Dienstag, 8. Oktober 2013

Mafia-Boss in Nürnberg angeklagt

Mit Spirituosen-Schmuggel sollen sie den Fiskus um gut zwei Millionen Euro geprellt haben: Neun Männer müssen sich vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten – der Hauptangeklagte soll zur kalabrischen Mafia gehören.

Keine zusätzliche Kontrollschleuse, keine weiteren Wachleute im Sitzungssaal – bei dem mutmaßlichen Kopf der Bande soll es sich zwar um ein Mitglied der „Ndrangheta“ handeln, doch verstärkte Sicherheitsvorkehrungen wurden im Justizgebäude nicht getroffen.

Dies ist wohl auch kaum nötig: Anders als in der Provinz Crotone, am Absatz des italienischen Stiefels, schießen die Mafiosis hierzulande nicht mit Maschinenpistolen auf Straßenschilder, um dem Staat ihre Verachtung zu demonstrieren. Hier, und vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo die Ndrangheta ihre meisten Stützpunkte hat, ist Ruhe und Unauffälligkeit gefragt. Und..., man kauft gerne einmal einen Richter!



Crotone


Globale Aktivitäten

Die Ndrangheta agiert global, nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes mit etwa 6.000 Mitgliedern in Deutschland. Einer der Bosse soll der 51-jährige Angeklagte sein. Er lebt als nahezu unbescholtener Bürger mit seiner Familie in Münster.

Mit dem Gesetz geriet er bislang kaum in Konflikt – doch in diesem Fall könnte er, erweisen sich die Vorwürfe als zutreffend, wegen gewerbs- und bandenmäßiger Steuervergehen und Betrugs bis zu zehn Jahre hinter Gittern landen. Denn immerhin wird mit einem Gesamtschaden von etwa 5 Millionen Euro gerechnet. Die neun Angeklagten (sie sind zwischen 22 und 70 Jahre alt) sollen von Italien nach Deutschland im großen Stil vor allem Wodka und Wein, Gin, Sambucco, Rum, Brandy und Prosecco geschmuggelt haben – lastwagenweise verkauften sie die Spirituosen angeblich unter anderem an die Einkäufer von Supermarktketten in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Mit Hilfe eigens gegründeter Firmen verschoben sie die Ware untereinander und zahlten auf diese Weise weder Branntwein- noch Schaumweinsteuer.


Hinweis aus England

Im Mittelpunkt der Anklage steht ein Import- und Exportunternehmen aus Georgensgmünd im mittelfränkischen Landkreis Roth: Der bayerische Zoll hatte von britischen Kollegen einen Hinweis bekommen; die englischen Fahnder hatten entdeckt, dass zahlreiche Lieferungen des Unternehmens, die auf dem Papier nach Großbritannien gingen, nie dort angekommen waren.

Im Spätsommer des letzten Jahres folgte eine wochenlange Observation samt Telefonüberwachung; bei Razzien wurden Geschäfts- und Privatadressen durchsucht. Mittlerweile sitzen acht der neun Angeklagten seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Derzeit rechnen die Richter der 3. Strafkammer mit Verhandlungstagen bis in den März kommenden Jahres.

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