Freitag, 4. September 2015

Andrea Camillieri - der Sizilianer

Von Henning Klüver
Der sizilianische Autor Andrea Camilleri wird neunzig - und nicht zufällig am selben Tag erreicht seine populärste Figur, Commissario Salvo Montalbano, das Rentenalter.



Neunzig Jahre wird er alt und kann es nicht lassen. Andrea Camilleri schreibt auf Teufel komm raus ein Buch nach dem anderen. Er arbeitet, schwer sehbehindert, mühsam mit Riesenlettern auf dem Computer. In diesem Sommer ist gerade beim Verlag Sellerio in Palermo ein neuer Band seiner Montalbano Krimiserie herausgekommen. Ein weiterer ist in Vorbereitung. Rizzoli (Mailand) bringt die bislang nur als Beilage für den Corriere della Sera erschienene Erzählung "La Targa" ("Die Ehrentafel") als Buch.

Geboren wurde Andrea Camilleri am 6. September 1925 in Porto Empedocle an der Südküste von Sizilien. Im nahen Agrigent besuchte er das humanistische Gymnasium. Nach einem abgebrochenen Philosophiestudium machte er einen Abschluss im Fach Regie auf der Nationalen Schauspielschule in Rom. Seitdem darf er sich "maestro" nennen. Erste Versuche, als Literat mit einem Gedichtband zu reüssieren, verliefen im Sand. Camilleri trieb sich lieber im Theater und in Fernsehstudios herum, inszenierte Pirandello, brachte als Erster Beckett nach Italien oder bearbeitete Simenons Romane mit dem Kommissar Maigret für die Rai.


Erst im Alter wurde Camilleri zum Erfolgsautor

Durch die Vermittlung des großen sizilianischen Autors Leonardo Sciascia fand er als Sechzigjähriger wieder Kontakt zu Verlagen wie Sellerio. Erste Titel blieben ohne Erfolg. Mitte der 90er-Jahre platzte dann der Knoten, mit zwei Büchern, die künftige Themenfelder absteckten. Mit "Il birraio di Preston" ("Die sizilianische Oper", Piper 2000) begann die Auseinandersetzung mit der Geschichte Siziliens. In "La forma dell'acqua" ("Die Form des Wassers", Lübbe 2000) betrat ein gewisser Commissario Montalbano zum ersten Mal sein Revier. Hier wie dort war das Städtchen Vigàta Ort der Handlung. Ein Fantasiename für einen Fantasieort, der Porto Empedocle, dem Geburtsort des Autors, verblüffend ähnelt.

Mehr als 100 Bücher hat Camilleri inzwischen veröffentlicht, nachdem er als Rentner das Schreiben entdeckt hatte. Davon 40 allein mit Salvo Montalbano - der Name ist eine Hommage an den spanischen Autor Manuel Vázquez Montalbán. Von der Krimireihe wurden in Italien bis heute zwölf Millionen Exemplare verkauft, ein Feuerwerk in einer eher müden Verlagslandschaft, angefacht auch durch die Fernsehserie mit dem glatzköpfigen Luca Zingaretti in der Hauptrolle. Sogar im Comic "Topolino", der italienischen Mickey Mouse, tauchte ein Commissario "Topalbano" auf.

Das sizilianische Lokalkolorit, eine oft deftige Sprache, Liebesgeschichten und eine klare dialogische Erzähltechnik garantieren Lesevergnügen, jedoch mit Widerhaken. So mühelos und scheinbar oberflächlich Camilleri erzählt, so geschickt streut er Bosheiten, Kritik und politische Kommentare in seine Bücher ein.

Psychotherapeuten, berichtet der Corriere della Sera, verschreiben Montalbano-Krimis gegen Lesestörungen. Und der Sellerio Verlag feiert seinen Starautor jetzt mit einem Band "I sogni di Andrea Camilleri" ("Die Träume von Andrea Camilleri"), der alle Traum-Texte seiner vielen Bücher versammelt.

Dass Camilleri-Titel bislang in 120 Sprachen übersetzt wurden, ist nicht ohne Tücke. Der Autor hat eine eigene, unverwechselbare Kunstsprache entwickelt, die das Hochitalienische mit Wörtern und Redewendungen des Dialekts von Agrigent durchsetzt. Monika Lustig, die Übersetzerin von "Die sizilianische Oper" sah vor 15 Jahren in ihrem Nachwort in der volkstümlich anmutenden Redeweise so etwas wie einen literarisch-sprachlichen Widerstand gegen alle Herrschaftsidiome.

Moshe Kahn, der für den Wagenbach Verlag mehrere der Romane mit historischen Stoffen übertragen hat, suchte beim Schelmenroman "König Zosimo" mit altdeutschen Ausdrücken der Sprachfärbung des Originals nahezukommen. Und Rita Seuß, die gemeinsam mit Walter Kögler die meisten Montalbano-Titel für Bastei Lübbe übersetzt hat, spricht von der Last, aber auch von der Lust, möglichst viel von dem Reichtum an Flüchen, Bildern und Sprichwörtern der Camilleri-Texte zu erhalten.


Während der Berlusconi-Ära hat Camilleri Flagge gezeigt

Bei Nagel & Kimche ist "Die Revolution des Mondes" (2014), einer der schönsten Romane des späten Camilleri, erschienen. Karin Krieger hat ihn nicht aus dem Italienischen, sondern "aus dem Sizilianischen" übersetzt. Es ist die Geschichte einer Frau als Übergangsherrscherin im 17. Jahrhundert, die einen Monat lang die Männergesellschaft der von Spaniern beherrschten Insel in Atem hält und die Ahnung einer gerechteren Welt vermittelt.

Kritik an den Verhältnissen übt auch Commissario Salvo Montalbano. Entsetzt nimmt er wahr, was seine Kollegen beim G-8-Gipfel in Genua 2001 anrichten. Das Politische beschränkt sich jedoch nicht nur auf Romane und Erzählungen. Wie viele junge Italiener trat Camilleri 1945 der Kommunistischen Partei bei. Zeit seines Lebens hat er sich als "Linker" verstanden, sich mit der Mafia auseinandergesetzt, Umweltsünden kritisiert. Derzeit unterstützt er Künstler aus dem Gazastreifen.

Besonders während der Berlusconi-Ära mischte er sich aktiv in öffentliche Debatten ein. Einer der Höhepunkte war eine Artikelfolge in Sonderausgaben der Zeitschrift MicroMega zur Parlamentswahl 2008, mit Glossen zur Charakterisierung des durchschnittlichen Berlusconi-Italieners. Der möchte ein "Motorino" sein, sich wie die Mopeds durch den Verkehr wuseln, rote Ampeln und Einbahnstraßen missachten und darauf vertrauen, dass die Polizisten sowieso weggucken: "Ihre Bewegung ist ein einziger Verstoß gegen die Regeln. Sie dürfen alles."

Regeln einhalten, ein funktionierender Staat - das ist für den in Rom lebenden Sizilianer eine revolutionäre Utopie. Die politischen Artikel Camilleris sind unter dem Titel "Was ist ein Italiener", versehen mit Kommentaren von Peter Kammerer, bei Wagenbach auf Deutsch erschienen. Ein aktives politisches Engagement des Autors allerdings, der bei der Europawahl 2009 für eine autonome linke Verbindung antreten wollte, scheiterte bereits im Vorfeld an innerparteilichen Querelen.

Das Kapitel aktive Politik ist für Camilleri inzwischen abgeschlossen. Er macht sich Sorgen um seine populärste Kreation, um Salvo Montalbano, den er am 6. September 1950, genau 25 Jahre nach seiner eigenen Geburt, auf die Welt hat kommen lassen. Also kann Montalbano an diesem Sonntag seinen 65. Geburtstag feiern und sich auf das Rentnerdasein vorbereiten. Was soll er machen, wenn künftig, sagen wir Dottore Augello das Kommissariat von Vigàta leitet? Soll er im Meer angeln, zu Livia nach Genua ziehen oder gar nach dem Vorbild seines Schöpfers Buchautor werden? Er habe, so erzählte Andrea Camilleri, das "Ende Montalbanos" bereits vor Jahren beschrieben und das Manuskript dem Sellerio Verlag übergeben. Der soll es nach seinem Tod veröffentlichen.

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