Samstag, 12. April 2014

Mafia-Spuren führen nach Erfurt

Der italienische Mafia-Clan Ndrangheta soll auch Verbindungen zu einem italienischen Restaurant in Thüringen gehabt haben - auf Nachfrage hielten sich die Ermittler bedeckt. 


Festnahme in San Luca.
Das kalabresische Bergdorf San Luca und Erfurt haben kaum Gemeinsamkeiten. Doch es soll Verbindungen geben, die auf den italienischen Mafia-Clan Ndrangheta hindeuten. Diesem Verdacht folgten italienische Ermittler auch, als sie am 15. August 2007 ein Telefongespräch zwischen einem damaligen italienischen Restaurant in Erfurt mit einem Anschluss in San Luca belauschen.


San Luca / Kalabrien


Der Vorgang hätte die Ermittler nicht so elektrisiert, wäre nicht über einen wenige Stunden zuvor begangenen Mord in Duisburg gesprochen worden. Denn in der dortigen Pizzeria "Da Bruno" hatten Unbekannte sechs Menschen erschossen. Die Ermittler gingen nach den Morden davon aus, dass es sich um eine Vendetta, eine Blutfehde zweier aus San Luca stammender Familienstränge der Ndrangheta, handeln könnte. Fünf der sechs Opfer stammten aus dem Bergdorf.





Per Telefon erging die Order, mit niemandem über das Geschehen von Duisburg zu reden. Fein säuberlich vermerkten die Lauschexperten in dem unserer Redaktion vorliegenden Protokoll die Namen der Gesprächsteilnehmer und das Lokal. In einem Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) über das Wirken der Ndrangheta in Deutschland aus dem Jahr 2000 finden sich mehrere Hinweise darauf, dass auch Personen in Erfurt damals die Opfer aus Duisburg kannten, teils mit ihnen sogar verwandt waren.


Mit diesem Bild wird im Internet noch immer für die Pizzeria von Giovanni Strangio in Kaarst geworben. „Toni’s Pizza“ ist jetzt allerdings geschlossen, die Pizzabäcker sind ausgeflogen.


Thüringer Ermittler hielten sich immer bedeckt, ging es um mögliche Aktivitäten italienischer Mafia-Organisationen im Freistaat. Einzig "familiäre Bande" zwischen den Opfern in Duisburg und in Erfurt lebenden Italienern wurden eingeräumt, um zugleich noch einmal darauf zu verweisen, dass es keine Erkenntnisse über Aktivitäten der Ndrangheta in Thüringen gebe. Später bestätigte das Innenministerium auf Anfrage eines CDU-Abgeordneten dann doch, dass von Duisburg aus ein mittelhohes Mitglied der Ndrangheta nach Erfurt gegangen sei. Dass nach den Morden von Duisburg auch eine Informationssammelstelle zur italienischen Mafia beim Landeskriminalamt (LKA) in Erfurt eingerichtet wurde, darüber sprachen die Fahnder nicht.


Pizzeria Roma / Erfurt


Einzig der Verfassungsschutz wurde deutlicher: Eine der "großen italienischen Mafiastrukturen, die kalabresische Ndrangheta", weise Bezüge nach Thüringen auf, heißt es im Jahresbericht 2007. Die Ndrangheta scheine die Bundesrepublik vorrangig als Rückzugsgebiet zu nutzen, so die Einschätzung. 2008 beschäftigte sich das ZDF in einer Dokumentation mit den Morden vom "Da Bruno" und kam ebenfalls recht schnell auf Bezüge zu Erfurt. Zugleich entdeckten die Reporter damals in San Luca Fahrzeuge mit Erfurter aber auch Leipziger Kennzeichen.

Noch deutlicher wurde ein Jahr später der Buchautor Jürgen Roth. Gegenüber unserer Zeitung sprach er damals davon, dass Erfurt "für die kalabresische Mafia und besonders für die Clans aus San Luca als einer der wichtigsten Stützpunkte" gelte: nicht für Mord und Totschlag oder Schießereien. Die Mafia wolle "gesellschaftlich anerkannt werden, und dies ist in Erfurt in jeder Hinsicht geschehen", so seine Einschätzung.


Autor Jürgen Roth


Roth zeigte sich verwundert, "wie lang die Liste der Besitztümer entweder von Strohleuten oder von den jeweiligen Mafiafamilien in Erfurt" ist. Dabei werde verdrängt, dass "diese Clans in Kalabrien für Morde, Erpressung, Drogen- und Waffenhandel verantwortlich" sind.

Der Autor erfuhr für seine kritische Berichterstattung auch Gegenwind. In seinem Buch "Mafialand Deutschland" musste er eine Passage schwärzen, in der von einem italienischen Gastronomen die Rede ist. Auch die in Venedig lebende Autorin Petra Reski ereilte dieses Schicksal. Als sie 2008 in Erfurt aus ihrem Buch über die italienische Mafia lesen wollte, wurde ihr kurz vor Beginn der Veranstaltung eine einstweilige Verfügung überbracht, die verbot, bestimmte Textstellen zu verbreiten.


Autorin Petra Reski


Zudem fühlte sie sich von einem ihr unbekannten Italiener im Publikum "bedroht" und wurde mehrfach  beschimpft. Der Vorfall sei zum Symbol geworden, "mit welcher Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit sich die Mafia in Deutschland bewegt". Auch Claudio M. Mancini – Mafia-Autor und Publizist wurde während einer Lesung von zwei Sizilianerinnen wüst beschimpft. „Damit muss man rechnen, wenn man sich mit diesem Thema literarisch auseinandersetzt“, sagte er.


Autor Claudio M. Mancini


Trotz solcher Veröffentlichungen gibt es kaum greifbare Erkenntnisse über das Wirken italienischer Mafia-Clans in Thüringen. Dabei schlitterten Beamte aus Nordrhein-Westfalen und dem Freistaat bereits 1996 nur knapp an einer Schießerei in einem italienischen Restaurant in Erfurt vorbei. Der damalige Thüringer Innenminister Richard Dewes (SPD) hatte sich mit Regierungschef Bernhard Vogel (CDU) dorthin zurückgezogen. Plötzlich stürmten Spezialeinsatzkräfte aus Düsseldorf das Restaurant und sahen sich den Personenschützern der beiden Politiker mit gezogener Waffe gegenüber. Eigentlich sollte ein Pizzabäcker verhaftet werden, da er unter Mordverdacht stand. Doch dieser konnten in dem Trubel entkommen.

Inzwischen ist es im Freistaat wieder ruhiger um mögliche Mafia-Verbindungen geworden. In den Vorjahren beschäftigten Rocker-Banden die Ermittler und seit 2011 überschatten die NSU-Verbrechen das Kriminalitätsgeschehen. Von Mafia spricht keiner mehr im Freistaat.
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