Dienstag, 17. Dezember 2013

Sie werden mich töten! ...Von der Mafia gejagt!

Er war Chef eines mächtigen ’Ndrangheta-Clans. Dann wechselte Luigi Bonaventura die Seite: Er begab sich in den Schutz des italienischen Staates, ließ sich verstecken – und packte aus. Nun haben seine Feinde ihn aufgespürt. Ein letztes Treffen mit einem Mann, der dringend verschwinden muss.

Sieht so ein Kämpfer aus? Luigi Bonaventuras Blick kommt meist von unten, in sich zusammengesunken sitzt er am Esstisch seines spärlich möblierten Apartments. Blass ist er, zwei tiefe Falten laufen von seiner Nase zu den Mundwinkeln. Die Ärmel seines Hemds sind hochgekrempelt, hin und wieder streicht er sich über den Oberarm, der mal muskulös gewesen sein muss. Dann wird eine Tätowierung sichtbar, ein Phönix, der aus der Asche aufsteigt. Und Narben. Das waren mal Einschusslöcher.

Früher gaben Waffen diesem Mann Macht. Eine Smith & Wesson, Kaliber 357, sechs Schuss, besonders durchschlagkräftige Patronen. Sein Onkel Gianni Vrenna, damals der Boss, hatte sie ihm geschenkt. Luigi Bonaventura trug den Revolver stets bei sich. Oder auch seine Halbautomatische, ein nicht ganz so häufiges Modell des italienischen Waffenbauers Giuseppe Tanfoglio, Kaliber 9 × 21. Damit fielen im Dezember 1991 die Startschüsse zu seiner Karriere als Mafioso – am Hafen von Crotone, seiner Heimatstadt im Süden von Kalabrien.






Der damals 20-jährige Luigi sollte zeigen, dass er den Mut für gefährliche Aufgaben hat und das Zeug für höhere Funktionen in der ’Ndrangheta. Ein Schuss ins Gesicht des Gegners, zwei in die Brust, zwei in die Schläfe. Eine Kugel blieb im Revolver für den Fall, dass er sich den Weg frei schießen müsste. Sein Widersacher war sofort tot, seine Laufbahn geebnet. Bereits ein Jahr zuvor hatte er bei einem von ihm selbst geplanten Dreifachmord seinem Killerteam den Rücken frei gehalten. Drei Rivalen ließen auf der zentralen Piazza Pitagora in Santa Severina bei Crotone ihr Leben. 

So verschaffte sich Bonaventura schon als Teenager Achtung.
Er will keine Gnade – auch heute nicht, gebeugt wie von einer schweren Last mit nur 41 Jahren, nach denen alles hinter ihm liegt: sein Leben als Chef des Mafia-Clans Vrenna-Bonaventura, als wichtigster ’Ndrangheta-Mann in Crotone, für den andere die blutigen Jobs erledigten. Sein Reichtum, das große Haus, die teuren Autos, die elegant gekleidete Familie. Um derentwillen machte er vor sechs Jahren Schluss. „Ich musste es tun. Sonst hätte mein Sohn später gemordet. Oder würde ermordet werden. Das wollte ich nicht“, sagt er und kratzt sich am Oberarm.

Im Jahr 2007 ging Luigi Bonaventura zur Staatsanwaltschaft und packte aus. Für die Familie – gegen die Mafia und sich selbst. Der Staat sicherte ihm als Kronzeugen Schutz zu und brachte ihn samt Frau und Kindern hierher: in eine andere Stadt, die nicht genannt werden soll, in einen anonymen Wohnblock mit einem falschen Namen am Klingelschild. In das Apartment, in dem er nun an diesem kargen Esstisch sitzt. Alles vergeblich. Denn die alten Mafia-Feinde haben ihn unlängst aufgespürt. Er hat sie gesehen. Sie werden ihn hier töten, wenn er nicht bald ganz von der Bildfläche verschwindet.

Weil ihm dabei der Staat jetzt die Hilfe versagt, hat Bonaventura einen Reporter eingeladen: den Autor dieser Geschichte. Und einen Anwalt, der für ihn gegen den italienischen Staat klagen will. Ein letzter Versuch. Es geht ihm nicht um Gnade, er will seine Beschützer bloß noch einmal an die Spielregeln erinnern: Aussagen gegen Zeugenschutz, das war der Deal. „Verstehst du, was ich meine?“, fragt er immer wieder.
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