Sonntag, 23. August 2015

Die Mafia triumphiert in Rom

Jörg Bremer / FAZ / Rom

Die Staatsanwaltschaft in Rom wirft der Familie Casamonica vor, sich im Menschenhandel, der Prostitution und dem Rauschgifthandel verdingt zu haben. Die prunkvolle öffentliche Beerdigung des Familienoberhauptes Vittorio Casamonica in Rom bleibt deshalb nicht ohne Folgen



Die Carabinieri lassen ein Gespräch mit den beiden Männern vom römischen Mafia-Clan der Casamonica nicht zu. Kaum haben die zwei Verwandten des am Donnerstag so prunkvoll in der Basilika San Giovanni Bosco betrauerten Vittorio Casamonica das Gartentor zur Villa ihres verstorbenen „Königs von Rom“ einen Spalt weit geöffnet und ein paar Sätze mit dem Reporter ausgetauscht, da schreiten die Uniformierten ein und fordern die beiden auf, das Tor wieder zu schließen.

Die Carabinieri sagen, einer der beiden Männer sei Vittorios Sohn Antonio. Er stehe unter Hausarrest und dürfe keinen Kontakt nach draußen haben. Seltsam: Denn Antonio hatte am Donnerstag zur Teilnahme am triumphalen Trauerzug zu Ehren seines Vaters mit sechsspänniger Droschke und Rolls-Royce die Genehmigung, das Haus zu verlassen, und von der Villa bis zur Kirche konnte ganz Rom ihn und seine Familie sehen und sprechen.

Seitdem müssen sich Polizei, Verwaltung und Kirche gegen den Vorwurf verteidigen, sie wollten nicht wahrhaben, dass die „Mafia Capitale“, die für städtische Aufträge zum Bau von Asylheimen und Straßen Lokalpolitiker und städtische Angestellte bestach, weiter lebt – trotz der Festnahmen im November, trotz des Prozesses gegen ihre Anführer und der Entlassung vieler Amtsträger.

Aber so wie diese Villa des verstorbenen Mafiabosses auf der Grenze zwischen zwei Distrikten in der Provinz Rom liegt, wodurch sich die Polizisten des einen und des anderen stets absprechen müssen, bevor sie handeln, so arbeitet auch der Clan auf einer Grenze, nämlich zwischen Recht und Unrecht. Offenbar fällt es der Staatsanwaltschaft darum schwer, dem Verbrechen auf die Spur zu kommen.




So kann Antonio Casamonica dem Reporter mit Unschuldsaugen sagen: „Mein Vater hat sich von seinen Anfängen als Händler in den Abruzzen mühsam in Rom hochgearbeitet. Er hat bald diese und bald jene Arbeit getan, und dabei stets an die Ärmeren von uns gedacht und ihnen geholfen. Deswegen ist er für uns der König von Rom.“



König von Rom“ und Schwerverbrecher

Die Staatsanwaltschaft hingegen wirft den Casamonicas und sechs weiteren Clans in Latium schwere Verbrechen vor: Menschenhandel, Prostitution, Rauschgifthandel, Wucherei und Betrug sowie eben Bestechung, um öffentliche Aufträge zu bekommen. Der „König von Rom“ soll nie zu einer längeren Haftstrafe verurteilt gewesen sein, aber viele Familienmitglieder mussten ins Gefängnis – oder werden juristisch verfolgt wie eben Sohn Antonio und ein Neffe, der in Untersuchungshaft sitzt. Vittorio machte sich offenbar selten die Hände schmutzig; er nahm lieber als „ehrenwerter Bürger“ an den Abendessen teil, bei denen die Bauaufträge der Politik an die Wirtschaft verschoben wurden.




So zeigt ihn ein Foto mit Lokalpolitikern. Vittorio wurde mit seinen Geschäften reich. Das Interieur einer seiner gut 20 Villen sieht so aus: Die Halle wird von schweren Alabastersäulen und dorischen Kapitellen getragen. Der Boden ist aus Marmor, die Armaturen in den Badezimmern aus Gold.