Donnerstag, 13. November 2014

MAFIA - "Wir wissen, wo du wohnst!"


Wie gefährlich ist es, einen Mafia-Roman zu schreiben? Eine Begegnung mit der Autorin Petra Reski in Palermo




Die Namen Falcone und Borsellino begegnen dem Palermo-Reisenden, noch bevor er überhaupt einen Fuß auf sizilianischen Boden gesetzt hat: auf dem Ticket. Der Flughafen von Palermo ist nach den beiden Untersuchungsrichtern benannt, die 1992 von der Mafia in die Luft gesprengt worden sind. Fährt man vom Flughafen dann in Richtung Stadt, sieht man auf der rechten Seite ein Denkmal, das an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino erinnert. 

Tatsächlich ist ganz Palermo tapeziert mit Anti-Mafia-Symbolik. Omertà, das Gesetz des Schweigens, scheint nicht mehr zu gelten. Geschäfte, die sich der Schutzgelderpressung verweigern, werben durch entsprechende Schilder für sich. Fast hat man den Eindruck, dass an die Stelle der Omertà eine kommunikative Überrepräsentation der Mafia getreten ist. Und automatisch denkt man: Wo die Mafia auf Schritt und Tritt offiziell und im Stadtbild sichtbar verurteilt wird, da muss ihre Macht gebrochen sein und der Staat über sie triumphiert haben.

Dieses Bild des Geschehens hat auch der Besucher im Kopf: Der Höhepunkt des Mafia-Terrors war danach um das Jahr 1992, als die Cosa Nostra eine unfassbare Zahl höchster Repräsentanten des italienischen Staats abgeschlachtet hatte. Damals hatte sie den Bogen überspannt, der Staat schlug endlich zurück. Der "Boss der Bosse", Totò Riina, landete hinter Gittern, die Anti-Mafia-Richter wurden zu Helden und Märtyrern der Nation, und Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, wurde zur Symbolfigur des Anti-Mafia-Kampfes.


Eine Frau kämpft gegen die mafiöse Justiz

Petra Reski verdreht die Augen. Sie kennt diesen Blick auf die Dinge. Deshalb sagt sie mit der nötigen Klarheit: "Die Macht der Mafia ist in den letzten zwanzig Jahren unfassbar gewachsen." Petra Reski ist eine deutsche Journalistin, seit 1991 lebt sie in Venedig. Ihre Liebe zu Italien und ihre unversöhnliche Empörung über ein korruptes Land fallen bei ihr zusammen. Nach dem Abitur, angeregt von Mafia-Filmen, fuhr sie mit einem Freund vom Ruhrgebiet nach Corleone, dem seit Francis Ford Coppolas Der Pate berühmtesten Mafia-Dorf der Welt.

Seither ist die Mafia ihr Thema geblieben. Sie hat viele Sachbücher darüber geschrieben. Jetzt hat sie das Genre gewechselt und ihren ersten Mafia-Roman vorgelegt: Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt. Die Mafia betreibt zwar ein Milliardengeschäft, das sich auch sehr gut in Zahlen ausdrücken lässt, sie hat aber auch, gerade weil sie sich so geschickt an menschliche Schwächen anschmiegt, viel mit Sozialpsychologie zu tun und der Verfasstheit eines Gemeinwesens – davon lässt sich in einem Roman besser erzählen.

Der Roman hat noch einen anderen Vorteil: Als Petra Reski die Aktivitäten der Mafia in Deutschland aufdeckte, wurde sie von ihrem "Hauptverdächtigen", einem Gastronomen, der in Erfurt mehrere italienische Restaurants betrieb, vor Gericht gezogen. Sie verlor den Prozess.  Obwohl es bergeweise Ermittlungsmaterial der italienischen und der deutschen Behörden gegen den Gastronomen gab, durfte sie ihn keinen Mafioso nennen. Im Buch wurden die entsprechenden Stellen geschwärzt, und Reskis Verlag hatte 10.000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Außerdem wurde sie noch im Gerichtssaal auf mafiatypische Art bedroht: „ Wir wissen wo du wohnst“!

"Das deutsche Presserecht", sagt Petra Reski, "ist sehr mafiafreundlich." Ein solches juristisches Nachspiel kann einem mit einem Roman nicht passieren. Der hat dafür einen anderen Nachteil: Wenn man Palermo Connection liest, denkt man die ganze Zeit: Das darf doch nicht wahr sein, so kann die Welt nicht sein, hier übertreibt die Autorin aber!
(„Reski übertreibt nicht!“ Anm. des Autors Mancini)

Wir haben Petra Reski am Ort der Handlung getroffen, in Palermo. Sie ist eine eindrucksvolle Frau, eine Verbindung aus eleganter Weiblichkeit und unerschrockener Wahrheitssuche, aus spielerischer bella figura und Haare auf den Zähnen. Dass eine Frau ihre weiblichen Attribute ablegen müsste, um in einer von Männern dominierten Welt durchsetzungsstark zu erscheinen, das ist deutsches Denken. Damit kann Petra Reski, 1958 in Unna geboren, nichts anfangen. Wenn man ihr zuhört, mit welch glucksendem Vergnügen sie das Spiel der Geschlechter auf Italiens Straßen beobachtet, glaubt man gar, es sei vor allem das vollständig des-erotisierte, technokratische Geschlechterverhältnis in Deutschland, das sie zur Auswanderung getrieben hat.

Auch ihre Protagonistin Serena Vitale ist eine Frau, die sich nicht einschüchtern lässt und die sich zugleich genussvoll die Haare blond färben lässt, um ihre amouröse Durchschlagskraft zu erhöhen. In ihrem Kampf gegen die Mafia muss Serena Vitale feststellen, dass ihr größter Feind in den eigenen Reihen sitzt: in der politischen Klasse und im Justizapparat. Und in den Medien. Sie steht auf verlorenem Posten – und das Schlimme ist: Es gibt niemanden, dem sie wirklich vertrauen kann.

Aber zurück zur Frage der Glaubwürdigkeit: Ist das politische System Italiens tatsächlich so mafiotisch, wie Palermo Connection es darstellt? In dem Roman gibt es eine zentrale Stelle: Gegen den ehemaligen Minister Gambino laufen Ermittlungen wegen Beziehungen zur Cosa Nostra. Serena Vitale lässt Gambino abhören. Auf den Tonbändern stellt sich heraus, dass Gambino mit keinem Geringeren als mit dem Staatspräsidenten telefoniert hat, der ihn seiner Unterstützung versichert. Eigentlich ein Ermittlungstriumph, aber Serena Vitale wird in ihren weiteren Untersuchungen ausgebremst. Ein Gericht entscheidet, die Tonbänder müssten vernichtet werden, weil sie die Immunität des italienischen Staatspräsidenten antasten würden. Bis in die italienische Staatsspitze reicht die Kooperation zwischen Mafia und Politik in diesem Roman. Kann das sein?

Wenn man mit Petra Reski spricht, kann sie für jede Szene ihres Romans drei Belege aus der Wirklichkeit anführen, die nur noch haarsträubender sind. Im Roman heißt der Staatspräsident Fontana, in der Wirklichkeit Giorgio Napolitano. Napolitano galt in Europa lange als die positive Gegenfigur zu Berlusconi, als letzter Stabilitätsanker Italiens, als Verkörperung der Integrität schlechthin. Es ist dieser Napolitano, der 2013 erwirkte, dass Tonbänder gelöscht werden mussten, die ein Gespräch zwischen ihm und dem wegen Zusammenarbeit mit der Mafia unter Anklage stehenden ehemaligen Innenminister Nicola Mancino dokumentierten.

Was auf diesen Tonbändern gesprochen wurde, weiß man nicht. Aber der Verdacht steht im Raum, dass es um die sogenannte Trattativa Stato Mafia ging, die heimliche Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia, der gerade in einem großen Prozess nachgegangen wird. Am Ende könnte der Beweis stehen, dass das Morden der Mafia 1994 nicht etwa deswegen aufhörte, weil der Staat die Mafia geschlagen hatte, sondern weil der Staat mit der Mafia einen Deal eingegangen war: Gesetzesänderungen zur Abschaffung der Hochsicherheitshaft für Mafiosi und die Abschaffung der Kronzeugenregelung, außerdem Hafterleichterungen und im Gegenzug ein Ende des Mafia-Mordens.

"Nachdem die Tonbänder vernichtet worden sind", sagt Petra Reski, "ist nun jeder frei, sich ihren Inhalt auszudenken." Um diese Leerstelle kreist der Roman, um diese Leerstelle kreist aber in Wahrheit die ganze Geschichte des gegenwärtigen Italien. Die Mafia, so deutet Palermo Connection die Lage, ist in den vergangenen zwanzig Jahren weniger sichtbar geworden, das habe aber nur etwas mit ihrer Professionalisierung zu tun. Indem sich die Mafia bis zur Ununterscheidbarkeit mit der Politik verquickt habe, sei ihre theatralische, blutrünstige Seite in den Hintergrund getreten. Petra Reski sagt: "Die Mafia ist so verflochten mit der legalen Gesellschaft, dass man sie nicht wie ein Krebsgeschwür herausschneiden kann."


Italienische Wirklichkeit stellt jeden Roman in den Schatten

Umgekehrt heiße das auch: Die Exkommunikation des Papstes trifft die Mafia ins Mark ins Mark. Natürlich nicht aus spirituellen Gründen: Die Mafia muss Teil der Gesellschaft sein.

Während dieser Text entsteht, ist die Wirklichkeit schon wieder weiter als der Roman: Gerade musste Giorgio Napolitano tatsächlich im Trattativa-Prozess aussagen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber immerhin. Napolitano hatte alles versucht, dies zu verhindern, es ist ihm nicht gelungen. Der Corriere della Sera kommentiert den Vorgang im Übrigen genauso, wie der Leser es aus Palermo Connection kennt: Es sei eine Schande, dass Richter die Würde des höchsten Amts beschädigten – weil im Rahmen dieses Verhörs auch die Mafia-Anwälte von Totò Riina Fragen an den Staatspräsidenten stellen durften.

Aber zurück nach Palermo. Das Gespräch mit Petra Reski führt bei ihrem Besucher zu leichter Demoralisierung: Wenn alles von der Mafia durchsetzt ist, was ist dann überhaupt noch wahr? Grenzt das nicht schon an Verfolgungswahn? Wenn die Beschreibung der Welt schlimmer ist, als wir, die wir uns in dieser Welt eingerichtet haben, es ertragen, dann bezweifeln wir die Beschreibung – weil wir anderenfalls unser Bild von der Welt radikal ändern müssten. Petra Reski kennt diese Reaktion, selbst ihre eigenen Freundinnen sagen manchmal: "Jetzt hör doch auf, es muss doch irgendwann auch mal gut sein!" Auch davon erzählt Palermo Connection: von der Vereinsamung, der sich Serena Vitale aussetzt, weil der Kampf gegen die Mafia sozial isoliert.

Gleichzeitig, und damit sind wir wieder bei unserer ersten Beobachtung, sei die Mafia ein popkulturelles Phänomen geworden: Von der mythischen Überhöhung durch die Filmindustrie habe sie nur profitiert. "Wenn man die Mafia als blutrünstig beschreibt", sagt Reski, "stört sie das nicht. Es erhöht nur ihr Drohpotenzial. Erst wenn man die Verquickung von Mafia und Politik durchleuchtet, hat man als Journalist ein Problem."

Der Roman erzählt auch davon, wie die Mafia einen ehrgeizig-unbedarften Hamburger Reporter zur eigenen Selbstdarstellung benutzt: Dieser bekommt unter allerlei theatralischem Versteckspiel ein Interview mit einem Boss, der dann virtuos auf der Klaviatur der Ehre spielt, kulminierend in dem Satz: "La mafia fa schifo!" – die Mafia ist ekelhaft. Denn die Mafia, das sind immer die anderen, man selber ein unschuldig Verfolgter.

Gibt es irgendwo Rettung? Natürlich, sagt Reski, es gebe immer noch viele tadellose Staatsanwälte. Und außerdem gebe es die Fünf-Sterne-Bewegung, die der Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufen habe: "Das ist die erste echte Opposition in Italien seit zwanzig Jahren. Mir sind sogenannte Naivlinge lieber als die Zyniker des Machterhalts." Matteo Renzi jedenfalls ist für Petra Reski nur Teil der großen Koalition der Mafia-Zusammenarbeit.

http://www.zeit.de/2014/46/petra-reski-mafia-roman-palermo-connection