Freitag, 21. März 2014

Seht her, das passiert in Sizlien

ein eindrückliches Interview mit Letizia Battaglia mit der SZ

Die sizilianische Fotografin Letizia Battaglia ist das schlechte Gewissen der Mafia. Den Kampf gegen das Verbrechersyndikat sieht sie als verloren an.

Über Jahre hat Letizia Battaglia die Morde der organisierten Kriminalität dokumentiert, indem sie als Erste zum Tatort eilte und die Toten fotografierte. So verlieh sie der Brutalität ein Gesicht. Im Gegenzug diffamierte man sie und bedrohte sie mit dem Tod. An diesem Samstag erhält die 72-Jährige den Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie, eine der wichtigsten Auszeichnungen, die auf diesem Gebiet in Deutschland zu vergeben ist.

SZ: Signora Battaglia, was empfindet man, wenn man Opfer einer Hinrichtung fotografiert?

Battaglia: Oh Gott, ich weiß es nicht. Mein Partner und ich, wir haben damals in einer unglaublichen Geschwindigkeit gelebt, wir haben gearbeitet bis zur totalen Erschöpfung, waren in jeder Sekunde aufmerksam. Es gab fast täglich Mafiatote Anfang der Achtziger, und wir mussten schneller sein als die Carabinieri. Wir haben den Polizeifunk abgehört, was natürlich illegal war. Am Tatort habe ich mir oft die Frage nach dem "Warum" gestellt. Das tut man sofort, wenn man jemanden dort liegen sieht, der nicht mehr atmet. Aber es gab nie eine Antwort. Also habe ich gelitten, draufgehalten, abgedrückt, gekotzt, wieder gelitten, wieder draufgehalten. Nach dem Termin kam die Angst. Es gab Drohungen, anonyme Anrufe.

SZ: Wie beurteilen Sie diese Form der Fotografie? Ist es Kunst oder doch eher Politik?





Battaglia: Also Kunst ist es definitiv nicht. Dieses Thema haben andere nachträglich auf den Tisch gebracht. Ich habe es eher als meine Pflicht betrachtet. Die Dokumentationspflicht einer Rastlosen, die über den Journalismus zur Fotografie kam. Ich habe die Bilder auf der Straße ausgestellt. Um den Menschen zu zeigen: Seht her, das passiert auf eurer Insel! Die Fotos wurden also zwangsläufig politisch. Was die Qualität angeht und die Komposition, die heute so oft gelobt wird: Wenn man von Polizisten bedrängt wird und im Hintergrund Angehörige weinen, denkt man nicht an die Komposition. Aber bei hundert Fotos vom selben Ort ist zwangsläufig auch ein gutes dabei.

SZ: Sie erhalten den Erich-Salomon-Preis für Ihr Lebenswerk. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?

Battaglia: Ehrlich gesagt bin ich etwas verwundert, wenn ich so einen Preis erhalte, weil es doch so viele hervorragende Fotografen auf der Welt gibt. Und in Italien kräht wirklich kein Hahn mehr nach mir. Ich bin vielen Italienern peinlich. Vielleicht, weil ich in meinem Kampf gegen die Mafia immer so absolut war, was sehr unitalienisch ist. Und weil die Mafia heute wieder totgeschwiegen wird. So erkläre ich mir zumindest, dass ich seit knapp 20 Jahren keinen einzigen Auftrag mehr aus Italien erhalten habe. Ich darf dort nicht einmal mehr den Sternenhimmel für ein Lokalblatt fotografieren.

SZ: Sie gelten vielen als Nestbeschmutzerin, mit einem Ihrer Bilder konnte man Ministerpräsident Giulio Andreotti sogar vor Gericht Mafia-Verbindungen nachweisen. Verurteilt wurde er trotzdem nicht. Schmerzen Sie solche Niederlagen heute?

Battaglia: Oh, nein, das war keine Niederlage! Eine Verjährung ist kein Freispruch. Es schmälert seine Bilanz doch erheblich. In jedes Geschichtsbuch darf man heute schreiben: Andreotti hatte Verbindungen zur Mafia.

SZ: Sie selbst haben oft gesagt, dass der Kampf gegen die Mafia verloren ist.

Battaglia: Oh ja, fürs Erste haben wir verloren. Auf ganzer Linie sogar. Das gilt besonders für mich persönlich. Ich will heute vom Kampf nichts mehr wissen. Ich bin 72 - zu alt, um noch einmal eine Veränderung zum Positiven in Italien zu erleben. Das macht mich oft traurig.

SZ: Und die Gründe für die Niederlage?

Battaglia: Die modernen Werte sind Geld, Macht und Erfolg. Sie haben alles andere zurückgedrängt, vor allem die Solidarität. Was die Menschen haben wollen, das nehmen sie sich leider. In Palermo etwa hat gerade der große Mafia-Gegner Leoluca Orlando die Bürgermeisterwahlen verloren, weil sich die Gegenpartei in letzter Sekunde die Stimmen zusammenkaufte. Aber das ist kein Grund für Resignation, Dinge ändern sich auch wieder. Irgendwann wird der Richtige gewinnen.

SZ: Ihre Bilder sind dafür bekannt, dass sie den Betrachter nie schonen. Eignen sich derartige Fotos heute überhaupt noch dazu, die Menschen wachzurütteln?

Battaglia: Ja, ich denke es funktioniert noch immer. Gewalt, Elend und Schmerz berühren uns unmittelbar. Das hoffe ich doch zumindest sehr.

SZ: Wenn Sie heute die moderne Mafia darstellen sollten, was wäre Ihr Motiv?

Battaglia: Die Mafia heute, das ist Hochfinanz. Politiker, Wirtschaftsbosse. Feine Herren, die möglicherweise für das poetische Kino schwärmen. Sie morden im Verborgenen. Keine Polizisten, Staatsanwälte oder Journalisten, das brächte zu viel Aufmerksamkeit. Es wäre also schwer, diese neue Mafia im Bild festzuhalten.

SZ: Wie sieht der wirksame Kampf gegen die Mafia heute aus? Ein Buch schreiben wie Roberto Saviano, der in "Gomorrha" das System der Camorra offenlegte?

Battaglia Das ist ein sehr wichtiges Buch. Es ist notwendig, über die Mafia zu reden, sie nicht totzuschweigen. Sie ist ein Problem, das alle angeht, das haben auch die grausamen Morde von Duisburg gezeigt. Und Italien braucht Unterstützung bei diesem Kampf. Es ist unglaublich, dass die EU duldet, dass ein so modernes Land vom Verbrechen durchsetzt ist.

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