Donnerstag, 5. März 2015

Bekanntester Mafiajäger von der Mafia gekauft

Roberto Helg galt als Vorkämpfer gegen Mafia und Korruption. Nun flog auf, dass er sich schmieren ließ.




Der Umschlag mit dem Bargeld lag noch auf dem Schreibtisch, der Check steckte schon in der Jackentasche. Als die Carabinieri Roberto Helg stellten, in flagranti in dessen Büro in Palermos Handelskammer, stritt der 78-jährige Verbandspräsident zunächst alles ab. Der Umschlag? Keine Ahnung, was da drin sei. Und der Check in der Sakkotasche? «Ich hielt ihn für einen Notizzettel, ich habe ihn versehentlich eingesteckt.» Es waren die letzten Ausflüchte vor dem Sturz des vermeintlichen Helden.

Roberto Helg, gefeierter Kämpfer gegen Korruption und Mafia, liess sich mit 100'000 Euro schmieren – etwa so, wie es sonst die Cosa Nostra tut, wenn sie den «pizzo» eintreibt, das Schutzgeld. Nun sitzt Helg im Gefängnis. Und die Italiener fragen sich, was die Anti-Mafia-Bewegung noch wert ist. Entlarvt wurde Helg von einem Opfer, dem Konditor Santi Palazzolo. Dieser hatte sich lange erfolglos darum bemüht, die Mietlizenz für seinen Laden im Flughafen von Palermo zu verlängern.




Helg, ein Mann mit vielen Ämtern und Ehrentiteln, war auch Vizepräsident der Verwaltungsgesellschaft des Flughafens. Als das Drängen des Patissiers immer stärker wurde, schickte man ihn zu Helg, der regle solche Dinge.




Palazzolo erzählt, Helg habe ihn beim ersten Treffen in der Handelskammer mit Gesten angewiesen, das Handy auszuschalten und auf den Tisch zu legen. Dann habe er ihn in einen anderen Raum geführt, um ihm die Bedingungen für eine Fortführung des Vertrags leise zuzuflüstern. «Er sagte zu mir: ‹100'000, oder du bist draussen.› Er sagte gar, mein Leben als Unternehmer würde sonst schnell enden.» Er sei verzweifelt und verängstigt gewesen: «Helg war ein Symbol. Wie konnte ich gegen ihn bestehen?» Doch Palazzolo fasste Mut. Beim vorletzten Treffen nahm er das Gespräch mit Helg auf: 47 Minuten Beweismaterial. Damit er ging zur Polizei.


Geständnis unter Tränen

Und so beschloss man, Helg eine Falle zu stellen. Palazzolo machte einen Termin für die Geldübergabe aus: 30'000 Euro in Cash, 70'000 als Check. Als Helg den Check entgegennahm, traten die Carabinieri ins Büro. Nachdem man ihm dann das aufgenommene Gespräch abgespielt hatte, gestand Helg unter Tränen. Er habe das Geld dringend gebraucht, alles habe er verloren. Bis 2012 betrieb die Familie eine Kette von Geschenkläden, die aber alle eingingen. Unlängst habe man seine Wohnung verpfändet. Palermos Staatsanwaltschaft weitete die Ermittlungen umgehend aus.

Noch schwerer als die juristischen Folgen wiegen in diesem Fall die moralischen und politischen. In Italien wird nun debattiert, ob die Anti-Mafia-Bewegung, die 1992 nach den Mordanschlägen gegen die Richter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone aufkam und zunächst spontan wuchs, mittlerweile von einigen ihrer öffentlichen Figuren als Scheinbühne missbraucht wird.

Rita Borsellino, eine Schwester des ermordeten Richters, sagt es in einem Gespräch mit der Zeitung «La Repubblica» so: «Seien wir ehrlich: Es gibt Leute, die im Schatten der Anti-Mafia-Fahne ihre eigenen Interessen verfolgen.» Mit dem sichtbaren Teil der Bewegung wolle sie deshalb nichts mehr zu tun haben: «Ich habe mich zurückgezogen. Ich gehe nur noch in die Schulen, arbeite mit den Kindern. Sie misstrauen der Politik und den Institutionen, völlig zu Recht.» Zu Wort meldet sich auch Pina Grassi, Witwe von Libero Grassi, den die Mafia 1992 umbrachte, weil er den «pizzo» nicht entrichtete. Sie sagt: «Viele von uns sind auf diesen Helg hereingefallen. Auf seinem Schreibtisch stand ein Foto von Libero – gleich neben dem Umschlag mit den 30'000 Euro.»


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