Dienstag, 4. August 2015

Dem größten Paten auf den Fersen

Von Constanze Reuscher

Ermittler verhaften Mafia-Boten. Für den größten Boss aller Zeiten und Chef der Cosa-Nostra Matteo Messina Denaro wird es eng. Die Staatsanwältin Teresa Principato wird keine Ruhe geben, bis sie den Boss der Bosse gefasst hat.




"Wenn es uns gelingt, den Ring der Pizzini-Boten von Messina Denaro zu sprengen, dann sind wir ganz nah an ihm dran", sagte Giuseppe Linares vor zwei Jahren. Damals zog er einen kleinen, eng beschriebenen Zettel unter seinem Laptop hervor und hielt ihn hoch wie einen Skalp. Das war 2013, und Giuseppe Linares war Vizechef der Polizei in der westsizilianischen Hafenstadt Trapani und hatte gerade seine jüngsten Fahndungserfolge der Presse präsentiert.

Der Zettel, den er präsentierte, war ein "Pizzino", so nennt man die Botschaften der Mafiabosse. Dieser Pizzino stammte aus der Feder von Matteo Messina Denaro, dem letzten großen Paten der sizilianischen Cosa Nostra, einer der meist gesuchten Verbrecher der Welt.


Monatelanges Warten

Jetzt ist es sizilianischen Ermittlern offenbar gelungen, mithilfe hochmoderner Technologie einige der Pizzini-Boten zu verhaften. Am Sonntag wurden elf mächtige mutmaßliche Mafiosi in der Gegend von Trapani festgenommen: In einem Landgut hatten die Ermittler alle möglichen Fallen ausgelegt, zum Beispiel unterirdische Mikrofone, Überwachungskameras in Baumwipfeln. Monatelang warteten sie. Zuerst ging ihnen der bekannte Mafiaboss Vito Gondola in die Falle. Sie konnten ihn beobachten, wie er Pizzini unter Steinen versteckte, die von anderen abgeholt wurden. Am Telefon gab er Hinweise an die Adressaten in Codeform wie "die Schafe können geschoren werden" oder "der Ricotta ist fertig".

23 seiner 53 Lebensjahre verbringt Matteo Messina Denaro schon in einem Versteck. 1993 tauchte er in der Toskana unter. Matteo Messina Denaro ist Sohn des Mafiapaten Francesco aus Westsizilien, der der Chef des mächtigen Mafiaclans von Castelvetrano war. Matteo Messina Denaro soll mehrere Morde begangen und Hilfe bei der Vorbereitung von Mafiaattentaten in Rom und Florenz in den 90er Jahren geleistet haben. In Abwesenheit wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Damals genoss der junge Matteo Messina Denaro großen Respekt bei Toto Riina, der in jenen Jahren die Cosa Nostra regierte. Nur wenige Monate vor seinem Verschwinden waren die beiden Mafiaermittler, die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, samt ihren Eskorten mit Bomben in die Luft gejagt worden. Den Befehl zu den Attentaten hatte Toto Riina gegeben – per Pizzino aus seinem Versteck. Matteo Denaro hatte das System der Pizzini nach dem Abtauchen perfektioniert: Er befahl, dass seine Briefchen nach der Zustellung vernichtet werden und eine Antwort nach 15 Tagen bei ihm eingegangen sein musste.

Die kleinen Zettel, die mit einer mikroskopisch kleinen Schrift beschrieben waren, wurden auf ein winziges Format zusammengefaltet, gepresst und mit Klebeband gesichert. Sie waren am Ende "kleiner als eine halbe Zigarette", so Ermittler Giuseppe Linares. Mit ihnen informiert Matteo Messina Denaro seine Leute über Strategien, Bündnisse, Handelspartner für illegale Geschäfte, teilt Kommandos und auch Mordbefehle aus. Internet und Handys hinterlassen Spuren – Superbosse von seinem Kaliber benutzen elektronische Kommunikationsgeräte daher normalerweise nicht.


Mafia Staatsanwältin Teresa Principato ist eine der
 wichtigsten Figuren im Roman
LA NERA




Vordergründig ist die Verhaftung der elf Postboten ein großer Erfolg der sizilianischen Fahnder. Die Schnur am Hals von Matteo Messina Denaro zieht sich enger. Selbst Regierungschef Matteo Renzi lobte die Ermittler und wünschte ihnen via Twitter, dass sie nun "noch einmal durchstarten bei der Jagd auf den Superboss". Was den Paten im Sattel hält, ist seine wirtschaftliche Macht. In Westsizilien, wo Rezession und Arbeitslosigkeit grassieren, ist die Mafia oft der einzige Arbeit- und Kreditgeber. Mit den Erträgen aus illegalen Geschäften wie dem Drogenhandel kontrolliert Matteo Messina Denaro die lokale Wirtschaft, sagt Ermittler Linares. Von Überläufern weiß Linares, wie die einfachen Menschen der Region ihre Paten sehen: "Alles Gute geht von ihm aus", er wird verehrt.


Aufenthaltsort noch unbekannt

Auf welche Summen sich dessen Reichtümer belaufen dürften, zeigte sich 2010. Seinerzeit waren in der Gegend von Trapani Besitztümer des mutmaßlichen Cosa-Nostra-Unternehmers Vito Nicastri beschlagnahmt worden. Ihr Wert: 1,5 Milliarden Euro. Nicastri wurden Verbindungen zu Matteo Denaro nachgewiesen. "Wir haben die lebenden Verzweigungen, die dem Boss die Kommunikation mit der Außenwelt erlaubten, abgeschnitten", sagte Staatsanwältin Teresa Principato. Doch sie weiß auch, dass Matteo Messina Denaro noch immer viel, wahrscheinlich zu viel, Bewegungsfreiheit besitzt. Sein tatsächlicher Aufenthaltsort sei nicht bekannt, gestand sie ein.

Die Verhaftung des Paten Riina Anfang der 90er-Jahre zeigte, wie frei solche Bosse sich bewegen können: Riina hatte in einer Villa in einem bürgerlichen Viertel am Stadtrand von Palermo residiert. Experten bezweifeln daher, dass die Verhaftung der elf Boten den letzten Paten in Gefahr bringt.
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