gegend um Neapel. Er lebt noch heute mit schwer bewaffneten Bodyguards und verbringt die meiste Zeit an geheimen Aufenthaltsorten im Ausland.



Der sizilianische Investigativreporter Lirio Abate, 44, schwebt permanent in Lebensgefahr. Nachdem auch er nach Rom übersiedelte, deckte Abate 2012 – zwei Jahre früher als die Ermittler von Justiz und Polizei – den Skandal um "Mafia Capitale", eine gigantische, in der Hauptstadt gewachsene Organisation, auf.

Abate erhielt spontan Solidarität auf höchster Ebene, wurde mit dem Verdienstkreuz der Republik ausgezeichnet und steht in der Hitliste der Organisation Reporters Without Borders unter den "100 Helden der Information weltweit". Ein Zeichen, dass die Zeiten sich geändert haben.

Viele mussten früher für ein ähnliches Engagement sterben. Zuletzt starb der Journalist Beppe Alfano 1993 auf Sizilien. Besonderes Aufsehen erregte 1984 der Tod von Giuseppe Fava aus der sizilianischen Großstadt Catania. Fava war ein landesweit bekannter Journalist. Seinen Ruhm nutzte er, um eine Zeitschrift zu gründen, mit dem Ziel, die politische Korruption und Mafiaverbrechen aufzudecken.


Viele mussten sterben

Er starb er im Kugelhagel der Mafiabosse aus Catania. Doch die kleine Gruppe seiner jungen Redakteure, darunter auch sein Sohn Claudio, ließ sich nicht einschüchtern. Fava ist heute Politiker und Vizechef der Antimafia-Kommission im italienischen Parlament.

Die Kommission hat jetzt das Protokoll "Mafia und Information" aus Favas Feder verabschiedet. Darin wird angemahnt, dass Journalisten stärker zu beschützen seien. Gerade hatte auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Italien für unzureichenden Schutz der Journalisten noch einmal gerügt.

Mithilfe von Klagen würden Journalisten eingeschüchtert, ihnen "in den eigenen Redaktionen die Fesseln angelegt", erklärt Alberto Spampinato, Gründer der Organisation Ossigeno (Sauerstoff), der "Welt". Auch sein Bruder, der Journalist Giovanni, wurde 1972 von der Mafia ermordet.

"Viele Lokalblätter oder TV-Sender werden von der Mafia kontrolliert, die sich dort eingekauft hat." Ossigeno hat in neun Jahren 2600 Fälle bedrohter Journalisten registriert und Anstoß zu Favas Kommissionsbericht gegeben.


Redaktionen in Fesseln

Aufsehen erregte jetzt der Fall von Donato Ungaro, früher Verkehrspolizist aus dem Städtchen Brescello in Norditalien. In der Freizeit schrieb er für die Provinzzeitung, auch über den Verdacht, dass Bürgermeister und Statthalter der kalabrischen 'Ndrangheta gemeinsame Sache bei lukrativen Baugeschäften machten.

Er verlor seinen Job als Polizist und bei der Zeitung, Männer bedrohten ihn auf der Piazza im Ort. Jetzt, zwölf Jahre später, gab der oberste Gerichtshof Ungaro recht.
Paolo Borrometi bekam nun auch die Solidarität von Italiens Senatspräsident Pietro Grasso, früher Oberstaatsanwalt von Palermo und Chef der Nationalen Antimafia-Staatsanwaltschaft. Hat er nicht genug? "Nein", sagt Borrometi. "Ich habe früher mal gestottert, und vor einigen Tagen ging das wieder los. Ist mir aber egal. Ich will nur eines Tages aufwachen und denken: Es hat sich gelohnt!"

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