Donnerstag, 26. März 2015

TV-Doku beleuchtet Schweizer Mafia-Szene

Die Szene ähnelt einem Ausschnitt aus einem Martin-Scorsese-Film: Rund um einen Tisch herum sitzen ältere Männer in Anzügen, vom Tischende her tönt es: «Kokain, Heroin, es hat von allem. Zehn Kilo, 20 Kilo pro Tag bringe ich euch persönlich.» Man wähnt sich in einer kalabrischen Mafiahochburg. Nur stammt das Video weder aus Italien noch handelt es sich um eine Hollywood-Kulisse. Aufgenommen wurde es von der Thurgauer Kantonspolizei – im Gasthaus Schäfli in Wängi.




Die von den italienischen Untersuchungsbehörden in der Reggio Calabria bereits im letzten Jahr veröffentlichten Aufnahmen sind vom Tessiner Fernsehen TSI erneut aufgegriffen worden. Dabei entstanden ist eine Dokumentation, die am Freitag auf SRF info gezeigt wurde.


Bisher nur wenige Festnahmen

Der Beitrag der beiden Reporter Maria Roselli und Marco Tagliabue bietet vertiefte Einsichten in die mafiosen Strukturen der seit 40 Jahren existierenden 'Ndrangheta-Zelle, die unter anderem auch in Frauenfeld operiert. Dabei wird klar, dass viele Mitglieder der Organisation weiterhin unbehelligt und zum Teil unerkannt in Frauenfeld leben.

Nur wenigen konnte bis jetzt das Handwerk gelegt werden – zum Beispiel dem mutmaßlichen ehemaligen Paten Antonio N., der in dem Video seinen Gefolgsleuten Drogenlieferungen verspricht. Er wurde im August 2014 zusammen mit Raffaele A., einem weiteren Thurgauer Verdächtigen, verhaftet. Auch der ranghöhere Giuseppe L., genannt «Peppe die Kuh», der über die 'Ndrangheta-Zellen in Norditalien und der Schweiz geherrscht habe, wurde am 18. November letzten Jahres festgenommen.



«Ich kenne ihn. Das ist ein Witz, oder?»

Laut der Tessiner TV-Doku hatte «Peppe die Kuh» zuvor noch versucht, bei einem Bauunternehmer in Pragg-Jenaz in Graubünden kalabrische Landsleute einzuschleusen. Mit den kriminellen Machenschaften des Bekannten konfrontiert, reagiert der Bauunternehmer mit Verblüffung: «Machen Sie Witze?», fragt er die Reporterin. «Ich kenne ihn, ja. Das ist ein Witz, oder?»

Nicht nur im Bündnerland kann man sich einfach nicht vorstellen, dass im Bekanntenkreis der eine oder andere Mafiosi stecken könnte. Dass die Namen der identifizierten Personen aus dem Schäfli-Video aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht veröffentlicht werden, verkompliziert die Situation zusätzlich. In der Frauenfelder «Communità» schafft das erhebliche Verunsicherung. «Jeder verdächtigt jeden», ist im TV-Beitrag zu hören.


Weiteres Vorgehen unklar

Keine Klarheit verschafft die Dokumentation über das weitere Vorgehen gegen den Mafia-Ableger. Da die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation wie der kalabrischen 'Ndrangheta in der Schweiz und in Italien juristisch unterschiedlich beurteilt wird, sind den Behörden die Hände gebunden.


Während das Schäfli-Video laut «Thurgauer Zeitung» der italienischen Justiz als Beweis für die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation ausreicht, verlangt Bundesanwalt Michael Lauber, dass auch eine konkrete Straftat vorliegen müsse, bis man ein Mitglied belangen könne.
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