Mittwoch, 26. März 2014

US-Behörde hat mit Mafia-Kartell in Mexiko kooperiert

Eine mexikanische Zeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA: Deren Fahnder sollen mit dem berüchtigten Sinaloa-Kartell zusammengearbeitet haben. Für Informationen über rivalisierende Mafia-Gruppen boten sie angeblich Straffreiheit an.


Anti-Drogen-Behörde DEA: Fahnder führen einen mutmaßlichen Drogenkurier ab. US-Ministerien und Regierungsbehörden sollen laut einer mexikanischen Zeitung mehrere Jahre lang gemeinsame Sache mit dem berüchtigten Sinaloa-Kartell gemacht haben.



US-Ministerien und Regierungsbehörden haben im Kampf gegen die Drogenmafia laut einem Zeitungsbericht zu fragwürdigen Methoden gegriffen. Recherchen des mexikanischen "El Universal" zufolge sollen sie mehrere Jahre lang gemeinsame Sache mit dem größten und mächtigsten Drogenkartell gemacht haben, um so an Informationen über rivalisierende Mafia-Gruppen zu gelangen.

Die Zeitung berichtet in einem zehn Seiten langen Artikel von Anfang Januar detailliert darüber, wie sich von 2000 bis 2012 Mitarbeiter der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde DEA und des US-Justizministeriums mehrfach mit hochrangigen Mitgliedern des Sinaloa-Kartells getroffen hätten. Im Gegenzug für Informationen über die konkurrierenden Kartelle stellten die Agenten und Regierungsbeamte Straferleichterungen oder das Fallenlassen von Anklagen gegen Informanten in den Vereinigten Staaten in Aussicht.


Die Strategie der DEA, sich mit Vertretern der Organisierten Kriminalität punktuell zu verbünden, um an Informationen über andere Delinquenten zu kommen, ist in Lateinamerika nicht neu. Ende der achtziger Jahre arbeitete die US-Drogenfahndung in Kolumbien mit den Feinden von Pablo Escobar (Bild, 1983) zusammen.


Die DEA verweigerte gegenüber "El Universal" jede Stellungnahme. Auch gegenüber SPIEGEL ONLINE wollte die Behörde den Bericht nicht kommentieren. Die Geschichte wurde von einigen US-Medien aufgegriffen, unter anderem berichtete "Time" über den Report. Die "Washington Post" nahm die Geschichte mit vorsichtiger Skepsis zur Kenntnis: Nichts davon bedeute zwingend, dass die USA aktiv Partei für ein Drogenkartell nähmen oder seinen Angehörigen Immunität anböten.

"El Universal", eine der ältesten und seriösesten Zeitungen Mexikos, beruft sich in seinem Bericht auf eigene Recherchen von rund einem Jahr Dauer. Die Reporter interviewten dafür mehr als hundert aktive und pensionierte Drogenfahnder in beiden Ländern, Häftlinge und Angehörige von Häftlingen sowie Experten zum Thema. Zudem hatten sie Zugang zu Gerichtsakten und US-Regierungsdokumenten.


Schusswaffen an das Kartell geliefert

Gerüchte, wonach die USA mit dem Sinaloa-Syndikat kooperieren, sind nicht neu. 2009 wurde der US-Waffenbehörde ATF unterstellt, bei der Aktion "Fast and Furious" Schusswaffen an das Kartell unter Führung von Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", geliefert zu haben.

Nun veröffentlicht "El Universal" offizielle Dokumente - die Zusammenarbeit ist belegt. Dabei zitiert die Zeitung Zeugenaussagen aus dem Prozess vor einem US-Bezirksgericht in Chicago gegen Vicente Zambada-Niebla, den Sohn von Ismael, "El Mayo" Zambada, zweiter Mann des Sinaloa-Kartells. Zambada-Niebla wurde 2009 in Mexiko-Stadt festgenommen, nachdem er sich zuvor eine halbe Stunde lang mit einem DEA-Vertreter und einem Abgesandten des US-Justizministeriums getroffen hatte.


Vicente Zambada-Niebla: Der Sohn von Ismael "El Mayo" Zambada, zweiter Mann des Sinaloa-Kartells, wurde 2009 in Mexiko-Stadt festgenommen. Zuvor hatte er sich eine halbe Stunde lang mit einem DEA-Vertreter und einem Abgesandten des US-Justizministeriums getroffen.


Die Zusammenarbeit zwischen mexikanischer Mafia und US-Drogenfahndern fällt in die Zeit der beiden Regierungen der konservativen Partei PAN unter den Präsidenten Vicente Fox (2000 bis 2006) und Felipe Calderón (2006 bis 2012). Vor allem in der Amtszeit von Calderón konnten rund 60 US-Drogenfahnder offenbar ungehindert in Mexiko ermitteln und festnehmen. Ihre Erkenntnisse mussten sie nicht einmal mit der mexikanischen Regierung teilen.

Nach Recherchen von "El Universal" sollen sich Mitarbeiter von DEA und Justizministerium mindestens 50-mal mit Vertretern des Sinaloa-Kartells getroffen haben. In Einzelfällen hätten die Informationen zu direkten Festnahmen von Drogenbossen anderer Kartelle oder der Sicherstellung von Rauschgift geführt. Laut der Zeitung soll die US-Regierung weitgehend über die Kooperation mit dem Organisierten Verbrechen im Nachbarland informiert gewesen sein.


Eine Verletzung internationalen Rechts

Die Strategie der DEA, sich mit Vertretern der organisierten Kriminalität punktuell zu verbünden, um an Informationen über andere Delinquenten zu kommen, ist in Lateinamerika nicht neu. Ende der achtziger Jahre arbeitete die US-Drogenfahndung in Kolumbien mit den Feinden von Pablo Escobar zusammen. So gelang es, den Chef des Medellín-Kartells und damals meistgesuchten Verbrecher der Welt, zur Strecke zu bringen. Zu Escobars Feinden und DEA-Informanten gehörten paramilitärische Todesschwadronen und das rivalisierende Cali-Kartell.


REUTERS
Die Zusammenarbeit zwischen mexikanischer Mafia und US-Drogenfahndern soll
 in die Zeit der beiden Regierungen der konservativen Partei PAN fallen. 
Präsident Vicente Fox war von 2000 bis 2006 im Amt.


Das Vorgehen der US-Behörden stelle eine Verletzung internationalen Rechts dar und führe zu einer Erhöhung der Gewalt und zu Menschrechtsverletzungen, kritisiert der Drogen- und Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia. Die Regierung in Washington wende eine ähnliche Strategie seit zehn Jahren auch in Afghanistan an, wird der Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko zitiert.

Denkbar ist auch, dass hinter der Strategie der US-Regierung der Versuch steckt, das größte Kartell Mexikos zu stärken, um den Drogenkrieg so schneller beenden zu können. Dem Gemetzel zwischen Mafia-Mitgliedern und Sicherheitskräften sowie den Kartellen untereinander sind in den vergangenen zwölf Jahren mehr als hunderttausend Menschen zum Opfer gefallen.


26 Millionen Dollar: Diese Summe beschlagnahmten mexikanische Ermittler 2008 bei Mitgliedern des Sinaloa-Kartells.


Nach Einschätzung der DEA ist das Sinaloa-Kartell eine der mächtigsten Verbrecherorganisationen Lateinamerikas. Es handelt mit Marihuana, Kokain, synthetischen Drogen und ist auch in Menschenhandel, Raub von Rohstoffen sowie die Piraterie verstrickt. Die Organisation ist in gut der Hälfte der 32 mexikanischen Bundesstaaten vertreten. Verbindungen hat sie Experten zufolge in rund 40 Länder, nachweisen konnte Interpol Zellen in Argentinien und Australien. Jüngst hieß es, die Organisation habe sich bis auf die Philippinen vorgewagt.


Bewaffnete Patrouille: Mexikanische Polizisten haben sich für den Kampf gegen Drogenkartelle gerüstet.


Ihre Vormachtstellung wurde unter der Regierung von Felipe Calderón nochmals gefestigt. Nur ein Prozent der Schläge gegen mexikanische Mafia-Organisationen zwischen 2006 und 2012 trafen das Sinaloa-Kartell. Dies nährte den Verdacht, auch die mexikanische Regierung stützte die Organisation von "Chapo" Guzmán, der kürzlich verhaftet wurde.