Donnerstag, 14. April 2016

Geheime Botschaft des Mafia-Bosses Toto Riina

In einem Interview im italienischen Fernsehen lobte der Sohn des ehemaligen Mafiabosses Toto Riina die Werte seines Vaters. Nun hat sich "Gomorrha"-Autor Roberto Saviano zu Wort gemeldet. Er meint: Das Interview war eine versteckte Botschaft.

Italien ist entsetzt - und streitet seit Tagen darüber, warum der Sender Rai 1 dem Sohn des brutalen Mafiabosses Salvatore "Toto" Riina die Plattform gegeben hat, seinen Vater zu loben. Giuseppe "Salvo" Riina gab dem Sender ein Interview, in dem er kein schlechtes Wort über den vielfachen Mörder verlor. Stattdessen lobte er die Werte, den Respekt und die Liebe, die ihm seine Familie weitergegeben habe.

Salvo Riina

Alles Berechnung, meint nun der "Gomorrha"-Autor und Mafiakenner Roberto Saviano, der sich in der Diskussion zu Wort gemeldet hat. Er ist sich sicher: Der Sohn des legendären "Capo dei capi" ("Boss der Bosse") hat das Interview bewusst genutzt, um eine versteckte Botschaft zu kommunizieren.

Toto Riina, mehrfach lebenslänglich verurteilt, sitzt in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis. Saviano wurde nach der Veröffentlichung seines Camorra-Bestsellers mit dem Tode bedroht, er lebt unter Polizeischutz und gilt als guter Kenner mafiöser Strukturen. Salvo Riina, glaubt er, habe als Vertreter seines Vaters und der gesamten Organisation gesprochen. "Hier spricht die Mafia. Und das Schlimmste ist: Wir haben es nicht verstanden."

Im italienischen Fernsehen führte der Autor aus: "Wenn du die Grammatik der Mafia nicht kennst, dann erscheint es dir wie ein banales Interview, fast wie eine Verteidigung. Dabei ist es alles andere als das. Es ist die stärkste Botschaft, die die Cosa Nostra in den letzten 20 Jahren gegeben hat."

Wenn ein Mafioso ins Fernsehen gehe, so Saviano, dann nur, weil er eine Botschaft platzieren wolle. Andernfalls gehe er nicht hin. "Die mediale Aufmerksamkeit ist immer eine Gefahr, sei es für die Organisation oder für die Einzelperson." Riina habe sich bewusst dafür entschieden, das Risiko einzugehen. Er habe sich mit seinen Worten aber keineswegs an die Öffentlichkeit gewandt - sondern an die italienische Justiz und zugleich an die neue Generation der Mafia.


Eine Nachricht an den neuen Boss

Wort für Wort zerpflückt und interpretiert Saviano das Interview. Der Justiz, glaubt er, habe Riina andeuten wollen, dass sein Vater eine Art Verständigung vorschlage. Die inhaftierten Mafiosi wollten gegen Hafterleichterung die Verantwortung für die eigenen Taten übernehmen, sich aber von der Organisation distanzieren und nicht gegen andere Mitglieder aussagen. Riinas Sohn habe die Werte seiner Familie hervorgehoben, um die Unterschiede zwischen der "alten" und der "neuen" Mafia zu betonen. Er wolle sagen, dass es die alte Mafia nicht mehr gibt.

Mit der "alten" Mafia meint Saviano die Zeit der früheren Bosse wie Riina, die sich im Privaten bescheiden bis zuweilen bäuerlich gaben. Seit der Festnahme Bernardo Provenzanos im Jahr 2006 gilt der heute 53-jährige Matteo Messina Denaro als neuer Anführer der "Cosa Nostra" genannten sizilianischen Mafia. Er soll nicht nur ein skrupelloser Killer sein, sondern auch den Luxus lieben. Bevor er 1993 untertauchte, machte er mit protzigen Autos und rauschenden Partys von sich Reden.



An diese "neue" Mafia, sagt Saviano, habe sich Riina mit dem Interview ebenso gewandt: "Es war eine Nachricht an Matteo Messina Denaro, wie es die alten Generationen immer mit den neuen machen." Auch hier habe sich Riina distanzieren und den Unterschied betonen wollen - um der neuen Generation klarzumachen, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten der alten einzumischen habe.


Die Verhaftung Provenzanos im Jahr 2006 wurde als großer Erfolg gefeiert, doch seither sind die Machenschaften der sizilianischen Mafia kaum transparenter geworden. Messina Denaro ist seit mehr als 20 Jahren flüchtig. Von ihm existieren keine aktuellen Fotos, nur ein Phantombild aus dem Jahr 2014. Es wird spekuliert, dass Denaro Informationen über Toto Riina habe, mit denen er ihn unter Druck setzen könne.