Donnerstag, 8. August 2013

Die unterirdische Welt der Mafia

Die größten Kokain Schmuggler in Europa sind die kalabresische 'Ndrangheta, Kalabrien. Sie sind zwar nicht so bekannt wie ihr Gegenstück in Sizilien, nichtsdestoweniger machen sie mit Drogen, Erpressung und Waffen Geschäfte in Milliardenhöhe. Werden die Bosse in die Enge getrieben, verkriechen sie sich in geheimen Bunkern.

Ich glaube nicht, dass ich jemals so erleichtert gewesen bin, wieder Sonnenlicht zu sehen. Mit drei Carabinieri und zwei Schriftstellerkollegen aus England tauchten wir in ein schwarzes Labyrinth ein. Wie in tiefer Nacht bin ich durch den Tunnel mit Rattenexkremente, persönlichen Hinterlassenschaften und  verstreuten Kokainpäckchen gekrochen.

Staub und Feuchtigkeit drohten mich zu ersticken. Wie lange war ich im Untergrund? Vier Stunden? Fünf? Acht? Dann endlich, schmutzig, müde und desorientiert tauchte ich in einer wunderschönen Berglandschaft und dem Duft von wilden Oregano wieder auf.

Ich fühlte mich, als ob ich gerade noch so dem Wahnsinn entkommen war.
 
 
 


Die Tunnel der Mafia liegen in der Stadt Plati am Aspromonte, dem "rauen Berg", eine karge Landschaft, die den italienischen Stiefel dominiert. Plati ist seit einem Jahrhundert berüchtigt als Hochburg der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia.

Die Bosse der 'Ndrangheta gehören zu den weltweit führenden Kokainhändlern. Neuerdings haben sie Australien als Boomland für Kokain entdeckt. Die "Ndranghetisti unterhalten im Heimatland ein erstaunliches Netz von geheimen Verstecke unter den Straßen und Häuser gebaut.

Es ist praktisch eine parallele Stadt, eine Unterwelt Plati wo Bunker hinter Schiebetüren Treppen, versteckte Falltüren und sogar in einem Pizzaofen befindet durch endlose Tunnel miteinander verbunden sind.

Es ist eine Art von Wahnsinn zu den Bunkern von Plati.

Selbst die tiefsten und am besten verborgenen Bolzen-Löcher haben geheime Fluchtwege in ihnen.

Die Tunnel verschmelzen und trennen, in die Kanalisation zu ernähren, und verzweigen sich wieder hunderte von Metern, Emerging rechts außerhalb der Stadt, inmitten der Büsche von einem trockenen Flussbett.

Jetzt die Tunnel entdeckt worden, und von links nach der Neugier von Ratten und Mafia Historiker wie mich.



Seit Jahren gesuchter Mafia-Boss in London gefasst

Ein seit 19 Jahren gesuchter sizilianischer Mafiaboss ist am Mittwoch in London verhaftet worden.

Domenico Rancadore


Der 64-jährige Domenico Rancadore aus Palermo galt als einer der gefährlichsten flüchtigen Straftäter und war in Italien unter anderem wegen Erpressung zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. In London leitete er ein Reisebüro.

Gefasst wurde Rancadore, als er in seine Wohnung zurückkehrte, in der er mit seiner englischen Frau lebte. Ein kurzer Fluchtversuch wurde von der Polizei gestoppt.

Scotland Yard hat heute morgen das Auslieferungsersuchen von Italien bestätigt. Er ist angeklagt wegen Mafia-Verbrechen und die Führung einer kriminellen Organisation. Hinzu kommen schwere Straftaten wie Erpressung, Entführung mehrfachen Mordes und Geldwäsche.

Obwohl Rancadore auf der italienischen Fahndungsliste als einer der gefährlichsten Kriminellen geführt wird, hat er sich in London keinesfalls versteckt. Laut italienischen Medienberichten leitete er unter dem Namen Marc Skinner bis zu seiner Festnahme erfolgreich ein Reisebüro.

«U profissuri» (der Lehrer), wie Rancadore in Mafia-Kreisen genannt wird, hat eine britische Frau und zwei Kinder. Freunde beschrieben den Mann als netten Nachbarn. 1998 wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Rancadore ausgestellt. Demnach muss er in Italien noch eine siebenjährige Gefängnisstrafe absitzen.

Mittwoch, 7. August 2013

Stachel im Camorra-Land

Der Radiosender "Radio Siani" ist nach dem von der Mafia ermordeten Journalisten Giancarlo Sani benannt und eine klare Kampfansage an die Camorra. 24 Journalisten aus Ercolano bei Neapel wollen gegen ihre Machenschaften die Stimme erheben.




"Radio Siani": ein junger Moderator stellt "Le Vele di Cristo" vor, eine Gruppe junger Katholiken, die ein großes Anti-Mafia-Fest organisiert und dafür werben will.

Popmusik. Aus dem Ausland aber auch von Gruppen aus der Umgebung. Kinder sprechen über den 150. Geburtstag des vereinten Italien. Vorgestellt wird ein Buch über den Kampf mutiger katholischer Geistlicher gegen die Camorra, wie die organisierte Kriminalität im Großraum Neapel genannt wird.

"Radio Siani", Corso Resina in Ercolano, eine kleine Stadt östlich von Neapel. Auch Ercolano ist eine Camorra-Hochburg. "Radio Siani" ist ein Anti-Mafia-Radiosender. Der einzige im Großraum Neapel. 24 mutige junge Leute aus Ercolano betreiben diesen von der Stadt finanzierten Rundfunksender. Darunter Marco Del Bono, 19 Jahre:

"Als Bürger dieser von der Mafia terrorisierten Stadt war mir klar, dass ich es nicht nur beim Reden belassen durfte. Also entschied ich mich, neben der Uni hier alle zwei Tage mitzumachen. Wir haben unserem Sender den Namen von Giancarlo Siani gegeben. Ein junger Journalist, der für seine Recherchen über die Camorra ermordet wurde. Ein Mord, der hier schnell vergessen wurde."

Schnell vergessen wurde, so Marco, weil viele Menschen in Ercolano Angst vor den Bossen haben. Giancarlo Siani, der für die große Tageszeitung "il Mattino" arbeitete, hatte keine Angst. So wurde er mit seinen Reportagen für die Bosse immer unbequemer. Am 23. September 2012 wurde er mit nur 26 Jahren von der Camorra ermordet. Haben die jungen Journalisten und Redakteure von "Radio Siani" nicht auch Angst vor den Reaktionen der Bosse?

Claudia Piterno, 25 Jahre. Sie arbeitet fest in der Redaktion:

"Wenn man sich im Krieg befindet, kann man sich nicht irgendwo zwischen den kämpfenden Linien aufhalten. Man muss eine Seite auswählen. Man muss! Und ich entschied mich für den Kampf gegen die mafiöse Realität in dieser Stadt. Wir machen in gewisser Weise Politik. Anders als unsere Politiker, die in Sachen Mafia keine entschiedene Position beziehen."

Aktuelle Berichterstattung aus Ercolano. Darunter auch Justizreportagen über laufende Ermittlungen und Prozesse gegen die Camorra. Reportagen aus Stadtvierteln, in die sich sogar die Polizei nur schwer bewaffnet hineinwagt. Berichte aus Schulen und Kindergärten, aus Kirchengemeinden und über Bürgerinitiativen. Immer im Zentrum der Berichterstattung steht der Alltag der Menschen in Ercolano, die gezwungen sind, mit der ständigen Präsenz einer kriminellen Organisation zu leben, die von den meisten Geschäftsleuten Schutzgelder kassiert, die kritische Stimmen einschüchtert und mundtot zu machen versucht.

Bis auf einige Einschüchterungen, zerstochene Autoreifen und anonyme Briefe, lassen die Bosse die Mitarbeiter von "Radio Siani" bis jetzt in Ruhe. Wie lange das so bleiben wird ist unklar. Übrigens ist der Radiosender in der ehemaligen Wohnung des verhafteten Bosses Giovanni Birra untergebracht. Sie wurde vom Staat beschlagnahmt und den jungen Journalisten für ihren Rundfunkeinsatz gegen die Camorra zur Verfügung gestellt.


Neapel sehen und überleben - ein Besuch im Herrschaftszentrum der Camorra

Neapel zählte jahrhundertelang zu den führenden Metropolen Europas. Jetzt hat die organisierte Kriminalität die Stadt fest im Griff. Die Camorra arbeitet wie ein modernes Wirtschaftsunternehmen und ist gleichzeitig im Territorium verankert. Im März veröffentlichte der Journalist Roberto Saviano sein Buch «Gomorra. Eine Reise durch das wirtschaftliche Imperium und den Herrschaftstraum der Camorra». Ganz Italien geriet in Aufruhr.



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Eine kleine Schar, nur achtzig Leute vielleicht. Viele Männer, die meisten älter als vierzig, und eine Handvoll Frauen. Sie haben sich vor dem Rathaus an der Piazza del Municipio in Neapel versammelt, im Hintergrund dröhnen die Bauarbeiten für die neue U-Bahn-Haltestelle. Es dämmert schon, und die Buchstaben auf den handgemalten Schildern sind schwer zu lesen. «Vergesst Scampia nicht» steht dort. Ihr Anführer hält ein Megaphon in der Hand und gibt den Rhythmus vor. «Lavoro, lavoro - Arbeit, Arbeit!», skandieren sie. Pfiffe. Ein paar Hunde bellen. Manchmal halten die Demonstranten erschöpft inne und holen Atem. Sie sind zu wenige, um große Sprechchöre zu intonieren. Wir halten uns abseits. Aber plötzlich wird ein weißhaariger Mann auf uns aufmerksam. «Sind Sie von der Zeitung? Können Sie nicht etwas von uns erzählen?»


Scampia - ein verrufener Ort

«Man spricht immer nur schlecht von Scampia. Es geht um Drogen und um Morde. Aber von Arbeit ist nie die Rede», mischt sich ein Jüngerer ein, «was sollen die Leute machen, die mit der Camorra nichts zu tun haben wollen und trotzdem dort wohnen?» Die Demonstration droht sich aufzulösen, alle wollen etwas sagen. Wir hören zu. Die meisten der hier Versammelten haben keine Beschäftigung, manche sind Saisonarbeiter im Norden. Wie kommen sie zurecht? Wer gesund ist, versucht es als Tagelöhner. «Ci arrangiamo», man schlägt sich durch. Scampia, am nördlichen Rand von Neapel gelegen, offiziell 40.000 Einwohner, inoffiziell doppelt so viele, ist durch die Berichterstattung der letzten Wochen zu einem der kriminellsten Orte in ganz Europa geworden. «Das System» wird die Camorra dort genannt, als sei sie eine staatliche Einrichtung.




Was seit je in den neapolitanischen Zeitungen beklagt wurde, hat der 27-jährige Journalist Roberto Saviano in seiner atemraubenden literarischen Reportage «Gomorra» auf den Punkt gebracht: die Beherrschung ganzer Stadtviertel, die internationalen Verflechtungen, die Unterwanderung legaler Bereiche, das perfekte Rekrutierungsprinzip der Clans von Scampia. In der gesichtslosen Vorstadt mit ihren vierspurigen Straßen und den Hochhäusern mit abblätterndem Verputz werden so viele Drogen und Waffen umgeschlagen wie sonst kaum irgendwo. Ein Drittel aller Fünf-Personen-Haushalte lebt unterhalb der Armutsgrenze, und in den verwahrlosten Wohnblocks bezahlt nur selten jemand Wasser, Strom, Heizung oder Miete.


Roberto Saviano


Aus Angst, dass die Kinder in den Strudel der Camorra geraten, lassen viele Mütter ihre Söhne ab einem bestimmten Alter nicht mehr draußen spielen. «Aber wir müssen nicht nur inmitten von Verbrechern leben», sagt eine Frau, die gerade ihre Stelle als Putzfrau mit Hinweis auf ihren Wohnort verloren hat, «wir werden auch noch wie Verbrecher behandelt.»


Unser täglich Schutzgeld

Um die Ecke der Piazza del Municipio liegt die Einkaufsstrasse Via Toledo. Weihnachtliche Lichterketten, die eleganten Auslagen und die flanierenden Familien verbreiten eine friedliche Stimmung. Wir sind am Dante-Denkmal verabredet und treffen die Schriftstellerin Valeria Parrella.


Valeria Parrella


Sie ist 32 Jahre alt und hat mit zwei Erzählungsbänden auf sich aufmerksam gemacht, in denen die Camorra immer wieder auftaucht. Eine ihrer schönsten Geschichten heißt «Die Signora, die ich werden wollte» und erzählt von einem Mädchen aus den heruntergekommenen quartieri spagnoli im Herzen der Stadt, das den kruden Darwinismus der Straße für die eigenen Zwecke zu nutzen weiß. Mit einer Mischung aus Instinkt, Stolz und ruppigem Beharrungsvermögen macht sich die gerissene Schönheit einen Camorrista gefügig, lässt sich erst eine Wohnung kaufen und dann eine Boutique, bis sie per Eheschließung in die Oberschicht vordringt.

«Wer in Neapel lebt, kommt zwangsläufig in Berührung mit der Camorra. Mich interessiert daran aber nur der menschliche Aspekt», erklärt die zarte Valeria Parrella. «Wenn Personen aus sozial schwachen Familien die Camorra als einen Ausweg aus ihrer Misere begreifen und keine andere Möglichkeit sehen, gehe ich dem nach.» Sie ist fasziniert von der starken Durchmischung der Gesellschaftsschichten in der Innenstadt, wo man oft sogar in denselben Häusern lebt. Geändert, sagt Parrella, habe sich in den letzten zehn Jahren überhaupt nichts. «Es gibt genauso viele Tote wie damals. Die Weltöffentlichkeit ist nur plötzlich wieder auf die Lage in Neapel aufmerksam geworden. Das sind diese zyklischen Medienkampagnen, sonst nichts.»


Claudio Michele Mancini


Am selben Abend erfahre ich von einem Touristikmanager, der wegen seiner Kontakte zur Camorra die Lizenz verloren hatte, mit 16 Schüssen ermordet. Und am nächsten Tag berichtet der «Corriere del Mezzogiorno», der Süditalien-Teil des Mailänder «Corriere della Sera», unter der Überschrift «Unser täglich Schutzgeld gib und heute» von selbsternannten Parkplatzwächtern, die telefonisch Vorbestellungen für illegale Parkplätze entgegennehmen.


Soziales Engagement

«Heute sind viele indirekt in die kriminellen Strukturen verwickelt. Es ist inzwischen auch kein System mehr, das von unten kommt. Es hat sich in allen Sphären etabliert, Bauwesen, Bekleidung, Nahrungsmittel. Und es scheint sich für alle zu lohnen», sagt die Schriftstellerin Antonella Cilento, der wir am Morgen gegenübersitzen im «Gambrinus», dem ältesten Café der Stadt mit goldenem Stuck, Kristalllüstern und Spiegeln.


Antonella Cilento


Während Damen in Pelzmänteln neben uns Cappuccino trinken und den letzten Theaterabend kommentieren, berichtet uns die 36-Jährige mit lebhaften Gesten von ihrer Arbeit. Seit 1993 betreibt Cilento die Schreibschule «La linea scritta» und führt auch immer wieder Projekte an Schulen in der Umgebung von Neapel durch, wo die Camorra besonders präsent ist. «Für die Kinder der Clans ist der Weg vorgezeichnet. Selbst Unterbringungen in Pflegefamilien, wie es dort versucht wird, nützen nichts.»

Aber besonders bedrückend findet sie kriminelle Verhaltensweisen im Alltag. «Meine Mutter ist Schuldirektorin. Die Tochter eines Notar-Ehepaares wollte die Klasse wechseln. Die Eltern haben sich nicht an meine Mutter gewandt. Stattdessen kam es über einen Camorra-Autoschieber zu einem Erpressungsversuch.» Eigentlich spüre man immer noch die Folgen der missglückten Revolution von 1799, meint die Autorin, als aufgeklärte Bürger und Adlige einen Wandel herbeiführen wollten und vom Volk niedergemetzelt wurden. Diese Spaltung, von der auch der große alte Mann der neapolitanischen Literatur, Raffaele La Capria, in seinem Essay «L'armonia perduta» (1986) erzählt, wurde nie überwunden.


Effektvoller Pulp oder Anklage?

Wir besuchen Raimondo Di Maio, der an der Via Mezzo Cannone gegenüber der Universität eine traditionsreiche Buchhandlung betreibt und außerdem Verleger ist.




Dante & Descartes heißt sein kleiner Laden, und es ist einer der schönsten Orte in Neapel, vollgestopft mit Büchern bis unter die Decke und auf den ersten Blick eher unscheinbar. Aber es gibt hier viel zu entdecken. Unter wackligen Stapeln kommen Erstausgaben zum Vorschein; dauernd tritt jemand in den Laden. «Trinkst du einen Kaffee?», ist die häufigste Frage, die Di Maio stellt, und das Gespräch reißt den ganzen Tag nicht ab. In den sechziger Jahren wurde hier eine wichtige Literaturzeitschrift gemacht, und Schriftsteller wie Domenico Rea, Michele Prisco und Raffaele La Capria, inzwischen Klassiker der Moderne, fanden sich regelmäßig ein. Ihre Fotos baumeln über dem Verkaufstisch von der Decke.

Vor einigen Jahren zählte auch Nunzio Giuliano, Bruder des Clan-Oberhaupts Loigino Giuliano, zu den Besuchern von Dante & Descartes. Nunzio hatte der Camorra 1989 öffentlich abgeschworen. «Er war hochintelligent, interessierte sich vor allem für Philosophie. Ich hatte allerdings Schwierigkeiten mit einigen seiner Angewohnheiten, z. B., dass er Geld zu Wucherzinsen verlieh. Sie haben ihn im letzten Jahr dann erschossen wegen einer Racheaktion unter den Familien.»




Di Maio veranstaltet regelmäßig Lesungen aus unveröffentlichten Manuskripten. Roberto Saviano hat hier «Gomorra» zum ersten Mal vorgestellt, Mancini seinen Roman Mala Vita. «Ungeheuer wichtige Bücher. Saviano hat einen riesigen Stein in diesen neapolitanischen Schlamm geworfen. Und er macht die Camorra zu etwas, was man erzählen kann. Mancini prangert die enormen Geldströme in die Steueroasen an, die mit Drogengeld verdient werden.»

Die Soziologin Enrica Morlicchio, eine von Di Maios Autorinnen und Expertin für die Folgen der De-Industrialisierung, ist anderer Meinung. Sie hat viele Untersuchungen in Scampia durchgeführt. «Gomorra» stigmatisiere die gesamte Einwohnerschaft des Viertels: «Saviano sieht nur die schauerlichen Seiten. Für mich ist das ein guter Pulp-Roman.»

Plötzlich steht ein Herr in der Tür, ein Universitätsdozent, und bittet um eine fiktive Rechnung. Er fliegt unter Beschimpfungen aus dem Laden.

 

Zerfall der Moral

Wenn man die Via Mezzo Cannone mit ihren Buchhandlungen und Cafés hinunterläuft, dann nach rechts biegt, sich vom ohrenbetäubenden Verkehrsstrom leiten lässt, noch einmal links um die Ecke geht, gelangt man zu einem verwitterten Hochhaus, das den «Corriere del Mezzogiorno» beherbergt.


Via Mezzo Cannone

Geschäftiges Treiben; Redaktionsschluss ist erst um 22 Uhr 30. Die Anzahl der Toten sei in Neapel, abgesehen von dem Bandenkrieg im Sommer 2004, seit 20 Jahren gleich, erklärt uns der Polizeireporter Gianluca Abate. «Allerdings gibt es in den letzten zehn Monaten einen Anstieg der Raubüberfälle um 38 Prozent. Vor allem die Kinderbanden nutzen das als Einstieg in die kriminelle Sphäre.»

Wie tritt so ein Camorrista eigentlich auf? «Er ist das Gegenteil von einem Mafioso. Mafiosi leben oft ganz einfach und bescheiden, ein Camorrista trumpft immer auf und verprasst seinen Reichtum: dicke Autos, Motorräder, große Villen. Außerdem schmieden hier die Bosse alle drei Tage neue Allianzen. Die Mafia ist dagegen streng hierarchisch aufgebaut.» Selten werden die Camorristi älter als vierzig Jahre. Über die Sitten und Gebräuche der Clans erfährt man bei Saviano viel, denn er hat sich, nach Günter-Wallraff- Art, in ihrer Umgebung aufgehalten, Bekanntschaften geschlossen, sich die Musik auf ihren MP-3-Playern angehört, die sie als Untermalung für Killeraufträge benutzen. Auch wenn die Tatsachen, um die Savianos romanartige Reportage kreist, größtenteils in Zeitungen und im Internet zu finden waren, stellt sie neue Zusammenhänge her, meint der Chefredaktor des «Corriere del Mezzogiorno», Francesco Durante. «Saviano gelingt auch eine literarische Zuspitzung. ‹Gomorra› hat eine sehr eigene Ästhetik.»

Die Morddrohungen, wegen deren Roberto Saviano seit zwei Monaten untergetaucht ist, hält der joviale Blattmacher für untypisch: Eigentlich töte die Camorra eher, bevor jemand etwas schreibe. «Saviano hat ein Phänomen, worüber wir jahrelang auf lokaler Ebene berichteten, zu einem nationalen Thema gemacht. Das ist ein enormes Verdienst.» Die Gefahr sei natürlich, dass das Buch als endgültiger Beweis für die totale Ausweglosigkeit der Lage genommen werde: «So als seien wir unverbesserlich und als sei es das Günstigste, den Süden kurzerhand abzutrennen vom Rest des Landes.»

Mit polternder Stimme betritt der Jesuitenpater Domenico Pizzuti die Redaktion. Er hat lange in Scampia mit Jugendlichen gearbeitet und ist jetzt der wissenschaftliche Leiter einer Forschungseinrichtung der Zeitung, die «Osservatorio della Camorra» heißt und über die jüngsten Entwicklungen informiert. «Die Schließung der großen Fabriken Ende der siebziger Jahre hat vieles verändert und Freiräume für die Camorra geschaffen, es gab plötzlich einen Überschuss an Arbeitskräften», skizziert der Pater die Entwicklung. «Die zweite Kehrtwende war das Ende des Zigarettenschmuggels, der durch den Drogenhandel ersetzt wurde. Die Konsequenz davon ist wiederum die internationale Expansion der Camorra, was Saviano sehr gut aufzeigt.» Es gebe eine Ausdehnung der kriminellen Aktivitäten, die von Schottland bis China reicht. 30 Prozent ihrer Einkünfte investiere die Camorra in den legalen Sektor. «Und dann ist natürlich ohnehin ein Niedergang der Moral zu bemerken. Man könnte auch von Berlusconismus sprechen.»


Feudale Strukturen und Globalisierung

Es ist spät geworden. Weil auch direkt vor dem Redaktionsgebäude der Drogenhandel floriert, begleitet man mich bis zum Rathausplatz. Wie eine schlafende Schildkröte wirkt die Galleria Umberto mit ihren Glaskuppeln, eine ferne Idee von geschütztem öffentlichem Raum. Hinter der Piazza del Plebiscito liegt das tintenschwarze Meer. Ein paar Straßen weiter gabeln wir Giuseppe Montesano auf. Der Schriftsteller mit der tiefen, schleppenden Stimme besitzt viel Sinn für schwarzen Humor. Er hat Flaubert, Baudelaire, Gautier u. a. übersetzt und schreibt für Zeitungen, aber sein Geld verdient er als Philosophielehrer in Secondigliano, das kaum weniger berüchtigt ist als Scampia.


Giuseppe Montesano


Einen erzählerisch und stilistisch rasanten Roman über die Camorra hat Giuseppe Montesano vor drei Jahren veröffentlicht: «Di questa vita menzognera» (Von diesem verlogenen Leben). Im Mittelpunkt der furiosen Groteske stehen die Söhne des Negromonte-Clans. «Ein Problem sehe ich in der Familienideologie des Mezzogiorno. Die Familie ist alles, außerhalb existiert nichts. Das begünstigt feudale Strukturen.» Außerdem weigere man sich hier, erwachsen zu werden: «Italien ist ein Peter-Pan-Land.» Giuseppe Montesano ist seit Jahren mit Roberto Saviano befreundet und schätzt seine Arbeit.

Er beleuchtet die Grauzonen: alltägliche Gewalt und eine völlige Verunsicherung darüber, was richtig oder falsch, was gut oder böse ist. Ist es normal, wenn in einem Bus ein Raubüberfall passiert und dies stillschweigend geduldet wird? «Diese anthropologischen Veränderungen: Das ist viel unheimlicher, als wenn ein Gehirn auf den Bürgersteig spritzt.» Nachdenklich verabschieden wir uns von Montesano. Sich an den apokalyptischen Zuständen zu weiden und sie als uneuropäisch abzutun, wäre leichtfertig. In Neapel kann man beobachten, welche Folgen schwache Institutionen, Kulturzerfall und mangelnder Bürgersinn haben und wie dynamisch sich illegale Strukturen den Anforderungen der Globalisierung anpassen. Die Stadt am Golf ist die Avantgarde und antizipiert Probleme, die in Ansätzen vielen Metropolen zu schaffen machen.

Inzwischen ist es Nacht. Polizisten patrouillieren durch die Stadt, Müllberge lagern an Häuserecken, die 14-jährigen Mädchen sind ausgehbereit, stöckeln zur Piazza hinunter und nehmen auf den Motorrädern ihrer Verehrer Platz. Neapel gehört zu uns. Das sollten wir nicht vergessen.

Dienstag, 6. August 2013

Schrotflinte und Heiligenbilder

Die Mafia ist in den Regionen Italiens stark, in denen die Zahl der Kirchgänger hoch ist. Dass sich die Mafiosi als gute Katholiken geben, ist ein Binsenweisheit.

Padre Chirondella gab einem Mafiaboss Kirchenasyl


Neunzehn Bildchen von Heiligen und -72 von Jesus, zwei Holzkreuze, zwei Bibeln, ein Gebetbuch und diverse religiöse Gegenstände fand die Polizei in der Bauernkate, in der sie am 11. April 2006 Bernardo Provenzano aufspürte, Boss der Bosse der sizilianischen "Cosa Nostra", jener Organisation, die mit "der Mafia" gleichgesetzt wird. In der Kate hatte sich Provenzano Jahrzehnte lang versteckt gehalten.

Ein ähnliches Bild zeigte sich den Fahndern am 11. März 1999: An diesem Tag verhafteten sie in einem hochgesicherten Bunker Giuseppe Piromalli, Boss eines mächtigen Clans der "Ndrangheta", der in Kalabrien verwurzelten Mafia. Die Wände waren, wie die Polizeifotos zeigten, mit christlichen Bildern bedeckt.


Giuseppe Piromalli - berüchtigter Mafiaboss


Bei Carmine Alfieris, dem Boss der neapolitanischen "Camorra", der am 11. September 1992 festgenommen wurde, fanden sich Bibeln und Beethoven-CDs. Bei Pietro Aglieri, einem Boss der sizilianischen Mafia, standen die Ermittler auf einmal vor einem kleinen Altar, an dem Geistliche zweimal die Woche die Messe gelesen und dem Killer das Abendmahl gereicht hatten. Und dasselbe Bild bot sich bei Cosa-Nostra-Boss Nitto Santapaola.


Pietro Aglieri

 
Mehr als Folkore

Bei allen italienischen Mafien, auch der derzeit schwächsten, der apulischen "Sacra Corona Unita", finden sich Zeugnisse römisch-katholischer Frömmigkeit. Die Killer scheinen kein Problem damit zu haben, die Schrotflinte, die "lupara", und das Evangelium in Einklang zu bringen. Nun ist die Folklore der Mafia durch Kino, Fernsehen und andere Medien soweit Gemeingut geworden, dass das vielleicht wenig verwundert. Und warum nicht auch ein wenig katholischen Religionskitsch, mag der aufgeklärte Mitteleuropäer denken. Gläubigen Katholiken und schlicht all jenen, die den Zynismus nicht zur Weltanschauung erhoben haben, stellt sich allerdings die Frage: Mafia und eine Religion, zu deren Kern die Ablehnung von Gewalt gehört, ist das nicht eine irrsinnige Kombination?

Wird diese Frage einem Mafioso gestellt wird er pikiert antworten: "Was erlaubst du dir? Mafia und Katholizismus gehen sehr gut zusammen." Und das, obwohl Papst Johannes Paul II. am 9. Mai 1993 in einer Predigt im sizilianischen Agrigento deutliche und seitdem viel zitierte Worte fand: "Bekehrt Euch! Eines Tages wird das Urteil Gottes kommen!" (Convertitevi! Un giorno sarà il giudizio di Dio!).

Dabei ist der Glaube einer der wichtigsten Bestandteile mafiöser Identität. Bernardo Provenzanos handgeschriebene Zettelchen, mit denen er aus seinem Versteck mit der Außenwelt kommunizierte und Befehle erteilte, begannen und endeten immer mit einer Wendung, in denen er den Empfänger dem Schutz Gottes oder der Madonna empfahl. Er gab Mordbefehle und schmückte sie mit Gleichnissen aus dem Lukasevangelium. Die ganze Art sich auszudrücken, war die eines tiefgläubigen katholischen Großvaters. Ja, die italienischen Mafiosi fühlen sich nicht als Sünder, sondern sind überzeugt, dass Gott ihre Untaten gutheißt.


Das lange Schweigen

Das weiß die römisch-katholische Kirche seit anderthalb Jahrhunderten - eben solange, wie es die Mafien gibt. Trotzdem dauerte es bis 1982, dass ein Kirchenmann zum ersten Mal öffentlich Stellung bezog, bei der Grabrede für den von der Mafia ermordeten Polizeigeneral Carlo Alberto dalla Chiesa.


Carlo Alberto dalla Chiesa


Es dauerte also einhundertfünfzig Jahre, bis die katholische Kirche etwas sehr einfaches erklärte, nämlich dass sich mafiöse Religiosität und katholischer Glaube nicht vereinbaren lassen. Wer sich mit dem Glauben der Mafia beschäftigt, kommt am langen Schweigen der Kirche nicht vorbei. Und welche Rechtfertigungen gab es dafür? Handelte es sich um das Schweigen des Durchschnittsbürgers, der einfach Angst hat?

Hätte sich die Kirche schon vor hundert Jahren so geäußert, wie sie das heute tut, wäre die Lage heute anders. Erst recht, wenn die Kirche die Mafia seinerzeit exkommuniziert hätte. Oder vor fünfzig Jahren, als sie zum Beispiel die Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens vom Abendmahl ausschloss.

Wenn das Mafiaproblem im italienischen Süden - und davon ausgehend weltweit - auch ein kulturelles ist, müssen diejenigen Bildungsinstitutionen in Frage gestellt werden, die für die Gesellschaft und das in ihr herrschende Klima mitverantwortlich sind. Und dazu gehört im Süden Italiens, im "Mezzo-giorno", noch vor den staatlichen Einrichtungen die römisch-katholische Kirche. Denn der Süden ist im Guten wie im Bösen vom Katholizismus geprägt, von einer Kirche, die das Evangelium predigt, die gute Botschaft, und sich dabei auf eine so außergewöhnliche und friedfertige Figur wie Jesus Christus beruft, die Beispiele gelebter Nächstenliebe lieferte, aber leider auch die Rechtfertigung für Mörder.


Nichts zu versöhnen

Wer dieser Spur folgt, darf sich nicht auf eine Erklärung einlassen, die Kirchenmänner immer mal wieder anbieten: Es gehe um die Versöhnung der Gegensätze. Aber hier gibt es nichts zu versöhnen. Deutlich wird das Problem an der Seligsprechung des Anti-Mafia-Priesters Pino Puglisi, der in Palermo wirkte, der Hauptstadt Siziliens. Seliggesprochen wird ein Mensch, der als Märtyrer gestorben ist, der von Leuten getötet wurde, die den Glauben hassen, den das Opfer repräsentiert. Aber Padre Puglisi wurde am 15. September 1993 von katholischen Mafiosi ermordet.


Padre Pino Puglisi


Und das stellt ein schwieriges theologisches Problem dar. Wie soll die Kirche aus der Verlegenheit herauskommen, dass die Mörder Puglisis regelmäßig die Kirche besuchten und beichteten, denen das Abendmahl gereicht wurde, die in der Beichte losgesprochen wurden, bei Prozessionen mitmarschierten und die Heiligen auf der Schulter trugen? Ja, es ist eine christliche, katholisch geprägte Gesellschaft, die die Cosa Nostra, Ndrangheta, Camorra und Sacra Corona Unita hervorgebracht hat. Sie sind in den vier Regionen Italiens entstanden, die den höchsten Gottesdienstbesuch aufweisen. Gibt es da einen Zusammenhang? Oder muss man das als zwei völlig getrennte Phänomene betrachten? Schließlich hat ja auch die Kirche Opfer zu beklagen. Mehr noch: Menschen wie Padre Puglisi sind geradezu Vorbilder, was die Opferbereitschaft angeht. Doch wenn man die Zahl derer, die aus den Reihen der Kirchenmänner der Mafia zum Opfer gefallen sind, mit der von Mafiaopfern aus Zivilgesellschaft und Staat vergleicht, sieht es anders aus.

So wurden allein nach Kriegsende in Sizilien fünfzig Gewerkschafter, Sozialisten und Kommunisten von der Mafia ermordet. Zu denken ist auch an die Staatsanwälte, die Polizisten, Justizbeamten, Unternehmer, kleinen Händler, die einfachen Bürger.


Friedliche Koexitenz

Dabei könnten die zölibatär lebenden kirchlichen Amtsträger mutiger sein als andere, müssen sie doch weniger Rücksicht auf Familienangehörige nehmen. Man kann es zuspitzen: Zwischen katholischer Kirche und Mafia hat es im Wesentlichen nie einen Konflikt gegeben. Vielmehr herrschte zwischen ihnen lange Zeit eine friedliche Koexistenz.

Politisch hat das Anti-Mafia-Staatsanwalt Vincenzo Macrì einmal so zusammengefasst: Im dem vom Kalten Krieg besonders gebeutelten Italien standen im Norden auf Seiten der herrschenden Eliten faschistische Terroristen zusammen mit der Nato-stay-behind-Organisation "Gladio", die für das Massaker am Bahnhof von Bologna 1980 verantwortlich war. Und in der ganz anders verfassten Gesellschaft des Südens bediente man sich des Terrors der Mafien.


Vincenzo Macrì - Vice-General-Staatsanwalt


Aber hat sich die Kirche vielleicht nur deswegen so wenig um die mafiose Religion des Aberglaubens gekümmert, weil diese ein randständiges Phänomen darstellt? Doch so ist es nicht. Denn die große Masse der Katholiken Süditaliens lebt ihren Glauben genau wie die Mafiosi: Sie besucht die Messe, beichtet, lässt ihre Kinder taufen, stellt Firmpaten und nimmt an Prozessionen teil. Wenn die Mafiosi abergläubisch sind, dann ist es die große Mehrheit im Süden auch.


Ruhiges Gewissen

Der Katholizismus hat den Mördern - unfreiwillig - ein ruhiges Gewissen verschafft. Belegt ist das Beispiel eines Mafiakillers, der vor seinen Morden immer zur Beichte ging. Sünde ist für die katholische Kirche eine Beleidigung Gottes. Ob Mord oder Diebstahl, es handelt sich aus der Sicht der Kirche um zerstörtes Vertrauen zwischen Gott und Mensch. Und Vergebung erlangt man, indem das Vertrauensverhältnis mit Gott wieder aufgebaut wird. Doch das steht oft im Widerspruch zur Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zur Gesellschaft. In der römisch-katholischen Beichtpraxis scheint es nicht darum zu gehen, dass der Beichtende den Schaden wieder gutmacht, den er angerichtet, Einzelnen und der Gesellschaft zugefügt hat. Eine Gefängnisstrafe scheint da auszureichen. So drängt sich manchmal der Eindruck auf, der Weg vom Verbrechen zur Vergebung ist aus kirchlicher Sicht arg kurz, ohne große Leiden und persönliche Opfer des Übeltäters.

Kardinal Carlo Maria Martini, der Alterzbischof von Mailand, hat den Finger in die richtige Wunde gelegt: Er kritisierte, dass in der Beichtpraxis seiner Kirche das Verhältnis zwischen Tat und Buße nicht stimme. Warum sollte die Kirche einem Mörder nicht auferlegen, denjenigen Buße zu leisten, denen er den Vater, die Tochter oder Mutter weggenommen hat? Ja, warum betrifft die Vergebung im Beichtstuhl nur das Verhältnis von Mensch und Gott und nicht auch das zwischen den Menschen?


Kardinal Carlo Maria Martini


Der Bischof der kalabresischen Diözese Locri-Gerace, Giuseppe Fiorini Morosini, hielt 2010 bei der Wallfahrt nach Polsi, zur "Madonna vom Berge", das die Ndrangheta als Heiligtum betrachtet, eine bemerkenswerte Predigt. In ihr äußerte sich der ganze Schmerz eines Mannes der Kirche. Und doch nannte er die Mafiosi "Brüder", die "gefehlt" hätten.


Bischoff Giuseppe Fiorini Morosini

Der Bischof sagte zwar, dass Mafiosi und Kirchenleute nichts gemein hätten und jene den heiligen Ort der "Madonna vom Berge" schändeten. Dann aber meinte Morosini: Wenn diese zum Wallfahrtsort mit anderen Absichten kämen, sei das ihr Problem. ("È un problema loro e non nostro").


Gottes Missfallen

Wie das? Wenn ein hohes Heiligtum der Kirche von Mördern aufgesucht wird, ist das nur ein Problem der Mörder? Es ist doch eines aller Beteiligten. Dabei müsste es für die Kirche sehr einfach sein, die Mafia zu bekämpfen. Sie müsste ihnen nur sagen: "Ihr werdet nicht erlöst, solange ihr euch nicht mit dem Staat und mit der Gesellschaft versöhnt." Doch solange den Mafiosi gesagt wird, sie seien "Brüder", wenn auch fehlgeleitete, auf deren Bekehrung die Kirche wartet, solange wird es keinen Fortschritt im Kampf gegen die Mafia geben.

Ein letzter Punkt: Warum verhält sich die katholische Kirche so hart zu den Kronzeugen gegen die Mafia, den "pentiti", und so offen zu den stillschweigenden Aussteigern? Es gibt Erklärungen von Kirchenleuten, wonach die "pentiti" Gottes Missfallen erregten, weil sie dazu beitrügen, dass Christen festgenommen würden. Und das sei kein christliches Verhalten. Die katholische Kirche erklärte, eine Reue nur vor dem Gesetz und nicht auch vor Gott sei keine.

In der Zeit des Terrorismus seit den Siebzigerjahren trug sich die Kirche nicht mit solchen Bedenken, im Gegenteil: Diese Epoche wurde auch dadurch überwunden, dass viele Priester die meist jungen Leute aufsuchten, um ihnen ins Gewissen zu reden und sie zu Aussagen zu bewegen. Aber die Kronzeugen gegen die Mafien werden nicht ermutigt. Die Kirche liebt die Aussteiger, die im Frieden mit Gott leben wollen, aber keine Aussage machen und niemanden anklagen. Doch das erinnert an das Mafiagesetz des Schweigens, die "omertà".

Zwischen "sich lossagen" und "nicht aussagen" besteht ein kulturelles Band. Wer so handelt bleibt ein "Ehrenmann". Und ein guter Katholik. Dabei ist klar, dass das Schweigen der Mafia nutzt. Daher hat das Zentrum des sozialen Widerstand im kalabresischen Reggio das Motto "Der erste Schritt ist das Benennen" (Il primo passo e nominarla).

Die Existenz der Mafien zeigt letztlich auch eine Erfolgslosigkeit der Kirche, ihrer Bekehrungsversuche und ihres religiösen Formalismus. Aber wenn sich die katholische Kirche nicht geschlossen gegen die Mafia stellt, wer soll es sonst tun? Der Einzelne im Süden wird die Mafien nicht besiegen. Und das bekommen auch wir im scheinbar ganz anders verfassten Norden zu spüren. Spätestens seit den Ndrangheta-Morden von Duisburg im Jahr 2007 kann das jeder Deutsche wissen.


Reform im Vatikan: Härtere Strafen für Kinderschänder

Kindesmissbrauch im Vatikan und der Kurie der Katholischen Kirche wird künftig schärfer geahndet. Papst Franziskus hat am Donnerstag ein entsprechendes Dekret unterzeichnet. Bestraft werden sollen alle Straftaten gegenüber Minderjährigen - vom Herunterladen kinderpornografischer Inhalte aus dem Internet bis zum Missbrauch. Im Zuge einer umfassenden Strafrechtsreform soll auch die lebenslange Haftstrafe abgeschafft werden.

Wie der Kirchenstaat am Donnerstag mitteilte, wird die lebenslange Haftstrafe in maximal 35 Jahre Freiheitsentzug umgewandelt - also erheblich schärfer als zuvor. Kinderschänder in den Reihen des Vatikan sollen künftig mit bis zu zwölf Jahren Gefängnis bestraft werden. Auch hier hat sich Papst Franciscus durchgesetzt, obwohl er gegen starke Widerstände ankämpfen musste. Damit zog das Kirchenoberhaupt die Konsequenz aus einer Reihe von Missbrauchsskandalen. Wie aus einer Veröffentlichung des Kirchenstaates am Donnerstag weiter hervorging, wird künftig auch die Weitergabe vertraulicher Dokumente aus dem Vatikan härter bestraft.
 
 
Strafrechtsreform erfasst nur 0,44 Quadratkilometer
Der neue Papst hatte von seinem Ende Februar zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI. eine Reihe von heftigen Missbrauchsaffären übernommen, in die Geistliche verwickelt waren. Die Strafrechtsverschärfung gilt zwar nur im 0,44 Quadratkilometer großen Vatikan- Staat. Sie macht aber zugleich deutlich, dass Franziskus das Kirchenstrafrecht an internationale Normen anpassen will. Das Netzwerk des Missbrauchsopfer kritisierte die Änderungen als nicht ausreichend, da es nur auf den Vatikan- Staat beschränkt ist. Doch Papst Franciscus hat noch Großes vor.
Gerichtspräsident Giuseppe Dalla Torre sagte, das Strafrecht des Kirchenstaates sei angesichts moderner Formen der Kriminalität völlig überarbeitet worden. Es basierte auf den veralteten italienischen Strafbestimmungen aus dem frühen 20. Jahrhundert.
 
Aufnahme von UN- Konventionen ins Strafrecht
Franziskus kündigte darüber hinaus an, dass auch die UN-Konventionen gegen organisierte Kriminalität und Terrorismus in das vatikanische Strafrecht aufgenommen würden, ein starkes Signal gegen die Mafia. Gegen die Vatikan- Bank laufen derzeit Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Geldwäsche. Zur Reform des Instituts setzte der Papst im Juni eine Kommission ein.
 

Sonntag, 4. August 2013

Mafiosi nutzen Facebook für Waffengeschäfte

Willkommen auf den Facebook-Seiten junger und berüchtigter Mafiosi, die soziale Natzwerke als ideale Kommunikationsplattform nutzen. Nach meinen Recherchen kommunizieren sie häufig mit miteinander, tauschen sich über Polizeimaßahmen aus und betreiben dort ihre kriminellen Geschäfte.

Ich spreche hier nicht kleinen Fischen, nein, ich rede über den neuen Clan-Chef Manuel Nino Spagnuolo aus Castellamare di Stabia. Er ist 35 Jahre. Er kontrolliert mit blutrünstiger Gewalt eine ganze Region, ist in Waffengeschäfte und Drogenhandel involviert.

Spagnuolo trat vor einigen Jahren die Nachfolge des berüchtigten Michele D’Alessandro an, nachdem er verhaftet und verurteilt wurde. Aber auch er selbst hatte schon massiven Ärger mit der Polizei.


Manuel Nino Spagnuolo


Ganz offen tauschen Mafiosi Informationen über schwere Waffen im Facebook aus und verhandeln über Preise, ohne dass ihnen die Polizei bis heute habhaft werden konnte. Unverblümt laden sie Bilder hoch, vermitteln das Bild intakter Familienidylle und heile Welt, währenddessen die Spezialeinheiten der DIA der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Während die NSA alles und jeden bespitzelt, Millionen von unbescholtenen Bürger präventiv als "gefährlich" einstuft und abhört, sitzen Mafiabosse unbehelligt am Laptop und lachen sich ins Fäustchen. Sie fühlen sich sicher, wickeln Geschäfte dort ab und planen die nächsten Coups.


Diese Waffen (Kalaschnikov) wurden von Spagnuolo zum Kauf im FB angeboten
und als äußerst wirksame Waffen angepriesen.


Im Frühjahr 2010 wurde Spagnuolo wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt, konnte aber aus dem Gefängnis entfliehen. Seine Anwälte verhinderten mit einem Ärztegutachten, dass er nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde. Auf dem Weg dorthin wurde er von Freunden befreit. Seither nutzt er Facebook als Informations- und Kommunikationsplattform, um einer weiteren Verhaftung zu entgehen.

Auf den ersten Blick macht seine Facebook-Seite den Eindruck, als pflege er den Mythos berühmter Mafia-Paten und seine Posts lassen eindeutige Schlüsse auf seine wahre Tätigkeit zu. Verfolgt man in seiner Chronologie die Kommunikation, dauert es nicht lange, bis man auf die Köpfe weiterer hochkarätige Mafiosi stößt, die offenkundig in enger Verbindung miteinander stehen.








Mafia-Pate brüstet sich im Facebookhttps://www.facebook.com/pages/E-Guagliun-E-Stu-Rion/150298304982686




Sasà Vincitore 

So überraschend, wie es scheinen mag, es ist dennoch die bittere Wahrheit, dass sich Mafiosi im Facebook offen austauschen und dennoch der Polizei immer wieder ein Schnippchen schlagen. Die "Community" ist einfach schneller. Mitte Juli entging Nino Spagnuolo nur knapp einem Attentat. Ihm wurde am Strand beim Sonnenbad ins Bein geschossen. Kurze Zeit später nahm er Kontakt mit seiner Familie über Facebook auf mit den Worten: "Mir geht es gut. Macht euch keine Sorgen."


Nino Spagnuolo mit "Amici" auf seinem Power-Motorboot (Juli 2013)


Ich bin mir durchaus bewusst, dass mein Bericht Gefahren für mich birgt, aber mich macht die Unverfrorenheit dieser Gangster wütend.

Claudio Michele Mancini



Freitag, 2. August 2013

'Ndrangehta, Cosa Nostra, Camorra - still und heimlich erobern sie die Welt

Nur ein schlechter Traum? Hier beschreibe ich, wie 'Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra mit ihren Geschäften Deutschland und die Welt kolonisieren.

Die Mafiosi sind längst überall. Die Ursino in Hannover, die Morabito in Köln, die Mazzaferro in Stuttgart, die Muto in Nürnberg. Am stärksten konnten sich die Clans aus der kalabresischen Mafia-Hochburg San Luca verbreiten: die Nirta, Strangio, Pelle, Romeo und Co haben in Berlin und in München, in Leipzig und in Düsseldorf, in Dresden und in Tübingen Fuß gefasst und befehligen von dort aus ihre Truppen.



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Und natürlich auch im Ruhrgebiet, zum Beispiel in Duisburg, wo im August 2007 sechs Angehörige des Clans Pelle-Vottari von Killern der verfeindeten Familie Nirta-Strangio vor der Pizzeria "Da Bruno" erschossen wurden. Das warf ein erstes Schlaglicht auf einen kleinen Ausschnitt der Mafia-Szene in Deutschland und wurde doch bald wieder vergessen - zumal im vergangenen Jahr Giovanni Strangio, der Kopf hinter dem Mordanschlag von Duisburg, in Amsterdam festgenommen werden konnte. Die Schlagkraft und die ungeheure Präsenz der Mafia in Deutschland -sie ein Alptraum!




 

Der Spuk hat erst angefangen - das belegen eindrucksvoll die Karten des Bundeskriminalamtes und des BND - eine Geographie des organisierten Verbrechens. Die Bundesrepublik ist, neben vielen anderen Staaten, von Mafia-Niederlassungen übersät. Die Mafia ist in Zeiten der Wirtschaftskrise die solideste Bank und investiert weltweit.



Vor allem von der 'Ndrangheta, der kalabresischen Mafia, die eher zu den Stillen im kriminellen Lager gehört und nur gelegentlich durch blutige Fehden von sich reden macht. Während die sizilianische Cosa Nostra Mitte der neunziger Jahre mit spektakulären Bombenattentaten noch die direkte Konfrontation mit dem Staat gesucht hatte und die neapolitanische Camorra zuletzt 2005 in einen monatelangen Bandenkrieg verstrickt war, konzentriert sich die 'Ndrangheta seit Jahrzehnten ganz auf ihr Kerngeschäft - den weltweiten Drogenhandel mit Heroin und Kokain.


Der arme Bruder kassiert ab

Außerdem investiert man in Immobilien, kauft Pizzerien und Restaurants und verdient am Handel mit Waffen oder Giftmüll. Wirtschaftseinrichtungen wie das römische Institut Eurispes schätzen das Geschäftsvolumen der drei größten italienischen Mafiaorganisationen auf über 180 Milliarden Euro jährlich (mit einem Gewinn zwischen 100 und 120 Milliarden). Das entspricht einem Bruttoinlandsprodukt von Staaten wie Dänemark oder Portugal. Wobei die 'Ndrangheta, die in den siebziger Jahren noch als "armer Bruder" von Cosa Nostra und Camorra galt und sich durch Menschenraub und Lösegelderpressungen überhaupt das nötige Startkapital beschaffen musste, inzwischen alle anderen Organisationen in den Schatten stellt.

Die 'Ndrangheta hat ihre Fühler auch weit in legale Wirtschaftsbereiche ausgestreckt, sie investiert im Baugeschäft, kontrolliert Import-Export-Firmen oder wäscht die ungeheuren Gewinne aus dem Drogengeschäft über seriöse Bankverbindungen sauber. Dabei kann sie sich - wie die anderen Mafiaorganisationen in Italien auch - in ihrer Heimatregion einerseits auf ein Heer von Zuträgern aus den sozial schwachen Schichten und anderseits auf die Mithilfe von Steuerberatern, Rechtsanwälten, Bankangestellten und Politikern stützen. Vor allem die Freiberufler bilden eine Grauzone zwischen legaler und illegaler Gesellschaft, die immer größer wird.

Allein in Kalabrien schätzt die DIA, die zentrale italienische Ermittlungsbehörde gegen die Mafia, seien 31 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter auf irgendeine Art in die "mafiöse Industrie" verwickelt. In ganz Süditalien sollen es mehr zehn Prozent sein. "Mafia pulita", die "saubere Mafia" wird sie in einer Untersuchung genannt, die Antonio Laudati, Richter am Kassationshof in Rom kürzlich verlautbart hat. Die saubere Mafia tötet nur noch im Notfall, heute investiert sie. Und aus der süditalienischen Besonderheit ist längst die "Mafia globale" geworden.




Vor langem schon haben die Organisationen die Grenzen ihrer Kernregionen übersprungen. Inzwischen ist Mailand die Drogenhauptstadt Italiens geworden (mit einem Verbrauch von bis zu 15.000 Dosen Kokain täglich). Und es gibt in der lombardischen Metropole kaum eine Baustelle, an der nicht Unternehmen des organisierten Verbrechens bei Schachtarbeiten und Erdbewegungen mitverdienen - bis zu Großprojekten wie dem Ausbau der Autobahn Mailand-Turin oder die Terrassierung von Hochgeschwindigkeitsstrecken der Eisenbahnen.


Drogenlager in der Pizzeria

Dabei ist Norditalien nur eine Station auf dem Weg in die legalen wie illegalen Märkte aller Kontinente. Die Clans haben auch in Australien, Canada, den USA, Südamerika Fuß gefasst. Die organisierte Kriminalität, heißt es in "Mafia pulita", verletze nicht nur die Gesetze, sie stelle weltweit eigene auf. Sie habe "die Welt kolonisiert", so die Geheimdienste. Wenn heute ein Boss in Caracas, Toronto, Nizza oder Amsterdam festgenommen wird, bedeute das nicht, dass er vor der italienischen Justiz fliehen wollte. Die Wahrheit ist, dass diese Orte "wichtige Marktplätze der Kriminalität" geworden sind, die von der Mafia kontrolliert werden. So ging es in Duisburg beim Blutbad vor der Pizzeria "Da Bruno" nur vordergründig um eine Familienfehde. Es ging auch um die Kontrolle der Drogenwege von Übersee via Niederlande und Deutschland nach Italien.




Obgleich die Pizza, ein typisch neapolitanisches Gericht, eigentlich der kalabresischen Küche fremd ist, haben die Familien aus San Luca, Africo oder Gioiosa Jonica ein Netz von Pizzerien als Stützpunkte im Ausland geknüpft. Allein in Nordrhein-Westfalen sollen 30 Restaurants von der 'Ndrangheta, aber auch von der Cosa Nostra und der Camorra (oft mittels Strohmännern) kontrolliert werden.

Wie in "Da Bruno" finden hier ausschließlich Personen Arbeit, die durch verwandtschaftliche Beziehungen an den jeweiligen Clan gebunden sind. Die Lokale werden vielfach genutzt - als Schlupfwinkel für untergetauchte Mitglieder, als Zwischenlager für Drogen und Waffen, zur Geldwäsche und schließlich als Basis für andere "geschäftliche" Handlungen der Familie. Die Aktion der Strangio gegen den Pelle-Clan ging von der Pizzeria "San Michele" in Kaarst auf der anderen Rheinseite aus, die der "Familienverband der Pelle" dann, bevor er sich nach Holland absetzte, fluchtartig aufgab.

San Michele gilt als der Schutzheilige der kalabresischen Mafia. Eine Statue des Erzengels stand am Eingang von "Da Bruno", und das Hinterzimmer war mit Bildern der Madonna di Polsi geschmückt. An diesem Marienheiligtum bei San Luca treffen sich jedes Jahr im September Abgesandte der wichtigsten kalabresischen Clans. In der Tasche des in Duisburg erschossenen Tommaso Venturi, der am Abend des Blutbades seinen 18. Geburtstag gefeiert hatte, fanden die Ermittler ein angekohltes Heiligenbild. Der junge Mann war, kurz bevor er starb, mit traditionellen Riten im Hinterzimmer von "Da Bruno" als Mitglied in die Organisation aufgenommen worden.



Abhörprotokolle beweisen: Vor der Statue der Madonna di Polsi haben sich
die Bosse versammelt und Befehle ausgegeben.

Eine kulturelle Nabelschnur bindet die Familien im Ausland an ihre Heimat. Einerseits versuchen die "Ausgewanderten" sich im neuen Land zu integrieren, möglichst nicht aufzufallen und als normale Geschäftspartner aufzutreten. Andererseits dienen traditionelle Riten (etwa bei der Aufnahme neuer Mitglieder) dazu, Identität herzustellen. Ich habe erlebt, wie Frauen von San Luca aus Kalabrien aufbrechen und auf einem Zickzack-Weg durch Europa nach Amsterdam reisen, wo ihre Verwandten untergetaucht sind.

Im Gepäck haben sie eine schwere Tasche. Als diese Tasche von der niederländischen Polizei, in der Annahme, sie sei vollgestopft mit Drogen, konfisziert wird, tauchen Pasta-Packungen, kalabresischer Käse, Würste auf - und ein Laptop mit einer abhörsicheren Skype-Verbindung. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und diese Symbiose von Archaischem und Modernem machen im Ausland vielleicht den "kulturellen Vorsprung" der 'Ndrangheta gegenüber der Cosa Nostra und der Camorra aus.
   
Auch in der Bundesrepublik hat sich eine Grauzone gebildet, in der deutsche Baufirmen etwa mit Camorra-Unternehmen zusammenarbeiteten oder Freiberufler Mitglieder der 'Ndrangheta unterstützten. Meiner Ansicht ist es längst 5 nach 12, dennoch, die europaweite Antimafia-Gesetzgebung nach dem Vorbild Italiens muss sofort installiert werden. Schon die Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Vereinigung muss als Straftat gelten. Die Mafia kann man nur denn empfindlich treffen, wenn man ihnen ans Geld geht. In Deutschland kann die Polizei leider  erst eingreifen, wenn einer Person eine kriminelle Handlung nachgewiesen werden kann. Dem BKA lagen auch in Duisburg konkrete Hinweise auf die mafiösen Verstrickungen der Nirta-Strangio sowie der Pelle-Vottari-Romeo vor. Mit einer anderen Gesetzgebung, zu der auch die Enteignung von Mafia-Besitz gehört, hätte vielleicht das Blutbad von "Da Bruno" verhindert werden können.

Vermögen von Mafia-Helfern wird eingezogen

Wer die Mafia unterstützt, muss jetzt auch ohne Verurteilung in der Schweiz damit rechnen, dass der Staat sein Vermögen einzieht. Dies hält das Bundesstrafgericht fest.

Die Richter in Bellinzona mussten sich zum zweiten Mal mit dem Fall eines in der Schweiz lebenden Italieners befassen, der im Februar 2012 in Palermo wegen Unterstützung des Mafia-Clans der Corleonesi zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt worden war.




Bereits im Mai letzten Jahres hieß das Gericht das Vorgehen der Bundesanwaltschaft gut, das auf einer Tessiner Bank liegende Vermögen des Mafia-Helfers einzuziehen. Der Betroffene rekurrierte ans Bundesgericht in Lausanne. Dieses hob das Urteil des Bundesstrafgerichts wegen Verletzung von Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) auf. Der Beschwerdeführer habe das Recht auf eine öffentliche Verhandlung, hielten die Lausanner Richter fest und wiesen den Fall nach Bellinzona zurück.


Verfahren suspendiert

Das Bundesstrafgericht holte die öffentliche Verhandlung am vergangenen 7. Juli nach und hörte die Parteien an. Im jetzt schriftlich veröffentlichten Urteil kommt es zum gleichen Schluss wie im Mai letzten Jahres. Demnach darf die Bundesanwaltschaft die auf dem Tessiner Bankkonto liegenden Gelder einziehen. Um welchen Betrag es geht, ist dem Urteil nicht zu entnehmen.

Der Fall ist ungewöhnlich, weil die Bundesanwaltschaft ein Geldwäschereiverfahren gegen den Mafia-Helfer suspendiert hat. Sie konnte nicht nachweisen, dass die auf dem Tessiner Bankkonto liegenden Gelder aus einem Verbrechen stammen. Dennoch wird das Vermögen nun eingezogen. Und zwar gestützt auf Artikel 72 des Strafgesetzbuchs, der die Einziehung von Vermögenswerten einer kriminellen Organisation regelt. Darin heißt es: «Bei Vermögenswerten einer Person, die sich an einer kriminellen Organisation beteiligt oder sie unterstützt hat (Art. 260ter), wird die Verfügungsmacht der Organisation bis zum Beweis des Gegenteils vermutet.»


Präventive Aktion

In Umkehr der Beweislast hätte der Mafia-Helfer also beweisen müssen, dass die auf seinem Konto liegenden Gelder nicht in der Verfügungsmacht der Cosa Nostra sind. Dies gelang ihm gemäß Urteil des Bundesstrafgerichts nicht. Vergeblich argumentierte der Beschuldigte, er habe laut den italienischen Gerichtsakten nur eine marginale Rolle in der Mafia-Organisation gespielt und das in der Schweiz liegende Geld stamme aus legaler Geschäftstätigkeit. Denn den gleichen Unterlagen ist auch zu entnehmen, dass der Beschuldigte bis 2002 bei Immobilientransaktionen und anderen Geschäften der Corleonesi als Strohmann diente und auch Vermögen des Clans in Millionenhöhe verwaltete.

Das Bundesstrafgericht erklärte, die Einziehung von Geldern einer kriminellen Organisation habe im Unterschied zur traditionellen Konfiskation von Vermögenswerten eher einen präventiven Charakter. Es gehe darum, zu verhindern, dass solche Gelder erneut zur Finanzierung des organisierten Verbrechens dienten. Der Beschuldigte blitzte auch mit dem Argument der Verjährung ab. Auch gegen den zweiten Entscheid des Bundesstrafgerichts ist ein Rekurs ans Bundesgericht in Lausanne möglich.

Donnerstag, 1. August 2013

Berlusconi rechtskräftig verurteilt

Seit den neunziger Jahren ist Berlusconi in mehr als 30 Verfahren angeklagt worden. Nun verurteilte das oberste Berufungsgericht Italiens Ex-Ministerpräsidenten erstmals rechtskräftig: Zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs.

Silvio Berlusconi ist erstmals rechtskräftig verurteilt. Drei Tage haben sich die fünf Richter des höchsten italienischen Strafgerichts in Rom Zeit genommen für die Verhandlung - am Ende stehen vier Jahre Haft wegen Steuerbetrugs, von denen voraussichtlich drei erlassen werden und eines in Hausarrest umgewandelt wird. Wie lange Berlusconi keine öffentlichen Ämter ausüben darf, muss ein Gericht in Mailand noch entscheiden.

Mehr als sieben Millionen Euro nicht gezahlte Steuern


Berlusconis Anwälte hatten auf Freispruch plädiert, weil der Cavalliere in ihren Augen völlig unschuldig ist. Der Steuerbetrug ereignete sich in den Jahren 2002/2003, damals war Berlusconi Italiens Regierungschef. Die Staatsanwaltschaft hielt ihn dennoch für den Urheber des Betrugs und die Richter haben sich dem angeschlossen.

In dem Fall geht es um Filmrechte, die Berlusconis Medienimperium über eine Tochterfirma günstig aufgekauft und dann zu überteuerten Preisen an den eigenen Fernseh-Konzern Mediaset weiterverkauft hatte. Die Mehrheitsanteile an Mediaset hält die Berlusconi-Familie. Das Unternehmen, einer der profitabelsten TV-Konzerne der Welt, konnte durch das Geschäft weit über sieben Millionen Euro an Steuern sparen.


Folgt nun eine neue Regierungskrise?


Die Folgen dieses Urteils für die Regierungskoalition sind noch nicht absehbar. Die links-liberale Partito Democratico und Berlusconis Popolo della Libertà hatten sich im Frühjahr nach einer langen Hängepartie zusammengerauft. Gemeinsam will man Italien aus der Wirtschaftskrise führen und die Verfassung reformieren. Bislang ohne großen Erfolg. Viele Politiker aus der Regierungskoalition hatten aber in den vergangenen Tagen betont: Am gemeinsamen Programm werde sich durch ein Urteil gegen Berlusconi nichts ändern.


Es laufen noch weitere Verfahren


Berlusconi ist seit den neunziger Jahren in mehr als 30 Verfahren angeklagt worden und war nicht weniger in seiner Amtszeit als 2.000 in Gerichtsverfahren verwickelt. Nun ist er erstmals rechtskräftig verurteilt. Es laufen noch weitere Verfahren, in denen es unter anderem um Sex mit minderjährigen Prostituierten, den Kauf von Abgeordneten und Amtsmissbrauch geht.
 
 
die schöne, minderjährige Ruby -
 für ihre Dienste von Berlusconi gut bezahlt

Mafiakiller leben gerne in Deutschland

Die Mafia – meist bleibt sie unsichtbar wie die Rückseite des Mondes. Es sei denn, sie will ihre Macht demonstrieren, Menschen in Angst versetzen. In Deutschland leben bis zu 30 Profi-Killer der Mafia unter falscher Identität. Sie arbeiten in italienischen Restaurants als Pizzabäcker oder Aushilfskellner. Quellen: vertrauliche Berichte aus dem Amt für Verfassungsschutz.

Die Mafiosi sind längst überall. Die Ursino in Hannover, die Morabito in Köln, die Mazzaferro in Stuttgart, die Muto in Nürnberg. Am stärksten konnten sich die Clans aus der kalabresischen Mafia-Hochburg San Luca verbreiten: die Nirta, Strangio, Pelle, Romeo und Co haben in Berlin und in München, in Leipzig und in Düsseldorf, in Dresden und in Tübingen Fuß gefasst.



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Und natürlich im Ruhrgebiet, zum Beispiel in Duisburg, wo im August 2007 sechs Angehörige des Clans Pelle-Vottari von Killern der verfeindeten Familie Nirta-Strangio vor der Pizzeria "Da Bruno" erschossen wurden. Das warf ein Schlaglicht auf einen kleinen Ausschnitt der Mafia-Szene in Deutschland und wurde doch bald wieder vergessen - zumal im vergangenen Jahr Giovanni Strangio, der Kopf hinter dem Mordanschlag von Duisburg, in Amsterdam festgenommen werden konnte. Mafia in Deutschland - nur ein schlechter Traum?


Profikiller Giorgio Basile (seit 2005 im Zeugenschutzprogramm)


Dort weiß man offenbar Einiges über die Geschäfte der Mafia – getan wurde bislang dagegen nur wenig. In 41 Aktenordnern findet sich unter anderem eine Liste der 20 Top-Mafiosi. Ihre Namen, die Organisationen, denen sie angehören, was sie tun und wo sie sich aufhalten. Auch Auswertungsberichte von Informanten aus der Szene schlummern dort seit Jahren ungenutzt in den Regalen.

Gestern kündigte die Behörde plötzlich an, die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Donnerwetter! Weshalb die Eile?

Für die Killer der Mafia ist Deutschland Freundesland. Dem Bundeskriminalamt (BKA) ist das ebenfalls bekannt. Im aktuellsten Mafia-Report des BKA ist Folgendes zu lesen: „Seit dem Jahr 2000 wurden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 40 italienische Staatsangehörige festgenommen, die einer italienischen kriminellen Mafia-Organisation angehörten . . . und zu den meistgesuchten Mafiosi Italiens zählten.“

Erfahrungsgemäß gehen den Ermittlern nur wenige Mafiosi ins Netz – die Dunkelziffer dürfte deshalb wesentlich höher sein.


Drei Beispiele:

Im September 2003 wurde bei Rosenheim Giuseppe R. (39) festgenommen. Er galt als Führungsmitglied des Camorra-Clans der Casalesi aus der Region Neapel. Er wurde als Auftraggeber mehrerer Morde in Italien ermittelt und dorthin ausgeliefert.

Im September 2005 nahm die Polizei im Saarland Josef F. (36) fest. Er war in Italien 2001 in Abwesenheit wegen siebenfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden . Außerdem war er an der Entführung und dem Mord an einem 12-jährigen Sohn eines Kronzeugen beteiligt. Der Profi-Killer tauchte 1999 kurz vor seiner geplanten Festnahme in Italien in Deutschland unter.

Im April 1998 schnappt die Polizei auf dem Bahnhof von Kempten Giorgio Basile (47). Der Profi-Killer hatte im Auftrag der Mafia 30 Menschen ermordet. Seine Aussagen als Kronzeuge brachten später 50 Mafiosi in den Knast.

Basile – sein Spitzname „Engelsgesicht“ – sagte als Zeuge in einem Drogenprozess aus. Er wurde von einem unbekannten Ort in Italien per Videoübertragung in das Düsseldorfer Oberlandesgericht zugeschaltet.

Aus Angst vor der Mafia sagte er nur mit dem Rücken zur Kamera aus. In einem Chat hatte er schon 2005 erklärt: „Es gibt viele versteckte Killer in Deutschland. Man kann in eine Pizzeria gehen und der Pizzabäcker ist in Wirklichkeit ein Killer, der sich versteckt und nur auf einen Anruf wartet.“

Warum tauchen die Killer der Mafia am liebsten in Deutschland unter? Experte Vincenzo Militello (49), Professor für Kriminologie an der Uni Palermo: „Die Killer finden bei Landsleuten in Deutschland ein sicheres soziales Netz und entziehen sich den Verfolgern daheim.“

Und das wird sich vermutlich so schnell nicht ändern. Bernd Carstensen (54) von Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK): „Der Kampf gegen den Terror bindet Kapazitäten, die dann im Kampf gegen die organisierte Kriminalität fehlen.“


Mafiakiller nach 30 Jahren gefasst

Vor 30 Jahren soll er in Neapel als Mitglied der Camorra einen Polizisten erschossen haben. Wie sich jetzt herausstellte, lebte der mutmaßliche Mafia-Killer jahrelang unerkannt nahe Scotland Yard in London.  

Jahrelang lebte der mutmaßliche Mafiakiller Gianfranco Techegne unerkannt mitten in London - einen Steinwurf von der Zentrale der berühmten Polizeibehörde Scotland Yard entfernt. In der vergangenen Woche wurde er nach 30 Jahren Fahndung festgenommen. Die Polizei legte ihm in einer Postfiliale auf dem Londoner Broadway die Handschellen an - exakt gegenüber des Haupteingangs von Scotland Yard.
 
 
 

Techegne wird von den italienischen Behörden seit 1982 gesucht. Er wird verdächtigt, damals bei einem Überfall auf eine Mietwagenfiliale in Neapel einen Polizisten erschossen zu haben. Die Festnahme sei bereits am Dienstag erfolgt, teilte Scotland Yard mit. Der Gesuchte hatte sich in einer Reihe vor dem Post-Schalter angestellt.

Nach Informationen des „Evening Standard“ war es dem Italiener gelungen, an der Seite seiner auf der Flucht geheirateten bolivianischen Ehefrau in London unterzutauchen. Mit einem gefälschten Pass habe er das Land mehrmals verlassen und sei dann wieder zurückgekehrt, schreibt die Zeitung.

Für Berlusconi wirds jetzt eng...

Der sogenannte Mediaset-Prozess gegen Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi wegen Steuerbetrugs geht vor dem Kassationsgericht am Donnerstag in den dritten und letzten Verhandlungstag. Beobachter rechnen mit einem Urteil. Die Verteidiger des Medienzaren hatten am Mittwoch für den Freispruch ihres Mandanten plädiert.




Staranwalt Nicolo Ghedini betonte, dass der TV-Unternehmer nicht für Steuerfragen in seiner Mediengesellschaft zuständig war, deren Führung er schon seit Jahren seinen Kindern überlassen hatte.

Die fünf Kassationsrichter entscheiden über die Rechtmäßigkeit einer vom Mailänder Berufungsgericht im Mai verhängten vierjährigen Gefängnisstrafe gegen Berlusconi und damit möglicherweise auch über den Fortbestand der Regierungskoalition. Berlusconi droht erstmals eine rechtskräftige Verurteilung. Zwar muss er wohl wegen seines Alters selbst bei einer Bestätigung der vierjährigen Haftstrafe nicht ins Gefängnis; ihm könnte aber ein dreijähriges Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden, blühen.

Der Ausgang des Verfahrens kann weitreichende politische Folgen haben. Parlamentarier von Berlusconis Block drohten mit dem Ausscheiden aus dem Parlament, sollte der Medienzar verurteilt werden. Premier Enrico Letta versicherte, dass das Kabinett nicht gefährdet sei.