Samstag, 21. März 2015

Wo die Mafia jede Nacht Giftmüll verbrennt

Die "Terra dei Fuochi", das "Land der Feuer", liegt nördlich von Neapel. Jede Nacht verbrennt die Mafia hier Giftmüll. Die Krebsrate ist deswegen viermal so hoch wie anderswo. Jetzt kommt der Papst.

Der Himmel über der Region Kampanien ist unschuldig blau an diesem Märztag. Die Augen von Anna Magri strahlen in derselben Farbe. Doch immer wieder füllen sie sich mit Tränen, die sie beherrscht am Augenlid abbremst, während sie von ihrem Sohn Riccardo erzählt. Vor fünf Jahren ist er an einer selten aggressiven Form von Leukämie gestorben. Anna ist überzeugt, dass eine schleichende Umweltkatastrophe in ihrem Heimatort Schuld an Riccardos Tod hat.



Sie lebt in Caivano, nördlich von Neapel im Herzen der "Terra dei Fuochi" gelegen, dem "Land der Feuer". Den Namen verdankt die Gegend großen Feuern, die nachts entlang der Provinzstraßen brennen. Vordergründig verbrennt hier Hausmüll, doch darunter gehen hochgiftige Industrieabfälle in Flammen auf. Toxischer und radioaktiver Schlick aus ganz Italien und Nordeuropa werden in Feldern und Flüssen verklappt. Ein illegales Milliardenbusiness, das die hier ansässigen Clans der neapolitanischen Mafiaorganisation Camorra in 30 Jahren steinreich machte.

Ein gigantisches Umweltverbrechen, so verheerend, dass "hier alle in 20 Jahren an Krebs sterben werden", wie der frühere Camorra-Boss wie Carmine Schavione schon in den 90er Jahren auspackte. Schavione war der Topmanager des Casalesi-Clans.,


Forscher sprechen vom "Dreieck des Todes"

In der Tat ist die Krebsrate in der Gegend mehr als dreimal so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Die Feuer setzen ätzende Dioxinwolken frei, das Grundwasser ist verseucht, Schwermetalle und Gift sind im Erdreich versickert, auf dem Tomaten und Pfirsiche wachsen. Ein Forscher sprach vom "Dreieck des Todes" zwischen Neapel, der nördlich davon gelegenen Kleinstadt Caserta und Nola im Osten.


Die Gegend ist ein dicht besiedelter Großraum: Mehr als eine halbe Million Menschen leben hier. Zu Weltruhm kam sie, als der Journalist Roberto Saviano sie 2006 in seinem Roman "Gomorrha" die Machenschaften der Casalesi beschrieb. Saviano stammt selbst aus Casal di Principe. Die Camorra wollte ihn daraufhin mit einer Autobombe töten. Saviano, damals erst 26 Jahre alt, musste abtauchen, lebt seither unter Personenschutz. Nun rückt Neapel in den Fokus der Medien, weil Papst Franziskus die Stadt am Samstag besuchen wird. Im Mafiaviertel Scampia will er ein Zeichen gegen die Camorra setzen – und so den Widerstand der Bürger gegen die Mafiosi stärken.

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Im Jahr werden 300.000 Tonnen Gift vergraben

Nachts kommen dann die Lkw aus dem Norden, wo illegale Entsorgungsfirmen für Sondermüll der Industrie ihren giftigen Dreck mit bis zu 80-prozentigen Rabatten abnehmen – in der Krise oft lebensrettend. Schätzungen ergaben, dass es im Jahr etwa 3500 Mal nachts brennt und 300.000 Tonnen Gift vergraben werden. Eine Sanierung dürfte nach Schätzungen 50 bis 60 Jahre dauern. Ein Drittel der Böden dürfen nicht mehr bebaut werden. Aber überall gibt es neue Plantagen.

Eine der über 200 Deponien für Hausmüll, die beim Müllnotstand in Neapel von 2007 im Eiltempo überall angelegt wurden, ist von einem einfachen Drahtzaun abgegrenzt. Dahinter huschen riesige Ratten entlang, die "auch Menschen angreifen". Im nahen Giuliano liegt Resit, eine der größten Deponien Europas. Dort droht eine Katastrophe, wenn der Schlick in die Erde sackt.