Donnerstag, 3. Oktober 2013

Frauen in Sizilien - die Gewalt ist alltäglich

Fast jeden dritten Tag bringt in Italien ein Mann seine Frau um. Ein Gesetz soll Besserung bringen. Lächerlich, meinen Fachleute.




Erst war es ein erfolgreicher Anwalt aus dem norditalienischen Trient, der seine Verlobte mit drei Messerstichen ins Herz umbrachte und dann die Leiche tagelang im Kofferraum seines Sportwagens herumfuhr. Die junge Frau hatte ihn kurz zuvor verlassen. Dann erschoss ein 58-Jähriger im sizilianischen Syrakus seine Ehefrau – in der Wohnung der Schwiegermutter, zu der sich die Frau mit den beiden Kindern vor ihm geflüchtet hatte. Schließlich schüttete in Genua ein vermeintlich Unbekannter einer Putzfrau bei der Arbeit im Krankenhaus Säure ins Gesicht. Die Frau erlitt schwere Verletzungen, doch als sie später ein Überwachungsvideo ansehen konnte, erkannte sie in dem Täter ihren Ehemann wieder, von dem sie sich scheiden lassen wollte.

Drei spektakuläre Gewaltverbrechen gegen Frauen, und abgespielt haben sie sich innerhalb einer einzigen Woche im vergangenen Monat. Außergewöhnlich ist diese Häufung indes keineswegs: 81 solcher Morde wurden zwischen Januar und Juni publik. Noch weit extremer sind die Zahlen in Sizilien. Hier spielen besonders überkommene Traditionen eine große Rolle. Insbesondere unter den Mafiosi sind die Todes- und Gewaltraten extrem hoch.


Bei lebendigem Leibe verbrannt

Die Zahlen liegen noch unter den EU-Durchschnittswerten, und sie unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen in Deutschland, wo im vergangenen Jahr 313 Frauen Opfer von Mord oder Totschlag wurden. Auffällig ist aber, dass in der Bundesrepublik der Täter nur in jedem zweiten Fall der Ehemann oder Lebenspartner ist, dessen Frau ihn verlassen hat oder verlassen will – in Italien hingegen in drei von vier Fällen. Rein statistisch gesehen wird in Italien fast jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Mann oder Freund umgebracht.

Im vorerst jüngsten Fall, der in Italien Schlagzeilen macht, geht es um einen Piloten, der seine schwangere Geliebte getötet und ihren Selbstmord vorgetäuscht haben soll. „Schon wieder ist eine Frau umgebracht worden, als räume man ein Hindernis aus dem Weg, als sei sie nichts wert“, kommentierte die Mailänder Zeitung La Stampa.

Auch ganz junge Mädchen werden Opfer von Gewalt: Im Mai wurde eine 15-Jährige in Kalabrien von ihrem drei Jahre älteren Freund mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt. Sie wollte nicht mehr mit ihm zusammen sein. Ein neues Phänomen sind die Säureattacken. Allein seit Jahresbeginn wurden schon sieben Frauen mit Säure übergossen. Auch hier waren die Täter in allen Fällen ihre Ex-Partner.

Immerhin erhält das Thema Gewalt gegen Frauen in der italienischen Öffentlichkeit inzwischen hohe Aufmerksamkeit. Femminicidio – im Deutschen: Feminizid – lautet die Wortneuschöpfung für den Mord an Frauen. Zeitungen und Fernsehen berichten ausführlich darüber, Prominente wie Gianna Nannini und Adriano Celentano engagieren sich mit Videos und Fernsehauftritten. Das staatliche Fernsehen RAI strahlte schon 2012 eine Serie aus, bei der es um Stalking, erzwungenen Sex und Misshandlungen ging: „Nie aus Liebe“, hieß sie.

Jetzt wollen auch die Politiker handeln. Die Regierung hat einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht: Männer, die ihre Partnerinnen nach der Trennung verfolgen oder bedrohen, können demnach in flagranti festgenommen werden. Anzeigen wegen Stalkings können nicht mehr zurückgezogen werden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich die Frauen Drohungen und Druck beugen. Ganz neu für Italien ist, dass gewalttätige Ehemänner künftig aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen müssen und dass ihnen auch der Führerschein abgenommen werden kann. Zeichen eines radikalen Wandels soll das Gesetz sein, hat Ministerpräsident Enrico Letta versprochen.

„Lächerlich“, lautet der knappe Kommentar von Maria Silvia Soriato. Die Psychologin sitzt in einem fensterlosen Zimmerchen in der Notaufnahme des römischen Krankenhauses San Camillo. „Sportello Donna“ steht an ihrer Tür – Frauen-Schalter. An diesem Abend liegen zwölf Stunden Nachtschicht vor ihr. Die 35-Jährige ist „im Fronteinsatz“, wie sie es nennt.

Es ist die Front der Gewalt an Frauen. Hier in der Notaufnahme werden die Opfer eingeliefert: geschlagene, misshandelte, vergewaltigte Frauen. Soriato und sechs Kolleginnen von der Kooperative „Be free“ wechseln sich bei der Arbeit ab. Das kleine Zimmer ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt, was den „Sportello Donna“ in Europa einzigartig macht. 700 Frauen hat das Team in den vergangenen zwei Jahren betreut. Im Krankenhaus kommt nur der erste Kontakt mit den Gewaltopfern zustande, danach stehen die sieben Psychologinnen, Erzieherinnen und Mediatorinnen als Gesprächspartnerinnen bereit.


Nummerngirls als Vorbilder

Laut einem UN-Bericht wird jede dritte Italienerin irgendwann in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Aber Italien gehöre zu den rückständigsten Ländern in Europa bei der Bekämpfung dieses Phänomens, sagt Soriato. „Es gibt so gut wie keine Prävention, kaum Geld für Projekte zur Betreuung der Opfer und ihren Schutz, keine Programme für gewalttätige Männer.“ In der Millionenstadt Rom existierten nur vier Frauenhäuser mit wenig mehr als 20 Plätzen.
Den mit Abstand größten Handlungsbedarf sieht die Psychologin aber beim Selbstverständnis der Geschlechter. „Stellen Sie sich vor: Noch bis 1981 gab es im italienischen Strafgesetz das Prinzip der ,Ehrverteidigung‘!“ Brachte ein Mann seine Ehefrau um, weil sie fremdging, seien ihm mildernde Umstände zuerkannt worden. Die dahinter stehende innere Überzeugung, dass die Frau Eigentum des Mannes ist, sei immer noch stark verbreitet, sagt Soriato. Ebenso wie die Vorstellung, dass Eifersucht ein Zeichen von Liebe sei.

Ab und an, wenn es ausnahmsweise eine Finanzierung dafür gibt, geht das Team von „Be free“ in Schulen, um Jugendliche über Geschlechter-Stereotype aufzuklären. Dort zeige sich auf erschreckende Weise, wie sehr das von Ex-Premier Silvio Berlusconi bestimmte Privatfernsehen in Italien das Bild der Frau in den letzten 20 Jahren geprägt hat, sagt Maria Silvia Soriati. Und es erweise sich, wie sehr junge Mädchen dieses Bild verinnerlicht hätten. Halbnackte Nummerngirls mit aufgespritzten Lippen und operierten Busen – in Italien „Veline“ genannt – seien für viele Teenager ein Vorbild und prägten eine Kultur, in der Frauen als Objekt gesehen werden.

Berlusconi selbst mit seiner Schar austauschbarer junger Geliebter habe das noch verstärkt. „Die Botschaft ist: Ein Mann kann sich alles erlauben“, resümiert die Psychologin. 15-Jährige erzählten zum Beispiel, dass ihr Freund ihnen verbiete, mit Freundinnen auszugehen, weil er eifersüchtig sei.
Viel Hoffnung, dass sich bald etwas ändert in ihrem Land, hat Maria Silvia Soriato nicht. Selbst das Modellprojekt „Sportello Donna“ steht immer wieder auf der Kippe. Ein Jahr lang haben die sieben Team-Kolleginnen sogar schon ohne jede Bezahlung gearbeitet. „Wir brachten es einfach nicht übers Herz, die Frauen in Not im Stich zu lassen“, sagt sie. Jetzt haben sie eine vorübergehende Finanzierung vom Staat, aber die läuft 2014 aus. Wie es dann weitergeht, wissen sie nicht.

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