Mittwoch, 11. Februar 2015

Der Giftmüllpate von Caserta

Endlich ist er hinter Schloss und Riegel. Einer der größten Umweltvergifter Capriano Chianese und seine Ehefrau Filomena ist jetzt verurteilt und sein gesamtes Vermögen in Höhe von 14 Millionen Euro konfisziert worden. Aber wie sind diese Umweltkatastrophen möglich? 




Seit 30 Jahren beauftragen verschiedene Firmen aus Norditalien scheinbar legale Firmen, die in Wahrheit aber von der Camorra, der neapolitanischen Mafia, betrieben werden, mit der Entsorgung ihres Mülls. Diese Firmen sind in der Lage, ihren Kunden enorme Rabatte zu gewähren, die in der gegenwärtigen ökonomischen Situation für manches Unternehmen den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten können.

Laut Aussagen der Anti-Mafia-Direktion der Region Neapel boten Mittelmänner 2004 für die Entsorgung von 800 Tonnen kohlenwasserstoffverseuchten Bodens einer Chemiefirma einen Preis von 25 Cent pro Kilo—inklusive Transport. Das ist ein Rabatt von 80 Prozent auf die sonst üblichen Preise, der durch eine Reihe von Einsparungsmaßnahmen möglich wird. Obwohl die Firmen, die diese Methoden verwenden, sich der Zerstörung der Böden schuldig machen, sind sie rechtlich geschützt, weil ihre Vermittler ihnen offizielle Unterlagen besorgen, die bezeugen, dass bei der Entsorgung die korrekte Abfolge eingehalten worden ist.

Die Mafia verwandelt Tonnen giftigen Mülls in harmlosen Abfall, der auf ganz normalen Halden entsorgt werden kann, indem sie an den Frachtbriefen oder Packzetteln he­rumdoktert. Das Ganze funktioniert wie folgt: Jedem Fass Industrieschlamm liegt ein Dokument bei, dass den Giftigkeitsgrad der enthaltenen Substanzen ausweist. Die Firmen, die Geld sparen wollen, wenden sich dann an einen Mittelmann, der den Schlamm zunächst in ein Zwischenlager verschifft.


Dort bedarf es dann nur eines einfachen Federstrichs, um die Fässer zu normalem Haushaltsmüll umzudeklarieren. Ein anderer Trick, der in den Lagerzentren angewendet wird, ist der, den Giftmüll mit normalen Haushaltsabfällen zu mischen, um den prozentualen Giftgehalt zu verringern und das Ganze so einer niedrigeren Kategorie des Europäischen Abfallkatalogs zuordnen zu können. So Sodann werden sie vergraben oder in Schiffe verladen und im Mittelmeer versenkt.
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Wenn man die Autobahn zwischen Nola und Villa Literno oder die Straße von Giugliano nach Acerra entlangfährt, sieht man den Rauch rund um sich vom Boden aufsteigen. Bei heruntergelassenem Fenster schlägt einem ein beißender Geruch entgegen, der einem den Rachen versengt und den Mund mit einem säuerlichen Film überzieht. Es ist ein Geruch und ein Geschmack, an den man sich nie gewöhnt. 

Ich war immer sehr beeindruckt von einer Geschichte eines ehemaligen Mitglieds des Esposito-Clans, der später Informant wurde. Sie illustriert auf eindrückliche Weise die Logik der kriminellen Organisationen.


Dieser Mann erzählte, dass ein Boss der Camorra—den vielleicht einen kurzen Moment lang ein schlechtes Gewissen plagte—einmal während eines Treffens zu Bedenken gab: „Wenn wir den Müll so tief vergraben, riskieren wir, dass das Grundwasser verunreinigt wird." Der Don antwortete prompt: „Und warum sollte uns das jucken?! Wir trinken eh Mineralwasser!"