Dienstag, 14. Juli 2015

Was ist aus der US-Mafia geworden?

Die italienisch-amerikanische Mafia ist tief in unserer Kultur verankert. Hollywood-Filme, Bücher, Reality-Shows, Videospiele —, scheinbar kriegen wir einfach nicht genug vom „Mob". Von Lucky Luciano bis zum Paten, von John Gotti bis zu den Sopranos, Geschichte und Fiktion haben sich miteinander verwoben und den US-Amerikanern sowie Hobby-Kriminologen aus aller Welt ein vielschichtiges Hobby geschenkt.

GoodFellas — Drei Jahrzehnte in der Mafia, einer der größten amerikanischen Mafia-Filme, feiert diesen Herbst seinen 25. Geburtstag — und taucht immer wieder in echten Schlagzeilen auf.




Natürlich ist die Mafia nicht das, was sie mal war: Eine Machtstruktur, die Politiker auf Landesebene beeinflussen und Überfälle an großen Verkehrsknotenpunkten durchführen konnte. Doch das FBI sieht weiterhin La Cosa Nostra—die weitverzweigte Organisation, die ursprünglich von sizilianischen Einwanderern gesteuert wurde und von der man in den USA am häufigsten hört — als „die größte Bedrohung der amerikanischen Gesellschaft seitens des organisierten Verbrechens". Das FBI schätzt, dass diverse Gruppen der Italo-Mafia in den gesamten USA mehr als 3.000 Mitglieder haben, mit den größten Präsenzen in New York, im Süden von New Jersey und in Philadelphia.


Ein aktueller Fall aus New Jersey demonstriert das Durchhaltevermögen der Mafia. Der Generalstaatsanwalt John J. Hoffmann hat verkündet, seine Ermittlungen gegen die Lucchese-Familie habe „gezeigt, dass das traditionelle organisierte Verbrechen weiterhin eine zerstörerische Präsenz in den USA darstellt und durch verbrecherische Unternehmungen weiterhin riesige Gewinne verzeichnet."



Generalstaatsanwalt John J. Hoffmann


VICE hat einige ehemalige Mafiosi wie John Alite und Louis Ferrante, Ex-Fußsoldaten der Gambino-Familie sowie La-Cosa-Nostra-Experten Christian Cipollini und Scott Burnstein kontaktiert, um sie zu fragen, wie es nach all diesen Jahren ihrer Einschätzung nach um die Mafia steht.



VICE: Wie ist es momentan um die Mafia in den USA bestellt?

John Alite: Sie kehrt momentan zurück zu der alten Devise, im Untergrund zu bleiben, keine Aufmerksamkeit zu erregen und sich aufzubauen. Geld machen und den Kopf unten halten.

Scott Burnstein: Die Mafia in den USA lebt noch. Allerdings geht es ihr nicht so gut wie früher einmal. Ernsthafte Mafia-Aktivitäten existieren noch, aber ihre Aktivitäten laufen nicht mehr so „geschmiert" wie früher auf den höchsten politischen Ebenen und in der Infrastruktur des Landes wie in den goldenen Jahren der Mafia in den 1950ern, 60ern und 70ern. Traditionelle Mafia-Brutstätten wie New York, Chicago, Detroit, Boston, Providence, Philadelphia und New Jersey laufen und funktionieren noch ziemlich beständig (manche sind in den letzten Jahren durch rechtliche Interventionen behindert worden), während andere Städte mit einer langen Mafia-Geschichte, wie Cleveland, Milwaukee, Kansas City, St. Louis, Los Angeles, Pittsburgh, Buffalo, New Orleans und Tampa Bay, heute entweder komplett verlassen sind oder sich rasant darauf zu bewegen.


Das Mafia-Erbe wird nicht an die nächste Generation weitergegeben wie früher einmal und viele Mafia-Mitglieder sehen davon ab, ihre Söhne ins „Familienunternehmen" zu bringen—ganz anders als in der Blütezeit der Mafia.


Wie schaffen es gerade Mafiosi, so lange unterzutauchen?


Ein Land auf der Flucht vor seiner korrupten Vergangenheit


Ein Mafioso packt aus


Was hat den Niedergang der Mafia verursacht?


Louis Ferrante: Die Welt hat sich verändert. Früher mal hatten italienische Einwanderer in den USA wenige Möglichkeiten, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Familien zu ernähren. Heute haben italienischstämmige Einwohner dieselben Möglichkeiten wie alle anderen.


Louis Ferrante


Christian Cipollini: Die Zeiten ändern sich, wie Ebbe und Flut. Die Mafia in den Vereinigten Staaten war definitiv eine ausgesprochen langlebige Organisation, die über ein Jahrhundert lang Erfolg hatte, sich anpasste und überlebte. Der Niedergang musste einfach kommen, wenn wir uns die Geschichte und die epischen Geschichten so ziemlich jedes Imperiums ansehen. Die US-Mafia hatte sich in vielen Dingen stark auf die Unterstützung von Politikern, Zugang zu Schmuggelware und Rackets verlassen. Im Laufe der Zeit gab es immer weniger Leute, die sich bestechen ließen, jüngere und gewieftere Organisationen schlugen sich ganz ausgezeichnet im Drogenhandel und viele Rackets, die die Mafia dominierte, existieren heute ganz einfach nicht mehr. Dann gab es da natürlich den Todesstoß in Form des RICO Act [Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act] und die Tatsache, dass Loyalität heute nur noch ein Wort ist und kein Treueeid.


Ein Mafioso, der sich zwischen jahrzehntelanger Haft und Verrat entscheiden muss, sieht sich schon gar keinem Dilemma mehr gegenüber—heutzutage heißt es „talk and walk", singen für die Freiheit.


Gibt es eine Möglichkeit, wie die Mafia etwas von ihrem alten Glanz zurückerobern kann?

John Alite: Die Macht ist immer noch da, was das Potential angeht, in den verschiedenen Branchen Geld zu verdienen, doch es gibt nicht mehr so viel Angst vor Mafiosi, weil sie aufgrund all der modernen Technologie widerwilliger sind, so gewalttätig zu werden, wie sie es früher einmal waren.

Scott Burnstein: Nein, sie werden nie wieder den Status erlangen, den sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts hatten. Die modernen Gesetzeshüter und das Rechtssystem der USA haben zu viele Schutzmaßnahmen eingerichtet. Außerdem schwindet seit Jahrzehnten der Vorrat an „Nachwuchstalenten". Sie werden niemals völlig verschwinden, doch sie werden sich auch nicht zu ihrem früheren Status aufschwingen.


Das FBI schreibt sich wahrscheinlich einiges vom Erfolg zu, aufgrund ihres Vorgehens gegen die Mafia mit RICO-Fällen. Wie seht ihr das?

Louis Ferrante: Teilweise, ja. Sie haben viele Leute dazu gebracht, sich zu fragen: „Ist es das wert?" Es gibt keinen Zweig des Staats, der eine genaue Vorstellung hat, wie es funktioniert, und der daher in der Lage wäre, die Mafia aufzuhalten. Außerdem: Glücksspiel ist legal. Alkohol ist legal. Und so ziemlich jeder kann sich einen Kredit bei der Bank holen. Normale Leute brauchen die Mafia nicht länger. Und ohne Nachfrage ist die Organisation überflüssig.

Christian Cipollini: Ich denke, dass der RICO Act dem organisierten Verbrechen insgesamt einen schweren Schlag versetzt hat, als er endlich vernünftig und häufig genug eingesetzt wurde. Manchen ist vielleicht nicht einmal klar, dass RICO zwar 1970 vom US-Kongress verabschiedet wurde aber erst in den 1980ern häufig und effektiv eingesetzt wurde. Doch die Regierung ist hier auch nicht das Alpha und Omega—es waren viele individuelle Faktoren im Spiel. Ja, die RICO-Anwendungen waren verheerend für die Mafia, aber dasselbe gilt für den internen Mangel an Vertrauen, den Mangel an Organisation in der Hierarchie, die Auflösung einst lukrativer Rackets, als Informanten arbeitende Insider und das Aufkommen anderer, anpassungsfähigerer Verbrechensorganisationen.


NOISEY: Reptar ist wie die Mafia


Wird es jemals wieder Mafia-Dons wie John Gotti oder Lucky Luciano geben?

John Alite: Meiner ehrlichen Meinung nach war John Gotti, Sr. das Schlimmste, das dem Mob jemals passiert ist. Die Öffentlichkeit versteht nicht, wie viel Schaden er mit seiner arroganten Art verursacht hat. Die Mobster verstehen es aber! Vor allem jetzt, rückblickend. Aber Typen wie Lucky waren großartig, die hatten das Potential, viel Geld zu verdienen. Er verstand damals auch etwas von der Politik. Man muss mit der Zeit gehen, und das hat Gotti nie getan. Sein Untergang und der der Mafia kam daher, dass er sein Ego über die Sache gestellt hat. Diese Sache sollte eigentlich größer sein als ein einzelner Mann oder sein Ego.

Scott Burnstein: Ja, es gibt heute einen solchen Don. Sein Name ist „Skinny Joey" Merlino und er ist der Boss der Mafia von Philadelphia. Meiner Meinung nach ist er eine Verbrecher-Ikone, die man in einem Atemzug mit den dynamischsten, schneidigsten und ambitioniertesten Mafia-Anführern aller Zeiten nennen kann.


Warum ist eurer Meinung nach die Popkultur so voll von Mafia-Storys?

Louis Ferrante: Ich habe mich definitiv nie so frei gefühlt wie während meiner gesetzlosen Jahre. Ich denke, in uns allen gibt es einen Teil, der sich wünscht, tun zu können, was auch immer wir wollen. Stell dir vor, jemand nervt dich heute in der Arbeit und du kannst ihm den Griff deiner Pistole über den Kopf ziehen. Viele Leute malen sich gerne solche Sachen aus.

Christian Cipollini: Die romantische Vorstellung vom Verbrecherdasein wird uns als Kultur immer in ihren Bann ziehen. Stellvertretend durch die Geschichten von Leuten zu leben, die ihre eigenen Regeln machen—das ist einfach faszinierend und eignet sich perfekt für die Popkultur, ob die Geschichte fiktional ist oder echt. Es scheint einfach endlose Sehnsucht und Neugier zu geben, herauszufinden, wie das Leben in der Unterwelt wäre. Die Kehrseite des Alltags, auf der man dem Chef sagen kann, wohin er sich seine Aufgaben stecken kann, nie vom Gerichtsvollzieher genervt wird, sondern einfach immer fein essen gehen, sich perfekt kleiden, Geld zählen und ab und zu ohne negative Folgen in ein paar Ärsche treten kann—das wirkt einfach sehr anziehend, wenn man einen schlechten Tag hat oder einfach im Kopf aus dem Alltag ausbrechen will.


Geschichten über die Mafia oder ihre Bosse, oder über andere Gesetzlose, bedienen dieses psychologische Verlangen, aber die romantische Vorstellung ist genau das: eine Vorstellung. Leute, die sich auskennen, wissen genau, dass es in der Unterwelt nur sehr wenige Happy Ends gibt, und dass die düstere Realität noch viel mehr beinhaltet, wie Gefängnis, Tod, Paranoia und Sucht.


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