Dienstag, 28. Juli 2015

Mafia hat Roms Bürgermeister im Visier

Erst war da der Briefumschlag mit zwei Patronen, adressiert an den Bürgermeister. Eine Woche später fand Ignazio Marino eine tote Taube vor seiner Wohnung in der Nähe des Pantheons. Das Tier war von einer Kugel durchlöchert, die Patronenhülse lag daneben. Der Bürgermeister von Rom war gewarnt. Die Morddrohungen könnten jedoch auch bedeuten, dass Marino zuletzt einiges richtig gemacht hat in Rom, dieser von Verbrechen und Illegalität geprägten Stadt.




Die Einschüchterungsversuche gegen Ignazio Marino liegen erst wenige Tage zurück. Die Debatte darum, ob der 60-Jährige aus Genua der richtige Mann für die Lösung der enormen Probleme der italienischen Hauptstadt ist, geht weiter. Bis vor kurzem, als sei nichts geschehen, fuhr Marino auf seinem weißen Elektrofahrrad durch die Stadt. Nach der ersten Morddrohung Ende Juni musste der Bürgermeister aus den Reihen des linksbürgerlichen Partito Democratico (PD) dann auf eine gepanzerte und von zwei Carabinieri bewachte Limousine umsteigen. Seither ist es mit der Unbeschwertheit vorbei. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Aufgabe des Bürgermeisters so schwierig und anstrengend ist. Hätte ich das alles vor zwei Jahren schon gewusst, wäre ich jetzt vielleicht nicht hier", sagte Marino anlässlich einer Solidaritätskundgebung seiner Anhänger auf dem Kapitol.

Hier hat Roms Bürgermeister seinen Amtssitz und blickt von seinem Arbeitszimmer auf das Forum Romanum. Auch die römische Gegenwart zeugt vom Verfall. Marino kann die Missstände schon sehen, wenn er den fein herausgeputzten Senatorenpalast verlässt und den Kapitolshügel auf der anderen Seite in Richtung Piazza Venezia heruntergeht. Zu erleben ist ein Verkehrschaos ohne Gleichen, verschreckte Touristen, die bei der Überquerung der Zebrastreifen um ihr Leben fürchten. Ein paar Straßen weiter trifft man auf von Müll, Urin und Kot verschmutzte Bürgersteige.

Mit bloßem Auge nicht sichtbar sind die in weiten Teilen korrupte Stadtverwaltung sowie die Unterwanderung der Institutionen durch die römische Mafia. Nachdem Marino 2013 den ehemaligen Neofaschisten Gianni Alemanno als Bürgermeister abgelöst hatte, versprach er einen "kulturellen Wandel". Stattdessen wurde vieles schlimmer. Im Dezember 2014 hoben Staatsanwälte ein kriminelles Netzwerk aus, in dem sich parteiübergreifend linke wie rechte Kräfte auf Kosten der Stadtkasse bereicherten und öffentliche Aufträge abschöpften. Über 80 Verdächtige der "Mafia Capitale" wurden verhaftet und warten auf ihren Prozess.


Hochburgen der Mafia - Stadtteilclans


Inzwischen hat auch Marinos hemdsärmelig auftretender Parteifreund und PD-Parteichef, Ministerpräsident Matteo Renzi, dem Bürgermeister den Rücken gekehrt. Wer nicht imstande sei zu regieren, der möge nach Hause gehen, sagte Renzi. Mehrere Mitglieder der Stadtregierung traten zurück, zuletzt auch der Vizebürgermeister. Nun muss sich der Bürgermeister anhören, er sei zu wenig durchsetzungsfähig in einem bürokratischen und rechtsstaatlichen Inferno wie der Stadt Rom, in der Bürgersinn ein Fremdwort ist.

Marino ist ein international anerkannter Chirurg, Spezialist für Lebertransplantationen, der in Großbritannien und den USA reüssiert hat und sich erst in der zweiten Hälfte seines Lebens der Politik zuwendete. Aber kann er auch eine komatöse Großstadt wie Rom mit allen ihren Problemen wiederbeleben? Die bislang prägendste Maßnahme seiner Amtszeit ist die Verkehrsberuhigung der stark befahrenen Via dei Fori Imperiali zwischen den Kaiserforen und dem Kolosseum. Viele Römer sehen darin nur eine zusätzliche Schikane in ihren täglichen Qualen im römischen Verkehr.





Doch der katholische Saubermann Marino gibt nicht auf. Der Bürgermeister hat sich von rund 20 Firmenbeteiligungen der Stadt getrennt, zweifelhafte Ausgaben eingespart, die Übernachtungssteuer für Touristen erhöht und in den vergangenen Tagen sogar einen großen symbolischen Erfolg erzielt. Die seit den 90er Jahren ohne Genehmigung vor dem Kolosseum positionierten fahrbaren Verpflegungskioske, an denen Touristen sich zu Wucherpreisen verköstigen lassen, wurden verbannt. In einer Stadt wie Rom, in der auch unrechtmäßige Privilegien von Generation zu Generation weitergereicht werden, ist das schon einmal ein Anfang.

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