Dienstag, 16. Dezember 2014

Mafia - 20 Mal mehr Gewinn mit Pharmazeutika als mit Drogen

Ob Medikamente gegen Ebola, obwohl es noch keine gibt, Kinderschmerzmittel mit Kühlflüssigkeit oder falsches Viagra, das Penisse absterben lässt: Wer in Afrika Arzneien kauft, geht ein extrem hohes Risiko ein.




Zwischen traditionellen Heilmitteln und Kräutern liegen auf den Auslagen Aspirin, Antibiotika und Medikamente gegen Malaria, Aids und Tuberkulose. Viele dieser Pillen und Kapseln, die in ganz Afrika auf Märkten zu kaufen sind, sind gefälscht. Die Hersteller dieser Giftgranaten sind vorwiegend in Asien und in Italien zu suchen.




In nur zehn Tagen beschlagnahmte die Weltzollorganisation WZO mehr als 110 Millionen möglicherweise gefährliche Medikamente in 14 afrikanischen Ländern. In den Häfen stießen die Zöllner unter anderem auf Arzneipackungen, in denen etwas anderes war, als draufstand, und Mittel, die nicht zugelassen sind. Auch Medikamente gegen Ebola fanden die Beamten, obwohl es noch keine auf dem Markt gibt.

Mindestens die Hälfte aller Medikamente, die in Afrika eingenommen werden, sind entweder illegal gehandelt oder gefälscht und potenziell gefährlich, wie die WZO und das Internationale Forschungsinstitut für gefälschte Medikamente IRACM schätzen.
Schlecht ausgebaute Gesundheitssysteme, hohe Preise für Markenmedikamente, aber auch Korruption und mangelnde Strafverfolgung sind Gründe für die weite Verbreitung gefälschter Arzneimittel in Afrika, erläutert IRACM-Direktor Bernard Leroy.





Schmerzmittel mit Kühlmittel für Automotoren

Leroy berichtet von Kindern im Niger, die einen Schmerzsaft bekamen, in dem sich Glykol befand, das normalerweise zur Kühlung von Automotoren verwendet wird. In falschem Viagra wurde Rattengift gefunden, das blutverdünnend wirkt und somit zur Erektion beitragen kann. Für die blaue Färbung der Pillen wurde Druckertinte benutzt.

"Ich habe auch Viagra gesehen mit vierfacher Dosis, das ein Absterben des Penis hervorrief." Auch Impfstoffe, die in Wirklichkeit Flusswasser waren, oder Medikamente aus Zucker hätten sie gefunden. "Selbst unschädliche, aber nutzlose Medikamente zögern den Augenblick hinaus, in dem der Patient zu einer echten Therapie zum Arzt geht."

In den vergangenen drei Jahren wurden in drei gemeinsamen Aktionen von WZO und IRACM fast 756 Millionen Medikamente beschlagnahmt. Doch der Handel wächst, weil es selten so gezielte Operationen dagegen gibt.


Lächerliche Haftstrafen schrecken nicht ab

Wenn Landesgesetze überhaupt Haftstrafen vorsähen, seien diese lächerlich, betont Leroy, der zuvor als Ermittlungsrichter gegen den Drogenhandel arbeitete. "Der illegale Handel mit Medikamenten bringt 20 Mal mehr Profit als der Handel mit Drogen." Das wichtigste mexikanische Drogenkartell soll sich derzeit umorientieren auf den weniger riskanten Handel mit falschen Medikamenten.




Hergestellt werden die Fälschungen vor allem in China und Indien, aber auch in Nigeria. China ist auch der größte Lieferant von Rohstoffen an Labors in aller Welt. In Indien gibt es Leroy zufolge Labors, die tagsüber legale preiswerte Nachahmerarzneien (Generika) und nachts gefälschte Medikamente produzieren.

Und Westafrika sei dabei, seinen Ruf als Umschlagplatz für Kokain und Terrorismus auf den für falsche Medikamente auszuweiten. Bei der jüngsten Kontrolle im Mai und Juni, fanden die Zöllner die Hälfte der illegal gehandelten und gefälschten Medikamente in Benin, ein Viertel in Tansania und zwölf Prozent im Kongo, wie WZO und IRACM bekannt gaben.




Die neuesten (2013) Zahlen haben sich seit 2008 dramatisch verändert. Inzwischen hat sich das Risiko, von Ärzten oder Apotheken falsche und unerkannte Medikamente zu kaufen, potenziert. Um dagegen anzugehen, bildet das in Paris ansässige IRACM mit der Weltzollorganisation Zöllner aus und berät die Regierungen in Afrika bei der Bekämpfung des illegalen Handels. Es ist geplant, in den Schulen eine Aufklärungsbroschüre zu verteilen und speziell Kurse für Mütter anzubieten.


Rechtschreibfehler auf falschen Schachteln

Es sei entscheidend, den Bildungsgrad vor allem der Frauen zu verbessern, betont Leroy. Wenn Mütter lesen könnten, entdeckten sie die Rechtschreibfehler auf den falschen Schachteln.

Das Institut, das von dem französischen Arzneimittelhersteller Sanofi gegründet wurde, finanziert diese Projekte. Das Geld dafür kommt zum Teil von der Pharmaindustrie, aber auch von der EU und privaten Spendern.




Ein weiterer Fortschritt im Kampf gegen gefährliche gefälschte Medikamente ist nach Einschätzung des Generalsekretärs der Weltzollorganisation, Kunio Mikuryia, eine neue Software. Alle Zollbehörden könnten damit vernetzt werden.

Zudem werde es sie auch bald als Applikation für Smartphones geben, so dass die Zöllner damit die Echtheit des Strichcodes auf den Arzneimittelpackungen prüfen könnten. Doch Leroy weiß: "Das ist erst der Anfang eines langen Kampfes."