Donnerstag, 6. November 2014

Apotheken im Visier der Mafia

Bisher waren gefälschte Medikamente die Domäne dubioser Online-Anbieter, nun tauchen gestreckte und manipulierte Präparate zunehmend in der Apotheke auf. Für die Kriminellen sind die Gewinne höher als im Drogenhandel.




Nahezu jeden Monat werden neue Fälle bekannt, in denen Verdünntes und Verfälschtes in den Verkauf kommt – unter dem Siegel des Arzneikelches mit der Schlange, das für die Apotheken hierzulande steht. Die meisten Fälschungen dürften überhaupt niemandem auffallen. Viele Patienten und Ärzte kommen gar nicht auf die Idee, dass die Verschlechterung des Gesundheitszustandes von gefälschten Medikamenten herrühren könnte, die sie am Ort ihres Vertrauens, in der Apotheke, erstanden haben.

„Dass gefälschte Medikamente vermehrt in Apotheken gelangen, ist der pharmazeutische Super-GAU“, sagt der Essener Zollermittler Jürgen R., „das ist Körperverletzung mit Todesgefahr.“



Deutschlands Behörden sind alarmiert. Auf „noch unter ein Prozent“ schätzt Walter Schwerdtfeger, bis Ende Juli Deutschlands oberster Arzneiprüfer beim Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), den Anteil gefälschter Präparate in deutschen Apotheken und Kliniken. Im Klartext: Nahezu jedes 100. Medikament von hier könnte manipuliert sein. Und die Liste der bisher erkannten Fälle wird immer länger:

  • Im August und September 2013 tauchten Fälschungen des Pfizer-Krebsmittels Sutent in deutschen Apotheken auf. Das Präparat enthielt keinen Wirkstoff; es war ursprünglich für den rumänischen Markt produziert und vom Importeur CC Pharma aus der Eifel auf den Markt gebracht worden. Einem Patienten war aufgefallen, dass Kapseln und Pulver eine andere Farbe hatten als sonst.

  • Im April 2014 wurde offenbar, dass Unbekannte Zehntausende Medikamente aus italienischen Kliniken gestohlen haben. Über dubiose Zwischenhändler in Osteuropa gelangten die Arzneimittel teilweise manipuliert überwiegend nach Deutschland. Insgesamt 82 verschiedene Präparate waren betroffen, darunter 2049 Packungen des Brustkrebsmittels Herceptin sowie 1670 Packungen des Darmkrebs-Präparats Avastin, beide von Roche. Auch Rheumapräparate sowie das Lungenmittel Spiriva von Boehringer Ingelheim und die Krebsarznei Erbitux von Merck gehörten dazu.

  • Im Mai 2014 lieferte in Berlin ein Patient, der sich nicht zu erkennen gab, eine Fälschung des Wachstumshormons Norditropin des dänischen Herstellers Novo Nordisk in einer Apotheke ab.

  • Im Juni 2014 warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor Fälschungen des Krebsmittels Sutent des US-Pharmakonzerns Pfizer.

  • Im Oktober 2014 schließlich schlug das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Kontrolle der Impfstoffe und Biopräparate zuständig ist, wegen möglicher Manipulationen einer Charge des Darmkrebsmittels Avastin „rumänischen Ursprungs“ Alarm. Hersteller von Avastin ist Roche. Die Fläschchen hatte ein deutscher Importeur von einem rumänischen Großhändler bezogen. Auffällig war unter anderem, dass die Packungen fester verklebt waren als üblich.


Die Zahl von Fälschungen nimmt zu

Die zunehmende Zahl von Fälschungen – in Apotheken und ebenso bei dubiosen Versandhändlern im Internet – hat inzwischen auch die Politik wachgerüttelt.
Bei der Justizministerkonferenz der Länder am 6. November will die Hamburger Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD) eine Bundesratsinitiative gegen Produktpiraterie vorstellen, bei der gefälschte Arzneimittel im Mittelpunkt stehen. „Wir müssen die abschreckende Wirkung des Strafrechts erhöhen und die Ermittlungsmöglichkeiten der Staatsanwaltschaften verbessern“, fordert Schiedek. So sollen Fahnder auch bei Arzneimittelfälschern die Möglichkeit bekommen, Telefone anzuzapfen.


Arzneihersteller in Aufruhr

Die gefälschten Arzneien in Apotheken haben die Hersteller in helle Aufregung versetzt. Global ist keine der Branchengrößen vor den Fakes gefeit. „An einer gefälschten Handtasche ist noch niemand gestorben, an gefälschten Medikamenten jedoch schon“, wettert Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck. Produkte des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns wurden ebenso gefälscht wie Mittel von Bayer, Boehringer Ingelheim oder Pfizer.

Spricht sich herum, dass Patienten oder Ärzte bei einem Präparat nicht sicher sein können, dass es echt ist, drohen den Unternehmen Imageschäden und Umsatzverluste. „Ich habe schon Anrufe von Ärzten und Apothekern bekommen, die nach Bekanntwerden der Fälle lieber auf Präparate anderer Hersteller ausweichen wollten“, sagt der Chef eines großen Pharmaunternehmens.




Zwar gaben die Behörden kürzlich eine teilweise Entwarnung. Nach den Arzneimitteldiebstählen in italienischen Kliniken im Frühjahr seien Medikamente, die nach dem 1. Juli nach Deutschland exportiert wurden, vor Fälschungen sicher, erklärte die italienische Arzneimittelbehörde AIFA kürzlich.


Mafia und osteuropäische Banden

Doch beruhigend klingt das nicht. Für viele Krebsmittel, die an die Krankenhäuser der Apennin-Halbinsel geliefert wurden, empfiehlt die AIFA weiterhin die „Abklärung der Legalität“. Und das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt rät, Ärzte, Apotheker und Patienten sollten weiterhin auf mögliche Manipulationen, etwa an der Verpackung, achten.




Für Fahnder ist klar, dass die Mafia und osteuropäische Banden den Handel mit gefälschten Arzneimitteln für sich entdeckt haben. Denn die Profite, die sich daraus schlagen lassen, sind gigantisch. „Die Gewinnspannen im Handel mit illegalen Arzneimitteln liegen häufig bei mehreren Hundert bis über Tausend Prozent. Sie sind ein lukratives Geschäft, das die Gewinne aus der Rauschgiftkriminalität bei Weitem übertrifft“, sagt Norbert Drude, der Präsident des Zollkriminalamtes in Köln.


Feld für das organisierte Verbrechen

„Medikamente sind leicht, sauber, gut zu transportieren und bringen eine Menge Geld“, sagt Michele Riccardi, Projektmanager bei Transcrime, einem Institut für Kriminalitätsforschung in Mailand. So kostet eine Packung mit 150 Milligramm des Brustkrebsmittels Herceptin von Roche, das in Italien gestohlen wurde und in deutschen Apotheken auftauchte, hierzulande rund 850 Euro.

Die Wirkung des verschobenen Mittels ist beeinträchtigt, weil die Hehler kaum die erforderliche Temperatur beim Transport von minus 20 Grad eingehalten haben dürften.

Dass gefälschte Arzneimittel mit dem Bestimmungsort Apotheke zum Feld für das organisierte Verbrechen geworden sind, schließen Ermittler aus Erkenntnissen über diese und andere unsaubere Importe aus Italien. Die haben eine gewaltige Dimension und liefern tiefe Einblicke in die Methoden der Verbrecher.


"Einschüchterung, Gewalt und politische Einflussnahme"

So wurden nach einer Untersuchung von Transcrime zwischen 2006 und 2013 in jedem zehnten Krankenhaus Italiens Medikamente entwendet – hauptsächlich in Regionen, in denen die Mafia stark ist. Der Großteil der Diebstähle, 51 Fälle, ereignete sich im vergangenen Jahr. Der wirtschaftliche Schaden belief sich auf knapp 19 Millionen Euro. Ermittler befürchten, dass dabei auch Medikamente manipuliert und Wirkstoffe gestreckt wurden.

Hinter den Dieben und Fälschern steht ein weitverzweigtes System. „Die kriminellen Netzwerke“, schreibt Transcrime, besäßen eine „straffe Organisation“, Kontakte zu legalen und illegalen Zwischenhändlern, über Geld, um Klinikangestellte zu bestechen, und ein hohes Potenzial, um „Einschüchterung, Gewalt und politische Einflussnahme durchzusetzen“.


Täuschend echte Lieferpapiere

So listete der italienische Pharmaverband AIFA im August ein Dutzend Scheinfirmen auf, vorwiegend aus Osteuropa, die illegale Medikamente in die Apotheken nach Westeuropa schleusten, vorzugsweise nach Deutschland. Sie tragen Namen wie Carnela Limited auf Zypern, Avimax Health and Trade KFT in Ungarn oder Piramid D.O.O in Slowenien. Die gefälschten Lieferpapiere sähen täuschend echt aus, berichtet ein Insider.

Von diesen Schleuserfirmen gelangen die gefälschten Arzneien oft zu sogenannten Parallelimporteuren, die diese dann unbeabsichtigt an deutsche Apotheken lieferten. Das Geschäft solcher Parallelimporteure beruht darauf, dass sie mit Medikamenten aus Südeuropa handeln, wo diese teilweise deutlich weniger kosten als hier. Die Apotheker in Deutschland sind per Gesetz verpflichtet, Arzneien im Wert von fünf Prozent ihres Einkaufsvolumens von solchen Parallelimporteuren zu beziehen.


Pillen-Banden

In jüngster Zeit fallen diese Unternehmen aber immer häufiger im Zusammenhang mit Medikamenten-Fälschungen auf. Einer der betroffenen Importeure, CC Pharma aus der Eifel, erklärt dazu, verdächtige Arzneien sofort zurückgerufen zu haben. Zudem sei Ware aus Italien unter Quarantäne gestellt worden, sobald Warnhinweise von Behörden vorlagen.

„Natürlich ist der Parallelhandel ein mögliches Einfallstor für Fälschungen“, sagt David Shore, Sicherheitsmanager bei Pfizer. Das sei bei allen bekannten Fälschungen von Pfizer-Medikamenten in der legalen Lieferkette in Großbritannien der Fall gewesen, so der frühere Ermittler von Scotland Yard, der nun für den US-Konzern die Spuren der Pillen-Banden verfolgt.


100.000 gefälschte Viagra-Tabletten

Die Pharmabranche sieht in dem Einfallstor für Fälscher einen willkommenen Anlass, die Vorschrift zu kippen, dass deutsche Apotheker einen Teil ihrer Medikamente im preiswerteren Ausland kaufen müssen. „Diese Importförderklausel schafft mittlerweile einen Absatzmarkt für kriminelle Machenschaften“, ärgert sich Hagen Pfundner, Deutschland-Chef von Roche und Vorstandsvorsitzender des Pharma-Verbandes VFA. Pfundner fordert die Abschaffung der Importvorschrift – bislang ohne Erfolg. Deswegen hat er auch bereits an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geschrieben.


Den Pharmaherstellern bleibt im Grunde nur, selbst etwas zum Kampf gegen die Fälscher beizutragen. Wohl keiner weiß das so gut wie der US-Pharmariese Pfizer aus New York. Dessen Potenzpille Viagra ist das am häufigsten gefälschte Medikament der Welt. Allein 2012 konfiszierten die Ermittlungsbehörden weltweit über vier Millionen unechter Erektionshelfer. Im vergangenen Sommer entdeckten Fahnder in einem Container im Hamburger Hafen 100.000 gefälschte Viagra-Tabletten, versteckt in Polstermöbeln. Den Amerikanern bleibt gar nicht viel anderes übrig, als alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Schaden durch Fälscher zu minimieren.

http://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/gefaelschte-medikamente-einschuechterung-gewalt-und-politische-einflussnahme/10914048-3.html