Mittwoch, 25. Dezember 2013

...das Gute ist, dass sie sich gegenseitig umlegen

"In die Camorra kommt man leicht rein, aber nur schwer wieder raus" - das weiß in Neapel jedes Kind. Die Zustände in der Stadt mit Prostitution, Drogenhandel und Schutzgelderpressung sind für Kinder Alltag. Eine Meinung haben sie dennoch dazu.

Wer in Neapel geboren wird und aufwächst, hat alles andere als eine rosige Zukunft vor sich. Die Stadt gehört zu den ärmsten Städten Europas. Neapels Kinder zahlen einen hohen Preis für diese Tatsache. Sie wachsen in zunehmender Verelendung auf, Kinderarbeit ist an der Tagesordnung, der Müll türmt sich in den Straßen. Und dann ist da noch die napolitanische Mafia, die Camorra.





In den engen heruntergekommenen Häuserschluchten gelten ganz eigene Gesetze, am Ende läuft es immer auf Armut oder Verbrechen oder auf beides hinaus. In dieser Welt arbeitet der Pfarrer Don Luigi Merola. Neapel war auch die Heimat des Lehrers Marcello D'Orta, der seit Jahren seine Schulkinder nach ihren Lebensumständen fragte und ihre Aussagen in Büchern veröffentlichte. D'Orta starb erst Mitte November 60-jährig an Krebs. In Don Merola fand D'Orta einen engagierten Unterstützer.

Als ein Camorra-Boss seine 550-Quadratmeter-Villa im Stadtteil Arenaccia verlor, weil der Arm des Gesetzes doch überraschend zuschlug, zog Don Merola dort mit seiner Stiftung "Die Stimme der Kinder" ein. Nun gibt es dort Tanzkurse, Lesekreise, Gitarrenunterricht und Informatikstunden. Vor allem aber gibt es Menschen, die den Kindern und Jugendlichen zuhören, die Schulschwänzer ermutigen, weiter zu lernen, um dem napolitanischen Kreislauf der Armut zu entkommen.

Don Merola und seine Mitstreiter bestärken die Kinder seit Jahren, ihre Gedanken über das Leben in Neapel aufzuschreiben. Mit der Zeit haben sich viele Aufsätze, Erzählungen oder auch nur Gesprächsnotizen angesammelt, die nun, ergänzt durch Aufzeichnungen aus anderen Stadtvierteln, unter dem Titel "Das Gute an der Mafia ist, dass sie sich gegenseitig umlegen" erschienen sind.


Keine Illusionen über nichts

Die Texte der Jungen und Mädchen zwischen 6 und 16 Jahren offenbaren eine abgeklärte Sicht auf ihre Welt. So schreibt ein Kind: "In die Camorra kommt man leicht rein, aber nur schwer wieder raus." Und etwas später: "Wenn eine Frau abends im Fernsehen einen Film über die Camorra sieht und ihr Ehemann dazugehört, darf sie keinen Mucks sagen." Auch die Anwerbemethoden der Mafia sind für die Kinder durchschaubar. Die Schulen seien so heruntergekommen und kaputt, dass die Kinder nicht mehr hingehen und sich auf den Straßen herumtreiben. Dann kommt die Camorra und fragt, willst du Geld verdienen? "Und so wird das Kind nach und nach zu einem Moschillo, einem kleinen Drogenkurier."

Über den Charakter der Camorra herrschen schon unter den Kindern keine Illusionen. "Die Camorra  ist eine neapolitanische kriminalistische Organisation, deren Sinn und Zweck es ist, andere auszubeuten, so dass sie heulen vor Verzweiflung." Selbst der Zahlung von Schutzgeld können die jungen Napolitaner etwas Positives abgewinnen und wenn es nur die Tatsache ist, dass dadurch nicht mehr gestohlen wird. Ein Entrinnen gibt es sowieso nicht. "Wenn der heilige Josef hier in Neapel eine Schreinerei hätte, würden sie selbst von ihm Schutzgeld verlangen."

Es gibt kaum ein Erwachsenenthema, zu dem die Kinder keine Meinung haben. Wie ist es also mit der Arbeitslosigkeit? "Mit Arbeitslosigkeit kenne ich mich gut aus. Bei mir zu Hause sind alle früher oder später arbeitslos geworden." Und was fällt ihnen zum Thema Prostitution ein? "Wenn wir samstagsabends Pizza essen gehen, müssen wir immer einen Bürgersteig mit Prostituierten überqueren. Wenn man da nur kurz stehen bleibt, um sich den Schuh zu binden, wird man gleich für eine von ihnen gehalten."

Keine Seite der wenig glänzenden Realität Neapels ist den Kindern fremd. Über sein Stadtviertel schreibt ein Kind: "Da ist nur Müll und ein Gewirr von überbevölkerten Häusern." Hier mischen sich Fatalismus mit Pragmatismus, Hoffnungen und Träume der Kinder sind so eng mit den drastischen Zuständen in ihrer Stadt verbunden, dass man sich beim Lesen wundert, mit welcher Fröhlichkeit und Gelassenheit sie diesen schwierigen Alltag meistern.

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