Montag, 9. März 2015

Der reuige Pate

Der Camorra-Kronzeuge Carmine Schiavone ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Sein Leben ist ein Stück italienische Kriminalgeschichte mit Mafia, Politik und Industrie

...wir haben geschossen, aber die Minister, die Carabinieri, die Richter, die Polizisten tragen mehr Verantwortung als ich, denn sie haben das alles erlaubt« – Carmine Schiavone über Giftmüllhalden in Kampanien 

Nach eigenen Angaben hat er etwa 50 Morde verübt, bei weiteren 400 oder 500 war er an der Planung beteiligt. Nun, am 22. Februar, hat er selbst den Tod gefunden, ganz unspektakulär, im Krankenhaus von Viterbo, etwa 100 Kilometer nördlich von Rom. Gestorben an den Folgen einer Wirbeloperation, die sich als notwendig erwiesen hatte, nachdem er unglücklich vom Dach seines Hauses gestürzt war, wo er seit Jahren mit seiner Frau wohnte – abgeschieden von der Öffentlichkeit und von den örtlichen Carabinieri diskret überwacht.

Die Obduktion des Leichnams, die der Staatsanwalt sofort nach seinem Tod anordnete, ergab keine Auffälligkeiten. Carmine Schiavone, der wohl bestinformierte Kronzeuge über die Machenschaften der Camorra in den Provinzen Neapel und Caserta, war einem Infarkt erlegen, den der langjährige Kettenraucher als Spätfolge des operativen Eingriffs erlitten hatte – trotz aufmerksamer Betreuung durch Ärzte, Krankenpfleger und Familienangehörige.


Ein Mafioso steigt aus

In Italien ging die Nachricht vom Tod Schiavones durch alle großen Zeitungen. »Mit ihm geht eine Epoche zu Ende, er war ein Stück italienischer Kriminalgeschichte«, erklärte ein Staatsanwalt gegenüber der neapolitanischen Tageszeitung Il Mattino. Geboren 1943 in Casal di Principe, im Herzen jener ausgedehnten Ebene nordwestlich von Neapel, die dank ihrer außergewöhnlichen Fruchtbarkeit seit der Antike als »Campania felix«, als glückliche Landschaft, bezeichnet wird, machte er sich in den siebziger und achtziger Jahren im Bandenkrieg gegen die »Nuova Camorra Organizzata« (Neue Organisierte Camorra) verdient, einen neapolitanischen Clan unter der Leitung von Raffaele Cutolo, der sämtliche Camorra-Gruppen Kampaniens unter seiner Führung vereinigen wollte.

Die Clans, die Cutolo feindlich gegenüberstanden und seinen Machtanspruch nicht akzeptierten, schlossen sich zunächst zur »Onorata Fratellanza« (Ehrenwerte Bruderschaft) zusammen und nannten sich in der Folge »Nuova Famiglia« (Neue Familie). Zu dieser »Neuen Familie« gehörte auch der Clan aus Casal di Principe, dem Carmine Schiavone – ungefähr im Alter von 20 Jahren – ewige Treue geschworen hatte.


Am 30 März erscheint der Roman IL BASTARDO - in dem das
Müll-Thema und die mafiösen Entsorgungen eine zentrale
Rolle spielt.


Der Kampf gegen Cutolos »Neue Organisierte Camorra« wurde mit unglaublicher Härte geführt. In den Jahren 1977 bis 1983 kamen an die 1.500 Clanmitglieder bei Mordanschlägen ums Leben. Nach der endgültigen Niederlage der Cutolianer wurde die Macht unter den Mafiaclans über Kampanien – mit fast sechs Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Region Süditaliens – neu verteilt. Die »großen Geschäfte« wurden nun nicht mehr in der Hauptstadt gemacht, sondern in der Provinz, wo die Camorra zunehmend unternehmerisch tätig wurde: bei der Zementherstellung, in der Bauwirtschaft und schließlich bei der Abfallentsorgung. Begünstigt durch staatliche Subventionen, die nach dem Erdbeben im Jahr 1980 reichlich flossen, verschafften sich die Clans der »Campania felix« – allen voran der Clan aus Casal di Principe, die »Casalesi« – in diesen Sektoren eine Monopolstellung, die ihnen bisher ungeahnte Kontrollmöglichkeiten über das gesamte Territorium eröffnete.

Schiavone verkörperte wie kaum ein anderer diesen neuen Typ von Mafioso. Mitglied der »Kuppel«, also der Führungsgruppe des Clans, zuständig für die Verwaltung der Finanzen, besaß er zu Beginn der neunziger Jahre unter anderem eine eigene Betonfirma. Stets in engem Kontakt zu lokalen Politikern, Verwaltungsbeamten und Unternehmern kontrollierten die Casalesi zwei Jahrzehnte lang das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in der Provinz Caserta und im nördlichen Teil der Provinz Neapel fast lückenlos. Renato Natale, ehemaliger kommunistischer Gemeinderat und heute Bürgermeister von Casal di Principe, verglich einmal in einem Interview¹ die Herrschaft der Casalesi in den neunziger Jahren mit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet in Chile.

Warum sich Schiavone 1993 von seinem Clan lossagte und zum »Pentito« wurde – zum »Reuigen«, der sich zur Zusammenarbeit mit den Justizbehörden entschließt –, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. »Ich habe versucht zu vermitteln, als sie begonnen haben, die gesamte Gegend zu vergiften«, erklärte er am 24. August 2013 in einem Fernsehinterview mit dem italienischen Nachrichtensender Sky TG 24. 1993 waren die illegalen Giftmülltransporte aus dem Norden bereits in vollem Gang. »In den besten Zeiten«, berichtete ein casertanischer Müllunternehmer vor dem Untersuchungsrichter, »nahm ein Vertreter der Casalesi pro Tag 70 bis 80 Lastwagenzüge in Empfang. Der Stau der Transportfahrzeuge, die vor seiner Müllhalde Schlange standen, war dann eineinhalb Kilometer lang. In dieser Deponie starben sogar die Mäuse.«




Der Preis, den Schiavone für seine »Reue« zahlen musste, war hoch. Die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er unter falschem Namen an unbekanntem Ort, der Clan trachtete ihm nach dem Leben, und von seinen sieben Kindern brachen fünf den Kontakt zu ihm ab. »Mein Vater ist infam«, soll eine seiner Töchter geschrieben haben, »er ist falsch, er lügt, er ist böse und heuchlerisch und hat seine Niederlagen verkauft. Eine Bestie.«

Schiavone galt als zuverlässiger Kronzeuge. Seinen präzisen Angaben war es zu verdanken, dass die führenden Bosse der Casalesi 2005 in einem großangelegten Strafprozess, dem »Processo Spartacus«, zu lebenslanger Haft verurteilt werden konnten. Die italienischen Medien berichteten zunächst kaum über dieses Verfahren, obwohl es sich dabei um einen der größten Mafiaprozesse der italienischen Justizgeschichte handelte. Erst nach Erscheinen von Roberto Savianos Roman »Gomorrha« im Jahr 2006 wurde die Öffentlichkeit auf die Machenschaften des Clans aus Casal di Principe aufmerksam – zu einem Zeitpunkt, als die meisten Bosse, die dem Clan zu seiner Macht verholfen hatten, schon längst hinter Schloss und Riegel saßen.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Schiavone jedoch erst im Sommer 2013 bekannt, als sein Kronzeugenschutzprogramm auslief. Von diesem Zeitpunkt an lebte er zwar weiter unter falschem Namen und mit unbekanntem Wohnsitz, aber er konnte sich nun frei bewegen, ohne Einschränkungen durch richterliche Verfügungen. Er wurde bald zum gern gesehenen Gast diverser Fernsehshows, berichtete von Kisten mit radioaktivem Material aus Deutschland, die am Stadtrand von Casal di Principe in einer Tiefe von 25 Metern irgendwo vergraben lägen und schockte sein Publikum mit Ankündigungen, denen zufolge in den nächsten 20 Jahren alle Einwohner in und um Casal di Principe an Krebs sterben würden. »Was noch alles herauskommen wird«, erklärte er am 3. September 2013 in einem Interview mit dem lokalen Fernsehsender Lunaset, »dagegen wird Gomorrha harmlos wie Aschenputtel sein«.

Die Warnungen des gealterten Kronzeugen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Verseuchung der Campania felix mit teils giftigem Industriemüll – jahrzehntelang von den Medien mehr oder weniger totgeschwiegen – wurde plötzlich zu einem Hauptthema in der italienischen Presse und im Fernsehen. Im November 2013 kam es in Neapel zu einer großangelegten Kundgebung, die sich erstmals explizit gegen diese Verseuchung richtete. Und im Dezember desselben Jahres, vier Monate nach Schiavones erstem Fernsehauftritt, beschloss die damalige italienische Regierung unter Enrico Letta ein Gesetzesdekret, mit dem »die nationalen Institutionen«, wie es in einer Erklärung des Regierungschefs hieß, »zum ersten Mal auf die Notsituation im Feuerland reagieren, mit einer Antwort ohne Beispiel in der Vergangenheit, wirksam und deutlich«.

»Feuerland« (Terra dei fuochi), das ist der Titel des letzten Kapitels in Savianos Roman »Gomorrha«. Unter »Feuerland« versteht man heute einen ausgedehnten Landstrich im Norden von Neapel, mit einer Fläche von mehr als 1.000 Quadratkilometern, auf der in 57 Gemeinden etwa zweieinhalb Millionen Menschen leben. Zurzeit, als Schiavone zum »Pentito« wurde, assoziierte man in Italien mit »Feuerland« bestenfalls eine Inselgruppe an der südlichen Spitze Südamerikas. 

Der Fluss Volturno, der sich durch die weite Ebene der Campania felix schlängelt, war auf Grund seines Fischreichtums ein beliebtes Ausflugsziel für Hobbyangler, und von den dunklen, giftigen Rauchsäulen, die heute allzu oft in den Abendhimmel aufsteigen, war damals noch weit und breit nichts zu sehen. Der Müll, der seit dem Ende der achtziger Jahre aus ganz Italien und auch aus dem Ausland illegal angeliefert wurde, verschwand noch unter der Erde, in den Steinbrüchen, im Fundament von Straßen und Gebäuden, in den legalen oder illegalen Deponien, die von den Casalesi direkt oder indirekt verwaltet wurden.

Erst nach der Jahrtausendwende, als die Müllhalden die Millionen Tonnen an illegal entsorgten Industrieabfällen nicht mehr aufnehmen konnten und der Ermittlungsdruck von Seiten mutiger Untersuchungsrichter stärker wurde, begann der Clan damit, diese Industrieabfälle direkt in der Landschaft aufzustapeln und in Brand zu stecken.


Millionen Tonnen Industrieabfälle

Der Grund, aus dem Schiavone nach Ablauf des Kronzeugenschutzprogamms, also ab Sommer 2013, in Italien zum Fernsehstar avancierte und keine Gelegenheit ausließ, vor den möglicherweise katastrophalen Spätfolgen der illegalen Giftmülltransporte zu warnen, ist seiner Version nach denkbar einfach: Man hatte ihm vorher kein Gehör geschenkt. Während seine Aussagen über Struktur und Machenschaften des Clans der Casalesi bei den Ermittlern durchaus Beachtung fanden und schließlich zur lebenslangen Verurteilung der wichtigsten Vertreter führten, stießen seine Hinweise zur systematischen Vergiftung der Landschaft auf taube Ohren.

Oder besser: Sie drangen nicht an die Öffentlichkeit. Schiavone fühlte sich, wie er später mehrfach im Fernsehen erklärte, sogar vom italienischen Geheimdienst bedroht, wenn er über die Giftmülltransporte sprechen wollte. Schließlich war er es gewesen, der gemeinsam mit seinen Clankomplizen, aber auch mit einflussreichen Vertretern aus Industrie und Politik das System der illegalen Abfallentsorgung perfektioniert und damit ganz wesentlich zur Degradierung weiter Teile Kampaniens zur Giftmüllhalde Italiens, wenn nicht gar Europas, beigetragen hatte.

Fest steht jedenfalls, dass Schiavone am 7. Oktober 1997 vor der »Parlamentarischen Untersuchungskommission zum Abfallzyklus und den damit verbundenen illegalen Aktivitäten« in Rom aussagte und dass er dort die Organisation der illegalen Abfallentsorgung detailliert beschrieb. Die Müllhalden der Casalesi sind dabei nur der Endpunkt eines weit verzweigten Systems, an dem käufliche Regionalpolitiker ebenso ihren Anteil hatten wie ligurische Transportunternehmer, der Chef der illegalen Freimaurerloge »Propaganda Due« (die auch Silvio Berlusconi zu ihren Mitgliedern zählte) ebenso wie »kulturelle Zirkel in ganz Italien und anderswo in Europa«. Das Protokoll der Befragung sollte ursprünglich bis 2020 geheimgehalten werden. Erst nach den Fernsehauftritten des reuigen Camorra-Bosses wurde es von der Vorsitzenden der italienischen Abgeordnetenkammer für die Öffentlichkeit freigegeben.

Die Geheimhaltung solcher Protokolle ist eine weit verbreitete und durchaus legitime Praxis, die den Zweck hat, weitere Ermittlungen nicht zu gefährden. Im Fall der illegalen Mülltransporte blieben die jedoch aus, oder besser: Sie wurden auch ferner geheim gehalten. In der breiten Öffentlichkeit wurde das Ausmaß dieser Transporte (nach Schätzungen der italienischen Umweltorganisation Legambiente an die 30 Millionen Tonnen Industrieabfälle in zwei Jahrzehnten) erst viel später bekannt: in den Jahren 2007/2008, als sich in den Straßen Neapels der Stadtmüll auftürmte und als man sich zu fragen begann, warum die dafür vorgesehenen Halden im Umland ihn nicht mehr aufnehmen konnten.

Und dann gab es da noch ein Geldproblem. Nach Schätzungen aus dem Jahr 1997 hätte die Generalsanierung der verseuchten Gebiete etwa 26 Billionen Lire (damals etwa 13 Milliarden Euro) gekostet. »Wir haben die Dokumente«, soll der Vorsitzende der Kommission damals zu Schiavone gesagt haben, »wir haben die Gutachten, wir haben alles, was wir brauchen, aber wo treiben wir 26 Billionen auf? Und was noch schwerer wiegt: Wohin bringen wir das ganze Zeug?«

Vielleicht noch aufschlussreicher als das Protokoll zur Befragung Schiavones ist ein Dokument, das dieselbe parlamentarische Kommission im November 2000 herausbrachte. Dort ist von zirka 60 Millionen Tonnen Sondermüll die Rede, die Italien im Jahr 1997 produzierte. Davon wurden jedoch nur 45,7 Millionen regulär entsorgt, während der Rest (also fast ein Viertel) irgendwo verschwand. Als Hauptablagerungsplatz für diesen illegal entsorgten Müll wird die Region Kampanien angegeben.

Es handelt sich also – und das wird in diesem Dokument aus dem Jahr 2000 erstmals in aller Deutlichkeit gesagt – bei der Verseuchung Kampaniens mit illegal entsorgtem Giftmüll im Grunde nicht um ein regionales Problem, nicht um die alleinige Verantwortung eines besonders skrupellos agierenden Mafiaclans aus der Provinz Caserta, sondern um ein Strukturproblem der italienischen Industrie, die in der Möglichkeit zur illegalen Abfallentsorgung ein willkommenes Mittel sieht, im härter werdenden Konkurrenzkampf die Kosten zu senken. In den Jahren, als man in Rom um die Mitgliedschaft in der Euro-Zone kämpfen musste, betrachtete der italienische Staat diese Möglichkeit durchaus wohlwollend und ergriff daher keinerlei Maßnahmen, die die Mülltransporte – und damit die ökologische Zerstörung weiter Landstriche – eingedämmt oder gar verhindert hätten.

Diese Zusammenhänge konnte Schiavone, als er 1993 zum »Pentito« wurde, noch nicht sehen. Aber auch in seinen diversen Fernsehauftritten in den letzten eineinhalb Jahren seines Lebens kam immer wieder ein starkes Ressentiment gegen staatliche Stellen zum Ausdruck: »Es stimmt, wir haben geschossen, aber die Minister, die Carabinieri, die Richter, die Polizisten tragen mehr Verantwortung als ich, denn sie haben das alles erlaubt. Ich bereue, dass ich bereut habe, und wenn ich 20 Jahre zurückgehen könnte, würde ich es nicht mehr tun.«


Verseuchte Gebiete

Als die Nachricht vom Ableben Schiavones in den Zeitungen erschien, klang in vielen Berichten eine gewisse Erleichterung heraus. Nicht selten entstand der Eindruck, man wolle mit dem Tod des Camorra-Kronzeugen nicht nur ein Stück italienischer Kriminal-, sondern auch ein Stück italienischer Industriegeschichte endgültig hinter sich lassen. Immer wieder wurden die teils übertriebenen, teils unbestätigten Äußerungen des Kronzeugen angeführt. Nur selten kam der Hinweis, dass sich das System der illegalen Müllentsorgung, wie es von Schiavone und seinen Komplizen gegen Ende der achtziger Jahre erstmals in großem Maßstab eingeführt wurde, mittlerweile auf ganz Italien ausgedehnt hat: Hochgiftige Substanzen hat man in den Tunnelanlagen Kalabriens ebenso gefunden wie unter den Autobahnen der Lombardei.

Im »Feuerland« lautet heute die Devise, die entstandenen ökologischen Schäden nach Möglichkeit herunterzuspielen, um die landwirtschaftliche Produktion in dieser Gegend nicht weiter zu gefährden. Bodenanalysen, wie sie im Gesetzesdekret vom Dezember 2013 vorgesehen sind, wurden bisher nur in sehr geringem Ausmaß durchgeführt – von den insgesamt 43 Hektar, die untersucht wurden, erschienen allerdings nur 15, also gut ein Drittel, für die Produktion von Nahrungsmitteln als unbedenklich. In Norditalien beginnen Lebensmittelhersteller von der Krise der kampanischen Landwirtschaft zu profitieren. Mozzarella, der kampanische Edelkäse par excellence, wird nun auch in der Gegend von Venedig hergestellt, und der norditalienische Tomatenproduzent Pomì wirbt für seine Produkte mit dem Slogan »Nur von hier«, also aus der Po-Ebene.

Gelder für die Sanierung der giftverseuchten Gebiete, wie sie im Gesetzesdekret vorgesehen waren, sind bis jetzt noch nicht eingegangen. Angesichts der hohen Verschuldung und der damit verbundenen Sparmaßnahmen scheint es auch unwahrscheinlich, dass der italienische Staat in näherer Zukunft größere Summen für die ökologische Sanierung der Campania felix ausgeben wird. Eine solche Investition wäre auch nicht unproblematisch, denn es besteht die Gefahr, dass dieselben – von der Camorra direkt oder indirekt kontrollierten – Entsorgungsfirmen, die von der Verseuchung der Gegend mit Giftmüll profitiert haben, nun an dessen Beseitigung verdienen könnten.


Und nach langen Jahren der Krise, in der die Schattenwirtschaft – im Süden wie im Norden Italiens – bisher unbekannte Ausmaße angenommen hat, besteht der Bedarf nach illegaler Müllentsorgung natürlich weiter. Das System, dessen verheerende Auswirkungen Carmine Schiavone zum »Reuigen« machte, hat seinen Mitbegründer überlebt.
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