Sonntag, 30. August 2015

Acht Mafiosi am Bodensee verhaftet

Bei einer international angelegten Polizeiaktion sind im Landkreis Konstanz acht mutmaßliche Mitglieder der Mafia-Organisation 'Ndrangheta festgenommen worden. Niemand hatte sie bemerkt. „Sie waren unsichtbar“, sagen Nachbarn. Was macht der Verbrecherclan in Süddeutschland?
  • Acht Mafiosi am Bodensee festgenommen
  • Insgesamt 140 mutmaßliche Mafiosi sind dem LKA in Baden-Württemberg bekannt
  • Verbrecherorganisation baut sich ein Netz in Süddeutschland auf




Dienstagmorgen, 4 Uhr: Spezialkräfte der Polizei stürmen die Wohnungen von acht verdächtigen Männern am Bodensee. Der Vorwurf: Sie sollen der mächtigen Mafia-Organisation 'Ndrangheta aus Kalabrien angehören. die verhaftungen erfolgten in Singen und Engen und Radolfzell


Verdächtige im Schlaf überrascht

Mit Rammböcken drückten die Einsatzkräfte die Türen ein und überraschten die Männer im Schlaf. „Alles lief kontrolliert, es gab keine Zwischenfälle, auch keine Schießereien.

Die mutmaßlichen Mafiosi konnten ohne Gegenwehr festgenommen werden. Bei ihnen wurden laut dem Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart allerdings scharfe Schusswaffen sichergestellt. „Es handelt sich um Gewehre, eine Pump-Gun, Pistolen und Revolver mit zugehöriger Munition“, schildert LKA-Sprecher Ulrich Heffner FOCUS Online. Außerdem beschlagnahmte die Polizei auch Daten und Dokumente.


Mafiosi warten auf Auslieferung

Die zwischen 40 und 69 Jahre alten Männer sollen schnellstmöglich nach Italien ausgeliefert werden, wo ihnen dann der Prozess gemacht wird. In Italien ist die Zugehörigkeit zu einer Mafia-Organisation strafbar.


Was macht die Mafia in Deutschland?

Laut dem LKA-Sprecher dient das Grenzgebiet in Süddeutschland Mafia-Mitgliedern als Rückzugsraum. Die Italiener lebten dort unauffällig und bescheiden, für Nachbarn waren sie unsichtbar. Viele seien dort sesshaft geworden und wohnten schon jahrzehntelang im gleichen Ort, so der Sprecher. Allerdings sollen sie exzellente Kontakte zu ihren Bossen nach Italien haben.

Dem LKA in Stuttgart sind 140 Personen bekannt, die in Mafia-Strukturen eingebunden sind. 65 gehören der kalabrischen ’Ndrangheta an, 32 der Stidda, 27 der Camorra und 14 der Cosa Nostra.


LKA: „Wir wissen, dass sie hier leben“

„Wir wissen, dass sie hier leben. Sie fallen hier aber nicht durch strafrechtlich relevante Taten auf“, erklärt Heffner gegenüber FOCUS Online. Für viele mutmaßliche Mafia-Mitglieder sei das Grenzgebiet am Bodensee aber weit mehr als ein Rückzugsraum, räumt der Kriminalbeamte ein. „Der Bereich wird für die Kriminellen immer mehr zum Aktionsraum. Sie agieren von Deutschland aus nach Italien.“


Mafia reproduziert sich in Süddeutschland

Eine Einschätzung, die auch der Chefstaatsanwalt der Provinz Reggio Calabri Cafiero de Raho teilt. Er erklärte, der kalabrischen ’Ndrangheta sei es gelungen, im Grenzgebiet zwischen Baden-Württemberg und der Schweiz ein fast identisches Netz aufzubauen wie in ihrer süditalienischen Heimat. Selbst der Aufstieg der Mafiosi in der Verbrecherkarriere funktioniere rund um den Bodensee genauso wie in Rosarno oder San Luca, so De Raho.


Italienische Polizei macht Druck

Vor allem die italienische Polizei macht Druck auf die Mafia, auch hier in Deutschland. Viele Zugriffe in Deutschland werden von italienischen Behörden initiiert. Bei der Polizeiaktion am Dienstag im Landkreis Konstanz waren ebenfalls Kräfte der italienischen Ermittlungsbehörden aktiv beteiligt, erklärt LKA-Sprecher Heffner.


Deutschland unterschätzt die Gefahr

Der bekannte italienische Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri kritisierte die Arbeit der deutschen Behörden in Bezug auf die Mafia: Es sei anfangs nicht leicht gewesen, die deutschen Behörden, vor allem das Kriminalamt, von der Notwendigkeit umfassender Ermittlungen zu überzeugen. Noch fehle offenbar jenseits der italienischen Grenzen das Gefühl für die Gefährlichkeit der ’Ndrangheta.

Der Mafia-Ableger nutze das Grenzgebiet in Deutschland nicht nur als Rückzugsraum, sondern wasche dort auch kriminell erworbenes Bargeld und sei im Drogen– und Menschenhandel aktiv, schreibt die Zeitung weiter.  


Mafia-Zugehörigkeit in Deutschland nicht strafbar

Die italienischen Ermittler haben aufgrund weitergehender gesetzlicher Regelungen bessere Möglichkeiten, kriminelle Strukturen der Mafia zu zerschlagen. Der Paragraph, der die Bildung einer kriminellen Vereinigung unter Strafe stellt, ist dort weiter gefasst.
Außerdem kann in Italien von Verdächtigen schon präventiv Vermögen beschlagnahmt werden. In Deutschland müssen Ermittler zunächst die Tat an sich und dann die in dem Zusammenhang erbeutete Summe nachweisen, bevor sie Geld beschlagnahmen können, erklärt der Kriminalbeamte Heffner vom LKA Stuttgart. Ein Vorgehen wie in Italien ist wegen der Unschuldsvermutung und wegen des im Grundgesetz zugesicherten Eigentumsschutzes nicht möglich.