Montag, 30. März 2015

Willkommen in der Stadt des Mafiaclans der Casalesi

VON BIRGIT SCHÖNAU

Ein Hund liegt vor dem Rathaus von Casal di Principe, gelbe Augen, fahles Fell, kein Halsband. "Ein Streuner, einer von vielen", sagt Renato Natale. Und ein Problem für den 64-jährigen Bürgermeister Natale, eines von vielen.

Casal di Principe, 20.000 Einwohner, 1.200 Schwarzbauten, 40 Baufirmen, liegt gut 200 Kilometer südlich von Rom. Es ist der Heimatort der Casalesi, einer der mächtigsten Clans der neapolitanischen Mafia-Organisation Camorra. Lange waren die Casalesi die Herren von Casal di Principe und der gesamten Gegend. Ihr Regime war totalitär, sie brachten nicht nur ihre Konkurrenten um, sondern auch über 40 Unschuldige, darunter Frauen und Kinder. Und Gegner wie den Priester Giuseppe Diana. Wer heute in Casal di Principe ankommt, wird von diesem Schild empfangen: "Willkommen in der Stadt von Don Peppe Diana".




Bürgermeister Natale sagt, nach drei Jahrzehnten sei der Ort "wie von einer Militärdiktatur befreit". Die Bosse der Casalesi sind tot oder im Gefängnis. Auch ihre Gewährsmänner in der Politik sind entmachtet, allen voran Nicola Cosentino, Silvio Berlusconis ehemaliger Statthalter in der Region. Cosentino sitzt heute in Untersuchungshaft.

Nicola Cosentino, Silvio Berlusconis ehemaliger Statthalter in der Region. Cosentino sitzt heute in Untersuchungshaft


Die Aufräumarbeit der Justiz ist noch in vollem Gange. Gerade erst wurde im Nachbarort ein Kommunikationsnetz der Camorristi entdeckt, die sämtliche Haussprechanlagen im Ortskern miteinander verbunden hatten, um Befehle erteilen zu können. Sogar das Provinzkrankenhaus wurde von den Bossen beherrscht, von der Krankenhausküche bis zu den Elektrikern.

In ihrer Hochburg Casal di Principe war der Wahlsieg des parteilosen Arztes Natale im vergangenen Sommer wie ein Volksfest gefeiert worden. Es gab ein Feuerwerk, die Leute tanzten auf den Straßen. Auch in anderen berüchtigten Mafia-Nestern regieren heute bekannte Gegner der Bosse – etwa in Palermo, Catania und Corleone auf Sizilien und im kalabrischen Reggio Calabria. In Neapel ist ein früherer Staatsanwalt Bürgermeister. Und ein anderer Staatsanwalt, Raffaele Cantone, der viele Camorristi hinter Gitter brachte, stieg zum Präsidenten der nationalen Antikorruptionsbehörde auf.

Raffaele Cantone, der viele Camorristi hinter Gitter brachte


"Die militärische Macht der Casalesi ist gebrochen", bestätigt Renato Natale. "Aber sie können sich jederzeit neu organisieren. Wenn wir die in uns gesetzten Erwartungen enttäuschen, wird der Frust der Bürger umso stärker sein. Und mit Frustrierten hat die Camorra leichtes Spiel."

Auf den ersten Blick scheinen die Hürden für den Bürgermeister gar nicht so hoch zu liegen. Sicher, die streunenden Hunde müssen von der Straße, die Schwarzbauten legalisiert und an die Kanalisation angeschlossen werden, die Löcher im Asphalt gehören geflickt. Die Müllabfuhr soll endlich funktionieren, und das Stadion, in dem der inzwischen aufgelöste Fußballverein der Casalesi spielte, instand gesetzt werden. "Auch die Bevölkerung von Casal di Principe hat ein Recht darauf, Sport zu treiben", sagt Natale, es klingt trotzig. Als erste Amtshandlung ließ er das hoch gewachsene Gras im Stadion mähen, um den Joggern den Weg frei zu machen.

Was anderswo in Europa eine Selbstverständlichkeit ist, bedeutet für Casal di Principe einen großen Schritt, denn die Kommune hat kein Geld. Rund 15.000 Euro im Jahr für die Unterbringung der herrenlosen Hunde sind bereits ein Problem. Sozialhilfe für 1.200 Antragsteller zu zahlen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Zahl der Arbeitslosen wächst. Fast alle hier arbeiteten im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft: beides von der Mafia verseuchte Wirtschaftszweige.

Die Armut ist allgegenwärtig. Viele Häuser sind unverputzt, manche nur Bauruinen. Geschäfte sind geschlossen, und wo doch einmal die Tür offen steht, weist sie in ein heruntergekommenes Ladenlokal. Auch die Rathaustreppen sind verdreckt, Natale kann sich keine Putzkolonne leisten. Der Bürgermeister arbeitet umsonst, dafür aber eigentlich immer. An zwei Wochentagen ist er ehrenamtlich als Arzt für die Ärmsten im Einsatz, für Migranten ohne Papiere und Straßenprostituierte. Mehr Einsatz geht kaum.

Es muss aber noch mehr gehen, denn die Regierung von Matteo Renzi hat verfügt, dass überall im Land Schulden abgebaut werden sollen, auch in soeben befreiten Städten wie Casal di Principe. Oder 500 Kilometer weiter südlich, in Reggio Calabria. Dabei scheint es dort, in der Hauptstadt Kalabriens, nicht an Geld zu fehlen. Streunende Hunde sieht man nicht am Corso Garibaldi, der Flaniermeile im Zentrum. Dafür florierende Geschäfte, kaum Billigläden.

In Kalabrien ist die ’Ndrangheta zu Hause, Italiens mächtigste Mafia-Organisation. Ihr vor allem auf Drogengeschäften basierender Umsatz wird auf rund 40 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Die kalabrischen Familienclans sind ein weltumspannendes Unternehmen, sie kaufen Drogen in Südamerika und waschen das Geld überall in Europa, auch in Deutschland. In den vergangenen Monaten flogen ’Ndrangheta-Firmen auf, die sich Aufträge für die Expo 2015 in Mailand gesichert hatten. Die Casalesi mögen geschwächt sein, die ’Ndrangheta aber wird immer stärker.

In Reggio Calabria galt ihre Macht sogar als nahezu unbegrenzt. Vor drei Jahren allerdings wurde die Stadtverwaltung abgesetzt, als sich herausstellte, dass neben den Politikern sämtliche kommunale Dienstleistungsfirmen der Mafia unterstanden. Im vergangenen Oktober wurde ein neuer Bürgermeister gewählt: Giuseppe Falcomatà, erklärter Mafia-Gegner wie schon sein Vater Italo, der die Stadt von 1993 bis 2001 regiert hatte. Auch Reggio wagt den Neuanfang.

Der Sozialdemokrat Falcomatà ist 31 Jahre alt, in seinem dichten, kastanienbraunen Haar glitzern die ersten grauen Strähnen. Er empfängt im roten Salon des Rathauses, ein geschmackvoll renovierter Jugendstilbau. Auch er wirkt aufgeräumt, aber da ist auch viel Sarkasmus. "Lassen Sie uns zuerst über die angenehmen Seiten meiner Stadt reden", sagt er. "Das Klima ist perfekt, das Meer wunderschön. Damit hätte es sich."

Gerade kommt der Bürgermeister von einer Krisensitzung mit den städtischen Verkehrsbetrieben. Sämtliche Busse waren im Depot geblieben, weil die Versicherungsfrist abgelaufen war, angeblich völlig überraschend für die Verantwortlichen. Genauso wie die zehn Ausfälle in der Wasserleitung vergangene Woche. "Zehn Defekte in einer Woche sind zu viel", kommentiert Falcomatà, das Wort Sabotage spricht er nicht aus. In Kalabrien ist man vorsichtig mit bestimmten Wörtern.

Giuseppe Falcomatà ist Jurist. Und Schriftsteller, zwei Romane hat er veröffentlicht, in einer bemerkenswert leichten, luftigen Prosa. Dann ging er in die Politik, eroberte über 60 Prozent der Wählerstimmen. "Ein beeindruckend starker Wunsch nach Veränderung", analysiert er kühl. "Wie damals bei meinem Vater. Aber ich muss sagen: Als er vor 20 Jahren Bürgermeister wurde, war vieles einfacher." Einfacher? Damals ermordete die sizilianische Mafia Cosa Nostra die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, zündete Bomben an der weltberühmten Gemäldegalerie Uffizien in Florenz und vor zwei Kirchen in Rom. Die sizilianische Mafia hatte dem Staat den Krieg erklärt. "Doch damals reagierte die Regierung in Rom", sagt Falcomatà. "Und wir bekamen Hilfe aus Europa. In Reggio herrschte Aufbruchstimmung."

Giuseppe Falcomatà


Heute ist das anders. Die Cosa Nostra erscheint zwar geschwächt, die ’Ndrangheta aber weitet ihre Geschäfte aus. Der Aufbruch in Kalabrien hat einer lähmenden Krise Platz gemacht. Und Rom rückt immer weiter weg. Premier Matteo Renzi will sich mit der Mafia nicht aufhalten. Reformen, Schuldenabbau, Wachstum, das ist sein römischer Dreiklang. Im Süden kommt davon nur ein schwaches Echo an: sparen, sparen, sparen.

Die Stadtkasse von Reggio ist leer. Am Wochenende hat der Bürgermeister mit 50 freiwilligen Helfern die Friedhöfe von Reggio aufgeräumt. Der Auftrag für den Grünflächendienst konnte noch nicht erteilt werden – kein Geld. In Reggio Calabria sind nur die anderen reich: die Bosse. Ähnlich wie sein Kollege in Casal di Principe hat Falcomatà seinen Wählern nicht das Blaue vom Himmel versprochen. Aber doch immerhin ein funktionierendes Krankenhaus, pünktlich fahrende Busse. Klingt nicht nach viel, bedeutet aber: eine andere Stadt.

Das größte Problem wird Falcomatà freilich nicht lösen können. Man muss zweimal hinschauen, bevor man es wahrnimmt, aber dann wird es unübersehbar. Es wimmelt von jungen Menschen in Reggio Calabria. Trauben von jungen Frauen schlendern den Corso entlang, perfekt frisiert, modisch gekleidet, teure Handtaschen am Arm. Gruppen junger Männer sitzen in den Bars, hantieren mit den neuesten Smartphones und lassen Diamantohrringe aufblitzen. An der Meerespromenade mit dem spektakulären Blick auf die Küste Siziliens und den schneebedeckten Ätna knutschen Paare unter Magnolienbäumen. Und das alles freitagmorgens um elf Uhr.

Eine Zeit, in der junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren üblicherweise an der Uni sind, im Betrieb oder im Büro. Nicht in Reggio, der 180.000-Einwohner-Stadt am südlichsten Ende Italiens und Europas. Weit über die Hälfte der Jungen hier sind beschäftigungslos. Keine Arbeit, kein Studium.

Nur Shopping. Aber von welchem Geld? "Die Familien legen Wert auf die Fassade", erklärt Bürgermeister Falcomatà. "Eher verschuldet man sich, als die eigenen Kinder ärmlich gekleidet aus dem Haus zu schicken." Kredite zu Wucherzinsen zu verleihen, das ist jetzt ein großes Geschäft für die ’Ndrangheta. Im Vergleich zum Drogenbusiness macht sie damit wenig Gewinn, aber es garantiert ihr die Kontrolle über ihr Territorium.

Eine Kontrolle, von der ein gewählter Bürgermeister nur träumen kann.