Sonntag, 6. Oktober 2013

Wie die Mafia die Welt erobert

Mannheim, Chemnitz, Duisburg: Die Mafia-Clans aus Italien breiten sich flächendeckend in Deutschland aus. Die kriminelle Schattenwirtschaft von Camorra, Cosa Nostra und 'Ndrangheta beginnt direkt vor unserer Haustür - in der Lieblings-Pizzeria um die Ecke - und spinnt ihre Fäden weltweit.

"Wehret den Anfängen" - auch wenn es längst zu spät scheint. Das hat sich Francesco Forgione gesagt und das Buch "Mafia Export" geschrieben. Er beschreibt darin die "Kolonialisierung" von Camorra, Cosa Nostra und 'Ndrangheta und einigen kleineren anderen Clans aus Italien. Denn längst ist die Mafia nicht mehr nur im Süden Italiens aktiv und verlangt mit abgesägter Schrotflinte Schutzgeld von Bauern und Pizzeria-Besitzern. Sie agiert global - und kolonialisiert, wie Forgione schreibt. Und am besten kolonialisiert ist seiner Meinung nach Deutschland.


Francesco Forgione


Zu diesem Schluss kommt er nicht zuletzt wegen des Massakers vor dem Restaurant "Da Bruno" in Duisburg 2007. "256 Schüsse, 6 Leichen, viele Rätsel", schrieb die Presse damals. "Duisburg wurde zum Verbrechensschauplatz, weil die neue globale Aufstellung der Ndrangheta dazu führte, dass auch Nordrhein-Westfalen zum Mafia-Territorium wurde", sagt Forgione.

Und er muss es wissen. Forgione ist ein Kenner der Mafia, ihres Systems, ihrer Organisation, egal ob kalabresische 'Ndrangheta, sizilianische Cosa Nostra oder neapolitanische Camorra. Forgione beobachtet ihr Vorgehen seit Jahren. Er war von 2006 bis 2008 Vorsitzender der Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments. Der Soziologe und linke Politiker lebt seit 15 Jahren unter Polizeischutz.
 

Das Krebsgeschwür wächst

Forgione liefert mit "Mafia Export" Zahlen, Daten, Fakten. Er nennt Namen, erklärt Zusammenhänge und erstellt erstmals Karten über die Verbreitung der Mafia-Clans - weltweit. Karten, die es bisher nicht gab, über die nicht einmal die italienischen Antimafia-Einheiten wie die Catturandi der DIAverfügen. In mühevoller Fleißarbeit arbeitete er Prozessakten, Ermittlungsberichte, also öffentlich zugängige Quellen durch.

Er findet heraus, dass - egal wo sich die Mafiosi niederlassen - sie früher oder später die legalen Strukturen infiltrieren. Ihre Arme können dann bis in die höchsten politischen Zirkel reichen: In Amerika ist die Mafia bereits seit mehr als 100 Jahren aktiv, in Australien mehr als 60. Vor allem in „Down Under“ konnte sie bisher eine strengere Gesetzgebung gegen organisierte Kriminalität verhindern.

Und das ist kein Einzelfall. Die weitreichenden Antimafia-Gesetze Italiens sind ein Einzelfall. Auch deshalb konnten die Mafia Morde von Duisburg passieren, wie Forgione schreibt. Er fordert daher europaweit einheitliche Anstrengungen, um die kriminellen Machenschaften erfolgreicher zu bekämpfen und um das typische Muster von Wegschauen, Verniedlichen und Totschweigen sowohl in der Öffentlichkeit, als auch in Medien und Politik zu durchbrechen.


Wie tickt die Mafia?


"Mafia Export" ist ein Sammelsurium an Fakten und Vorgehensweisen der Mafia-Clans auf ihrem Weg zum globalisierten Profit: In Deutschland läuft es - Forgione beschreibt das am Beispiel der 'Ndrangheta - in der Regel so: Ein Mafiosi eröffnet eine Pizzeria und verkauft sie wenig später an einen nahen Verwandten. Mit dem Geld eröffnet er eine weitere Pizzeria und verkauft diese auch wieder an einen mittlerweile in Deutschland lebenden nahen Angehörigen.

Irgendwann kommt dann ein Import-Export-Geschäft hinzu für italienische Nahrungsmittel. In den Pizzerien wird dann meist in einem Hinterkämmerchen der örtliche Drogenhandel abgewickelt. Über den Im- und Export wird das Geld gewaschen. So werden illegale mit legalen Geschäften vermischt und die Trennlinie zwischen beiden verschwimmt.

 
Die Mafia AG

Hervorzuheben ist noch ein weiterer Fakt: Der Jahresumsatz von Camorra, Cosa Nostra und 'Ndrangheta beläuft sich laut diversen Forschungsinstituten auf 180 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Deutschlands drittgrößter Industriezweig, die Chemiebranche, peilt 2011 einen Gesamtumsatz von 180 Milliarden Euro an. Die Branche beschäftigt mehr als 400.000 Menschen.

Auch der Gewinn kann sich mehr als sehen lassen: 70 Milliarden bis 80 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank peilt 2011 einen operativen Gewinn von 10 Milliarden Euro an. Der weltgrößte Ölkonzern ExxonMobil kam 2010 auf "nur" 30,5 Milliarden Euro Gewinn. Erschreckende Zahlen, vor allem wenn man bedenkt, dass durch die "sozialen und wirtschaftlichen Effekte der Schutzgelderpressung" pro Tag 250 Millionen Euro (160.000 Euro pro Minute) dazukommen.

 
Der "Kokain-Zyklus"

In Südamerika beginnt der sogenannte Kokain-Zyklus. Der Großteil des Mafia-Geldes stammt aus Drogengeschäften. Auch hierfür liefert Forgiones Buch erstaunliche Zahlen: 2008, rechnet er vor, wurden allein auf dem italienischen Markt zwischen 100 und 150 Tonnen Kokain verkauft. Dabei handelt es sich um reinen Stoff. Dieser wird in der Regel noch verschnitten, bevor er zum "Verbraucher" gelangt. Damit steigt die Menge des Kokains um das "Vier- bis Viereinhalbfache". Allein für Italien heißt das, dass 2008 400 bis 450 Tonnen Kokain an den Endverbraucher gelangt sind.

"Bei den kolumbianischen und bolivianischen Produzenten kosten ein Kilo Kokain zwischen 1200 und 1500 Euro", schreibt Forgione: "Im Großhandel bringt dieses Kilo dann um die 40.000 Euro." Er erläutert: "Laut Uno werden Jahr für Jahr in Südamerika 994 Tonnen reines Kokain produziert. Nach dem Verschnitt ergibt dies 4473 Tonnen gebrauchsfertiges Kokain, die auf den Weltmarkt gelangen." Ein Gramm davon kostet "im Einzelhandel etwa 70 Euro". Das mache dann pro Jahr eine unglaubliche Summe von 313,1 Milliarden Euro, inklusive Zwischenhandelsmargen sogar 354,6 Milliarden Euro".

Allein für die in Italien an den Mann und de Frau gebrauchte Menge Kokain bedeutet das grob überschlagen einen Wert von 30 Milliarden bis 35 Milliarden Euro. "Auf der ganzen Welt gibt es kein Geschäft, das einen höheren Mehrwert und größeren Gewinn bringt", so das Fazit Forgiones.

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