Mittwoch, 5. November 2014

Pakt mit der Cosa Nostra?


Von Kirstin Hausen

Zum ersten Mal steht das Bündnis zwischen Mafia und Staat vor Gericht. Der Prozess in Palermo, der die Attentate auf die Richter Falcone und Borsellino aufklären soll, läuft seit anderthalb Jahren. Die spannende Frage: Wieviel Aufarbeitung erlaubt die heutige Regierung in Rom?




27. Mai 2013 – das Gericht in Palermo eröffnet den Prozess über einen Pakt zwischen der sizilianischen Mafia und dem italienischen Staat, der angeblich vor 22 Jahren geschlossen wurde. Angeklagt sind die Mafiabosse Totò Riina und Leoluca Bagarella, aber auch zwei Politiker. Nicola Mancini, der von 1992 bis 1994 Innenminister war. Und Berlusconis ehemaliger Vertrauter und Gründer von Forza Italia Marcello dell'Ultri, der bereits schon einmal rechtskräftig wegen seiner Kontakte zur Mafia verurteilt wurde.

Die Staatsanwälte werfen der damaligen Regierung in Rom vor, in den Jahren 1992 und 1993 mit der Cosa Nostra  verhandelt zu haben.  

Hafterleichterungen für 300 Mafiosi waren wohl der Preis für das Ende einer bespiellosen Mordserie. Die Cosa Nostra hatte 10 Politiker, Polizisten, Richter und Staatsanwälte umgebracht. Chefankläger Nino di Matteo: "Die Suche nach der Wahrheit ist sehr mühsam, weil die Institutionen einen Mantel des Schweigens über die Geschehnisse von damals gelegt haben."


Pakt der Mafia mit den Behörden?

Heute, anderthalb Jahre nach dem Auftakt, ist der Prozess Thema der wichtigsten politischen Talkshows. Mafia-Kronzeuge Massimo Ciancimino, vom Gericht als glaubwürdig eingestuft, berichtet inzwischen sogar im Fernsehen von seinen Kontakten mit Geheimdienstlern, die Nachrichten an die Bosse weitergaben: "Die Verhandlungen gehen auf meine Initiative zurück. Ich bin ein direkter Zeuge des Geschehens."


Massimo Ciancimino


Von diesen geheimen Verhandlungen habe, so die Vermutung der Anklage, der Richter und Staatsanwalt Paolo Borsellino 1992 erfahren. Sein Bruder Salvatore ist Nebenkläger im Prozess und überzeugt, dass Borsellino sterben musste, weil er dem Pakt mit der Mafia im Wege stand. Als er durch eine Autobombe ermordet wurde, hatte er eine Aktentasche voller Dokumente bei sich. Die Tasche wurde von einem Geheimdienstmitarbeiter vom Tatort entfernt.

Ilaria Ramoni, Anwältin des Anti-Mafia-Netzwerkes Libera, fordert ihre Herausgabe durch die Behörde: "Wir wollen wissen, was sich in dieser Aktentasche befand, welche Geheimnisse Borsellino kannte. Wenn die Wahrheit selbst heute, 22 Jahre später, nicht ans Licht kommen darf und Politiker, die heute noch im Amt sind, Nachforschungen der Staatsanwaltschaft nicht unterstützen, dann kann es sich nur um Geheimnisse handeln, die die Stabilität unseres Landes gefährden würden."


Historischer Gerichtsprozess

Mit den Politikern, die heute noch im Amt sind, meint Ilaria Ramoni auch Staatspräsident Giorgio Napolitano. Er war damals Präsident der Abgeordnetenkammer. Als prominentester Zeuge wurde Napolitano am 28.Oktober von den Staatsanwälten vernommen. Von einem Pakt mit der Mafia will er nichts gewusst haben, dennoch habe die Angst vor der Mafia das Handeln der Politiker beeinflusst. Staatsanwalt Nino de Matteo ist mit dieser Aussage zufrieden: "Sie hilft uns, das politische Klima jener Zeit zu rekonstruieren und zu verstehen, welche Interpretation hohe Vertreter des Staates den Attentaten gaben."


Den Mafiaprozess in Palermo kann man schon vor seinem Ende als historisch bezeichnen. Zum ersten Mal stehen Politiker, Carabinieri und Mafiosi gemeinsam vor Gericht. Auch wenn die ganze Wahrheit nicht aufgedeckt werden kann, so ist doch mittlerweile ganz Italien vom Pakt überzeugt. Denn die Politikermorde 1992 hörten genau dann auf, als 300 Mafiosi aus der Einzelhaft entlassen wurden. 
.