Donnerstag, 3. Dezember 2015

Mafia kassiert Berliner Wirte ab

Du beteiligst uns an deinem Geschäft und wir passen dafür auf dich auf! So funktioniert eines des ältesten und zugleich lukrativsten „Geschäfte“ der Unterwelt. Doch die vermeintliche Kooperation ist nichts anderes als Erpressung. Denn hinter der partnerschaftlichen Fassade stecken brutale Einschüchterungsaktionen und zuletzt der finanzielle Ruin der Betroffenen.



Die Opfer werden völlig alleine gelassen, der Rechtsstaat versagt beim Kampf gegen Schutzgelderpressung. So auch im aktuellen Fall aus der Schulstraße: Die vier Täter wurden kurz verhört und anschließend wieder freigelassen. Ihr Opfer hat nun Todesangst. „Ich hoffe, dass diese Typen entweder im Knast landen oder aus Deutschland abgeschoben werden“, hatte Sadat Z. (Name geändert), der 37-jährige Betreiber des kleinen Cafés, einen Tag nach dem Überfall zum KURIER gesagt.

Nach tagelangen Drohungen war eine albanische Bande in der Nacht zu Montag bei Sadat Z. einmarschiert, hatte im Laden randaliert und mit einer Pistole und einer Handgranate gedroht. Jetzt, nachdem die vier Verdächtigen wieder auf freiem Fuß sind, hat Sadat Z. Angst um sein Kind und seine Frau. Er ist sich sicher: „Die Kerle kommen wieder!“

Der 37-Jährige ist nicht das einzige Opfer. Auch der Betreiber eines benachbarten Spielcasinos soll von den Tatverdächtigen überfallen worden sein, weil er keine Schutzgelder abdrücken wollte. Ob der Mann inzwischen zahlt – vermutlich. Denn zur Polizei ging der eingeschüchterte Mittvierziger erst gar nicht, auch uns gegenüber wiegelte er den Überfall mit den Worten „Ist doch nichts passiert!“ ab.


Zahlst nicht, machen wir die Kneipe dicht“

Und so wie der Casino-Betreiber schweigen fast alle Opfer von Schutzgelderpressern, weil sie kein Vertrauen in die Ermittlungsbehörden haben. Und zahlen aus Angst um sich und ihre Familien. Die polizeiliche Kriminalstatistik bestätigt diese Tatsache. So gab es in Berlin im Jahr 2014 offiziell nur sieben (!) Fälle von Schutzgelderpressung. Im aktuellen Fall aus der Schulstraße wird zudem nur wegen räuberischer Erpressung ermittelt. 



„Das Problem ist einfach, dass die Cops solchen Banden meistens nichts nachweisen können“, sagt Stefan R., der eine Kneipe in der Hohenstaufenstraße in Schöneberg hatte. Und von Schutzgeld-Mafiosi in den Ruin getrieben wurde. „Die haben mir gesagt: Zahlst du, läuft der Laden weiter. Zahlst du nicht, machen wir die Kneipe dicht“, erinnert sich der kräftige Berliner. 

Zunächst weigerte sich R., engagierte stattdessen zwei kräftige Türsteher. „Und trotzdem gab es wirklich jede Nacht übelste Schlägereien vor und in meinem Laden, angezettelt von den Erpressern. Bis schließlich die Gäste wegblieben“, so der Kneipier weiter. „Mir wurde damals von der Polizei gesagt, dass man nichts machen könne, solange nichts Schlimmeres passieren würde.“

Doch damit nicht genug: „Kurz bevor ich den Laden dann geschlossen habe, weil ich fast pleite war, wurde bei mir eingebrochen. Und alles geklaut oder zerstört, was ich für eine neue Kneipe verwenden wollte. Wirklich alles. Das waren keine normalen Einbrecher. Das war die letzte Bestrafung dafür, dass ich nichts abgedrückt habe“.
Inzwischen steht Stefan R. zwar wieder hinter einem Tresen – aber nur noch als Angestellter. „Noch mal eine eigene Kneipe aufmachen? In Berlin? Nie wieder!“

Doch nicht nur Gastronomen und Casino-Betreiber müssen ständig mit der Angst leben, quasi über Nacht in die Fänge der Schutzgeld-Mafia zu geraten und somit die Existenz zu verlieren. Auch im Internet wird mittlerweile gedroht und Geld erpresst.
André Schulz, Kriminalist und Vorsitzender des Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), kennt die neuen Methoden. „Es wird mit sogenannten DDoS-Angriffen gedroht“, so Schulz. „Die Täter drohen dem Inhaber eines Onlineshops damit, seine Server durch einen ganz gezielten Überlastungsangriff zu stören oder ganz lahmzulegen. Und so zu verhindern, dass seine Kunden bei ihm einkaufen können.“ Hierbei, so der erfahrene Polizist weiter, „handelt es sich ganz einfach um die neue Variante der klassischen Schutzgelderpressung.“

Doch egal ob die Verbrecher nun online oder auf „klassische“ Weise bedrohen und abkassieren – solange die Opfer alleine gelassen und die Täter wie im aktuellen Fall nach einem Tag wieder freigelassen werden, wird es Schutzgelderpressung auch weiterhin geben.