Mittwoch, 25. Juni 2014

Honorarkonsul unter Mordverdacht

Aus Nizza berichtet Annika Joeres

Nach den Schüssen auf die Milliardärin Hélène Pastor spekulierte man in Monaco über einen Auftragsmord der Mafia. Nun sorgen die Ermittler für einen Paukenschlag: Ihr Schwiegersohn, polnischer Honorarkonsul im Fürstenstaat, gilt als dringend verdächtig.


"Wir haben fragwürdige Geldflüsse von seinem Konto zu Mittelsmännern gefunden", sagte Oberstaatsanwalt Brice Robin (rechts) am Dienstagnachmittag in Marseille über den Schwiegersohn von Hélène Pastor.


Der Ministaat Monaco wird von Ermittlungen der Polizei erschüttert: Die Spur des Mörders der prominenten Bürgerin Hélène Pastor führt offenbar direkt zu den nächsten Angehörigen der monegassischen Multimilliardärin. Ihr Schwiegersohn Wojciech Janowski wird von den Ermittlern verdächtigt, als Drahtzieher hinter den Schüssen auf die 77-jährige Frau zu stecken. "Wir haben fragwürdige Geldflüsse von seinem Konto zu Mittelsmännern gefunden", sagte Oberstaatsanwalt Brice Robin am Dienstagnachmittag in Marseille. Diese Mittelsmänner stünden in direkter Verbindung mit zwei Männern, die des Mordes an Pastor verdächtigt werden.


Wojciech Janowski

Insgesamt 23 Personen seien am Montagabend in Nizza, Marseille und Rennes festgenommen worden. Neben Janowski ist auch seine Frau, Pastors Tochter Sylvia darunter. Letztere aber nur, um die "Ermittlungen nicht zu gefährden" - sie gilt also offenbar nicht als Anstifterin. Die Tochter soll nach unbestätigten Angaben jährlich sechs Millionen Euro von ihrer Mutter erhalten haben. Ihr Mann sei hingegen "dringend tatverdächtig".


Blick auf Monaco: Manchen Schätzungen zufolge gehört den Pastors jede vierte Wohnung in dem Fürstentum.


Mit dieser Feststellung sorgte die Staatsanwaltschaft im rund 200 Kilometer westlich gelegenen Fürstenstaat für einiges Entsetzen. Janowski, polnischer Honorarkonsul im Fürstenstaat, ist ein einflussreicher monegassischer Bürger, der häufig an der Seite des Prinzen zu sehen war. Albert von Monaco hatte sich zuletzt ein Image als Umweltschützer verpasst, Janowskis Betrieb Firmus organisierte in seinem Namen Konferenzen zur Zukunft des Wassers und war in der polnischen und monegassischen Industrie- und Handelskammer aktiv. Die Internetseite seiner Firma ging gestern offline, auch am Telefon war niemand zu sprechen.


"Es war eine hervorragende Arbeit"

Janowski leitete vor einigen Jahren Hotels und Casinos der "Société des bains de mer", der größten, mehrheitlich staatlichen Firma im Fürstenstaat und wurde vom französischen Präsidenten mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr feierte der Mittsechziger einen rauschenden Ball für seinen Autisten gewidmeten Wohltätigkeitsverein, unter anderen mit Polens ehemaligem Präsidenten Lech Walesa. Ehrenvorsitzende des Vereins war niemand geringeres als Charlène, Prinzessin und Ehefrau von Fürst Albert. Sollten sich die Vermutungen der Ermittler bewahrheiten, so hat Janowski einen ganzen Schwarm von Kleinkriminellen beschäftigt, die den Mord an seiner Schwiegermutter verübten. Zu einem möglichen Motiv wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern.


Trauerband an einem Schild des Immobilienunternehmens Pastor: Angeblich hatte es in Monaco seit Jahren keinen Mord gegeben.


Die Polizei hat in Kleinarbeit ein Netz von mutmaßlichen Tätern und Auftraggebern sondiert. "Es war eine hervorragende Arbeit", sagte der Staatsanwalt sichtlich stolz. Es ist recht ungewöhnlich, dass die Beamten schon drei Tage vor Ablauf der Untersuchungshaft eine Pressekonferenz abhalten - aber offenbar motivierte der Erfolg ihrer Ermittlungen und die "gesellschaftlich besonders sensiblen Protagonisten" die frühe Veranstaltung.


Kontobewegungen führten zu Janowski

Die beiden verdächtigen Männer hatten nach Angaben der Ermittler am 6. Mai den Zug von Marseille nach Nizza genommen und sich dort in der Nähe des Bahnhofs ein Hotelzimmer gemietet. Den Weg konnten die Ermittler mit Aufnahmen aus Überwachungskameras nachverfolgen. Anschließend fuhren die Männer in getrennten Taxis zum Krankenhaus, in dem Hélène Pastor gerade ihren Sohn Gildo besuchte.

Als sie die Klinik verließ und im Wagen Platz nahm, feuerte einer der beiden Männer erst auf sie, dann auf ihren Chauffeur zahlreiche Schüsse ab. Anschließend flohen beide Täter und fuhren mit dem Bus zum Hotel zurück. Am späten Abend nahmen sie ein Taxi nach Marseille.


Pressekonferenz im Krankenhaus von Nizza: Die 77-Jährige war an der Brust, am Nacken und am Kiefer verletzt worden. Ihr Fahrer starb vier Tage nach den Schüssen.


Die Ermittler werteten Fingerabdrücke aus dem Hotelzimmer aus: Spuren auf einer Duschgel-Flasche stimmten mit den Abdrücken eines wegen schweren Diebstahls vorbestraften Täters überein. Sie überwachten seine Telefonverbindungen und gelangten so zu den Mittelsmännern, deren Kontobewegungen offenbar zu Janowski führten. In der Wohnung eines Täters wurden unter anderem auch 10.000 Euro Bargeld in kleinen Scheinen gefunden.

Der Familie Pastor gehört rund ein Drittel aller monegassischen Immobilien, ihr Vermögen wird auf bis zu zwanzig Milliarden Euro geschätzt. Hélène Pastor lebte sehr zurückgezogen, zuletzt trat sie bei Wohltätigkeitsbällen gemeinsam mit ihrer Tochter auf. Beide Frauen arbeiteten zusammen im Büro des Immobilienimperiums, Sylvia wohnte mit Janowski und ihren zwei Kindern aus erster Ehe in einer der vielen luxuriösen Wohnungen, die Hélène Pastor gehörten.


Monaco zählt zu den teuersten Flecken der Erde. Günstige Steuerbedingungen locken zahlreiche Millionäre in den Stadtstaat.


Bis Freitag wird Pastors Tochter in U-Haft sitzen. Dann will die Staatsanwaltschaft bekannt geben, was die Verhöre erbracht haben. Es sieht sehr danach aus, dass es für die Familie Pastor und den Fürstenstaat keine angenehmen Erkenntnisse sein werden.


http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mord-an-helene-pastor-schwiegersohn-von-milliardaerin-unter-verdacht-a-977201.html