Montag, 28. Oktober 2013

Der Pate von Solingen

In Deutschland scheint die italienische Mafia weit weg. Dass sie es nicht ist, zeigt das ausgezeichnete Radio-Feature „Kaufen statt töten“. Auf den Spuren der Cosa Nostra führt es vom Ruhrgebiet nach Sizilien - und wieder zurück.



Drogen und Heiligenbilder: Das Bild stammt aus der Nähe von Neapel. Experten sagen, dass die Mafia Geld aus kriminellen Geschäften bevorzugt in Deutschland wäscht.

Ein knappes Jahr Recherche im Ruhrgebiet und auf Sizilien - dann steht der Gesuchte plötzlich da, einfach so, mitten in Solingen. Und es ist keine angenehme Begegnung. Denn Francesco K., wie Christian Blees und Alessandro Alviani den Mann aus Sizilien in ihrem Radio-Feature über Mafia-Netzwerke in Deutschland nennen, handelt nicht nur illegal mit Waffen.

Er trägt auch meistens eine bei sich. In Italien wurde er wegen Drogenhandels zu 21 Jahren Haft verurteilt und ist doch auf freiem Fuß. K. pflegt engste Beziehungen zur Cosa Nostra; in Solingen und Umgebung hat er ein kleines Familienimperium aus Gastronomie, Elektrohandel und anderen Unternehmen aufgebaut. Der Verdacht, das dieses dazu dient, Geld aus kriminellen Geschäften zu waschen, ist erdrückend.

An diesem Tag im Mai 2013 ist viel los in Ohligs. Das Dürpelfest läuft. Und auf den Straßen feiern Tausende eine Party. Auf den Bühnen in der Fußgängerzone spielen Bands – doch einem Besucher ist an diesem Abend mit einem Mal gar nicht mehr zum Feiern zumute.
 
Der Besucher ist Hörfunkjournalist der ARD und hat in der zurückliegenden Zeit einem Mann hinterherrecherchiert, der einer der Paten der italienischen Drogenmafia sein soll. Der Radioreporter und ein Kollege vermuten, dass der Mann eine zentrale Figur dieses schwerkriminellen Milieus ist. In den Monaten zuvor haben die Journalisten bereits mit vielen Kennern der Szene gesprochen, haben sich in Italien mit Fahndern, Staatsanwälten und Zeugen getroffen, die aus Angst anonym bleiben wollen.
 
Christian Blees - Journalist
 
Immer wieder tauchte bei den Gesprächen der Name Solingen auf. Und jetzt, an diesem Abend im Mai, will sich der Radiomann einmal selbst ein Bild von der Szene in der Klingenstadt verschaffen, als plötzlich der mutmaßliche Mafioso vor ihm steht. Der Reporter beobachtet ein Lokal und eine Spielhölle, die der Mafia bisweilen als Drogenumschlagplätze dienen sollen. Da wird er von dem Verdächtigen angesprochen. "Mit misstrauischem Blick fragt er mich schroff und in akzentfreiem Deutsch, ob ich jemand suchen würde", erinnert sich der Journalist.
 
Der Reporter hat an besagtem Maitag mit einer Ausrede den Rückzug angetreten. Doch damit ist die Geschichte nicht am Ende. In ihrem Hörfunkbericht behaupten die Autoren Christian Blees und Alessandro Alviani, dass die Klingenstadt eine Mafia-Hochburg ist.
 
Tatsächlich ist der Mann, der im Zentrum der Recherchen steht, kein unbeschriebenes Blatt. Er wurde in Italien wegen Drogenhandels zu 21 Jahren Haft verurteilt, lebt aber inzwischen in Solingen. Das bestätigt auch die deutsche Polizei. Sie wisse, dass sich besagter Sizilianer inzwischen in der Klingenstadt aufhalte, sagt ein Sprecher. Man halte alles im Blick. Das Urteil sei allerdings noch nicht rechtskräftig. Und außerdem seien andere deutsche Behörden und die italienischen Kollegen zuständig.
 
Deren Vorwürfe wiegen schwer. Nach Recherchen der ARD-Journalisten soll der Sizilianer mit Wohnsitz Solingen schon in den 90ern von der Klingenstadt aus seine Drogengeschäfte betrieben haben. Heute, so die Vermutung, könnte der Mann mit Familienangehörigen und Komplizen über Strohmänner eine Reihe von kleinen Firmen betreiben, in denen das illegale Geld aus den Drogengeschäften "gewaschen" wird.
 
"Einträge in Unternehmensdatenbanken und Handelsregistern zeigen, dass sich die Familie im Raum Solingen offenbar ein kleines Firmenimperium aufgebaut hat", heißt es in der Radioreportage. Unter anderem sollen eine Leuchtenfirma, eine Schreinerei, ein Lebensmittelladen sowie Betriebe aus dem Kfz- und Baugewerbe zu der "Unternehmensgruppe" gehören.
 
Der Verdacht: Die Firmen haben einen Jahresumsatz von unter 500 000 Euro, so dass sie in Deutschland nicht der Buchhaltungspflicht unterliegen – ideale "Waschanlagen" also, um Geld aus schmutzigen Geschäften "sauber" zu bekommen. Eine Masche, die längst auch auf dem Schirm deutscher Ermittler ist. Die Autoren des Radiofeatures berichten davon, "im Zuge einer umfangreichen Polizei-Razzia gegen die italienische Baumafia" sei auch schon "ein Solinger Unternehmen durchsucht" worden.
 
Tatsächlich setzten die Ermittler unter Federführung von Kölner Polizei und Staatsanwaltschaft zu einem Schlag gegen die "Baumafia" an, der auch eine Firma in Solingen traf. Damals durchsuchten 400 Beamte in ganz NRW Wohnungen und Geschäftsräume. Der Vorwurf: Die Beschuldigten sollen Scheinfirmen gegründet haben, um Schwarzarbeit und Steuerstraftaten zu vertuschen.
 
In Solingen wurden seinerzeit vor allem Akten beschlagnahmt. Der Betroffene sei nur als Zeuge vernommen worden, sagte damals ein Sprecher der Kölner Polizei unserer Zeitung. An anderen Orten, an denen die Razzia stattfand, stießen die Fahnder hingegen auch auf Drogen.

„Kaufen statt töten“, so der Titel des knapp einstündigen Features, lässt Mafia-Experten, Ermittler und einen bedrohten italienischen Geschäftsmann davon erzählen, dass die italienische Mafia in Deutschland nur scheinbar weit weg ist. Davon, dass vor allem Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangheta Deutschland als Wirtschaftsstandort entdeckt haben, an dem sich bestens Geld investieren und damit legalisieren lässt - Experten gehen von Milliarden Euro pro Jahr aus.


Die deutsche Polizei kann nichts machen

Die Camorra-Morde von Duisburg 2007 waren vor diesem Hintergrund eher eine Art Betriebsunfall, denn normalerweise agiert die Mafia hierzulande lautlos. Wir erfahren, dass ihr traditionelles Geschäft, die Schutzgelderpressung, mitnichten tot ist, dass sich Unternehmen, die klein genug sind, um von der Buchführungspflicht befreit zu sein, bestens zur Geldwäsche eignen, und hören, dass den deutschen Behörden bei ihren Ermittlungen viel engere Grenzen gesetzt sind als den italienischen.
Dafür wird in Italien ein Gerichtsurteil erst in dritter Instanz rechtskräftig. Was bedeutet, dass ein in erster Instanz Verurteilter - wie dieser ominöse Francesco K. - freikommt, wenn nach dem ersten Urteil das Verfahren nicht fristgerecht weitergeht.

Das alles ist an sich schon erstaunlich genug, doch die bemerkenswerteste Geschichte des Features, das bewusst nüchtern daherkommt, statt Spannung aufzubauen, ist eine andere: Nämlich die, wie vergleichsweise leicht es ist, ein Netzwerk organisierter Kriminalität sichtbar zu machen - und dass die deutsche Polizei doch nichts machen kann. Die Begegnung mit K., dem Mann, bei dem die Fäden zusammenlaufen, dauert nur Sekunden. „Suchen Sie jemanden?“, fragt er den Rechercheur vor seiner Pizzeria im Vorbeigehen. Und lässt ihn wie paralysiert zurück.

(siehe auch Artikel zuvor)
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