Mittwoch, 4. Juni 2014

Die Mafia in Köln

Ein trüber Vormittag Ende Mai im Jahr 2011. In einem Raum der Kölner Justizbehörden sitzen zwei Staatsanwälte und ein Kriminalhauptkommissar einem Häftling und dessen Rechtsanwalt gegenüber. Es geht um die italienische Baumafia. Der Häftling ist ein Insider: Salvatore V.. Er wird zum Kronzeugen und die Ermittlungen der Beamten in eine neue Richtung treiben.


Knast in Köln


Doch noch weiß Salvatore V. nichts davon. Er hat einfach nur Angst. Um sich und um seine Familie. Er fordert Personenschutz. Erst dann will er Informationen liefern. Die Beamten winken ab. Das können sie nicht versprechen. Salvatore V. ist vor den Kopf gestoßen. Er ist sehr aufgeregt, so steht es später im Protokoll. Er überlegt fieberhaft. Wenn er aussagt und seine Leute beim Namen nennt, fällt seine Strafe geringer aus. Aber er weiß, wer das Schweigen der Mafia bricht, wird bestraft. Und Rache kann tödlich sein. Salvatore überlegt mit seinem Anwalt, was er tun soll. Dann erzählt Salvatore von „Mister X“.

Läuft es nicht wie Mister X will, wird er aggressiv. Er droht seinen Partnern, er werde alles kaputt schlagen oder ihnen den Kopf abreißen. Reichen Worte nicht aus, schlägt er zu. Salvatore V. berichtet, wie Mister X und seine Leute einen Komplizen misshandelt haben. Er will allen klar machen, dass er das Sagen hat. In Köln-Kalk ist er an einer Bäckerei beteiligt, am „Centro Italia“ und an der „Jolly Bar“. Treffpunkte für Subunternehmer und Schwarzarbeiter aus der Baubranche. Ein ganzes Netz an Firmen hat Mister X in der Hand. Überwiegend Strohfirmen, über die er kriminelle Geschäfte abwickelt. Doch Mister X tritt nicht selbst als Geschäftsführer auf, er bleibt im Hintergrund. Und lässt andere für sich arbeiten.


10 Prozent für die Mafia

Der Deal läuft leicht: Gabriele S. und Rosario P. heuern für Ihre Firmen Strohmänner an, oft aus Sizilien. Bekannte, Verwandte, Leute mit wenig Geld. Menschen, die für ein paar tausend Euro ihre Zukunft verkaufen. Er holt sie nach Deutschland, lässt sie alle Unterschriften machen, begleitet sie zu den Banken und Notaren, lässt sie nicht aus den Augen. Über die Firmen ihrer Strohleute lassen Gabriele S. und Rosario P. Rechnungen schreiben, die sie an Unternehmer im Baugewerbe verkaufen. Es sind Scheinrechnungen, Dienstleistungen, die nur auf dem Papier erbracht werden. Die Unternehmen überweisen das Geld auf die Konten der Strohleute. Diese müssen das Geld in Begleitung von Gabriele S. und Rosario P. in bar abheben. Ein Teil bleibt bei der Baumafia, die die Rechnungen verkauft. Der Rest wandert zurück an die Unternehmer – in Cash. Davon können Schwarzarbeiter bezahlt werden oder Auftraggeber bestochen werden.

In den Büchern der Unternehmer sieht dank der Scheinrechnungen alles immer blendend aus. Kein Finanzbeamter kann hier bei einer Buchprüfung etwas Seltsames entdecken. Insgesamt verwandeln Gabriele S. und Rosario P. mit diesem System Millionen von Euro in Schwarzgeld, das den illegalen Baumarkt in NRW finanziert. Gabriele S. und Rosario P. behalten von den Umsätzen etwa 10 Prozent. Davon bezahlen sie Notare, Strohleute und ihre dicken Autos.

Meist fliegen nach wenigen Monaten die Strohmannfirmen auf, wegen der hohen Geldbewegungen oder der häufigen Barauszahlungen. Dann wird oft noch ein letztes Geschäft durchgezogen. Auf den Namen des Strohmannes werden dicke Wagen, wie BMW X1 oder Lamborghinis gekauft. Diese werden dann als gestohlen gemeldet und illegal weiterverkauft. Dann gibt es eine Pleite und der Strohmann verschwindet nach Sizilien. Manche Strohleute wissen was läuft, andere bestreiten es. Ihre Spur verläuft immer im Sand und das Spiel von Gabriele S. und Rosario P. beginnt von vorn. Mit neuen Namen, die noch nicht verbrannt sind. Das Geschäft der Baumafia läuft über Strohleute, die das Schwarzgeld für die Hinterleute produzieren.


Wer hält die Fäden?

Das LKA schreibt in einem geheimen Bericht, dass die Strukturen der Baumafia in NRW “regelmäßig über Bezüge zur Cosa Nostra verfügen.” Die Gruppen seien hierarchisch gegliedert und mit der Mafia verflochten. Das Familienprinzip sei genauso erkennbar, wie das Territorialprinzip, nach dem sich die Tätergruppen die Räume für ihre Straftaten untereinander aufteilen. In einem Verfahren glauben die Ermittler einem der Hintermänner bei Telefonüberwachungen auf die Spur gekommen zu sein. Sie schreiben von einer Person in „Palma die Montechiaro“, die als Respektsperson und Gesprächsleiter bezeichnet wird.

In Köln tappen die Ermittler im Dunklen, sobald es um die oberen Strukturen der Mafia geht. Wer die Geschäfte von Gabriele S. und Rosario P. strukturiert und in wessen Namen sie unterwegs sind bleibt für die Behörden ungeklärt. Die Ermittlungen brechen ab, wenn sie weiter nach oben führen. Dabei sind die Schäden enorm. Ermittler schätzen, dass der Staat durch die kriminellen Gruppen jährlich um 1,5 Milliarden Steuern betrogen wird. Dazu kommen rund 2 Milliarden Euro, um die die Sozialkassen geprellt werden. Die Gewerkschaft Verdi schätzt sogar, dass Schäden von 10 Milliarden Euro im Jahr entstehen.

Aber die Auftraggeber und Rechnungskäufer, die Leute also, die die Millionen in bar ausgezahlt bekommen, wenn Gabriele S. und Rosario P. ihren Anteil bezogen haben, bleiben meist unbehelligt. In Dortmund musste der Geschäftsführer der Rechnungskäuferfirma Peter Rundholz zwei Fragebögen ausfüllen, die ihm die Polizei Köln schickte. Mehr wurde erstmal nicht gemacht. Rundholz betont, das Unternehmen sei sauber.

Doch wer hat Gabriele S. oder Rosario P. bei den Firmen ins Spiel gebracht? Wer sorgt dafür, dass die Bauwirtschaft in NRW einen ununterbrochenen Nachschub an Strohleuten und Schwarzarbeitern hat? Und wer ersetzt Gabriele S. und Rosario P., wenn die in den Knast gehen?

Es gibt einen möglichen Hinweis. Bei einer Razzia im Lokal von Gabriele S., in der „Jolly Bar“ in Köln Kalk, wurde der junge Italiener Angelo B. angetroffen. Der Mann war gerade erst aus Italien angekommen. Gabriele S. musste ihm einen Schlafplatz besorgen. Nach der Razzia wird Angelo B. laufen gelassen. Wie aus Reihen der Polizei zu hören ist, wurde Angelo B. später am Nachmittag noch einmal von einer Polizeistreife aufgegriffen. Diesmal in einem Auto, das auf den Namen von Angelo O. zugelassen war.

Angelo O. ist nicht irgendwer. Er ist ein großer Boss der Cosa Nostra aus Licata. Der Stadt, aus der auch Gabriele S. stammt und in der er eine Bar hatte, die als Drogenumschlagsplatz diente. Die Bar von Gabriele S. dürfte auch dem Mafia-Boss von Licata bekannt gewesen sein.





Angelo O. hat viele Bezüge nach Köln. Er lebte dort eine Zeit lang. Im April 1997 wurde er genau dort nach einer Schießerei verhaftet. Es gab Streit um Geld aus einem Drogendeal. Danach verschwand Angelo O. nach Italien und wurde einer der großen Bosse in der Region um Licata. Ihm werden Verbindungen zum Drogenhandel der `Ndrangetha nachgesagt. Ermittler halten Angelo O. für einen der Paten im Hintergrund. Die mögliche Verbindung zur Baumafia wäre spektakulär. Es wäre der Beweis, dass die Cosa Nostra auf höchster Ebene in NRW die kriminelle Schattenwirtschaft mitbestimmt – allerdings ist diese Spur noch nicht belegt.


Morddrohung gegen Zeugen

Der Kronzeuge im Fall der Kölner Baumafia, Salvatore V., kennt das System von Gabriele S. und Rosario P. genau. Er war wahrscheinlich derjenige, der es Gabriele S. beigebracht hat. Salvatore war in den 90er Jahren vermutlich selbst in der Baubranche tätig, er ist da Mitte Zwanzig. Salvatore soll in der zweiten Bauphase des Mediaparks in Köln mit einer seiner Scheinfirmen beteiligt gewesen sein.

Im Jahr 2003 haben Salvatore V. und Gabriele S. eine gemeinsame Strohfirma. Das Geld habe angeblich Gabriele S. eingesteckt, beklagt sich Salvatore V. später vor den Ermittlern, für ihn selbst seien nur „Peanuts“ übrig geblieben. Die Männer zerstreiten sich. Nachdem er von dem Bruch mit Gabriele S. erzählt hat, bricht der Kronzeuge Salvatore V. in Tränen aus, mitten in der Vernehmung.

Einige Monate später erfährt Gabriele S. von den Aussagen seines einstigen Partners. Er flippt aus. Zeugen berichten von einem Gespräch zwischen Gabriele S. und dessen Bruder Vincenzo S.. Der Kronzeuge müsse zum Schweigen gebracht werden, heißt es. Zumindest steht es so in den Ermittlungsunterlagen. Die Polizei nimmt den Vorwurf ernst und ermittelt. Allerdings ohne erkennbare Ergebnisse.


Weiße Pasta und Mafia

Die Ermittler sind Gabriele S. auf der Spur. Sie wissen wo er wohnt, mit wem er sich trifft, mit wem er telefoniert. Gabriele S. ist in der Grundschule in Italien dreimal sitzen geblieben. Ab dem zehnten Lebensjahr arbeitet er als Schafhirte. Im Jahr 1990 kommt er nach Köln und arbeitet zunächst in Pizzerien. Dann entdeckt er das Baugewerbe und jobbt als Eisenflechter. Zehn Jahre nachdem er nach Deutschland gekommen ist, macht er sich selbstständig und übernimmt die Bäckerei „Centro Italia“ in Köln.




Aber es ist mehr als eine Bäckerei. In dem sizilianischen Treffpunkt werden illegale Geschäfte gemacht. Auch mit Drogen, hauptsächlich mit Kokain. Die Kunden melden sich per Telefon. Gabriele S. verkauft ihnen „weißer Pasta ohne Soße“, damit die Kunde auch wirklich verstehen, was gemeint ist. Ein anderes Synonym sind Autos. Wenn jemand fragt, wie viel er umsetzt, dann erzählt Gabriele, dass er ein bis zwei Autos die Woche verkauft. Aber nur weiße Autos. Die Ermittler folgern daraus, dass Gabriele S. pro Woche 100 bis 200 Gramm Kokain verkauft.

Er konsumiert auch selber Kokain. „So viel, wie ansonsten ganz Köln.“ Das meint zumindest Calogero D. in einer Vernehmung, ein ehemaliger Komplize von Gabriele. S. Gabriele S. sei wegen seines hohen Drogenkonsums immer schwieriger geworden, meint Calogero D. Gabriele S. entgleiten die Geschäfte. Calogero D. steigt ein, denn er kann Probleme lösen. Er beschützt andere, so stellt Calogero D. sich zumindest selbst dar. Er war Leibwächter eines sizilianischen Mafiabosses und saß nach eigener Aussage wegen „Mafia-Sachen“ im Knast. In seinen italienischen Polizeiakten heißt es genauer, „wegen Beteiligung an Mord“. Calogero D. ist nun ein wichtiger Mann in Köln. Er hat Kontakte zum italienischen Politiker Romagnoli, der sich um die Belange italienischer Bürger im Ausland kümmert. Und Calogero D. übernimmt mehr und mehr die Macht im Reich von Gabriele S. und Rosario P..


“Töten oder nur Zusammenschlagen“

In dieser Situation ist es schwer für Gabriele S. die Haltung zu bewahren. Ein Geschäftspartner will nicht wie geplant zahlen. Gabriele S. trommelt ein paar Leute zusammen und fährt nach Hagen. Dort will Gabriele S. den Schuldner „töten oder ordentlich schlagen“. So steht es in den Aufzeichnungen der Telefonüberwachung von Gabriele S. Handy. Der Ausgang der Sache ist laut Polizeiunterlagen unbekannt. Es gab keine Anzeige. Und Gabriele S. hat am Handy nicht drüber gesprochen. Mitte Januar 2012 dreht Gabriele S. dann durch. Der Konzessionär der Jolly Bar, Carmelo C., will nicht mehr mitspielen.




Er will eine eigene Bar aufmachen, mit dem Schwager von Gabriele S.. In seiner Wut wendet er sich per Telefon an seinen Bruder Vincenzo; der ist gerade auf Reisen in Italien. Gabriele S. will eine Waffe. Am Telefon erklärt Vincenzo seinem Bruder wo die „Maschine von Sylvester“ versteckt ist. Sie liegt in Vincenzos Wohnung im Schrank, unter den Hosen.

Gabriele S. findet die Pistole und macht sich auf den Weg zur Jolly Bar. Noch immer ist der Zorn nicht verraucht. In der Bar trifft er wen er gesucht hat: Carmelo C. Er ist das Aushängeschild für Gabriele S., der für seine Geschäfte im Hintergrund bleibt. Aber Carmelo C. scheint es satt zu haben, immer nur der Handlanger zu sein. Die Situation in der Jolly Bar eskaliert. Gabriele S. zieht die Waffe und drückt ab. Es gibt einen Knall.

Was genau passiert, ist unklar. Die Polizei findet später bei einer Hausdurchsuchung ein Loch. Verursacht durch einen Schuss. In einer SMS schreibt ein Partner von Gabriele S., dass die Patrone an einem Behälter aus Stahl abgeprallt sei. Vielleicht war Gabriele S. auf Koks und hat einfach daneben geschossen. Carmelo C. hat jedenfalls Glück gehabt. Er lebt. Und entscheidet sich, das mit der Bar besser bleiben zu lassen.


Das Ende einer Ära?

Doch die Tage von Gabriele S. und Rosario P. sind gezählt. In einer groß angelegten Razzia werden sie am 17. Januar 2013 festgenommen. Zeitgleich finden in Deutschland und Sizilien etliche Hausdurchsuchungen statt. Insgesamt werden 17 Personen inhaftiert. Und dutzende Vermögenswerte sichergestellt – unter anderem die Villa von Gabriele S auf Sizilien in der Stadt Licata.. Eine ausladende Anlage mit Marmoreinfahrt und Steinlöwen auf dem Dach. Die italienischen Carabinieri berichten, dass Gabriele S. hier seine Drogenpartys gefeiert habe, wenn er in der Stadt war.

Während der Razzia klingelt immer wieder das Handy von Rosario P.. Die Firma Rundholz aus Dortmund ist dran. Sie sucht ihren Rechnungsverkäufer. Der antwortet allerdings nicht. Er sitzt in Haft.


In wenigen Tagen wird das Kölner Landgericht sein Urteil sprechen. Gabriele S. und Rosario P. müssen mit einigen Jahren Haft rechnen. Viele ihrer Mittäter sind wieder auf freiem Fuß. Vor der Jolly Bar in Köln Kalk parkt ein dunkelgrauer Audi A5 aus Solingen. Der Fahrer trägt eine dunkle Sonnenbrille. In der Bar läuft auf einem Fernseher ein Fußballspiel. Dann öffnet sich die Tür der Bar und ein bulliger Sizilianer tritt heraus. Die braunen Haare reichen ihm bis zum Kinn. Er trägt eine verwaschene Jeans und einen dunklen Pulli. Es ist Vincenzo S., der Bruder und Geschäftspartner von Gabriele S.. Die Geschäfte der Baumafia laufen weiter.
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