Mittwoch, 4. März 2015

Allein gegen die Mafia

Giuseppe Cimarosa kehrte seinem Verwandten, dem sizilianischen Boss Messina Denaro, öffentlich den Rücken und riskiert damit sein Leben.




Giuseppe Cimarosa sagt: "Doch, ich habe Angst." Er sitzt im Auto, ist gerade an den Straßenrand gefahren, um ans Handy zu gehen. Durchs Telefon sind vorbeifahrende Autos zu hören. Seine Stimme ist aufgeregt. "Ich schaue mich ständig um, aber wenn ich zu viel daran denke, werde ich verrückt", sagt er.

"Coming Out" nennt Cimarosa das, was er am Wochenende unter Tränen in Palermo gemacht hat. Der 32-Jährige war eingeladen zu einem Kurzvortrag bei der Ideen-Messe der Demokratischen Partei (PD) und sagte dabei den Satz: "Ich habe das Pech, ein Verwandter von Matteo Messina Denaro zu sein." Man kann das Coming Out nennen. Auf Sizilien kommen diese Worte einem Todesurteil gleich.

Matteo Messina Denaro ist der letzte flüchtige Super-Boss der Cosa Nostra.
Cimarosas Mutter ist Messina Denaros Cousine. Der 52-jährige Boss kam in Castelvetrano bei Trapani zur Welt. Hier lebt auch Giuseppe Cimarosa, dressiert Pferde, gibt Reitstunden und schreibt Theaterstücke. "Ein Verwandter von Messina Denaro zu sein, ist ein Problem, das man nicht lösen kann. Aber wer weiß, was das Dunkle und das Faule an dieser Figur ist, der darf nicht länger schweigen. Ich will mir diesen Schandfleck entfernen, in aller Öffentlichkeit." So sprach Giuseppe Cimarosa.

Es gibt wenige Beispiele in der italienischen Geschichte für eine solche Konfrontation mit der Mafia. Die sizilianische Cosa Nostra hat ihre große Blütezeit nach den Verhaftungen der Bosse aus Corleone, Bernardo Provenzano und Toto Riina, zur Jahrtausendwende hinter sich. Die Fäden, so glauben die Ermittler, laufen beim Mafia-Playboy Messina Denaro zusammen. Denaro rühmt sich für die Zahl seiner angeblich über 50 Morde, Geld macht er unter anderem mit Drogenhandel und dem Abschöpfen von öffentlichen Förderungen bei Wind- und Solarenergie. Er ist der meist gesuchte Verbrecher Italiens.

Was der Mafia in ganz Italien immer noch ihre große Relevanz gibt, ist das ungeschriebene Schweigegesetz, die sogenannte Omertà. Cimarosas mutiger Auftritt steht für eines der beiden entscheidenden Elemente im Kampf gegen die Mafia: Das Brechen dieses Schweigens.


"Sterbe lieber als aufzugeben"

Auch Ermittlungen und Festnahmen, die die Justiz teilweise sehr erfolgreich vorantreibt, sind nur ein Aspekt des Kampfes gegen das Organisierte Verbrechen. Entscheidend ist auch ein Mentalitätswandel, die innere Abkehr vom Schattenstaat der Mafia. Dazu gehört auch, dass der eigentliche Staat in den vom Verbrechen zersetzen Gegenden eine Alternative, also Arbeitsplätze, bietet.

Um den Weg zu ebnen, der bereits von Antimafia-Organisationen und anderen Antimafia-Kämpfern, etwa dem Autor Roberto Saviano, eingeschlagen wurde, bedarf es mehr mutiger Coming Outs im Stile Cimarosas. Nur so verliert die Mafia ihren Halt, den sie immer noch in gewichtigen Teilen der Bevölkerung hat. Bei seinem Vortrag erklärte Cimarosa auch, er und seine Familie wollten keinen Polizeischutz. Die Cimarosas hätte ihren Namen ändern und an einen geheimen Ort ziehen sollen, schlug die Polizei vor. "Ich sterbe lieber, als dass ich alles wegen Matteo Messina Denaro aufgebe", sagt Cimarosa.


http://www.trapaninostra.it/Foto_Trapanesi/Didascalie/Cimarosa_Giuseppe.htm