Dienstag, 10. März 2015

Antimafia verliert wieder an Glaubwürdigkeit

Der Flughafen von Palermo ist nach den Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino benannt. Als die Cosa Nostra beide im Jahr 1992 ermordete, war das auch der Beginn der Auflehnung eines Teils der sizilianischen Zivilgesellschaft gegen die Mafia. Vereinigungen wie die Anti-Schutzgeld-Organisation "Addiopizzo" in Palermo oder "Libera" wurden denkbar.

Wer sich öffentlich auf die Seite der Mafia-Opfer und der mutigen Bürger schlug, die dem Organisierten Verbrechen die Stirn boten, stand auf der Seite der Legalität. Diese Gleichung gilt heute nur noch bedingt. Mehrere Beispiele für den Missbrauch der Antimafia-Bewegung rüttelten zuletzt die italienische Öffentlichkeit auf. Die Antimafia-Kommission des Parlaments in Rom ermittelt.

Roberto Helg


Für den Fall Antonello Montante interessiert sich auch die Staatsanwaltschaft. Montante ist Präsident des sizilianischen Ablegers des Industriellenverbandes Confindustria. Die Vereinigung machte vor Jahren bereits von sich Reden. Sie kündigte an, Unternehmer auszuschließen, die es unterließen, Erpressungsversuche durch die Mafia der Polizei zu melden. Montante galt als einer der Paladine im Kampf gegen die Schutzgelderpressung, bis ihn vor kurzem fünf Kronzeugen der Cosa Nostra anschwärzten.


Rita Borsellino, Schwester des ermordeten Staatsanwalts.


Der Manager soll regen Umgang mit lokalen Bossen gehabt haben. Ob die Vorwürfe wirklich zutreffen oder die Justizkollaborateure ihn aus anderen Motiven heraus beschuldigten, müssen die Ermittler noch herausfinden. Fest steht, dass die Antimafia-Bewegung ihre Unschuld verloren hat. "Leider gibt es Leute, die im Schatten der Antimafia-Bewegung ihre eigenen Interessen verfolgen", sagt Rita Borsellino, Schwester des ermordeten Staatsanwalts.


Der zivile Kampf gegen die Mafia ist an einem Wendepunkt angelangt. Das zeigt auch der Fall des ehemaligen Präsidenten der Handelskammer von Palermo. Der 79 Jahre alte Roberto Helg wurde auf frischer Tat ertappt, als er vor Tagen einen Scheck in Höhe von 70.000 Euro entgegennahm. Als Vizepräsident einer Gesellschaft, die Ladenkonzessionen erteilt, hatte er einen Konditor erpresst, der seinen Mietvertrag verlängern wollte. Ein Kuvert mit 30.000 Euro lag bei der Festnahme durch die Carabinieri noch auf dem Tisch. "100.000 - oder du bist raus", soll Helg gesagt haben, der bei keiner Antimafia-Veranstaltung in Palermo fehlte und als Kämpfer gegen die Cosa Nostra galt.

Helg warb öffentlich dafür, den Kampf gegen das Schutzgeld voranzubringen. Stattdessen kopierte er die Methoden der Verbrecher. Der Laden des Konditors, um den es bei der Erpressung ging, liegt ausgerechnet auf dem nach den beiden Antimafia-Helden Falcone und Borsellino benannten Flughafen von Palermo.