Samstag, 1. August 2015

Treffpunkt Mafia in Rom

In Rom waren Stadtverwaltung und Organisiertes Verbrechen auf das engste miteinander verwoben. Der gegenwärtige Bürgermeister kämpft gegen das kriminelle Netzwerk und macht sich damit nicht nur Freunde


Bürgermeister Ignazio Marino


Die Forderungen nach seinem Rücktritt sind für den Moment verstummt. Ignazio Marino, seit Juni 2013 Bürgermeister Roms, kann sich nun wieder ganz auf das Regieren konzentrieren. Keine leichte Aufgabe in einer Stadt, in der weite Teile der Verwaltung der Komplizenschaft mit dem organisierten Verbrechen beschuldigt werden. Das Ganze hat einen Namen: Mafia Capitale.

Nach einem 940 Seiten starken Bericht, den der Präfekt von Rom Anfang Juli an den italienischen Innenminister schickte, sitzt Marino nun wieder fester im Sattel. Gegen ihn laufen keine Ermittlungen, und es gibt keine Indizien, die auf eine direkte Verwicklung Marinos in die illegalen Geschäfte zwischen Mafia und römischer Stadtverwaltung hindeuten.

Allerdings hat der Bericht bereits zum Rücktritt namhafter Beamter geführt (unter ihnen Liborio Iudicello, Generalsekretär der Stadtverwaltung), und der Präfekt fordert die Auflösung des Bezirksrates von Ostia (dem römischen Touristikhafen), wo eine systematische Verflechtung von Mafia und Verwaltung zu existieren scheint. Wie weit das manchmal gehen konnte, zeigt das Beispiel des früheren technischen Leiters der Bezirksverwaltung von Ostia, der sich heute in Haft befindet: Er soll sich – laut Bericht der italienischen Nachrichtenagentur ANSA – den Behindertenausweis eines örtlichen Mafiabosses ausgeborgt haben, um damit gesperrte Straßenflächen zu befahren.


Der König der Könige

Korruption und Verbrechen hat es in der »Ewigen Stadt« – wie wohl in den meisten Metropolen dieser Welt – immer gegeben. Dass Rom aber von einer Mafia beherrscht werde, also einer hierarchisch gegliederten, von wenigen Bossen geführten Verbrecherorganisation mit weitgehender Kontrolle des Territoriums und engen Beziehungen zu Politik und Wirtschaft, diese Behauptung hat als erster der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Investigativjournalist Lirio Abbate in einem Artikel aufgestellt, der unter dem Titel »I quattro re di Roma« (Die vier Könige Roms) im Dezember 2012 in der WochenzeitschriftL’Espresso veröffentlicht wurde.




Die vier »Könige« – mächtige Bosse skrupelloser Verbrecherclans – hätten die Stadt, so Abbate, unter sich aufgeteilt, steuerten das Drogengeschäft, trieben Schutzgelder ein, gewährten Kredite zu Wucherzinsen, investierten in die legale Wirtschaft und favorisierten befreundete Unternehmen bei der öffentlichen Auftragsvergabe. Anfang 2012, schrieb Abbate, hätten die vier Könige einen Pakt geschlossen, demzufolge es in Rom zu keinen Mafiamorden mehr kommen dürfe (im Jahr 2011 hatte es noch elf solcher Verbrechen gegeben).

Die diversen Geschäfte, die in dieser Zeit hervorragend liefen, sollten nicht durch polizeiliche Ermittlungen gestört werden. 2012 kam nämlich ein neuer Generalstaatsanwalt nach Rom, Giuseppe Pignatone, der in der Vergangenheit beachtliche Erfolge im Kampf gegen die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische ’Ndrangheta erzielt hatte. Pignatone ließ sich vom scheinbaren Frieden in Rom nicht beirren und begann systematisch gegen die »Mafia Capitale« (die Mafia in der Hauptstadt) zu ermitteln. Im Dezember 2014 ließ er 37 Personen festnehmen.

Unter den Verhafteten war auch Massimo Carminati, der »König der Könige«. Geboren 1958 in Mailand, kam er in den frühen siebziger Jahren mit seiner Familie nach Rom. Mit 14 ging er nach eigenen Worten mit der Pistole zur Schule.³ Mit 17, als Schüler des Gymnasiums Federigo Tozzi im römischen Bezirk Monteverde, lernte er die Kameraden kennen, die zwei Jahre später zu den Mitbegründern der Nuclei Armati Rivoluzionari gehörten. Die neofaschistische Terrororganisation war unter anderem verantwortlich für den Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im Jahr 1980. Damals wurden 85 Menschen getötet und 200 verletzt. Es war das schwerste Attentat der »bleiernen Jahre« in Italien.


Massimo Carminati (2015), der »König der Könige«


Zu Carminatis Biographie gehört auch ein kurzer Aufenthalt im Libanon, wo er im Bürgerkrieg auf seiten der Falangisten kämpfte. Während des Massakers in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, das im September 1982 von falangistischen Milizen verübt wurde, war Carminati nach eigenen Angaben bereits wieder in Italien. Was ihm aber viel Respekt innerhalb und außerhalb des römischen Verbrechermilieus einbrachte, war seine Nähe zur berühmt-berüchtigten »Banda della Magliana«, einer in Rom und Umgebung aktiven Gangsterclique, deren Name mit vielen – zum Teil unaufgeklärten – Kriminalfällen der siebziger und achtziger Jahre in Verbindung gebracht wird.

Darunter die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli, bei der Carminati des Mordes beschuldigt und der damalige Regierungschef Giulio Andreotti als Drahtzieher zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde – beide wurden in letzter Instanz freigesprochen. Zudem der Mord am italienischen Bankier Roberto Calvi, vom bis heute ungeklärten Verschwinden der fünfzehnjährigen Emanuela Orlandi aus dem Vatikan bis zur bewussten Irreführung der Ermittler nach dem Massaker von Bologna. 1981, bei einem Fluchtversuch nach seiner ersten Verhaftung, traf ihn ein Schuss aus der Pistole eines Polizisten. Er verlor sein linkes Auge. Seither wird er in Rom »Er cecato« genannt, der Geblendete.

Als Ignazio Marino 2013 in einer Stichwahl gegen den amtierenden Bürgermeister, den Postfaschisten und Berlusconi-Gefolgsmann Gianni Alemanno antrat, stand »Er cecato« auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ob die Ermittlungen gegen Alemanno, der der Beteiligung an einer Mafiaorganisation beschuldigt wird, früher oder später zu dessen Verurteilung führen werden, ist ungewiss. Fest steht jedenfalls, dass »einige Leute, die dem ehemaligen Bürgermeister nahestanden, Vollmitglieder der Mafiaorganisation waren und bei einigen schweren Korruptionsfällen die Hauptrolle spielten«, wie Generalstaatsanwalt Pignatone im Dezember 2014 in einer Pressekonferenz erklärte.

Fest steht, dass Carminati während der Regierungszeit Alemannos – von Mai 2008 bis Juni 2013 – sein kriminelles Imperium in vollem Umfang ausbauen konnte. »Er findet und rekrutiert Unternehmer, unterhält Beziehungen zu Mitgliedern anderer krimineller Organisationen, zu Vertretern aus Politik, Institutionen und Finanz, zu Angehörigen der Ordnungskräfte und der Geheimdienste«, war im Bericht der Ermittler zu lesen. Fest steht auch, dass sich die Beziehungen zwischen Mafia und Stadtverwaltung nach dem Amtsantritt von Marino grundlegend änderten, wie Pignatone erklärte. Auch wenn Carminatis Leute vor den Wahlen der Überzeugung waren, sie könnten einem eventuellen Erfolg Marinos gelassen entgegenblicken, denn »sie hätten in beiden politischen Lagern Freunde, also Personen, die zu ihrer Verfügung standen«.


»Mit den Flüchtlingen lässt sich mehr Geld machen als mit dem Drogenhandel.« Die »Genossenschaft 29. Juni«, Teil des Mafianetzwerks in Rom, verwaltete das Auffanglager im sizilianischen Mineo, das größte Europas (Aufnahme vom April 2015)


Zu Carminatis Leuten gehörte auch ein Mann, dessen Name in den Berichten über Mafia Capitale meist in einem Atemzug mit ihm genannt wird: Salvatore Buzzi. Wenn auf den Gehaltslisten der Mafiaorganisation auch Namen von Mitgliedern des Partito Democratico (PD) standen, dann war es meist Buzzi, der die entsprechenden Kontakte geknüpft hatte. Als Gründer und Präsident eines Netzwerkes von Kooperativen verfügte er über gute Beziehungen zu vielen »linken« Politikern der Hauptstadt. Den Ermittlungen zufolge hatten die beiden – Buzzi und Carminati – einige Jahre lang fast unbeschränkten Einfluss auf die Entscheidungen der Stadtverwaltung.

Salvatore Buzzi, geboren 1955 in Rom, in jungen Jahren als Bankangestellter tätig, ermordete im Alter von 25 Jahren einen Komplizen, mit dem er Scheckbetrügereien organisiert hatte. Für den Mord – Buzzi hatte sein Opfer mit 34 Messerstichen getötet – wurde er zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis erwies er sich als Musterhäftling. Er schloss sein Literaturstudium mit Auszeichnung ab und begann, Jura zu studieren, er arbeitete in der Bibliothek der Haftanstalt und organisierte gemeinsam mit anderen Gefangenen Aufführungen der Antigone von Sophokles (bei der Premiere war auch der italienische Justizminister im Publikum). Er bereitete Kongresse über alternativen Strafvollzug vor. Eine solche Tagung fand am 29. Juni 1984 statt, auch hier waren namhafte Politiker eingeladen, unter ihnen der Rechtsbeauftragte der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) und spätere Präsident der Abgeordnetenkammer Luciano Violante.

Salvatore Buzzi

Auf dem Kongress illustrierte Buzzi seine Idee, mit einigen Mithäftlingen eine Kooperative zu gründen, die für die Stadtverwaltung Arbeiten – vor allem in der Pflege der städtischen Grünanlagen – übernehmen sollte. Der Vorschlag, der es den beteiligten Häftlingen erlaubte, einige Stunden am Tag außerhalb der Gefängnismauern zu verbringen, fand allgemeine Zustimmung, und ein Jahr später wurde die »Cooperativa 29 Giugno« gegründet. Im Lauf der Jahre entwickelte sich diese Genossenschaft prächtig, Buzzi wurde auf Bewährung freigelassen und 1994 schließlich vom italienischen Staatspräsidenten Oscar Luigi Scalfaro begnadigt.






Buzzis Organisation ist Teil des italienischen Kooperativen-Systems, dessen Ursprünge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, als in Mailand – im Jahr 1886 – die »Federazione delle Società Cooperative Italiane« gegründet wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur Spaltung in eine sozialistische (Legacoop) und eine katholische Vereinigung (Confcooperative). In der Zeit des Faschismus wurde die Lega aufgelöst und viele Genossenschaften mussten ihre Tätigkeit einstellen. Im Jahr 1946 wurde das Kooperativwesen in der italienischen Verfassung verankert: »Die Republik anerkennt die soziale Funktion der Kooperativen zur gegenseitigen Hilfe und ohne den Zweck privater Spekulation. Das Gesetz fördert deren Wachstum mit geeigneten Mitteln und garantiert – mit den entsprechenden Kontrollen – ihr Wesen und ihre Ziele«..
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